28.02.2011

KOMMUNEN Ohne Gott und ohne Fusel

Der Clash der Religionen ist einer der großen Konflikte unseres Jahrzehnts. Mitten in Afrika, im äthiopischen Dorf Awra Amba, herrscht Friede. Christen und Muslime haben dem Glauben abgeschworen, um zusammen glücklich zu werden - und es klappt. Von Uwe Buse
Der Bauer sitzt auf dem Boden mit einem Bier, gebraut in einer alten Tonne, ausgeschenkt in einer verbeulten Tomatendose, er sagt: "In dem Dorf leben sie wie Tiere. Sie glauben weder an Jesus noch an Allah."
Der Stammesälteste sitzt in seinem Haus, es ist früher Vormittag, sorgsam verstaut er ein paar Blätter Kat in seinem Mund, sagt dann: "Wir verdammen die Dorfbewohner, sie haben uns unsere Frauen genommen."
Der Imam, ein hagerer Mann, seit zwei Jahren im Dienst als Vorbeter und Seelsorger, sitzt vor seiner Moschee und sagt: "Man muss sie umbringen, da im Dorf, es würde gutgeheißen werden von Allah", und die Männer und Jungen, die ihm zuhören, nicken.
Die drei Männer leben in der Nachbarschaft dieses Dorfs, es heißt Awra Amba, es liegt im Nordosten Äthiopiens, zehn Autostunden von Addis Abeba, der Hauptstadt, entfernt, am Ende einer steinigen Piste. Knapp 80 Hütten stehen hier, gebaut aus Lehm und Asche, auf kargem Boden, auf einer Hochebene, fast 2000 Meter über dem Meer.
Es ist eine überschaubare Gemeinde, sie zählt 430 Männer, Frauen und Kinder. Sie erhalten oft Besuch in letzter Zeit, nicht von Feinden, sondern von Freunden, die manchmal zu Fans werden. Soziologen kommen, Armutsforscher, Entwicklungshelfer, auch ganz normale Touristen, aus Amerika, Europa, dem Nahen und dem Fernen Osten, und natürlich auch aus Afrika.
Sie alle haben von diesem Dorf gehört oder gelesen, im Internet, in Weltverbesserungsblogs, und sie sind neugierig, denn es ist anders als das, was man sich unter einem Dorf in Afrika vorstellt. Hier wird nicht mehr gehungert, auch nicht in einem Jahr mit schlechter Ernte, hier werden keine kleinen Mädchen mehr verheiratet, hier wird kein Alkohol getrunken, und hier wird auch nicht mehr geglaubt, nicht an Jesus Christus, nicht an Allah, nicht an Brahma, Vishnu oder Shiva. Hier wird gearbeitet, gemeinschaftlich und in eine Kasse, 7 Tage die Woche, 364 Tage im Jahr, nur der 11. September, der Tag des äthiopischen Neujahrsfestes, ist frei.
Kein Glaube, kein Alkohol, keine Unterdrückung von Frauen, das ist ein schräger Mix für einen utopischen Versuch, das ist wie Protestantismus ohne Gott oder Kommunismus ohne Wodka. Atheisten und Sozialisten kommen trotzdem vorbei, ebenso Frauenrechtlerinnen und Naturretter, selbst Liberale können etwas finden, was ihnen zusagt, weil das Dorf unabhängig ist vom äthiopischen Staat. Nur Religionsfanatiker und Alkoholiker lassen sich hier so gut wie nie sehen.
Dank ihrer Produktivität haben es die Bewohner von Awra Amba zu erstaunlichem Wohlstand gebracht, legt man die Maßstäbe des Landes an. Es gibt nicht nur genug zu essen, es gibt auch genug anzuziehen, Geld für Arztbesuche, für Medikamente, die Kinder arbeiten nicht, sondern gehen zur Schule, die Straßen sind nachts beleuchtet, im Café stehen ein Fernseher und das Dorftelefon. Und alles ist gelungen ohne Spenden aus dem Ausland oder Hilfen von der Regierung.
Es ist ein afrikanisches Wunder, das sich hier ereignet hat, und die Besucher aus aller Welt kommen nach Awra Amba, um dieses Wunder zu ergründen.
Heute sind es zwei Professoren aus Zürich, sie parken ihren Wagen in der Dorfmitte und werden erwartet von Tinbualel Uibrie, gut 20 Jahre alt, verheiratet, werdende Mutter und Fremdenführerin des Dorfs.
