05.03.2011

POPGaddafis Musikantenstadl

Nicht nur westliche Politiker suchten die Nähe von Oberst Gaddafi: Auch Stars wie Beyoncé oder Nelly Furtado waren dem Clan des Diktators zu Diensten.
Wie feiert Muammar al-Gaddafi einen Bombenangriff? Mit einem Konzert von José Carreras und Lionel Richie.
Tripolis, 15. April 2006. Rund tausend Gäste warten vor dem ehemaligen Hauptquartier des libyschen Diktators. Die Ruine ist inzwischen ein Mahnmal, das an die Bombardierung durch amerikanische Kampfflugzeuge genau 20 Jahre zuvor erinnern soll. Vor den Trümmern hat man eine Konzertbühne aufgebaut, komplett mit Flügel, E-Gitarren, Mikrofonen.
Es gibt Applaus, als José Carreras auftritt, der spanische Tenor, stets unterwegs im Dienst der guten Sache. Anschließend spricht Aischa Gaddafi, die Tochter des Revolutionsführers, sie erzählt vom Frieden und von "unseren Wunden", die heilen müssten.
Der Star des Abends aber ist Lionel Richie, der amerikanische Popsänger, berühmt für Hits wie "Dancing on the Ceiling". Er singt fünf Lieder, beim letzten begleitet ihn ein Kinderchor. Hana, die bei dem US-Angriff getötete Adoptivtochter Gaddafis, "wäre heute Abend sehr glücklich", sagt Richie.
"Libyen, ich liebe dich!", ruft er zum Abschied ins Publikum, was auch damit zu tun haben mag, dass Richie für den Auftritt mutmaßlich eine Gage von fünf Millionen Dollar kassierte.
Als Förderer der Popmusik war Oberst Gaddafi bis dahin nicht aufgefallen. Im April 1986 hatten von Gaddafi beauftragte Attentäter eine Bombe in der Berliner Discothek La Belle gezündet, einem vor allem bei US-Soldaten beliebten Club. Drei Menschen starben bei dem Anschlag, mehr als 200 wurden verletzt.
Gaddafis mörderische Vergangenheit hatte in den vergangenen Jahren keine große Rolle mehr gespielt; der Diktator galt als resozialisiert. Doch ebenso wie viele westliche Politiker geraten jetzt auch einige Popstars wegen ihrer Nähe zu seinem Regime in Verlegenheit.
Anfang der Woche gab die kanadische Sängerin Nelly Furtado zu, im Jahr 2007 eine Million Dollar vom Gaddafi-Clan erhalten zu haben - für ein 45-Minuten-Konzert in einem Hotel in Italien. Nun versprach sie, die Gage zu spenden.
Einige der größten amerikanischen Popstars haben in den vergangenen Jahren für die Gaddafis gespielt: die Sängerinnen Mariah Carey, Beyoncé Knowles, ihr Kollege Usher sowie der Rapper 50 Cent. Besonders beliebt waren die Silvesterpartys, die die Gaddafi-Söhne auf der Karibikinsel St. Barth schmissen. Eine Million Dollar soll Carey für ihren Auftritt zum Jahreswechsel 2008/2009 bekommen haben. Für Beyoncé im Jahr darauf wird von einer ähnlichen Summe ausgegangen; sie behauptet jetzt, die Gage gespendet zu haben. Per Handy schickten die Gäste der Party zahllose Fotos in die Welt hinaus. Wirklich gekümmert scheint es niemanden zu haben, mit wem da gefeiert wurde und auf wessen Kosten.
Neben ihren Shows vor normalem Publikum bewegen sich viele große Popstars in einer Schattenwelt. Sie geben hochbezahlte Privatkonzerte für Oligarchen, Computer-Milliardäre, Öl-Scheichs. Auch wenn manche Künstler sich gern anders sähen: Sie operieren wie Konzerne, sind Markenartikel, die sich für einen Zeitraum mieten lassen.
Die Gaddafis waren nicht die einzige Diktatorensippe, die sich berühmte Musiker zum Hauskonzert leistete. Timur Kulibajew, Schwiegersohn von Kasachstans ewigem Herrscher Nursultan Nasarbajew, heuerte - laut einer WikiLeaks vorliegenden US-Botschaftsdepesche - zur Feier seines 41. Geburtstags Elton John an, für eine Million Pfund. Nasarbajews Tochter soll Nelly Furtado eingeflogen haben. Über Höhe und Verbleib dieser Gage hat sich die Sängerin bislang nicht geäußert.
Michael Jackson ließ sich jahrelang vom Sohn des Königs von Bahrain aushalten. Jackson sollte mit dessen Millionen ein Album aufnehmen. Dazu kam es nie. Am Ende verklagte der Mäzen den Musiker.
Kein Diktator geht in seiner Liebe zur Kunst allerdings so weit wie der Nordkoreaner Kim Jong Il. 1978 ließ er die von ihm verehrte südkoreanische Schauspielerin Choi Un Hui sowie ihren Ex-Ehemann, einen Regisseur, entführen, um mit ihnen Filme zu drehen. Erst acht Jahre später konnte das Paar entkommen.
Von Tobias Rapp und Martin Wolf

DER SPIEGEL 10/2011
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