14.03.2011

BÜROKRATIE

Die Öko-Falle

Von Fleischhauer, Jan; Kleinhubbert, Guido; Neubacher, Alexander

Wenn es um die Umwelt geht, ist Deutschland kein Preis zu hoch. Nirgends wird hingebungsvoller der Müll getrennt, am Strom gespart, auf Wasser verzichtet. Doch wie beim Biosprit E10 stehen Aufwand und Ertrag oft in keinem Verhältnis, mitunter schadet der gute Wille sogar.

Der Bürger hat es vermasselt, mal wieder. Dabei war alles vorbereitet für die grüne Revolution: frisches Benzin an den Tankstellen, neue Schilder, die Depots der Raffinerien bis zum Rand gefüllt. Und dann das: Der deutsche Autofahrer verweigert sich der neuen Zeit. Er mag einfach kein E10 kaufen, selbst da nicht, wo es fast zehn Cent billiger ist als ein Liter Super.

So etwas kann sich die Bundesregierung natürlich nicht bieten lassen. "Ja, das ist ärgerlich, aber ein Verkaufsstopp für E10 kommt nicht in Frage", sagte Umweltminister Norbert Röttgen am Dienstag vergangener Woche, zum Auftakt eines eilends einberufenen "Benzingipfels" in Berlin. Immerhin handle es sich bei der Einführung des neuen Kraftstoffs um einen Meilenstein der deutschen Klimaschutzpolitik, wie der Minister mit drohendem Unterton hinzufügte.

Jetzt greift Paragraf 37c des Bundes-Immissionsschutzgesetzes. Pro Liter herkömmlichen Benzins sind etwa zwei Cent Strafe fällig. Der Betrag wird gleich beim Tanken auf den Preis aufgeschlagen. Es gibt auch schon eine Behörde, die aufpasst, dass sich alle an die Regeln halten. Beim Hauptzollamt in Frankfurt (Oder), Außenstelle Cottbus, hat die Bundesregierung eine Biosprit-Quotenstelle eingerichtet, die das Strafgeld kassiert.

Wenn es um die Umwelt geht, müssen andere Interessen zurücktreten, Gefahr von Motorschäden durch E10 hin oder her, es geht um die Zukunft für alle. Die Vereinten Nationen haben den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu einem ihrer "Millenniumsziele" erklärt, den Klimaverhandlungen der großen Industrienationen wird heute mehr Bedeutung beigemessen als Wirtschaftsgipfeln.

In den Programmen aller ernstzunehmenden Parteien nimmt der Umweltschutz breiten Raum ein; im Koalitionsvertrag von Union und FDP steht das Kapitel "Nachhaltiges Wirtschaften und Klimaschutz" noch vor Familie, Bildung und innerer Sicherheit. Die Förderung des Elektroautos liegt der Bundesregierung ebenso am Herzen wie der Ausbau der erneuerbaren Energien oder der Schutz der Fische in "frei fließenden Flüssen".

Es gibt kein Thema, bei dem sich die Politik so einig ist. Wer will sich auch den Vorwurf zuziehen, die Ressourcen der nachfolgenden Generationen zu vergeuden? Während schon eine kleine Gesetzesinitiative wie die Erhöhung des Arbeitnehmerpauschbetrags zu wochenlangem Streit führt, gab es zur Abschaffung der Glühbirne nicht eine einzige Aussprache im Bundestag. Sobald auf einem Vorhaben das Wort Umwelt prangt, erübrigt sich jede weitere Debatte.

Wenn es der Umwelt nützt, scheint kein Preis zu hoch. Für jedes heimische Lebewesen, und sei es ein Juchtenkäfer wie jüngst in Stuttgart, finden sich sofort Menschen zusammen, um sich dem Bagger in den Weg zu stellen. Wehe, es leben irgendwo Großtrappen oder seltene Molche: Dann müssen Unterführungen und Erdwälle her - oder die Strecke wird, wie nahe Hessisch Lichtenau, für 50 Millionen Euro in einen Tunnel geführt. Man mag das für unnötig sentimental halten, andererseits ist es ein schöner Zug, wenn Menschen sich für den Erhalt von Lebewesen einsetzen, und seien sie noch so klein.

Die Bürger machen normalerweise alles brav mit, an ihnen soll es nicht scheitern. Die Deutschen sind, wenn es ökologisch wird, ein musterhaftes Volk. Sie trennen sorgfältig ihren Abfall und sparen beim Wasser, sie bringen die Flaschen zurück in den Supermarkt und die Batterien zur Sammelstelle. Als man ihnen sagte, sie brauchten für ihre Autos jetzt einen Rußfilter, ließen sie diesen ohne Murren in der Werkstatt nachrüsten. Selbstverständlich sind sie auch ganz vorn mit dabei, Solar aufs Dach zu bringen und Dämmplatten an die Wand zu kleben.

In eher seltenen Fällen beschleicht die Menschen der Verdacht, dass Aufwand und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Es ist noch nicht lange her, dass die Republik dem Feinstaub den Kampf erklärte. In vielen Städten richteten die Verantwortlichen Fahrverbotszonen ein und stellten Messanlagen auf. Dann verschwand das Thema so schnell, wie es aufgetaucht war, ohne dass sich die Luftqualität nennenswert verbessert hätte. Die Zahl der Tage, an denen die Behörden Feinstaubalarm auslösen, ist gerade wieder gestiegen.