Tinbualel Uibrie begrüßt die Gäste auf Englisch, sie tut dies routiniert, sie weiß, was Besucher aus Europa wünschen, und so sind die ersten Minuten des Rundgangs der dörflichen Architektur gewidmet, die den Prinzipien der Nachhaltigkeit folgt.
Tinbualel Uibrie zeigt das Haus einer vierköpfigen Familie, die Wände sind aus Lehm geformt, die Betten auch, der Schrank, der Tisch, die Sitzbänke, der Ofen, auf dem gekocht und mit dem geheizt wird, alles aus Lehm, alles ganz natürlich, "und alles aus der Region", wie Tinbualel Uibrie versichert. Die beiden Professoren sehen beeindruckt aus.
Tinbualel Uibrie weiß um die Begeisterung vieler Besucher für diese Art zu bauen, sie bedient sie auch, aber sie kann sie nicht nachvollziehen. Ihr sind Häuser aus gebranntem Stein viel lieber, deren Wände müssen nicht nach jeder Regenzeit ausgebessert werden.
Vom Wohnhaus geht es zum dorfeigenen Altersheim, zur Stoffmanufaktur mit ihren Webstühlen, zur Kornmühle, vorbei an den neuen Schulgebäuden am Dorfrand, die nicht aus Lehm sind und denen sich Tinbualel Uibrie deshalb auch nicht weiter nähert.
Die Besichtigung endet schließlich im Versammlungshaus, hier können sich die Gäste in ein Buch eintragen, hier können sie Fragen stellen bei einer Tasse heißen süßen Tees. Die Fragen lauten meist: Wieso hungert ihr nicht mehr? Wie konntet ihr die Armut überwinden? Warum gelang euch hier, was so vielen anderen in Afrika nicht gelingt? Was macht den Unterschied?
Tinbualel Uibries Antwort ist kurz: "Zumra Nuru macht den Unterschied."
Zumra Nuru ist der Gründer von Awra Amba, ein Mann Mitte sechzig, fünfmal geschieden, mit einer seltsamen grünen Fusselmütze auf dem Kopf, die er trägt, weil sonst keiner so eine hat.
Nuru ist Analphabet, Agnostiker, außerdem ein Sturkopf, dem es egal ist, wenn andere Menschen seine Ideen für absurd halten oder für gefährlich. "Nur weil viele etwas für richtig halten, muss es nicht richtig sein", sagt Nuru.
Er sitzt hinter seinem Haus auf einer Mauer, ein rundlicher Mann, gebeugt vom Alter, es ist später Nachmittag, die Sonne hat die Steine erwärmt, Nuru genießt das, seit einiger Zeit ist er nicht mehr gut zu Fuß.
In seiner Jugend, erzählt er, sei er viel gewandert. Fünf Jahre war er unterwegs als Prediger, um Gleichgesinnte zu finden, die wie er daran glauben, dass Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander leben sollten, dass die Religionen mit ihren Riten, ihren Glaubenssätzen, ihrer ganzen Arroganz eine große Gefahr darstellen und dass es besser ist, den Zumutungen des Lebens in einer großen Gemeinschaft gegenüberzutreten, statt in einer kleinen Familie. Was notwendig war zum Leben, hat Nuru sich in dieser Zeit verdient als Tagelöhner und Knecht.
Zu seinen Überzeugungen sei er gelangt, weil ihm weder seine Eltern noch die Dorfbewohner plausible Antworten auf drei einfache Fragen geben konnten:
Warum muss es das Christentum und den Islam geben, wenn die Anhänger beider Religionen an denselben Gott glauben? Warum muss die Frau dem Mann untertan sein, wenn beide angeblich von Gott geschaffen wurden? Warum teilen wir das, was wir haben, nicht mit denen, die weniger haben, wo wir doch alle Brüder und Schwestern sein sollen?
Dem moralischen Rigorismus eines Heranwachsenden hatten die Eltern und die Dorfbewohner nichts entgegenzusetzen, und deshalb verließ Nuru schließlich das Dorf, um als selbsternannter Reformator Menschen zu finden, die dachten wie er.
Fünf Jahre war Nuru fort auf Wanderschaft, dann kehrte er zurück, geschlagen, ohne einen einzigen Anhänger. Seine Eltern dachten, nun wäre er kuriert, nun würde er endlich denken und handeln wie ein normaler Mensch.
