28.02.2011

„Zwischen allen Stühlen“

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, 46, über Politik und Populismus
SPIEGEL: Herr Diekmann, glauben Sie, dass es Aufgabe von Journalisten ist, einen Minister im Amt zu halten?
Diekmann: Ein Minister muss sich selbst im Amt halten. Für "Bild" wie für den SPIEGEL gilt: Aufgabe von Journalisten ist es, das Zeitgeschehen zu beobachten, es darzustellen, zu analysieren und zu kommentieren.
SPIEGEL: Halten Sie die Aussage von Minister Guttenberg für glaubwürdig, ihm seien "Fehler unterlaufen", er habe ohne Vorsatz Dutzende fremde Textpassagen auf über 100 Seiten seiner Doktorarbeit eingefügt und die Quellenangaben vergessen?
Diekmann: Karl-Theodor zu Guttenberg hat einen Fehler gemacht und sich entschuldigt. Wie man das beurteilt, ist eine Frage des Standpunkts. Der "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schreibt beispielsweise: "Sein Amt soll er behalten. Und sich darin künftig allein an seiner Leistung messen lassen."
SPIEGEL: Was müsste passieren, damit die "Bild" Minister Guttenberg nicht mehr für ministrabel hält?
Diekmann: Voraussagen soll man unbedingt vermeiden, besonders solche über die Zukunft. Der Satz stammt übrigens nicht von mir, sondern von Mark Twain.
SPIEGEL: Kann man die "Bild"-Zeitung heute politisch verorten?
Diekmann: Ja, eindeutig: zwischen allen Stühlen.
SPIEGEL: Als Sie vor einigen Wochen mit der Schlagzeile "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" erschienen, erinnerte "Bild" eher an die Rechtsradikalen in den achtziger Jahren.
Diekmann: Unsinn. Ich werfe dem SPIEGEL ja auch nicht vor, mit seinen unzähligen Hitler- und Goebbels-Titeln die Sentimentalitäten von irgendwelchen Alt-Nazis zu bedienen. Im Ernst: Anfang der Achtziger wurde ich in der Schule als Rechtsradikaler und Revanchist beschimpft, weil ich für die Wiedervereinigung war. Mitte der Achtziger war ich Parlamentskorrespondent in Bonn. Hätte ich den Grünen damals bei ihren öffentlichen Fraktionssitzungen prophezeit: "In spätestens 20 Jahren wollt ihr Pflicht-Deutschkurse für Ausländer", dann hätten sie diese Forderung als krass rechtsradikal weit von sich gewiesen. Die Debatten haben sich weiterentwickelt. Und Rechtsradikale finden in "Bild" nur als "Verlierer des Tages" statt. Die Titelzeile "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" war eine Antwort auf das Bemühen der Politik, eine Debatte im Ansatz zu ersticken. Die Aussagen, die wir auf Seite 1 ganz sauber und vorsichtig formuliert haben …
SPIEGEL: … vorsichtig? "Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, ein Deutscher zu sein", hieß es da, oder: "Nicht wir müssen uns den Ausländern anpassen, sondern sie sich uns". Halten Sie das für "vorsichtig formuliert"?
Diekmann: Genauso hat das der Europaminister der Türkei in "Bild" gesagt: "Ich fordere meine türkischen Landsleute und alle Deutschen türkischer Herkunft auf: Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten und Gebräuchen eures Gastlandes an!" Was stand denn da noch auf unserer Seite 1? "Wer Arbeit ablehnt, verdient keine Stütze", "Wer nichts gelernt hat, soll hinterher nicht jammern, dass er keinen Job bekommt", "Auf den Schulhöfen muss Deutsch gesprochen werden". Oder: "Kinderschänder gehören für immer weggesperrt". Sätze, wie Sie sie in jedem Wirtshaus hören können. Und von diversen Spitzenpolitikern …
SPIEGEL: … also reiner Populismus.
Diekmann: Wenn das Populismus ist, dann ist auch die "Zeit" ein Populisten-Blatt. Deren Chefredakteur hat in einem großen Leitartikel auf Seite 1 als Erster die Frage aufgeworfen, warum Migranten in Deutschland doppelt so häufig auf Sozialhilfe angewiesen sind als der Rest der Bevölkerung. Wenn also di Lorenzo ein Populist ist, fühle ich mich in dieser Gesellschaft wohl.
SPIEGEL: Der Unterschied zwischen "Zeit", SPIEGEL und Ihrer "Bild"-Zeitung könnte darin liegen, dass Ihre Texte zu kurz und die Überschriften zu groß sind, um schwierige Themen vernünftig diskutieren zu können.
Diekmann: Oder aber, ein ganz verwegener Gedanke: Vielleicht ist die "Bild"-Zeitung in ihrer Haltung nur klarer als der SPIEGEL?