In vielen Städten ist die Mülltrennung inzwischen eine Wissenschaft für sich. Wo noch vor 20 Jahren eine schwarze Tonne reichte, stehen heute sechs bunte Plastikcontainer, auf die der Abfall zu verteilen ist: einer fürs Papier, einer für Verpackungen, zwei für Bunt- und Weißglas, einer für das Grünzeug und einer für den Rest. Die Hansestadt Hamburg belohnt jeden Bewohner, der sich eine grüne Tonne für Kompostabfälle anschafft, mit einem Gebührennachlass - auch wenn er gar keinen Garten hat. Hamburg will Umweltstadt Europas sein, da muss man sich etwas einfallen lassen.

Mancher erinnert sich auch noch an die Diskussion um das Dosenpfand, das die Verbraucher zum Umstieg auf Mehrwegflaschen bewegen sollte. Seit Einführung der Pfandpflicht stellen die Menschen überrascht fest, dass im Getränkeregal so viele Einwegflaschen stehen wie nie zuvor. Jetzt muss man die mit Pfand halt zurückbringen, bevor sie in den Schredder wandern, das ist der ökologische Unterschied. Sogar die Weißblechdose feiert ein ungeahntes Comeback.

Aber was sollen sie sich aufregen, das liegt den Deutschen nicht. Folgsam kommen sie ihren Umweltpflichten nach, trotz aller Zweifel. Nur in Ausnahmefällen regt sich Widerstand. Viele wollen nicht recht einsehen, warum sie nun auch Abschied von der Glühbirne nehmen sollen. Der einfachste Weg, Strom zu sparen, wäre aus Sicht des Normalbürgers, das Licht auszuschalten, wenn man es nicht mehr braucht.

Auch beim angeblichen Biobenzin zeigen sie sich nun ungewohnt störrisch. Wenn es um die Unversehrtheit des Motors geht, geben die Bürger lieber ein paar Cent mehr aus, als sich nachher über durchgefressene Leitungen zu grämen, zumal ja auch Behörden der Sache misstrauen. "Das Innenministerium Baden-Württemberg bittet darum, von der Betankung der Dienstkraftfahrzeuge mit Benzinmotoren mit dem neuen Kraftstoff E10 vorläufig Abstand zu nehmen", heißt es etwa in einem Rundschreiben, das die Polizeidirektion Freiburg vergangenen Mittwoch an alle Kollegen verschickte.

Dass es sich bei E10 um einen Ökoschwindel handelt, ist vielen noch nicht einmal richtig bewusst. Wer der Umwelt etwas Gutes tun will, sollte das neue Benzin auch in Zukunft meiden.

Neun große europäische Umweltverbände haben in einer gemeinsamen Studie herausgefunden, dass die Umweltbilanz von Kraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen unterm Strich eindeutig negativ ist. In Brasilien und auf Borneo werden die Regenwälder gerodet, um Platz für Zuckerrohr und Ölpalmen zu schaffen. Gleichzeitig fehlen für Nahrungsmittel die Anbauflächen, weshalb weltweit Hungersnöte drohen. Im vergangenen Jahr ist der Preis für Getreide auf dem Weltmarkt stark gestiegen.

Für eine einzige Tankfüllung Bio-Ethanol geht etwa so viel Korn drauf, wie ein Erwachsener in einem ganzen Jahr essen kann. Um nur den deutschen Mehrbedarf an Biosprit decken zu können, brauchte es ein Anbaugebiet von etwa einer Million Hektar. Das ist eine Fläche viermal so groß wie das Saarland, die gedüngt, mit Pestiziden behandelt und intensiv bewirtschaftet werden muss. Umweltverbände rechnen europaweit mit bis zu 56 Millionen Tonnen zusätzlicher Treibhausgase jährlich, ein Umweltverbrechen, das sofort gestoppt werden müsse.

Doch dafür ist es reichlich spät. Landwirtschaft und Industrie haben sich umgestellt. Auf riesigen Flächen in Deutschland wächst nichts als Mais (für Biogas), Raps (für Biodiesel) oder Zuckerrüben und Weizen (für Biobenzin).

Wer wissen will, wie weit die Entwicklung bereits fortgeschritten ist, kann sich beim Imker Ekkehard Hülsmann aus dem badischen Appenweier im Landkreis Ortenau erkundigen. Seine sonnenverwöhnte Heimat galt immer als eine Art Garten Eden, in dem die Obstbäume ebenso gediehen wie der Wein, das Gemüse und der Tabak. Und so war auch der Honig, den Hülsmanns Bienen in der Region aufsammelten, weithin für seinen guten Geschmack bekannt.

Inzwischen wird auf mehr als der Hälfte der Ackerfläche im Landkreis Mais angebaut, und für Hülsmanns Bienen sind harte Zeiten angebrochen. In einem Jahr raffte es die Hälfte der Tiere dahin, weil sie ein von Bayer entwickeltes Mittel zum Schutze der Maispflanze nicht vertrugen. Im nächsten verendeten viele Bienen, weil sie nicht genug zu fressen fanden.

