05.03.2011

SPORTPOLITIK„Wir waren sehr großzügig“

Der scheidende Innenminister Thomas de Maizière, 57, über das Comeback der Eisläuferin Claudia Pechstein, Probleme bei der Dopingbekämpfung und Münchens Olympiabewerbung
SPIEGEL: Herr Minister, Claudia Pechstein hat sich nach ihrer Dopingsperre für die WM der Eisschnellläufer in Inzell qualifiziert. Drücken Sie ihr die Daumen?
De Maizière: Ja, klar.
SPIEGEL: Als bisheriger Dienstherr der Bundespolizei-Hauptmeisterin Pechstein?
De Maizière: Als Sportminister und sportbegeisterter Bürger.
SPIEGEL: Mit Ihnen lag Pechstein zuletzt im Clinch. Muss sie, obwohl sie wieder vollwertiges Mitglied der Nationalmannschaft ist und bezahlten Sonderurlaub beantragt hat, nach der WM am 14. März wieder zum Dienst antreten?
De Maizière: Niemand ist gezwungen, Bundespolizist zu werden. Aber wenn man sich dafür entscheidet, gelten Regeln. Die Bundespolizei und ich als bisheriger oberster Dienstherr waren in der Vergangenheit mit der Bundespolizistin Claudia Pechstein sehr großzügig. Ihr Verhalten gegenüber ihrem Arbeitgeber war dagegen nicht gerade stilbildend.
SPIEGEL: Es heißt, sie habe in den zwei Jahren ihrer Sperre durch eine erstaunliche Abfolge von Urlaub und Krankschreibung nur fünf Tage Polizeidienst geleistet.
De Maizière: Die Krankheit hat aber zugelassen, dass sie trainierte. Das verwundert. Um ihr nach Ablauf der Sperre Anfang Februar die Chance zum Comeback zu geben, haben wir zuletzt noch ihren beantragten Jahresurlaub bewilligt. Auch das ist großzügig gewesen. Aber nun erwarte ich, dass sie nach Ende dieses Urlaubs ihren Dienst antritt - oder auf ihren Dienstherrn zukommt, allerdings auf andere Weise als bisher.
SPIEGEL: Kommt Claudia Pechstein nach ihrer WM-Qualifikation wieder in den Genuss der Spitzensportförderung?
De Maizière: Nein. Zunächst: Es gibt bei der Aufnahme in die Sportfördergruppe der Bundespolizei keinen Automatismus. Entscheidend ist, dass dort Athleten gefördert werden sollen, die bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen erfolgreich sein können. Nun hat das IOC die Regel aufgestellt, dass jemand, der wegen Dopings gesperrt war, auch nach Ablauf der Sperre an zwei darauffolgenden Olympischen Spielen nicht teilnehmen darf. Also kann Claudia Pechstein in die Fördergruppe der Bundespolizei nicht zurückkehren, weil ihr Start 2014 in Sotschi ausgeschlossen ist.
SPIEGEL: Sie will jedoch eine Ausnahmegenehmigung des IOC erwirken. Ihr Hämatologe, der bei ihr eine erbliche Blutanomalie als Erklärung für ihre hohen Werte gefunden haben will, hat eine entsprechende Petition eingereicht. Müssten Sie dieses Verfahren nicht abwarten?
De Maizière: Nein. Die IOC-Regel gilt, und es gibt im Moment keine Ausnahmegenehmigung.
SPIEGEL: Claudia Pechstein möchte auch vom internationalen Verband eine Sondererlaubnis für eventuell zu hohe Blutwerte. Bekommt sie die Genehmigung nicht, will sie erneut den Internationalen Sportgerichtshof anrufen. Nervt Sie dieses Gezerre?
De Maizière: Es kommt nicht auf meine Gefühlslage an. Ich kann auch nicht Schiedsrichter spielen zwischen medizinischen Fachgutachten und will mich auch nicht zu Details der Sportgerichtsbarkeit äußern. Bis auf einen Punkt: Während wir im Disziplinarrecht und im Strafrecht die Regeln der Unschuldsvermutung und die Beweispflicht desjenigen haben, der einen Vorwurf erhebt, gibt es im Sport die Beweislastumkehr. Das bedeutet: Auch ohne den konkreten Nachweis des Dopings kann aufgrund bestimmter Umstände, die für Doping sprechen, eine Sperre ausgesprochen werden. Und zwar sehr schnell. Das ist wichtig, wenn es darum geht, ob jemand an unmittelbar bevorstehenden Wettkämpfen teilnehmen kann. Wir brauchen also diese Beweislastumkehr im Sport, aber auf den staatlichen Bereich ist sie nicht zu übertragen.