SPIEGEL: Vielleicht verwechseln Sie klar mit dumpf und simpel?
Diekmann: Das wird es wohl sein … Jetzt mal Spaß beiseite: Ihre Sarrazin-Berichterstattung zum Beispiel hat sich den Förderpreis für größtmögliche Verwirrtheit redlich verdient. Erst ein Buchkapitel von Sarrazin unkommentiert vorab veröffentlichen, ihn dann nach allen Regeln der Kunst zerlegen - da durfte wirklich jeder mal ran - und schließlich große SPIEGEL-Aufregung über die ganze mediale Aufgeregtheit. Das ist wie ein Haus anzuzünden und dann verwundert zu fragen: Warum brennt das hier lichterloh!? Kamen Ihre Leser da eigentlich noch mit? Gekrönt wird das alles von dem Umstand, dass der SPIEGEL - anders als "Bild" - für den Sarrazin-Vorabdruck sogar Geld gezahlt hat.
SPIEGEL: Das ist schön, ausgerechnet von Ihnen als Brandstifter hingestellt zu werden. Aber wir wollen Sie mit einem Lob überraschen: Was halten Sie von der These, dass "Bild" am Ende die Demokratie stützt, weil sie ein Ventil für angestauten Volkszorn ist?
Diekmann: Anders. Die "Süddeutsche Zeitung" hat einmal geschrieben, "Bild" sei der Seismograf der deutschen Befindlichkeit. Weil wir nicht nur die Fakten nennen, sondern auch sagen, wie sie sich anfühlen, sind wir das Leitmedium: Bei uns erfahren die Leute, was das Land zusammenhält, was die Menschen bewegt.
SPIEGEL: Wenn Sie titeln: "Die bittere Wahrheit über Hartz IV und die Ausländer", dann werfen sie ein Problem auf, zu dem es im Volk noch gar keine Stimmung geben kann. Können Sie verstehen, dass man das Stimmungsmache nennt?
Diekmann: Ist das Ihr Ernst? Sie halten die Menschen in Deutschland doch hoffentlich nicht für so komplett ahnungslos, dass sie sich erst von Thilo Sarrazin, Kirsten Heisig, Giovanni di Lorenzo oder "Bild" erzählen lassen müssen, dass in Sachen Ausländer-Integration etwas im Argen liegt?
SPIEGEL: Die "Bild"-Zeitung erzählt den Menschen in Deutschland jeden Tag, worüber sie sich heute aufzuregen haben. Aber vermutlich liegt das einfach am Genre, das Sie bedienen: Wie würden Sie denn "Boulevard" heute definieren?
Diekmann: Boulevard ist eine lebendige Straße. Und wir sind eine Zeitung für die Menschen auf der Straße und nicht nur für die Elite auf der Empore des guten Geschmacks. Außerdem ist Boulevard ein Gattungsbegriff, der die Tatsache benennt, dass sich unsere Zeitung zu 99 Prozent am Kiosk verkauft. Uns muss es jeden Tag gelingen, so überzeugend zu sein, dass unsere Käufer wieder 60 Cent auf den Tisch legen.
SPIEGEL: Und dabei helfen knackige Geschichten über Ausländer besonders gut?
Diekmann: Lesen Sie doch mal "Bild". Wir haben den Bombenskandal von Kunduz enthüllt. Wir haben mit unseren Recherchen den Brandenburgischen Innenminister zum Rücktritt gezwungen. Wir beschäftigen uns auf 3000 Zeilen mit dem neuen Buch des Papstes, oder wir stoßen eben - gemeinsam mit dem SPIEGEL - eine der wichtigsten Debatten des Jahres an, mit dem Vorabdruck von "Deutschland schafft sich ab". All das sind heute Inhalte, die zum Boulevard gehören. So wie es zur heutigen journalistischen Realität gehört, dass "Süddeutsche" und "FAZ" über Dieter Bohlen und Kachelmann berichten.
SPIEGEL: Wir sind hier, um über "Bild" zu reden, nicht über andere Blätter.
Diekmann: Sehr gern. Klaus Staeck, kein wirklicher Freund von "Bild", hat vor einiger Zeit formuliert: "Der Skandal eines ganzes Berufsstandes besteht darin, dass es ,Bild' gelungen ist, die kaum mehr bestrittene Meinungsführerschaft in den Medien zu erringen." "Bild" fordert Blätter wie den SPIEGEL ganz klar heraus. Heute sind wir nicht mehr nur Leitmedium in Sachen Sport und Unterhaltung, sondern auch im Bereich Politik und Wirtschaft. Wer gehört werden will, der kommt an "Bild" nicht mehr vorbei - von Petraeus bis Bush, von Ackermann bis Google-Chef Eric Schmidt.