Nuru nährte diese Hoffnung, weil er seine Eltern bat, eine Frau für ihn zu suchen. Sie fanden eine, in ihrem eigenen Dorf, die Ehe hielt ein Jahr. Ehefrau Nummer eins verließ Nuru, weil sie ihn für verrückt hielt. Er hatte den Großteil seiner ersten eigenen Ernte an die Armen verschenkt.
Ehefrau Nummer zwei kam aus einem anderen Dorf, auch sie verließ Nuru wegen seiner ausschweifenden Wohltätigkeit. Wie Ehefrau drei, vier und fünf. Als im Umkreis keine Frauen mehr aufzutreiben waren, die sich für ihn interessierten, ging auch Nuru und versuchte sich erneut als Prediger in eigener Sache. Diesmal verkaufte er seinen Zuhörern eine abgespeckte Version seiner Weltsicht, er strich fürs Erste das Abschaffen der Religion, die Gleichstellung der Frau, warb für gemeinsames Wirtschaften.
In einem Dorf der Aleviten, einem liberalen Zweig des Islam, fand er Gehör, zumindest bei einem Teil der Bewohner. Mit rund 70 Männern und Frauen verließ er das Dorf und gründete Awra Amba im Jahr 1980 auf einer Brachfläche in der Provinz Amhara. So erzählt es Scheich Bedrin Seidi Hassan, der Stammesälteste der Aleviten in der Region. Ihm ist anzumerken, dass er Nuru das Abwerben vor allem der Frauen immer noch übelnimmt.
Nuru zuckt zu den Vorwürfen entspannt mit den Schultern, sagt: "Die Leute haben meine Ideen einfach gemocht."
Auf die Gründung folgten harte Zeiten. Miteinander geteilt wurde vor allem der Hunger, es war schwierig, das Land zu bestellen, die Nachbarn waren feindlich, sie mochten die Neuen nicht, denn die waren anders. Sie hatten das Land, auf dem Awra Amba steht, angeblich illegal besetzt. Es gab Überfälle, Steine flogen, wenn die Nachbarn Nuru oder einen seiner Anhänger sahen.
Hilfe vom Staat, von der Polizei konnte Nuru nicht erwarten, ganz im Gegenteil. Das Land wurde damals regiert von einer marxistischen Junta, die nicht viel übrig hatte für rivalisierende Gesellschaftsentwürfe. Als Nuru Ende der Achtziger hörte, dass er als Konterrevolutionär verhaftet werden sollte, floh er. Ohne ihn löste sich Awra Amba schnell auf.
1991 endete das kommunistische Regime, kurze Zeit später kehrte Nuru nach Awra Amba zurück und begann den Wiederaufbau zusammen mit anderen Rückkehrern. Wieder waren die Anfangsjahre entbehrungsreich, aber diesmal machte Awra Amba Fortschritte, die neue Regierung in Addis Abeba war nicht feindlich, sondern gleichgültig, die schlimmsten Auseinandersetzungen mit den Nachbarn verebbten nach persönlichen Gesprächen, es herrschte Waffenstillstand.
Heute ist Awra Amba ein Vorzeigeprojekt des Landes, eine touristische Attraktion der Provinz Amhara, neben einem Kloster aus dem 14. Jahrhundert, ein paar heißen Quellen und dem Löffler, einem Vogel, der den Winter hier verbringt.
Manche Besucher bitten nicht nur um einen Rundgang, sondern hoffen, in Awra Amba leben zu können. Meist stammen sie aus anderen Regionen Äthiopiens, oft sind es Frauen wie Enat Ahemed.
Sie wurde mit einem Mann verheiratet, den sie nicht kannte und der sie schlug. Sie hielt es acht Jahre mit ihm aus, gebar einen Sohn, dann schlich sie sich davon, das Kind nahm sie mit.
Sie lebte im Südosten des Landes, der Weg nach Awra Amba war weit, und jetzt sitzt sie vor einer ärmlichen, windschiefen Hütte im Dorf, die nichts gemeinsam hat mit den ökologisch korrekten Lehmhäusern. Enat Ahemed fragt sich, ob es wirklich klug war, nach Awra Amba zu kommen, denn sie lebt jetzt zwar hier und muss sich an die Regeln halten. Aber Teil der Dorf- und Wirtschaftsgemeinschaft ist sie nicht.