Er habe es ja anfangs selbst nicht für möglich gehalten, sagt Hülsmann, aber es sei wahr: "Die Bioenergie macht unsere schöne Natur kaputt."

So ist es leider häufiger in der Umweltpolitik: Zwischen Sinn und Unsinn verläuft ein schmaler Grat. Nicht alles, was grün daherkommt, nützt der Natur - manches schadet ihr sogar. Der Ökogrundsatz, möglichst behutsam zu verfahren, ist ausgerechnet in der Umweltpolitik außer Kraft gesetzt. Hier wird nach dem Prinzip verfahren, dass mehr vom Guten auch mehr hilft.

Niemand rechnet genau nach, ob die Milliarden, die in den Umweltschutz gehen, sinnvoll investiert sind. Der Bürger kann es nicht beurteilen - und viele Fachleute, die von den Problemen leben, vor denen sie warnen, haben an solch einer Bilanz kein Interesse. Ein beträchtlicher Teil des Geldes fließt in Expertisen, Risikofolgeabschätzungen und Gütesiegel. Im Lobbyistenverzeichnis des Bundestags liegt die Zahl der Verbände und Kommissionen, die sich dem ökologischen Fortschritt verpflichtet fühlen, gleichauf mit den Interessenvertretern aus der Pharmabranche oder Verkehrsindustrie.

Wer sich näher mit der Sache befasst, muss bekümmert feststellen, dass sich die Mühe leider oft nicht lohnt. In der Regel lässt sich nur noch ein kleiner Effekt nachweisen, der zudem teuer erkauft werden muss. Die deutschen Umweltstandards sind bereits so hoch, dass es eines enormen Aufwands bedarf, um eine weitere Verbesserung zu erzielen - jedenfalls im Vergleich zu weniger entwickelten Ländern wie China, Indien oder den ehemaligen Ostblockstaaten.

In der Ökonomie kennt man dies als das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Es besagt, dass irgendwann eine Sättigung eintritt. Das erste Glas hilft sehr gegen Durst, das zweite schon weniger, nach dem zehnten stellt sich ein unangenehmes Völlegefühl ein oder sogar Übelkeit.

Das ist das Schlimme an der Sache: Manche umweltpolitische Großtat hilft der Ökologie nicht nur nicht - sie führt sogar zum Gegenteil.

Müll

Agnes Bünemann schnüffelt im Müll anderer Leute, das ist ihr Auftrag, den hat sie von ganz oben. Für Bund, Länder und Kommunen findet sie zum Beispiel heraus, ob die Menschen ihren Abfall so trennen, wie es das Gesetz verlangt. Bünemanns Firma sitzt in Osnabrück und heißt Cyclos, das kommt von Kyklos, dem altgriechischen Wort für Kreis. Und so ist es Bünemann und ihrem staatlichen Auftraggeber ja auch am liebsten: Nichts soll verschwendet werden, alles wird wieder gebraucht, Yin und Yang, die Welt im Gleichgewicht.

Bünemann und ihre Leute haben in Berliner Abfalltonnen gewühlt und gelbe Säcke in Dortmund gefleddert. Sie fanden heraus, dass Rentner penibler sortieren als Studenten und Einheimische genauer als Migranten. Die besten Mülltrenner Deutschlands leben wohl in Delmenhorst.

Im Großen und Ganzen, sagt Bünemann, könne die Politik mit dem Bürger zufrieden sein. Die Deutschen sind ein Volk von Trennern und Sammlern. Nur etwa 20 Prozent des Abfalls landen in der falschen Tonne, was angesichts der Komplexität der Materie eine respektable Leistung darstellt. Die Verpackungsverordnung, erstmals in Kraft gesetzt im Jahr 1991, wird allgemein hochgeachtet.

Für jedes Produkt, das mit dem Grünen Punkt des "Dualen Systems Deutschland" gekennzeichnet ist, zahlt der Bürger schon beim Einkauf die Müllgebühr mit. Geleerte Dickmilchbecher oder Kefirbehälter sind löffelrein zurückzugeben. Nicht wenige spülen die Becher sogar aus, in der Hoffnung, es helfe beim Recycling. Der Glaube an die Wiedergeburt des Plastikbechers ist groß. Der Kreis darf nicht durchbrochen werden.

Wird der gelbe Sack dann abgeholt, geht die Sortiererei weiter. Per Infrarotsensor halten Spezialmaschinen bis zu sechs verschiedene Plastiksorten auseinander. Doch dann passiert etwas Merkwürdiges. Über die Hälfte der Joghurtbecher, Saftflaschen und Verpackungsfolien wandern - ins Feuer.

Das ist erlaubt. Nur 36 Prozent des Plastikmülls muss das Duale System "werkstofflich verwerten", wie es im Gesetz heißt. Mit dem großen Rest kann das Unternehmen machen, womit es am meisten Geld verdient. Und das ist oft der Verkauf an Anlagen, in denen Müll verbrannt wird, etwa um Fernwärme zu produzieren. Die Fachleute sprechen von "thermischer Verwertung".

