28.02.2011

Der Geist der Freiheit

Global Village: Michail Gorbatschow feiert mit einer Ausstellung seinen 80. Geburtstag - und kein einziger Kreml-Politiker gratuliert.
Für einen Moment ist alles wie damals: Eine Menschentraube drängt sich um Michail Gorbatschow. Irina, eine Rentnerin, bittet um ein Autogramm. Sie dankt ihm für Abrüstung und Freiheit, für die Möglichkeit, in den Westen reisen zu dürfen, für "Glasnost", seine Politik der Öffnung, und dafür, "dass endlich Karel Gott bei uns singen durfte".
Der große russische Reformer, der die Perestroika erfand und damit das Sowjetsystem zum Einsturz brachte, hört nur noch selten schmeichelhafte Worte. Die Mehrheit der Russen macht ihn für Massenarmut und den Verlust des Weltreichs verantwortlich, Irina aber verehrt diesen Mann. So sehr, dass in ihrer Erinnerung die Hoffnungen der Gorbatschow-Zeit mit schönen Erlebnissen wie dem Karel-Gott-Konzert von 1988 verschmelzen. Dabei hatte der tschechische Schnulzen-Sänger schon seit den sechziger Jahren Konzerte in Moskau gegeben.
Gorbatschow ist jetzt Staatsrentner und sein Gesicht ziemlich aufgedunsen, es geht ihm gesundheitlich nicht gut. Er schaut auf ein großes Schwarzweißfoto an der Wand, es stammt aus dem Jahr 1990: Vor einem Schaukasten des Reformblattes "Moskowskije nowosti" stehen Hunderte Menschen, die es nach neuesten Nachrichten dürstet. "Ich glaube nicht, dass wir Russen zur Diktatur verdammt sind und jeder von uns die Gene von Stalin und Iwan dem Schrecklichen in sich trägt", sagt er. "Demokratie in Russland ist möglich."
In der klassizistischen Moskauer Manege, gebaut als Offiziersreitschule der Zaren, eröffnet der letzte Generalsekretär der Sowjetkommunisten die Ausstellung zu Ehren seines 80. Geburtstags, den er am Mittwoch begeht. Sie trägt den schlichten Titel "Perestroika", Umbau.
In der Manege finden sonst Kunstausstellungen oder die Moskauer Millionärsmesse statt. Unter den Intellektuellen der Hauptstadt ist der Saal aus einem anderen Grund berühmt: Hier hatte Nikita Chruschtschow, einer von Gorbatschows Vorgängern, 1962 gegen eine Ausstellung von Avantgardisten gewettert. Sein damaliger Wutausbruch beendete eine liberale Phase der sowjetischen Kunst.
Gorbatschow dagegen war der Mann, der den Geist der Freiheit aus der Flasche ließ. Fotos aus seiner Regierungszeit zeigen die ersten Demonstrationen und die ersten Punks. Eine Moskauer Schönheit mit nackter Brust hat lässig eine Sowjetuniform über ihre Schulter geworfen. Die Aufnahme stammt aus einer Fotoserie für den "Playboy" von 1987.
Heute gibt es in Moskau überall Stripclubs, in denen abends jede Menge Nackte auftreten. Aber es demonstriert kaum noch jemand. 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist offen, was das Reich im Osten mit der Freiheit anfangen wird, die Gorbatschow den Russen brachte.
Die neue Führung jedenfalls schämt sich ihres Friedensnobelpreisträgers, sie behandelt ihn wie einen Aussätzigen. Nur einen Steinwurf liegt die Manege von der Kreml-Mauer entfernt. Aber kein Minister, kein Präsidentenberater, kein Abgeordneter der Staatspartei Einiges Russland lässt sich bei der Eröffnung der Ausstellung blicken. Die "Komsomolskaja prawda", ein Boulevardblatt mit Millionenauflage, kommentiert hämisch, Gorbatschow feiere seinen Geburtstag lieber in der Londoner Royal Albert Hall als in Moskau, "weil es in der Heimat nicht viele gibt, die ihm gratulieren wollen".
So kommt es, dass ausgerechnet ein Amerikaner ranghöchster Besucher ist: Washingtons Botschafter John Beyrle. "Ich habe jüngst aufs Neue Ihren Brief an Präsident Obama gelesen", sagt Beyrle zum Ex-Präsidenten der UdSSR: "Er enthält viele wichtige Gedanken." Die beiden plaudern über die Schwierigkeiten von Reformen und Reformern. Gorbatschow glaubt, dass Amerika wie einst die Sowjetunion durch zu hohe Rüstungsausgaben seine Wirtschaft ruiniere und deshalb selbst eine Perestroika brauche.
In seiner Festrede begrüßt der Russe den Amerikaner als "Vertreter unseres früheren Feindes und jetzigen Partners, der Vereinigten Staaten von Amerika".
Dann preist ein bekannter Regisseur die Warmherzigkeit Gorbatschows, ehe er zu einem vergifteten Lob ansetzt: Man könne den Vater der Perestroika "unterschiedlich beurteilen. Erst die Geschichte wird ein Urteil über ihn fällen".
Da ergreift die Organisatorin der Ausstellung das Wort, Olga Swiblowa, die große alte Dame der russischen Fotografie. "Nein", sagt sie, "nicht die Zeit richtet, sondern wir, die wir die Perestroika durchlebten." Sie habe für den Mann, der im Sowjetreich Meinungs- und Religionsfreiheit durchsetzte, seinerzeit in der Kirche eine Kerze angezündet.
Nach den Reden schaut Gorbatschow, nun im engeren Kreis, mit Sorge auf das heutige Russland. Er spricht von manipulierten Wahlen, von Repressionen gegen die Opposition und der "unglaublichen Überheblichkeit" des Regierungstandems Putin/Medwedew. "Als ich eben an den Bildern von damals vorbeiging", sagt er nicht ohne Eitelkeit, "habe ich noch einmal den Weg durchschritten, den ich gegangen bin und den ich freigeschlagen habe. Jetzt wächst er wieder zu."
Und dann gibt er noch einen der Witze zum Besten, die während seiner Anti-Alkohol-Kampagne kursierten. Dass die Schlange derer, die damals nach Wodka anstanden, lang gewesen sei. Aber immer noch kürzer als die derjenigen, die ihn hätten erschießen wollen.
Gorbatschow erzählt mit der Gelassenheit eines Mannes, der getan hat, was er für richtig hielt. Er ist mit sich im Reinen, Russland ist es nicht.
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 9/2011
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