28.02.2011

STRAFJUSTIZ „Schämt sich keiner?“

Viel Überzeugung, kein Beweis: Der Justizskandal im Fall des Bauern Rudolf Rupp endet mit einem drittklassigen Freispruch. Von Gisela Friedrichsen
Ende gut, alles gut? Am 13. Mai 2005 war die Witwe des Bauern Rudolf Rupp samt ihren zwei Töchtern und einem Freund der älteren vom Landgericht Ingolstadt zu Freiheitsstrafen bis zu achteinhalb Jahren verurteilt worden, "zur Überzeugung des Gerichts überführt im Wesentlichen durch die Aussagen der Vernehmungsbeamten". Viel mehr als deren Überzeugung vom vermeintlichen Tatgeschehen gab es nicht.
Vor allem gab es keinen einzigen Beweis dafür, dass Rupp in der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober 2001 von seiner Familie umgebracht, zerstückelt und den Hofhunden zum Fraß vorgeworfen worden war, wie es die Anklage und später das Gericht in seinem Urteil behaupteten. Heute weiß man, warum.
Die Tatversion, die damals zum Verurteilen reichte, wurde nur durch wirre Aussagen der Angehörigen Rupps untermauert, ohne dass die Richter auf das Zustandekommen dieser Geständnisse viele Gedanken verschwendet hätten. War der trinkfreudige Bauer nach einem Wirtshausbesuch überhaupt nach Hause gekommen? Bis heute weiß es nur die Familie sicher. Doch die Ingolstädter Richter schrieben auf Seite 55 ihres Urteils, und ihre Diktion verrät, dass sie die Zähne dabei zusammengebissen haben: "Die Kammer ist zu der Überzeugung gekommen, dass es keine Alternative gibt, die ein Verschwinden des Rudolf Rupp erklären und somit das Heimkommen des Rudolf Rupp widerlegen würde."
Nicht nur die Staatsanwaltschaft hält bis heute an dieser Überzeugung fest, auch wenn sie ehrlicherweise zugeben müsste, dass sie sich damals furchtbar geirrt hat. Doch Fehler zuzugeben fällt schwer. Lieber erinnert man sich nicht genau und geht mit der Wahrheit großzügig um. Hauptsache, der Apparat und die Kollegen nehmen nicht Schaden. Wer das Ingolstädter Urteil heute liest, dem gehen die Augen über. Wie können sich Richter einer Tat so sicher sein, dass sie sogar hohe Freiheitsstrafen verhängen, wenn es dieses Geschehen gar nicht gegeben hat? Wie können sie schreiben, es sei "gänzlich unwahrscheinlich", dass Rupp Selbstmord begangen habe? "Jemand, der Selbstmord begehen will, wird im Regelfall nicht auch noch am Morgen des gleichen Tages sein Feld bestellen und sich auch kurz davor nicht in der Gastwirtschaft so verhalten wie immer", heißt es im Urteil.
An dieser Gewissheit hätte sich nichts geändert, wenn nicht im März 2009, als die Hauptangeklagten schon 1882 Tage im Gefängnis hinter sich hatten, das Auto doch noch gefunden worden wäre. Man zog es aus der Donau - und mit ihm eine Leiche hinter dem Lenkrad: Rudi Rupp. Weichteile des Halses oberhalb des Kragens seines Hemdes fehlten. Fischfraß, vermuteten die Rechtsmediziner. Und: Keine Anzeichen für Gewalt.
Trotz Kenntnis dieses Obduktionsergebnisses hielt die bayerische Justiz das Urteil für "im Ergebnis richtig". Alle rechtlichen Mittel wurden aufgeboten, die Wiederaufnahme des Falls zu verhindern, die die neuen Verteidiger - Regina Rick, Klaus Wittmann, Bernd Scharinger und Kerstin Knapp - anstrebten.
Nur dank eines beherzten Wortes des Oberlandesgerichts München begann im Herbst 2010 vor dem Landgericht Landshut ein neuer Prozess. Noch einmal musste man sich mit den Horrorphantasien der Ingolstädter Anklage befassen - nun ein Stück voller Peinlichkeit.
Der Fall des Bauern Rupp ist eine Rarität in der Strafjustiz, widerlegt er doch eindeutig die These, kein Mensch, abgesehen vielleicht von ein paar psychisch gestörten Personen, gebe eine Straftat zu, die er nicht begangen hat. Und, vielleicht noch wichtiger, er ist ein Lehrbeispiel für die Bedeutung des Befragungsverhaltens der Ermittler, ihrer Vernehmungsmethoden und ihrer Arbeitshypothesen.
Da Rupp verschollen blieb, ging die Kripo bald nicht mehr von einem Vermisstenfall, sondern von einem Kapitalverbrechen aus - einem Fall von höchster Bedeutung also. Wer daran mitarbeitete, der war jemand. Leiter der Ermittlungskommission wurde der Ingolstädter Oberstaatsanwalt Christian Veh.
Er ist ein schneidiger, nonchalanter Typ, an die 1,90 groß, bewundert von den Kriminalbeamten an der Front, ein eloquenter Herr. Er tritt anders auf als sie, er hat eine Haltung, die ihm erlaubt - oder ihn verführt -, auf andere wohlwollend oder abschätzig hinabzuschauen. Als Zeuge in Landshut verteidigt er seine Überzeugung, die damals Leitmelodie war für die Ermittler: "Rupp muss nach Hause gekommen sein. Es war einfach die wahrscheinlichste Grundannahme. Ein Kapitalverbrechen zu Hause lag also nahe. Aber man wusste noch nicht, wer es war."