SPIEGEL: Fehlt eigentlich nur noch, dass Sie gleich sagen, Sie wollten werden wie die "FAZ".
Diekmann: Bloß nicht, es geht mir nur um die heuchlerische Kritik an Boulevard-Themen. Wenn die "Süddeutsche Zeitung" uns vorwirft, was der furchtbare Boulevard alles über die arme Britney Spears zusammenträgt - dann aber genau diese Details selber auf einer halben Seite rekapituliert, dann finde ich das schwierig.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich an diese totale Boulevardisierung?
Diekmann: Emotionalisierung, Personalisierung sind nun mal erfolgversprechend, das funktioniert. Der SPIEGEL berichtet ja auch nicht zuallererst über Parteiprogramme …
SPIEGEL: … wie kommen Sie denn darauf?
Diekmann: … sondern über das politische Personal. Und deshalb nehmen Sie von WikiLeaks natürlich die ganzen schönen Klatschgeschichten, machen mit "Teflon-Merkel" auf - und auf dem SPIEGEL-Cover geht's um Berlusconis Sexpartys und Gaddafis üppige Blondinen. Weil es so besser funktioniert.
SPIEGEL: Sie unterschlagen ganze SPIEGEL-Ausgaben prallvoll mit Artikeln, die nichts mit Klatsch, aber alles mit Weltpolitik zu tun hatten. Der Boulevard, die Verkürzung - das sind Sie. Was macht denn sonst die "Bild"-Zeitung aus?
Diekmann: Wenn Sie mit mir über das Alleinstellungsmerkmal von "Bild" reden wollen, dann besteht dies heute vor allem in der Reichweite von zwölf Millionen Lesern. Kein Medium erreicht noch so viele Menschen, selbst das Fernsehen nicht - weil es sich selbst zerlegt hat.
SPIEGEL: Nur ist eben Ihre Bereitschaft, Menschen interessant zu finden, offenkundig viel größer als bei anderen Medien.
Diekmann: Das müssen Sie gerade sagen: Titelstory über Robert Enke, über Margot Käßmann, über Michael Jackson … Menschen interessieren sich nun mal für nichts so sehr wie für andere Menschen. Wir fragen: Gibt es da jemanden, der die Menschen besonders bewegt? Das gilt für die Politik genauso - und damit macht auch der SPIEGEL Auflage: Erst wurde Guttenberg mit einer Titelgeschichte runtergeschrieben, dann wurde er mit der nächsten Titelgeschichte wieder hochgeschrieben.
SPIEGEL: Der Schauspieler Ottfried Fischer ist mit "Bild", wie sich Ihr Vorstandschef Döpfner ausgedrückt hat, im Fahrstuhl nach oben gefahren, und als es abwärts ging, war "Bild" weiterhin dabei. Dabei sind Sie aber offenkundig zu weit gegangen bis hin zur Nötigung, wie ein Gericht jüngst geurteilt hat.
Diekmann: Ein Fehlurteil, und zwar ein krasses. Es wird, davon bin ich fest überzeugt, in den Instanzen keinen Bestand haben. Alles andere wäre eine sehr schlechte Nachricht für den Journalismus insgesamt.
SPIEGEL: Sie haben Fischer mit einem Video gedroht, das ihn beim Sex mit Prostituierten zeigt. Gehört das zu Ihrer Recherche?
Diekmann: Wir haben Fischer zu keinem Zeitpunkt mit einem Video gedroht! Ganz im Gegenteil - Fischer selbst hat erklärt, er habe seine PR-Agentin gebeten, bei "Bild" nachzufragen, ob dort der Film bekannt sei. Dies habe die Agentin getan. In der Beweisaufnahme vor Gericht hat sie zudem ausgesagt, dass sie von unserem Reporter zu keinem Zeitpunkt unter Druck gesetzt wurde.
SPIEGEL: So oder so bleibt es ein Fall, der zeigt, wie tief die "Bild"-Zeitung im Privaten und Intimen von Prominenten wühlt.
Diekmann: Nein. Es bleibt ein Fall, der zeigt, wie überfordert die Justiz bisweilen ist und wie schlecht das Gedächtnis von Ottfried Fischer funktioniert. Ansonsten: Das Private ist nicht immer privat. Siehe Seehofer, siehe Brandenburg - wo Ex-Minister Rainer Speer die Steuerzahler für sein uneheliches Kind Unterhalt zahlen ließ. Das Private kann schnell umschlagen ins Politische, ins Relevante. Das gilt auch für Schauspieler. Wer im Fernsehen einen Polizisten spielt, im wirklichen Leben aber mit Koks in der Tasche festgenommen wird, wird zum Thema.
Von Fichtner, Ullrich

DER SPIEGEL 9/2011
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