Weit über hundert solcher Anlagen gibt es in Deutschland. Weil Restmüll seit gut fünf Jahren nicht mehr einfach auf eine Deponie gekippt werden darf, hat fast jede größere Kommune einen eigenen Ofen. Doch es gibt längst zu viele Verbrennungsanlagen für zu wenig Restmüll, auch weil die Bürger so schön trennen. Die Betreiber der Öfen wussten irgendwann nicht mehr, womit sie diese eigentlich befeuern sollen.

Da kommen die Gelben Säcke gerade recht. Die Verbrennungsofenbetreiber, viele sind in kommunaler Hand, kaufen im ganzen Land penibel sortierten Plastikmüll auf. Er besteht ja zu guten Teilen aus Erdöl. Er ist also hervorragend geeignet, ein tüchtiges Feuer zu entfachen.

Der Wertstoffkreislauf freilich findet in der thermischen Verwertung sein jähes Ende. Was im Feuer verglüht, kann nicht wieder aufgearbeitet werden. Und tatsächlich gibt es für die Firmen, die sich auf die Weiterverarbeitung von Altplastik spezialisiert haben, in Deutschland nicht mehr genug Rohstoff.

Das Recycling-Unternehmen mtm plastics im thüringischen Niedergebra ist bereits auf Importe aus dem Ausland angewiesen. Mit Ökologie hat das allerdings nicht mehr viel zu tun, wie Firmenchef Michael Scriba sofort einräumt. Bevor er aus dem Plastikmüll Granulat machen kann, aus dem dann beispielsweise Blumenkübel werden, muss der Müll erst einmal über Hunderte Kilometer herangekarrt werden. Den CO2-Abdruck, den die Kübel so hinterlassen, hat Scriba lieber nicht ausgerechnet.

Wasser

Am Wasser können die Deutschen gar nicht genug sparen. Kaum eine Nation nördlich der Sahara ist so wasserbewusst wie diese. Die Deutschen sparen beim Geschirrspülen (eine moderne Maschine kommt heute mit sechs Litern aus), beim Toilettengang (Spartaste) und selbst beim Autowaschen.

Auch bei den zuständigen Stellen, die über die Umwelterziehung wachen, steht das richtige Wasserbewusstsein ganz oben an. Auf seinen Internetseiten empfiehlt das Bundesumweltministerium, beim Zähneputzen den Hahn abzustellen und auf Vollbäder zu verzichten. Wassersparen schone die Umwelt und diene dem Geldbeutel. Außerdem, wird auf der Internetseite suggeriert, helfe es armen Ländern, ihre Reisfelder zu bewässern.

In Brüssel, wo die Verantwortlichen praktisch denken, überlegen sie gerade, künftig nur noch Duschköpfe mit Durchflussbegrenzern auf den Markt zu lassen. Die Brause macht dann zwar nur noch halb so viel Spaß, weil der "Perolator" wie ein Föhn vor allem Luft verströmt, aber dafür verbraucht er auch deutlich weniger von dem kostbaren Nass.

Kostbar? Deutschland zählt zu den wasserreichsten Länder der Erde, es könnte theoretisch fünfmal so viel Wasser verbrauchen wie derzeit. Wahr ist auch, dass sich Leitungswasser nicht über Tausende Kilometer transportieren lässt, es also dem vietnamesischen Reisbauern wenig nützt, wenn man hierzulande nach dem Pinkeln die Spartaste drückt.

Ein Nebeneffekt der Wassersparwut lässt sich in der Kanalisation deutscher Städte besichtigen. Weil immer weniger Abwasser durch die Rohre rauscht, pappen Fett, Kot und Essensreste fest und greifen die Kanalisationswände an. Das Trinkwasser droht vielerorts zu verkeimen. In Städten wie Gelsenkirchen müssen die Versorger jeden Tag Hunderttausende Liter abpumpen, um die nötige Fließgeschwindigkeit zu gewährleisten.

So kommt es, dass der Verbraucher jedes Jahr mehr Wasser spart und trotzdem immer höhere Rechnungen bekommt. Auf die reagiert er dann mit weiteren Sparanstrengungen, ein Teufelskreis, aus dem er nur herausfände, wenn er wieder mehr statt weniger Wasser verbrauchen würde.

Anfang des Jahres kündigten Versorger in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Teilen Baden-Württembergs erneut Preissteigerungen an. Einer der Gründe: "Anpassungsmaßnahmen", wie zum Beispiel das Wasserabpumpen euphemistisch heißt. Ein weiterer Gebührensprung ist zu erwarten, wenn die Brüsseler Parlamentarier ihren Plan wahr machen, einen "Wasserausweis" für besonders sparsame Gebäude einzuführen. Der deutsche Branchenriese Gelsenwasser rechnet mit zusätzlichen Kosten in Höhe von 400 Millionen Euro, sollte der Verbrauch dann noch einmal um 25 Prozent sinken.

Feinstaub

Die Box, die Berlin vor dem Krebstod bewahren soll, misst drei mal acht Meter und steht an der Frankfurter Allee im Osten der Stadt. Sie ist bunt angemalt, auf der einen Seite prangt ein kleiner Delphin, aber drinnen lauert das Gift. Alles, was an toxischen Stoffen durch die Luft fliegt, wird hier gesammelt und gemessen: Ozon, Stickoxide und, natürlich, der bedrohlichste Feind von allen, der Feinstaub.

