05.03.2011

ESSAYDas ist doch nicht normal

Wie sich die Verlässlichkeit aus unserem Leben verabschiedet Von Gabor Steingart
Wenn wir früher empört oder auch nur verwundert waren über die Verrücktheiten, die das Leben hervorgebracht hatte, sagte einer zum anderen: Das ist doch nicht normal. Alle nickten sich dann zu und schwiegen. Das gehörte zum Ritual. Es war beruhigend, dass die Koalition der Normalen größer war als die Zahl derer, die wir "die Verrückten" nannten. Wer seiner eigenen Identität nicht sicher war, brauchte nur den anderen anzuschauen. Er sah sich in ihm.
Wir Deutsche der siebziger, achtziger und neunziger Jahre hatten eine ziemlich präzise Vorstellung von dem, was normal und was verrückt war. Normal war, dass die Dinge so waren, wie sie immer waren. Die Rede ist von jener Zeit, als man zum Musikhören eine Stereoanlage benutzte, als man an der Hotelrezeption noch einen Zimmerschlüssel ausgehändigt bekam und nicht eine Magnetkarte, als nach dem Studium der "Ernst des Lebens" begann und nicht ein weiteres Praktikum.
Einst besaßen Matrosen, Prostituierte und Gefängnisinsassen eine Tätowierung, aber nicht die Frau des Bundespräsidenten. Die Rede ist hier von jener Zeit, als wir Menschen, denen wir noch nie begegnet waren, Fremde nannten, und nicht Friends oder Follower. Wir trafen uns im Café und nicht bei Facebook. Früher bedeutete Kommunismus Armut und nicht schnellen Reichtum. Die KP Chinas wurde vom Westen für die Missachtung der Menschenrechte kritisiert, nicht aber für den von ihr festgelegten Umtauschkurs des Yen zum Dollar. Dachten wir an Amerika, dachten wir an Coca-Cola, Microsoft und Bill Clinton und nicht an Guantanamo, Staatsschulden und die Pleite der Lehman Brothers.
Wir sprechen von jener untergegangenen Epoche, als Deutschland nicht wusste, wohin mit den vielen Kindern. Die "geburtenstarken Jahrgänge" würden es schwer haben, einen Kindergartenplatz, eine gute Schule, einen auskömmlichen Platz im Erwerbsleben zu finden. In meinem Geburtsjahr, 1962, wurden in Deutschland 1 316 534 Babys geboren. Im Jahr 2010 waren es nicht mal halb so viele. Damals stieg die Rente noch, das Renteneintrittsalter sank.
Es war die Zeit, als die SPD links und die CDU rechts war, als sich die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bundesbank mit Zinspolitik beschäftigten und nicht mit Vererbungslehre, als wir bei Adel an Anstand und Ehre dachten und nicht an erschlichene Doktortitel.
"Reform" war einst ein Sehnsuchtsversprechen. Heute ist es eine Drohung. Widerstand war eine große Vokabel, da sie vom Kampf gegen Unrecht und Unmenschlichkeit kündete. Es gab zu wenig deutschen Widerstand gegen Hitler, weshalb das Wort nach 1945 umso wertvoller klang. Der Widerstand gegen einen neuen Bahnhof aber entwertet das Wort. Es steht nun im Verdacht, der Bequemlichkeit zu dienen.
Der Krieg der alten Schule bedeutete, Staaten kämpfen gegen Staaten und nicht gegen Höhlenmenschen, die ihre Frauen verschleiern und sich selbst in die Luft sprengen. So bestialisch die Kriege aus dem Geschichtsbuch auch waren: In gewisser Weise herrschte Ordnung. Es gab einen Tag, an dem der Krieg ausbrach. Und es gab einen Tag, an dem die Kapitulationsurkunde unterzeichnet wurde. Heute herrscht Krieg mitten im Frieden, und der Krieg sieht so friedlich aus. Die Bomben kommen nicht mehr mit dem Luftwaffengeschwader, sondern baumeln am Hosenbund eines Halbwüchsigen. Ein Krieg ohne Anfang und Ende lag außerhalb unserer Vorstellungskraft. Dieser permanente Krieg macht die Menschen traurig, wie die anderen Kriege auch. Aber er macht sie vor allem ratlos. Denn jeder weiß mindestens zwei Dinge über diesen Krieg: Er ist nicht zu gewinnen, und er darf trotzdem nicht verloren werden.