Ihr Name und der ihres Sohnes stehen auf einer Warteliste, die im Dorf geführt wird. Wer auf dieser Liste steht, darf hoffen, irgendwann ein vollwertiges Mitglied von Awra Amba zu werden. Bis darüber entschieden ist, müssen die Neuankömmlinge selbst sehen, wie sie das Geld verdienen, das sie zum Überleben brauchen.
Enat Ahemed schlägt sich durch als Köchin für den Lehrer des Dorfs und mit Jobs als Tagelöhnerin. Sie lebt seit zwei Jahren in Awra Amba, und sie hatte gehofft, in diesem Jahr aufgenommen zu werden in die Genossenschaft.
Aber sie war nicht die Einzige, die wartete und hoffte. Zu ihren Konkurrenten um einen der zwei zu vergebenden Plätze gehörten Sinedu Ibri, Betreiber eines Lebensmittelladens in der nächstgelegenen Stadt, verheiratet, vier Kinder, und Deneke Ahemed, der wie sie aus dem Süden des Landes nach Awra Amba gekommen war und nicht mit ihr verwandt ist. Deneke Ahemed ist 45 Jahre alt, er leidet unter extrem hohen Blutdruck und kann deshalb nicht mehr richtig arbeiten. Er fürchtete, vom Bauern zum Bettler zu werden, deswegen brach er auf nach Awra Amba, zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern.
Um die Produktivität des Dorfs zu steigern, wäre es sinnvoll gewesen, die arbeitsfähige Mutter als Genossin aufzunehmen oder den geschäftstüchtigen Ladenbesitzer. Ausgewählt wurde der kranke Deneke Ahemed, "gerade weil er krank ist und hilfsbedürftig", sagt Tinbualel Uibrie, die Fremdenführerin. Die Mutter und der Ladenbesitzer seien stark genug, um für ihren Unterhalt zu sorgen.
Deneke Ahemed arbeitet jetzt als Aushilfe im Kuhstall. Bevor er offiziell aufgenommen wurde, erklärte man ihm noch einmal die Regeln von Awra Amba.
Er werde von nun an von morgens um acht bis nachmittags um fünf Uhr der gemeinschaftlichen Arbeit nachgehen, in der verbleibenden Zeit sei es ihm freigestellt, selbst etwas Geld zu verdienen, beispielsweise durch das Weben von Stoffen. Sollte die Dorfgemeinschaft am Ende eines Jahres nach Abzug aller Kosten einen Gewinn erwirtschaftet haben, werde er unter den erwachsenen Mitgliedern der Genossenschaft aufgeteilt. Im vergangenen Jahr wurden pro Person 150 Euro ausgeschüttet.
Alkoholkonsum und religiöse Riten werden in Awra Amba nicht toleriert, es gibt im Dorf keine Kirche, keine Moschee, keine Hochzeiten, keine Taufen, keine Sonn- oder sonstigen religiösen Feiertage. Beerdigungen sind erlaubt, allerdings auf die Anwesenheit von zwei nahen Familienangehörigen beschränkt. Der Leichnam ist von ihnen ohne Zeremonie auf einem Acker zu vergraben, Grabsteine, Kreuze dürfen nicht aufgestellt werden.
Zumra Nuru hat alle Dorfregeln selbst erlassen, die Vorschriften zu Religion und Alkoholkonsum liegen ihm besonders am Herzen. Von seiner Mauer herab sagt er, ein Blick in die Nachrichten genüge, um zu erkennen, dass Religionen mehr Unheil schafften als Frieden: In Ägypten mordeten Muslime koptische Christen, im Irak brachten Sunniten Schiiten um und umgekehrt, in Indien trachteten Hindus Muslimen nach dem Leben, im Nahen Osten bekämpften sich Juden und Palästinenser seit einem halben Jahrhundert. "Ohne Religionen wäre die Welt besser dran", sagt Nuru.
Ebenso entschieden argumentiert er gegen den anderen großen Tröster der Menschheit: "Alkohol fördert die häusliche Gewalt, Promiskuität, er sorgt für die Verbreitung von Aids." All das sei nicht zu akzeptieren, deswegen gelte in Sachen Alkohol die Regel: Zweimal wird ermahnt, beim dritten Mal muss der Sünder gehen. Es ist ein Eingriff in die Freiheit des Menschen, dennoch wächst das Dorf von Jahr zu Jahr, langsam, aber beständig. Und je mehr das Dorf wächst, umso größer wird die Zahl seiner Neider.