SPIEGEL: Ist diese Unvereinbarkeit der Grund dafür, dass es noch immer kein Anti-Doping-Gesetz gibt?
De Maizière: Die stärkere Nutzung des Strafrechts wäre ein Bärendienst für den Anti-Doping-Kampf, weil es zu langsameren Ermittlungen als in der Sportgerichtsbarkeit käme.
SPIEGEL: Bayerns Justizministerin Beate Merk beklagt aber, selbst der im Freistaat gebildeten Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft fehlten die Mittel eines solchen Anti-Doping-Gesetzes, um hinter die teils mafiösen Netzwerke des Dopings schauen zu können.
De Maizière: Der Freistaat Bayern hat ein ausdrückliches Lob dafür verdient, dass er eine solche Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft eingerichtet hat. Der Bund hat in seiner Zuständigkeit vor einigen Jahren ein Maßnahmenpaket und Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings in Kraft gesetzt. Damit wurden beispielsweise Strafvorschriften für den Besitz besonders gefährlicher Substanzen eingeführt und Strafen für den Handel mit Dopingmitteln verschärft. Wir werden diese Regelungen demnächst evaluieren und prüfen, ob sie ausreichen. Bei der Einführung eines eigenen Straftatbestandes müssten wir jedoch bedenken: Wir brauchen im Strafrecht einen Anfangsverdacht, wir brauchen Ermittlungsansätze etwa für Hausdurchsuchungen. Es ist umstritten, ob der positive Test eines Sportlers einen solchen Verdacht im Sinne des Strafrechts begründet.
SPIEGEL: Selbst Spanien hat ein Anti-Doping-Gesetz.
De Maizière: Und daran sieht man: Strafrecht alleine ist im Kampf gegen Doping auch nicht immer effektiv.
SPIEGEL: Inspektoren des IOC haben kürzlich München und Garmisch-Partenkirchen unter die Lupe genommen, die gemeinsamen Bewerber um die Winterspiele 2018. Befürchten Sie, dass Olympia-Gegner mit ihrem Begehren auf Bürgerentscheid in Garmisch-Partenkirchen auf Zeit spielen und damit die Kandidatur torpedieren könnten?
De Maizière: Wir Deutsche haben die Angewohnheit, überall zuerst die Risiken zu sehen statt die Chancen. Wir sind manchmal wie die Prinzessin auf der Erbse. Das stört mich. Aber vor diesem Hintergrund betrachtet ist die Olympia-Bewerbung schon jetzt ein großer Erfolg: Nennen Sie mir irgendein Großprojekt, das 75 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung hat; die Bewerbung um die Olympischen Spiele hat sie. Klar, nun gibt es Gegner. Aber wir sind stolz darauf, in einem Staat zu leben, in dem sich auch Gegner von demokratisch legitimierten Mehrheitsentscheidungen artikulieren können. Allerdings muss die Dimension stimmen - es darf keinen Missbrauch mit dieser Art von Gegnerschaft geben.
SPIEGEL: Liegt die Lösung darin, dass die Befürworter für ein schnelleres Bürgervotum sorgen?
De Maizière: Das ist Sache der Bürger vor Ort. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es Mittel und Wege gibt, dass die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen rechtzeitig vor dem IOC-Entscheid im Juli ihre Zustimmung zum Ausdruck bringt.
SPIEGEL: Bei Olympia gibt es wie bei der Fußball-WM der Männer und Frauen eine Steuerbefreiung für die Veranstalter. Warum nicht für den Ryder Cup der Golfer, für den sich Deutschland bewirbt?
De Maizière: Wenn Sie mich fragen, ist eine Steuerbefreiung immer ein Problem. Aber bei Olympischen Spielen ist sie nun mal Teil der Bewerbungsbedingungen, und man bekommt auch die Fußball-WM nur zu diesem Preis. Der Ryder Cup ist dagegen nicht einmal eine Weltmeisterschaft.
SPIEGEL: Die Lobby der Golfer hält ihn für ziemlich bedeutsam.
De Maizière: Er ist sicher reich an Tradition und prestigeträchtig für die Golfspieler, aber nüchtern betrachtet handelt es sich um einen Wettbewerb zwischen Europa und den USA in einer Randsportart.
(*) Als Kuratoriumschefin der Bewerbungsgesellschaft am 28. Februar in München.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 10/2011
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