Der Bonus zum Jahresende war eine Auszeichnung. Guter Lohn für gute Arbeit, das war der Grundsatz, auf den wir uns jederzeit verständigen konnten. Mittlerweile steht das Wort Bonus für Betrug, nicht nur an den Bankkunden, sondern auch am Prinzip einer gerechten Bezahlung. Heute verdient ein Spitzen-Investmentbanker das 200fache des Ingenieurs.
Die Banken zählten damals zu den langweiligsten Firmen des Landes. Die dort Beschäftigten hießen Bankbeamte und gingen bedächtig ihrer wichtigsten Aufgabe nach, der Kreditvergabe. Wenn sie das Wort "Risiko" nur hörten, bekamen sie einen Schreck - und nicht wie ihre Nachfolger einen Erregungszustand.
Das ist nicht normal. Aber der Satz stimmt so nicht mehr. Das ist normal. Er verrichte doch nur "Gottes Werk", sagte unlängst Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, und nicht mal die Kirche fand den Mut, ihm zu widersprechen.
Viele haben sich verändert in diesen Jahren, nicht nur die anderen. Wir selbst sind Gegenstand einer Transformation, die auf geheimnisvolle Weise in uns wirkt. Die Verrücktheit der Außenwelt spiegelt sich in uns wider. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagte einst Theodor Adorno. Heute müsste man hinzufügen: Es gibt kein normales Leben in Zeiten sich auflösender Normalität.
Alle Lebensbereiche sind vom Verschwinden der Selbstverständlichkeit erfasst, zunehmend auch das Privatleben. Die Beziehung zur Automarke ist stabiler als die zum Ehepartner. Unsere Großeltern zogen beim Geschlechtsakt noch die Vorhänge zu, ihre Urenkel schalten Webkamera und Halogenscheinwerfer ein. In seiner Kulturgeschichte der Neuzeit schrieb Egon Friedell: "Eine neue Ära beginnt nicht, wenn ein großer Krieg anhebt oder aufhört, eine starke politische Umwälzung sich durchsetzt, sondern in dem Moment, wo eine neue Variante der Spezies Mensch auf den Plan tritt." Diese neue Variante der Spezies Mensch sind wir.
Eine Welt der ungezählten Wirklichkeiten haben wir erschaffen. Das einzig Zuverlässige ist ihre Unzuverlässigkeit. Die Prägekraft der alten Mächte - Fabrikant, Vater, Kirchenmann - verliert in ihr an Bedeutung. Niemand besitzt mehr eine Vetomacht über das Leben der anderen.
Diese nachlassende Prägekraft ist das eine. Das Neue und Aufregende, das den Beginn unseres Jahrhunderts Prägende aber ist die Tatsache, dass die alten Ordnungskräfte des Lebens durch keine neuen ersetzt wurden. Erst dieses Nicht-Ersetzen der alten Kräfte reißt die Welt aus ihren bisherigen Verankerungen und schafft unsere brüchige Gegenwartswelt. Lord Dahrendorf sprach von der "Welt ohne Halt". Keiner kann sie halten, und wir finden in ihr keinen Halt.
Für den Einzelnen ist diese Tatsache beides, eine ihn verstörende und zugleich beglückende Botschaft: Er ist frei. Er ist nicht mehr nur Zeuge seiner Biografie. Die große gesellschaftliche Prägemaschine hat ihn aus ihren metallischen Pressbacken entlassen.
Die Konservativen sprechen vom Zerfall der Gesellschaft, die Werbeindustrie von ihrer Fragmentierung, Jürgen Habermas von Ausdifferenzierung, Charles Taylor von Atomisierung, Hans Magnus Enzensberger beklagt die Idiotie der Gleichzeitigkeit. Die alte Normierung der Gesellschaft hebt sich auf, und an ihre Stelle tritt keine neue Normierung, sondern eine Inflation der Wirklichkeiten, das Nebeneinander von falsch und richtig, die friedliche Koexistenz von Widersprüchen. Es bilden sich Gruppen und Zustände, es entstehen Stimmungen und Überzeugungen, die kurz darauf schon wieder zerfallen, um sich neu zu konfigurieren.
Wir erleben in unserer Gegenwart nicht das Ende der einen und den Beginn einer anderen Normalität, sondern das Ende von Normalität. Die Gesellschaft wechselt ihren Aggregatzustand von fest auf flüchtig. Das Leben, wie es bisher war, verabschiedet sich. Eine verwirrende Vielzahl von Leben kann innerhalb einer Lebenszeit gelebt werden, so dass Peter Sloterdijk, den Staatsrechtler Carl Schmitt zitierend, der Menschheit den Singular abstreitet: "Wer Menschheit sagt, will betrügen."