Ungefähr zwei Kilometer entfernt von Awra Amba, an einer asphaltierten Straße, liegt ein Marktplatz. Messerschärfer bieten hier ihre Dienste unter freiem Himmel an, Schmiede entfachen ihr Feuer in kleinen Bodensenken, Bauern verkaufen Tomaten, Chili. Kat und Kräuter werden gehandelt, dazu Reis in Säcken, Plastiksandalen, gebrauchte Wasserflaschen.
Der Platz wird umsäumt von etwa drei Dutzend Blech- und Bretterbuden, vor der Hälfte steckt ein Stock in der Erde, auf dessen Ende ein Plastikbecher genagelt wurde. Das bedeutet: Kneipe.
Die Kneipen sind unmöbliert, in einigen laufen Hühner umher, gesessen wird auf dem Boden, ausgeschenkt werden selbstgebrannter Schnaps, selbstgebrautes Bier und Tee. Der Tee schmeckt wie Tee, der Schnaps wie Schnaps, im Bier schwimmen seltsame Sachen, und so schmeckt es dann auch.
In einer dieser Kneipen hockt Alemu Yesmaw auf dem Boden, vor ihm steht ein Bier, ausgeschenkt in einer zerbeulten Tomatendose. Yesmaw ist Bauer, orthodoxer Christ und regelmäßiger Gast, seine Schwester hat die Kneipe gemietet, an den beiden Markttagen arbeitet sie hier, den Rest der Woche ist sie Bäuerin.
Yesmaw und seiner Schwester ist Awra Amba suspekt, wer weiß schon genau, was die Gottlosen da treiben, in der Nacht und miteinander, sagen sie. Im Dorf gewesen sind sie noch nie.
Ein paar Hütten weiter sitzen Muslime beim Bier, zwei von ihnen bestellen sich noch einen Schnaps dazu, auch sie waren noch nie in Awra Amba, aber sind sich sicher, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht. Dort sollen Männer Frauenarbeit machen und Frauen Männerarbeit. So habe Allah das nicht gewollt. Er werde das Dorf strafen, früher oder später.
Als ein mögliches Werkzeug, das diese Strafe vollstrecken wird, sieht sich der Imam Mohammed Mota. Er steht vor seiner Moschee im nahen Wereta, und bevor er irgendwelche Fragen beantwortet, stellt er selbst eine: "Bist du Muslim?"
Lautet die Antwort: "Nein, Christ", zögert er kurz, aber beschließt dann doch zu bleiben und zu reden. Auch Mota war noch nie in Awra Amba, er sieht auch keinen Grund, jemals dorthin zu gehen.
Dort leben Ungläubige, und seiner Meinung nach ist der Koran eindeutig, wenn es um die Frage geht, was mit Ungläubigen zu geschehen habe: "Man muss sie umbringen, aber im Moment ist uns das hier in Äthiopien nicht möglich, wir sind nicht an der Macht." Wenn sich das eines Tages ändern sollte, würde dem Wunsch Allahs Genüge getan werden, sagt er. Dann wünscht Mota einen guten Tag, wäscht sich Füße, Hände, verschwindet in der Moschee.
Fragt man Zumra Nuru, wie das Verhältnis zu seinen Nachbarn ist, dann schweigt er erst und sagt dann: "Oh, gut."
Sein Unwille, mehr über das Verhältnis mit den Nachbarn zu sagen, mag zusammenhängen mit einem Haus, das vor kurzem auf einem nahen Hügel errichtet wurde. Das Haus ist ein simpler Bau, vier Wände, ein Dach. Es hat kein Minarett, und trotzdem ist es eine Moschee. Freitags ist sie gut besucht, trotz des beschwerlichen Aufstiegs und obwohl es am Fuß des Hügels bereits eine Moschee gibt.
In Awra Amba versteht man den Neubau auf dem Hügel als eine Drohung. Von dort oben sieht das Dorf sehr klein aus und zerbrechlich. Nuru sagt über die Moschee, dass ihr Bau ihn ärgere, mehr nicht.
Dann erhebt er sich von seiner Mauer, er hat einen Termin außerhalb des Dorfs. Ein Mann löst sich aus dem Schatten eines Baumes. Er begleitet Nuru, sobald er das Dorf verlässt. Der Mann ist Nurus Leibwächter. Er trägt ein Gewehr. ◆
Von Buse, Uwe

DER SPIEGEL 9/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 9/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOMMUNEN:
Ohne Gott und ohne Fusel