Im März 2005 erfuhren die Deutschen zum ersten Mal von der Gefahr, der sie sich durch jeden Atemzug aussetzen. In Brüssel hatten sie neue Grenzwerte erlassen, und in vielen Städten lösten die Behörden daraufhin Feinstaubalarm aus, weil die Luft schmutziger war, als sie hätte sein dürfen. Eine neue Umweltgefahr war geboren, nicht für die Experten, die hatten es immer gewusst, aber für den Laien, der gedacht hatte, er tue sich etwas Gutes, wenn er viel draußen ist.

Es ist ja auch wirklich zum Fürchten: Feinstaub führt zu Asthma und Lungenkrebs, wenn man den Fachleuten glauben darf, er verändert die Herzfrequenz, was bei Menschen, deren Herz schon geschädigt ist, Rhythmusstörungen auslöst. Weil er selbst ins Blut gelangen kann, fördert er die Entstehung von Blutgerinnseln und damit das Infarktrisiko.

Die Opferzahlen sind entsprechend. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr 65 000 Menschen am Feinstaub, so steht es in einer Studie der EU. Andere Wissenschaftler schätzen die Zahl der Toten, die auf das Konto dieser Umweltbelastung gehen, noch höher ein.

Und das Tückischste ist: Man sieht den Feind nicht einmal. Maximal zehn Mikrometer misst ein Feinstaubpartikel, also etwa ein Zehntel des Durchmessers eines menschlichen Haars. Das macht ihn auch so gefährlich. Je kleiner ein Staubkorn, desto tiefer atmet man es ein, und desto mehr Schaden kann es anrichten.

Das Erschrecken war also groß, die Politik gefordert. Selten haben die Gesetzgeber auf eine neue Umweltangst so schnell und entschieden reagiert: Eine halbe Million Besitzer von Dieselfahrzeugen haben seitdem notgedrungen ihr Auto mit Rußfiltern nachgerüstet.

Der Feinstaub könnte also ein schönes Beispiel erfolgreicher Umweltpolitik sein, wenn, ja, wenn die Zahlen nicht wären, die täglich aus solchen Messstationen wie an der Frankfurter Allee kommen. 2007, also ein Jahr vor Einführung der Umweltzone, wurden die neuen Grenzwerte in Berlin an 30 Tagen verfehlt, 2008 dann nur noch 24-mal, ein vielversprechender Anfang. Doch seitdem sind sie wieder gestiegen: 2009 lag die Zahl der Überschreitungen bei 39 Tagen, im vergangenen Jahr sogar bei 53. Es ließe sich also genauso gut folgern, dass die neuen Vorschriften für die Autofahrer die Situation nicht besser, sondern schlimmer gemacht haben.

"Feinstaub ist halt ein sehr komplexes Thema", sagt Martin Lutz und studiert etwas gequält die Zettel mit den Messwerten in seiner Hand. Lutz ist so etwas wie der Vater der deutschen Umweltzone, zu der sich inzwischen 44 deutsche Städte bekennen. Seit 30 Jahren kämpft der Meteorologe für bessere Luft, erst gegen den Smog, jetzt gegen das Gespenst aus dem Auspuff. Dass in Berlin lange Zeit die strengsten Abgasvorschriften der Republik galten, verdankt die Hauptstadt vor allem ihm.

Das Problem mit dem Feinstaub ist, dass er nicht nur aus dem Motor kommt. Auch die Bremsen und die Kupplung geben Feinstaub ab, der Reifenabrieb nicht zu vergessen. Eigentlich müsste man das Autofahren ganz verbieten. Und der lokale Verkehr ist nicht einmal das größte Übel, insgesamt trägt er durchschnittlich nur mit elf Prozent zur Feinstaubbelastung bei. Das meiste kommt aus Kraftwerken und der Landwirtschaft.

Wer sich einmal eingehender mit der Materie beschäftigt, möchte gar nicht mehr atmen. Zigaretten zum Beispiel sind regelrechte Feinstaubschleudern, aber auch schon von einer einfachen Kerze geht Gefahr aus. Niemand hat sich bislang die Mühe gemacht, Grenzwerte für Innenräume festzulegen - dabei ist es keine Frage, dass ein brennender Weihnachtsbaum an Heiligabend jede EU-Vorschrift sprengen würde. Silvester sollte man unter Feinstaubgesichtspunkten nur drinnen verbringen, die Belastung ist an diesem Tag so hoch, dass im ganzen Land die Messgeräte verrücktspielen.

Jetzt gibt es immerhin eine neue Regelung für Kamine in Privathaushalten. Das Bundesumweltministerium hat in einer Richtlinie für sogenannte Kleinfeuerungsanlagen den Einbau spezieller Filter verfügt; wer bereits einen Kamin in seiner Wohnung hat, muss künftig nachrüsten. Leider sind auch die beliebten Pelletheizungen, die als besonders klimaverträglich gelten, große Feinstaubproduzenten. "Wir haben überlegt, ob wir in Berlin eine Sonderverordnung erlassen, aber erst einmal davon Abstand genommen", sagt Lutz. Doch er verspricht, die Kaminheizungen im Auge zu behalten.

