05.03.2011

HOCHSCHULEN

Eine Studie, drei Titel

Von Kaiser, Simone und Ludwig, Udo

Die Universität Freiburg prüft einen schweren Fall von Wissenschaftsbetrug. Ausgerechnet ein Mediziner, der als Saubermann gilt, soll für seine Habilitation abgeschrieben haben.

Es gibt in diesen Wochen Rechercheure, die sich in Doktorarbeiten vertiefen, um herauszufinden, wer abgeschrieben und betrogen hat. Es gibt Wissenschaftler, die einfach nur neugierig darauf sind, was ihre Kollegen erforscht haben.

Und es gibt Professoren wie Wilhelm Schänzer. Der Leiter des Instituts für Biochemie an der Sporthochschule Köln soll herausfinden, wie tief das Universitätsklinikum Freiburg im Dopingsumpf versunken ist. Um diesen Auftrag zu erfüllen, kämpfte sich der Dopinganalytiker in den vergangenen Monaten durch Dutzende wissenschaftliche Arbeiten.

Anfang Januar wurde Schänzer stutzig. Und es hatte nichts mit Doping zu tun. Er hatte zwei Arbeiten von zwei Autoren mit nahezu dem gleichen Inhalt. Wichtige Textpassagen der Studien waren ebenso identisch wie Tabellen und Abbildungen. Die Schriften hatten 1983 der gebürtigen Polin Marzenna Orlowska die Doktorwürde und Hans-Hermann Dickhuth sogar die Voraussetzung für den Professorentitel eingebracht.

Schlittert das Universitätsklinikum mit einem Schummelwerk in eine neue Affäre? Kaum ist die Aufregung um Ärztepfusch und massive Dopingmanipulationen von Radprofis in der Sportmedizinischen Abteilung ein wenig verklungen, da gerät nun die Praxis der Titelvergabe in die Diskussion. Und mit dem Leiter Dickhuth steht ausgerechnet jener Mediziner im Zentrum der Enthüllungen, der nach dem Dopingskandal von 2007 für neue Ehrlichkeit in Freiburg sorgen sollte.

Die Kommission zur Untersuchung der Dopingvergangenheit, zu der Schänzer gehört, hat inzwischen die Universitätsleitung benachrichtigt. Die Uni wiederum hat in dieser Woche den Promotions- und den Habilitationsausschuss ebenso eingeschaltet wie den Untersuchungsausschuss zur "Sicherung der Selbstverantwortung in der Forschung und zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten". Die Betroffenen sind zu Stellungnahmen aufgefordert worden.

Der Uni Freiburg blieb gar nichts anderes übrig. Die Zeit des Vertuschens ist vorbei, denn der Untersuchungskommission sitzt mit Letizia Paoli eine kämpferische Kriminologin vor. Die gebürtige Italienerin lehrt an der belgischen Universität Leuven und gilt als Mafia-Expertin. Und sollten sich die ersten Verdachtsmomente erhärten, erinnert zumindest die Verschwiegenheit über Machenschaften an der Uni-Klinik an das Omertà-Gelöbnis organisierter Verbrecherbanden.

In der Wissenschaft ist es nicht unüblich, dass zwei Autoren dasselbe Thema bearbeiten. Aber es widerspricht den Vorschriften, nahezu identische Werke abzugeben. Die Arbeiten von Dickhuth und Orlowska, das hat die Paoli-Kommission herausgefunden, stimmen jedoch in großen Teilen des Textes überein. Auch wenn Dickhuths Arbeit wesentlich länger ausfällt, der inhaltliche Kern der Veröffentlichungen ist weitgehend identisch. 13 Abbildungen tauchen in beiden Veröffentlichungen auf. Auch die sieben Tabellen, die in der Dissertation stehen, finden sich in der Habilitation Dickhuths wieder.

Doch wer hat von wem abgeschrieben?

Schänzers Vermutung, dass Orlowska von Dickhuth geklaut hat, weil ihre Arbeit später als die Studie des Professors veröffentlicht wurde, ist unwahrscheinlich. Ihr erster Gutachter war der inzwischen verstorbene Professor Joseph Keul. Dem ehemaligen Leiter der Sportmedizin muss sofort aufgefallen sein, dass in seinem überschaubaren Institut zwei Arbeiten gleichen Inhalts veröffentlicht wurden. Warum sollte er der Doktorandin erlauben, so dreist das Werk Dickhuths zu kopieren?