Ein Beamter der Kripo, der nicht zur Ermittlungsgruppe gehörte und dessen Name nicht genannt werden soll, sagt: "Man muss sich das so vorstellen, dass sich die Überzeugung des Oberstaatsanwalts im Kopf des kleinen Beamten verselbständigt. Er spurt. Er ist mit auf der Fährte." Der Beamte gebraucht ein Wort, das von Ottfried Fischer, dem bayerischen Kabarettisten, stammen soll: hinhundeln. Wie ein Hund bedingungslos parieren, wedeln und schlecken und nach Belohnung lechzen. "Da wird so mancher selbst zum Täter, wenn er merkt, dass er Macht hat über andere. Dass man bei ihm sogar gesteht, was man gar nicht getan hat."
Am Tag der Festnahme wurde das Anwesen Rupp durchsucht: "Das war das Eindrucksvollste, was ich bisher erlebt habe!" Veh schüttelt sich. "Es herrschten unbeschreibliche Zustände! Alles war verdreckt, verwahrlost, und ein Gestank war da! Hunde nächtigten im Wohnzimmer!" Die Feuerwehr sei mit Atemschutzmasken angerückt."Dass man da leben kann? Ich fuhr nicht gleich zurück, denn ich wollte es auf mich wirken lassen." Er sog den Gestank der Mördergrube auf wie ein Schwamm.
So entstand die rufmörderische Legende von der verkommenen Sippschaft, der alles zuzutrauen war. Die haben den sogar geschlachtet! So etwas gab es noch nie in Ingolstadt. Man sucht nach Blutspuren. "Eigentlich hätte man was finden müssen", sagt Veh. "Man hatte schon Bedenken, ob das alles stimmt." Aber man habe die "Mentalität" der Verdächtigen berücksichtigt. "Wir haben überlegt, wenn schon Entsorgung, dann in der Nähe. Man fährt mit einer Leiche ja nicht stundenlang durch die Gegend." Man taucht in Weihern und sucht übrigens auch in der Donau, dort, wo Rupp später gefunden wurde. Das Auto sei wohl nicht an der Fundstelle ins Wasser gelangt, sagt ein Sachverständiger aus. Wo dann?
Überlegungen, wie man eine Leiche spurlos verschwinden lässt. Ein Hundeführer der Polizei fragt: Haben die dort Hunde? Die Rupps hatten bis zu sieben Stück. Die Idee zündet. Jeder ist innerlich mit dabei. Oberstaatsanwalt Veh erkundigt sich kurz nach der Festnahme der Verdächtigen in München, ob Hunde auch Menschenfleisch fressen. Möglicherweise. Schon in den ersten Vernehmungen wird nach Hunden gefragt.
Eine der Töchter bestätigt nach anfänglichem Bestreiten, der Vater sei heimgekommen und aufgefressen worden. Sogar die Geschichte vom Hund Bobby fließt in die Vernehmungen ein, der die Tür zur Küche aufmachen konnte, wo angeblich Leichenteile lagerten. Auch eine Nachbarin sagt nun der Kripo, es könne schon sein, "dass es d' Hund' g'wen san".
Dann sucht man nach Tatwerkzeugen wie Sägen und Messern. Mittlerweile hatten die Beschuldigten ihre bizarren Geständnisse widerrufen. "Aber der Freund der Tochter hat doch geschildert, wie er einen Hammer in den Kopf reing'haut und damit g'naggelt hat!" Veh ist erbost. Sein Selbstschutzreflex funktioniert: "Damals wie heute habe ich keinen Zweifel, dass Rupp heimkam und mit einer Latte - es muss ja nicht ein Hammer gewesen sein - getötet wurde."
Zum Vorwurf der Verteidigung, es sei Druck ausgeübt worden auf die schlichten Leute, sagt er nur: "Wenn ich dabei war, gab's keinen Druck." Was heißt denn überhaupt Druck? "Glühende Zangen vielleicht?" Er kenne doch seine Leute.
Wo war das Auto abgeblieben? Beim Hecht natürlich! Den Schrotthändler Ludwig Hecht hatte man damals angeklagt, weil er nicht bereit war zuzugeben, den Mercedes des Bauern in der Tatnacht verschrottet zu haben. Als Zeuge sagt er in Landshut, die Ermittler hätten ihm eine Pistole an den Kopf gehalten, damit er gestehe. Später wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Herr Veh schmunzelt. Ja, ja, der Hecht, dieser Lügner.
Veh stellt sich vor die Beamten. Der Fall Rupp erdrückt. Ein Ermittler ist so krank, dass er im Prozess nicht aussagen kann. Da braucht man einen wie Veh, der beruhigt, niemand habe etwas falsch gemacht. Er verhält sich so, wie man es von einer tragenden Säule der schützenden Institution Justiz erwartet.
Am Freitag sind die Angeklagten halbherzig freigesprochen worden. Eine Entschädigung wurde ihnen verweigert. Schließlich hätten sie die Anklage "selbst verschuldet", so der Vorsitzende Theo Ziegler. Und: "In der Zusammenschau sind wir fast der vollen Überzeugung, dass Rupp heimkam und einer oder mehrere der Angeklagten die Todesursache setzten." Aber wer und wie?
Ein gutes Ende? Verteidigerin Rick: "Ich habe mich das ganze Verfahren über gefragt, ob sich nicht mal einer schämt." ◆
Von Friedrichsen, Gisela

DER SPIEGEL 9/2011
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