Eine Normalität, in der sich nur noch Kleinstgruppen auf Teilnormalitäten verständigen können, und auch das nur vorübergehend, ist keine Normalität mehr. Wo nichts von selbst verständlich ist, endet Selbstverständlichkeit.
Es gibt für die Deutschen nach dem Ende der Normalität nicht nur eine Zukunft, sondern viele Zukünfte. Die Freiheit lockt, so wie sie uns auch schreckt. In uns braust und saust es. Wir betreten eine Welt veränderter Wahrscheinlichkeiten.
Früher gab es für den, der im bürgerlichen Elternhaus aufwuchs, eine Festbuchung auf ein sehr ähnliches Leben, wie es Vater und Mutter geführt haben. Der Beamte hatte mit Überreichung der Ernennungsurkunde ausgesorgt. Eheleute blieben zusammen, bis der Tod sie schied.
Heute hat niemand mehr das Los des Lebens in der Tasche. Es wird immer neu gezogen. Eine flatterhafte Gesellschaft, die sich selbst beschleunigende Technik und die mit mathematischer Präzision voranschreitende Überalterung der Gesellschaft ergeben einen Problemcocktail, dessen Wirkung sich der Vorhersage entzieht. Die Wahrscheinlichkeit, dass alles anders kommt, konkurriert mit der Hoffnung, dass manches bleibt, wie es war. Das lineare Leben früherer Zeiten endet mit einem Feuerwerk von Komplexität.
Wir halten die Freiheit in der Hand, aber die Sicherheit ist uns entwischt. Das stolze Gefühl von Selbstbestimmung zog in uns ein, aber das Gefühl des Geborgenseins und Gehaltenwerdens ging dabei verloren. Schon steigen vielerorts Zweifel auf, ob der moderne Mensch wirklich der Profiteur der Geschichte ist oder nicht einer Bilanzbetrügerei aufsitzt, die Zumutungen als Gewinne ausweist.
Das Verrückte an der Freiheit ist ja gerade das: Man weiß nie, woran man mit ihr ist. Sie spricht keine Garantien aus, vergibt keine festen Sitzplätze, meidet das Deutliche. Sie ist oft nicht viel mehr als eine Möglichkeit. Die Freiheit scheint wie der abstrakte Künstler zu arbeiten, der selbst noch nicht weiß, wohin sein Pinsel ihn gleich führt, in welcher Farblache er sich suhlt, wie fest er seine Borsten gegen die Leinwand presst.
Die Machtverschiebung vom Kollektiv zum Individuum hat noch eine weitere, verblüffende Folge: Für den Einzelnen gelten nun andere Regeln als für die ihn umgebende Gesellschaft. Die heutige Gesellschaft ist charakterisiert durch die Anerkennung von Unterschieden. Erlaubt ist, was anderen nicht schadet. Die liberale Gesellschaft ist eine "Gesellschaft der Fülle", wie Ernst Nolte sich ausdrückt.
Diese Gleichzeitigkeit der Wahrheiten und Lebensstile ist für die Gesellschaft möglich, für den Einzelnen aber nicht. In der Gesellschaft haben die verschiedensten Theorien und Moden, auch Idiotien nebeneinander Platz, aber nicht in unserem Kopf. Die Gesellschaft wird durch Vielfalt reicher. Unser Kopf nicht. Er droht zu platzen.
Im Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst, in seinen inneren Angelegenheiten, kann es nur eine Wahrheit geben. Aus der Fülle des Angebots muss jeder das für ihn Gültige kondensieren. Das Unbedingte wird nicht mehr vorgegeben, aber das bedeutet nicht, dass es aus unserem Leben verschwindet. Das Unbedingte muss nun vom Einzelnen selbst hervorgebracht werden. Wir können, wie Rüdiger Safranski sagt, global kommunizieren und reisen, aber wir können nicht im Globalen wohnen: "Wohnen können wir nur hier oder dort, aber nicht überall." Die Freiheit der Gleichzeitigkeit ist die einzige Freiheit, die der Mensch nicht besitzt.
Selbstbeherrschung ist daher von allen Herrschaftsformen die schwierigste. Der Einzelne muss nun das tun, was andere bisher für ihn taten: entscheiden.
Gabor Steingart, 48, ist Chefredakteur des "Handelsblatts". Sein neues Buch "Das Ende der Normalität - Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war" erscheint am 10. März (Piper Verlag; 176 Seiten; 16,95 Euro).
Von Gabor Steingart

DER SPIEGEL 10/2011
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