In der Paoli-Kommission geht man deshalb davon aus, dass sich Dickhuth bei Orlowska bedient hat.

Marzenna Orlowska, 55, arbeitet heute am Pathologischen Institut der Uni-Klinik Freiburg. Sie kam mit 18 Jahren nach Deutschland, ohne die Sprache zu sprechen. Orlowska machte das deutsche Abitur, das Geld für ihr Medizinstudium verdiente sich die junge Frau mit Nachtschichten im Klinikum. Als Ausländerin ohne feste Arbeitserlaubnis war sie damals stets auf das Wohlwollen anderer angewiesen. In dieser Zeit kam sie mit Dickhuth ins Gespräch.

Orlowska erzählt, "die Idee für die Doktorarbeit kam von Dickhuth". Ursprünglich hätte sie Internistin werden wollen, zudem hätten ihr auch weitere Angebote zur Promotion vorgelegen. Aber dann entschied sie sich für die Sportmedizin.

Weiter sagt Orlowska, Dickhuth habe ihre Arbeit intensiv betreut, er sei immer informiert gewesen. Doch als sie ihre fertig gebundene Promotion abgab, sei es plötzlich zu Verzögerungen gekommen.

Sie habe noch "viele Änderungswünsche von Dr. Dickhuth" einarbeiten müssen. Er habe ihr gegenüber erklärt, dass er noch weitere Verbesserungen habe - "aber die würde er selbst einfügen". Orlowska sagt, sie sei damals "ziemlich enttäuscht" gewesen. Denn ihre Promotion verzögerte sich beträchtlich.

Dass sich Dickhuth aus ihrer Dissertation bedient habe, sagt sie, sei ihr erst später klar geworden: "Bei seiner Antrittsvorlesung als Professor habe ich natürlich meine Arbeit in seiner wiedererkannt." Dass er sie und ihre "treue und langjährige Arbeit" nicht erwähnte, habe sie traurig gemacht, aber sie fand auch, es ziemte sich nicht, den Doktorvater zu kritisieren. Dickhuths Habilitationsschrift habe sie nie gelesen. Dass die Arbeit womöglich ein Plagiat sei, habe sie erst erfahren, als die Paoli-Kommission sie befragt habe. Dickhuth wollte sich gegenüber dem SPIEGEL nicht äußern.

Der späte Ärger um die Arbeiten wirft ein schräges Licht auf die wissenschaftlichen Gepflogenheiten, die an der Sportmedizin Freiburg geherrscht haben müssen. Denn Keul, dem langjährigen Leiter der Sportmedizin, hätte der Fall des Wissenschaftsbetrugs auffallen müssen.

Keul war über Jahrzehnte der bekannteste deutsche Sportarzt, gern zeigte er sich mit Stars wie Tennisspieler Boris Becker oder Radprofi Jan Ullrich. Freiburg galt in der Republik als Mekka der Sportmedizin. Und Dickhuth war einer der wichtigsten Mitarbeiter Keuls. Überschwänglich bedankte er sich in der Habilitation bei seinem Ziehvater.

So viel Nähe hat die Skepsis von Mafia-Fachfrau Paoli verstärkt. Für ihre Ermittlungen in der Doping-Kommission hatte ihr Dickhuth als Leiter der Sportmedizin eine Liste mit Doktorarbeiten gegeben, die in den vergangenen Jahrzehnten in Freiburg geschrieben worden waren. Sie überprüfte, ob die Liste komplett war. Mindestens 14 Dissertationen fehlten. Eine davon war die Doktorarbeit von Dickhuths späterer Ehefrau.

Die Uni Freiburg stellte bei der ersten Durchsicht fest, dass es in diesem Werk auffällige Übereinstimmungen mit Dickhuths Habilitation und Orlowskas Dissertation gibt. Jetzt prüfen die zuständigen Kommissionen, ob auch in diesem Fall der Vorwurf des Plagiats erfüllt ist. Dickhuth erklärte, seine Frau wolle sich ebenfalls nicht äußern.

Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) hat eine vollständige Aufklärung der Fälle gefordert, "egal wie lange sie zurückliegen". Es müsse ein "deutliches Zeichen" geben, dass "sich so ein Verhalten nicht lohnt". Die Uni Freiburg, sagt Frankenberg, müsse den Weg "der Selbstreinigung konsequent weitergehen".

(*) Beim Workshop eines Pharmaherstellers im Oktober 1997 in Hamburg.

DER SPIEGEL 10/2011
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