Wer an der unsichtbaren Front steht, darf nie nachlassen. Nach dem Feinstaub kommt nun der Feinststaub an die Reihe. Die EU ist immer schon einen Schritt weiter als die wackeren Umweltschützer vor Ort. Ab 2015 gelten auch für Partikel unter 2,5 Mikrometer verbindliche Grenzwerte. In der Logik der Feinstaubjäger ist das nur konsequent: Die Gefährlichkeit wächst ja mit der Kleinheit.

Um 15 Prozent müssen die Werte überall in Deutschland herunter, auch in Wohngebieten, wo kaum ein Auto fährt. "Ziemlich ambitioniert", sagt Lutz und wiegt den Kopf. Es sieht nicht so aus, als ob er die Aufgabe für unlösbar hielte.

Licht

Der neue Umweltfeind besteht aus Glas, etwas Blech und einem Stückchen Draht. Man findet ihn in jedem deutschen Haushalt.

130 Jahre hat die Glühbirne brav ihren Dienst erfüllt. Sie hat die Dunkelheit vertrieben, die Straßen sicherer gemacht und den Menschen Trost gespendet. Niemand wäre bis vor kurzem auf die Idee gekommen, dass dieser Alltagsgegenstand von so großem Übel für das Weltklima sein könnte, dass er verboten gehört.

Aber nun muss sie weg, die Birne, ein für alle Mal, so hat es die Kommission der Europäischen Union in Brüssel verfügt, und so sehen es auch die deutschen Umweltbehörden. Am 1. September 2009 verschwanden alle 100-Watt-Birnen aus dem Handel, am 1. September 2010 traf es die 75-Watt-Lampe, in diesem Jahr ist die 60-Watt-Birne dran. Spätestens ab 2013 erstrahlt nur noch das kühle Licht der energiesparenden Lampen.

Vielen Menschen fehlt die Glühbirne schon jetzt. Das Sparlicht hat zu viel Blauton. Es erzeugt Stress und Unruhe, weil es die Zirbeldrüse daran hindert, das Schlafhormon Melatonin auszuschütten. Man sollte die neue Birne auch nicht fallen lassen. Sie ist mit Quecksilber gefüllt, nicht sehr viel, aber immerhin genug, dass dem Verbraucher geraten wird, vorsichtig zu hantieren und sie besser nicht im Kinderzimmer einzuschrauben.

Das Aus für die geliebte Glühbirne ist unumkehrbar: Sie verbraucht zu viel Strom. Nur fünf Prozent der eingesetzten Energie geht ins Licht, wie die Experten ausgerechnet haben, der Rest verliert sich in Wärme. Eine Verschwendung, die sich eine klimabewusste Gesellschaft nicht leisten kann, Quecksilbergefahr und Melatoninmangel hin oder her.

Manch einer hat sich einen Vorrat an illegalen Birnen angelegt. In deutschen Abstellkammern stapeln sich 100-und 75-Watt-Lampen bis zur Decke, um auch noch in 20 Jahren im vertrauten Licht sitzen zu können. Es ist ein Protest im Stillen: Die Menschen haben den Eindruck, dass sie zu etwas gezwungen werden, was nicht richtig Sinn ergibt, und ihr Gefühl trügt sie nicht.

Die Energiesparlampe ist nämlich eine ziemlich schmutzige Angelegenheit, wenn man einmal die Herstellung näher in Augenschein nimmt: 80 Prozent der Produktion stammt aus China, wo die Sicherheitsvorkehrungen so lax sind, dass viele Arbeiter an Quecksilbervergiftungen leiden. Eine Reihe von Quecksilberminen, die zuvor geschlossen wurden, haben nun ihren Betrieb wieder aufgenommen. In Deutschland gilt die Sparbirne als Sondermüll, weshalb ihr giftiger Inhalt im Salzstock entsorgt wird, wenn sie ihren Geist aufgegeben hat.

Auch was ihre Energiebilanz angeht, hält die neue Birne nicht, was die Hersteller versprechen. Als die Zeitschrift "Ökotest" eine Reihe von Energiesparlampen testen ließ, war die Hälfte schon nach 6000 Betriebsstunden hinüber. Alle Berechnungen der EU unterstellen eine Lebenszeit von 10 000 Stunden. Dieser Wert lässt sich allerdings meist nur erreichen, wenn man die Lampe immer brennen lässt, wie sich nun herausgestellt hat. Das An- und Ausschalten bekommt der Energiebirne leider gar nicht gut.

Wärmedämmung

Weimar. Weltkulturerbe, Wirkungsstätte von Goethe und Schiller. Wer durch die Gassen schlendert, atmet den Geist der Klassik. Zahlreiche Gebäude sind älter als 200 Jahre, die Stadt ist ein architektonisches Kleinod.

Energetisch betrachtet ist Weimar leider ein Desaster. Kaum eines der Häuser entspricht modernen Baustandards. Die Wände sind dünn, die Fenster nicht dicht, überall dringt Wärme durch. Von Gesetz wegen müsste die Stadt verboten werden.

Spätestens im Jahr 2050 soll es in ganz Deutschland eigentlich nur noch klimaneutrale Gebäude geben, so hat es die Bundesregierung kürzlich in einem "Energiekonzept" beschlossen, ein in jeder Hinsicht ehrgeiziges Vorhaben. "Wenn wir das ernst nehmen, dann müssten wir die halbe Stadt abreißen", seufzt Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf.

Zum Glück gibt es ja die Baustoffindustrie. Mit ihren Platten und etwas gutem Willen lässt sich jede Behausung in ein Niedrigenergiehaus umwandeln, auch Goethes Wohnhaus am Frauenplan. Es sieht danach nur etwas anders aus.

Deutschland ist im Dämmfieber. Mehrere Milliarden Euro haben Bauherren im vergangenen Jahr für das Verpacken von Häusern ausgegeben. Überall wird geklebt und geschraubt. Ganze Heerscharen umgeschulter Dämmspezialisten sind im Land unterwegs, um anhand von Wärmebildern ihre Produkte an den Mann zu bringen. Selbst Fachwerkhäuser, die eben noch mit viel Aufwand unter Eternitverschalungen hervorgeholt wurden, verschwinden jetzt wieder unter dicken Lagen Styropor. Das Fachwerkzentrum in Quedlinburg ist gerade dabei, ein Schadensverzeichnis anzulegen. Die Mitarbeiter kommen mit dem Zählen kaum nach.

Bei Neubauten hat es durchaus Sinn, sich rechtzeitig über eine gute Dämmung Gedanken zu machen. 71 Prozent des häuslichen Energieverbrauchs entfallen auf die Heizung, da lässt sich einiges einsparen. Doch was tun mit Altbauten, die trotz Bombenkrieg und Abrisswahn noch immer gut ein Viertel der heimischen Bausubstanz ausmachen? In der Sanierung des Altbestands sieht die Regierung "den zentralen Schlüssel zur Modernisierung der Energieversorgung und zum Erreichen der Klimaschutzziele".

Erst einmal muss außen der Stuck ab. Und die Putten. Eigentlich alles, was hervorsteht. Dann kommen die Dämmpakete drauf, teilweise über 30 Zentimeter dick. Das sieht nicht schön aus, dafür kann der Hausbesitzer jetzt in dem guten Bewusstsein leben, seinen Beitrag zum Umweltschutz geleistet zu haben. Außerdem wird die energieeffiziente Umwandlung vom Staat großzügig bezuschusst, da dämmt es sich gleich doppelt so gern.

Allerdings ist Styropor sehr empfindlich. Ein hart geschossener Ball, und schon kann eine Delle entstehen. Manchmal picken Vögel dran, dann gibt es ein Loch. Ein Riss im Mauerwerk ist schnell entdeckt und geschlossen; was die Feuchtigkeit unter einer Dämmplatte anrichtet, sieht man in der Regel erst, wenn die Nässe nach innen durchschlägt. Dann muss alles wieder runter und die Wand aufwendig trockengelegt werden.

"Niemand hat sich offenbar Gedanken gemacht, was eigentlich nach 10 oder 15 Jahren mit der Dämmung passieren soll", sagt Axel Rahn, "mit Nachhaltigkeit beim Bauen hat das jedenfalls nichts zu tun." Rahn ist Bauphysiker, einer der bekanntesten Deutschlands. Wie alle, die etwas von der Sache verstehen, kann er Eigentümern nur davon abraten, ihr Haus in Wärmepackungen zu legen. Er kennt zu viele Beispiele, in denen das schiefging.

Erst fängt es an, übel zu riechen; weil der Austausch mit der Außenluft fehlt, steigt der CO2-Gehalt der Luft, man wird müde und fühlt sich schlapp. Dann kommt der Schimmel. In der Wohnung steigt die Luftfeuchtigkeit, was Pilze anregt, sich zu vermehren. Spätestens jetzt denkt der Bewohner über Abhilfe nach.

Die Industrie bietet Belüftungsanlagen an. Im Altbau müssen dazu Luftschächte gebohrt werden, ein Vorhaben, das jedes Haus über Wochen zur Baustelle macht. Außerdem ist es sündhaft teuer.

Die Alternative heißt selber lüften. Die Vertreter der Wärmedämmung empfehlen das Stoßlüften, bei dem das Fenster minutenlang weit aufgerissen wird. Aber das reicht aller Erfahrung nach nicht, jedenfalls nicht, wenn gut gedämmt wurde. Also lassen die Leute Fenster und Türen offen stehen. "Aber was sollen sie auch anderes tun?", sagt Rahn. "Wenn sie gekocht haben, müssen sie lüften, wenn sie geduscht haben, müssen sie lüften. Im Grunde müssen sie immer lüften, sobald jemand länger zu Hause ist."

So sind alle Rechnungen zur Energieeffizienz plötzlich Makulatur. Gut die Hälfte der Wärme verliert ein Haus normalerweise durch die Außenwände, den Rest durch die Fenster. Dauerlüften ist in dieser Rechnung nicht vorgesehen. Das erklären einem die Energieberater aber erst, wenn es zu spät ist.

Dosenpfand

Die Netto-Filiale am Eschengraben 47 im Berliner Bezirk Pankow ist ein historischer Ort. Am 7. Juli 2003, einem Montag, betrat Jürgen Trittin, damals noch Bundesumweltminister, um 10.30 Uhr den Supermarkt. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug und in seiner Hand einen gelben Beutel, darin befanden sich einige leere Plastikflaschen.

Trittin begrüßte die Journalisten, dann steuerte er einen etwa mannshohen Automaten im hinteren Teil der Filiale an. Er holte eine Flasche aus dem Beutel und steckte sie mit dem Boden voran in die dafür vorgesehene Öffnung.

Dann gab es ein knirschendes Geräusch. Der Minister lächelte, es war für ihn und auch für Deutschland ein großer Tag. Jürgen Trittin, Begründer des Dosenpfands, Bewahrer der Mehrwegflasche, Held der Umweltbewegung, hatte soeben den ersten Einwegpfandautomaten der Republik eröffnet.

Dem Beispiel des Ministers sind seither viele Menschen gefolgt. Man muss leider sagen: zu viele. Eigentlich war das Pfand ja dazu gedacht, die Kunden abzuschrecken. Ökologisch nachteilige Einwegverpackungen sollten aus dem Handel verschwinden, so das Ziel der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Doch stattdessen trat mit der Einführung des Pfands das Gegenteil ein.

2003 lag der Marktanteil von Mehrwegflaschen bei 64 Prozent. Nun ist er auf unter 50 Prozent gesunken. Bei Mineralwasserflaschen ist es am schlimmsten. Früher wurden Sprudelflaschen bis zu 50-mal wieder befüllt; heute landen zwei von drei nach einmaligem Gebrauch im Schredder.

Die Fachleute sind deshalb sehr enttäuscht, vom Handel, aber vor allem vom Verbraucher. Dessen Kaufverhalten "entspricht nicht unseren Erwartungen", sagt Christiane Schnepel vom staatlichen Umweltbundesamt, die das Phänomen im Auftrag des Umweltministeriums untersucht hat, "das ist schade".

In der Bundesregierung denkt man darüber nach, wie man aus dem Bürger doch noch einen besseren Mehrwegflaschenkäufer machen könnte. Umweltminister Norbert Röttgen glaubt, dass viele Verbraucher gar nicht wüssten, dass Pfandflaschen nicht automatisch auch Mehrwegflaschen sind. Er hat entsprechende Umfragen gelesen.

Das System soll deshalb überholt werden. Die neue Bundesregierung wirbt jetzt in Brüssel dafür, dass bei allen Flaschen künftig das Wort "Einweg" oder "Mehrweg" vorn groß auf dem Etikett stehen muss. Sollte das nicht helfen, wird bei Röttgen auch an ein generelles Verbot der Einwegflasche gedacht, so weit mochte nicht einmal dessen grüner Amtsvorgänger Trittin gehen. Aber so ist es, wenn man einmal angefangen hat, die Umwelt noch besser schützen zu wollen: Eine Maßnahme zieht die nächste gleich nach sich. Diese Interventionsspirale ist theoretisch unendlich.

Die Reaktion der EU-Kommission auf den deutschen Vorstoß zur Kennzeichnungspflicht fällt bislang allerdings verhalten aus. Offen ist auch, in welchen Sprachen die geforderten Hinweise eigentlich auf dem Etikett stehen sollen. Keine einfach zu lösende Frage - zumal es in den allermeisten EU-Staaten überhaupt kein Einwegpfand gibt.

Man sollte erwarten, dass es zu denken gibt, wenn Politik so oft das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war. Das Biobenzin sollte die Umwelt schonen und das Klima entlasten - tatsächlich zerstört es die Regenwälder und erzeugt mehr CO2 als jeder herkömmliche Treibstoff. Der sparsame Umgang mit Wasser war zum Schutz der natürlichen Grundlagen gedacht - jetzt muss unten eingelassen werden, was oben fehlt. Das Aus für die Glühbirne gilt als Meilenstein auf dem Weg zum klimaneutralen Wohnen in Europa - dafür fährt China die Quecksilberproduktion hoch.

Es wäre an der Zeit, vielleicht innezuhalten im Bemühen, die Umwelt zu verbessern, und sich die Frage zu stellen, was wirklich hilft und was eher nicht. Warum nicht einfach mal sagen: Sorry, wir haben uns geirrt? Aber so funktioniert es nicht. Der Ökologismus kennt keine Zweifel. Weil ja nie die Idee falsch ist, sondern es nur an der richtigen Ausführung fehlt, können die Anhänger an ihrem Kurs festhalten. Die Richtung stimmt immer.

Es werden demnächst sicherlich eine siebte und achte Mülltonne im Hof stehen, in einigen Großstädten wird bereits mit der neuen "Wertstofftonne" experimentiert. Natürlich wird die "Ökodesign-Richtlinie" der EU demnächst die Stand-by-Taste an allen Elektrogeräten verschwinden lassen. Dann muss man seinen Fernseher eben immer ganz ausmachen, auch wenn jeder Techniker weiß, dass häufiges An- und Ausschalten die Lebensdauer verkürzt. Irgendwann werden die Normen so streng sein, dass nur noch Elektroautos sie erfüllen. Aber auch das Elektroauto fährt nicht mit Luft und Wasser und nicht einmal mit E10, der Strom muss irgendwo herkommen, im Zweifel aus tschechischen oder französischen Atomkraftwerken.

Der Bürger wird alles geduldig ertragen, was bleibt ihm anderes übrig. Es dient ja der Umwelt, und dagegen kann niemand, wie man weiß, etwas haben.


DER SPIEGEL 11/2011
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