14.03.2011

PROMINENTE

Der Medien-Bauer

Von Schiessl, Michaela

Die Karriere des Schweizer TV-Moderators Dieter Moor war am Boden. Dann erfand er sich neu, als dichtender Biobauer in Brandenburg. Seit er öffentlich Büffel krault, ist er wieder gefragt. Viele Nachbarn aber haben ihren landlustigen Dorfprominenten langsam satt.

Manchmal ist es schwer, die Geister, die man rief, wieder loszuwerden - besonders, wenn sie an der eigenen Haustür klingeln.

Schrill schellt es an der Pforte des Fernsehmoderators Dieter Moor. Moor, groß, schlank, Kantenkinn, springt vom Küchenstuhl. Er reißt die Tür auf, plustert sich in den Rahmen.

Der Besucher schreckt zurück: "Ich kenne Sie vom Fernsehen", stottert er. "Das höre ich besonders gern", herrscht Moor ihn an.

Wie weggeblasen ist die geistreiche Nonchalance, mit der der Schweizer jeden Sonntag das ARD-Kulturmagazin "Titel Thesen Temperamente" ("ttt") präsentiert. Sein John-Wayne-Bass dröhnt: "Was wollen Sie?"

Minuten später weiß der ungebetene Gast, dass er sich, egal, was er will, per E-Mail anzumelden habe, dass er nicht einfach vorbeikommen kann, dass er die Privatsphäre des Ehepaars Moor zu achten habe, dass er nervt. Auf Wiedersehen.

Die Tür knallt zu.

So hatte sich der Besucher die "arschlochfreie Zone" sicher nicht vorgestellt, die Dieter Moor in seinem Bestseller über sein Leben als Biobauer in Brandenburg beschreibt(*).

Doch auch der Autor hat die Nebenwirkungen des Erfolgs unterschätzt. Stän-

dig klingele das Telefon, stünden Leute vor der Tür, träfen E-Mails ein, jammert er. "Ich hasse dieses Bauernstreicheln. Die Leute respektieren nicht, dass dies hier unser Zuhause ist", klagt Moor.

Ja, wie denn auch? Wie kaum ein anderer vermarktet Dieter Moor sein Privatleben, seit er 2003 mit seiner Frau Sonja, vier Eseln, vier Enten, einer Schimmelstute, zwei Sennenhündinnen und ein paar Katzen einen Bauernhof in Hirschfelde bezog, eine Stunde nordöstlich von Berlin. Er schrieb nicht nur ein intimes Buch über das verschlafene Angerdorf und dessen Ureinwohner, er zeigte sein neues Leben auch unermüdlich vor. Von der "Super-Illu" bis zum "Stern", in allen erdenklichen Blättern gab es Homestorys vom moorschen Hof zu lesen.

Scharen von Reportern durften Schaf "Liebling", Esel "Yogi" und Wasserbüffel "Ghandi" streicheln - und anschließend deren Besitzer in Biobauer-Pose ablichten: wie sie Hand in Hand über die Felder schreiten, Dieter beim Eselscheißeschaufeln, Sonja beim Schafeherzen. Fürs Fernsehen küsste der Hausherr frühmorgens seine Frau im Ehebett.

Die Geschäftsidee, das Private öffentlich zu machen, funktioniert prächtig. Die Geschichte vom Schweizer TV-Mann, der auf dem ostdeutschen Land das Glück findet, der Gegensatz von Stall und Studio, warmherziger Provinz und kalter Medienwelt ist unwiderstehlich. Über 200 000-mal hat Moor sein Buch verkauft, die Fortsetzung ist in Arbeit. Alles, was er verdient, fließt in den Hof. "Es braucht das totale Bekenntnis", sagen die Moors.

Doch nun bröckelt die Idylle. In dem 300-Seelen-Ort grummelt und brummelt es. Früher waren die Hirschfelder die Hauptdarsteller in ihrem Dorf mit dem Rittergut, dem Weiher, dem bronzenen Hirsch. Nun haben viele den Eindruck, nur noch als Kulisse für die Selbstinszenierung ihres Dorfprominenten herzuhalten. Als uriges Beiwerk, wenn die Berliner Kulturschickeria zur Heumach-Party der Zugezogenen anreist.

"Wir sind nicht die Belustigungsanstalt für Berlin", sagt Burkhard Horn, Bürgermeister des Nachbarorts Werneuchen, zu dem Hirschfelde gehört. In einem Fenster am Ortseingang hängt ein Zettel: "No More". Ein anderer hat ein Schild: "moorfreie Zone".

Sicher, bei manchen Moor-Gegnern mag auch Neid mitspielen und Eifersucht auf die Gestaltungskraft des Powerpaars. Klar ist jedoch: Vom Hype um den Ort profitieren vor allem die Moors.

Seit der gelernte Schauspieler den Biobauern gibt, lässt er sich bei Anne Will in der ARD-Themenwoche über gesunde Lebensmittel aus und wettert in den Medien gegen Agrarsubventionen und Landspekulation. Der Hobbykoch und Slow-Food-Anhänger serviert Kartoffelstampf in der "Promi Kocharena", auch zum "TV-Promi-Dinner" ist er geladen. Gemeinsam mit der Profi-Köchin Sabine Schneider schrieb er jüngst ein Buch über ländliche Küche. Darin: ein Foto der Köchin im Garten. Und 14 von Moor: mit Nudelholz, am Kessel, im Teig.

Vor seinem Umzug nach Deutschland war Moors Karriere ziemlich am Boden. Der Mann, der 1993 als Moderator des Medienmagazins "Canale Grande" des Privatsenders Vox Kultstatus erreicht hatte, war 1999 als Harald Schmidt der Schweiz am Late-Night-Format gescheitert. Hohn und Spott schütteten die Eidgenossen über ihm aus.

Auch sein Comeback 2003 als Talkshowmaster misslang: Premiere Österreich setzte das Format "Simply Moor" trotz guter Kritiken wieder ab. Eine Zeitlang schlug er sich mit der Moderation von Sondersendungen, Veranstaltungen und Filmengagements durch. Zur Fußball-EM 2004 produzierte er Kolumnen für die ARD, 2006 holte ihn 3sat für die "Kulturzeit". Es sollte noch bis Ende 2007 dauern, bis "ttt" ihn rief.

Seine Frau schulte derweil um. Die Filmproduzentin lernte Landwirtin und baute in Hirschfelde den Demeter-Biohof mit Schafen, Rindern und Wasserbüffeln auf. Die Wienerin sorgte dafür, dass der Laden lief, der Schweizer dafür, dass er bekannt wurde: Als er 2006 beim inzwischen eingestellten Kölner Natur-TV-Sender Terranova die Sendung "100 Jahre - 100 Bilder" übernahm, moderierte er bereits aus seinem Stall in Hirschfelde. Das sollte zur Gewohnheit werden.

Doch nicht nur der eigene Hof dient den Moors als Plattform zur Selbstvermarktung. Ihre Pläne sind ehrgeiziger. Sie wollen die ganze Region zum Experimentierfeld für ihre Vision von einer besseren Welt machen, einer biologischen, tiergerechten Landwirtschaft, einem sozialeren Miteinander.

Als Erstes gründeten die Moors 2006 den Verein "Alternativen für Zukunft" (AFZ), was in Wahrheit das Kürzel für "arschlochfreie Zone" ist. Die AFZ besteht vor allem aus Freunden der Moors: Schriftstellern und Architekten, Werbern, Designern, Managern, Tanzlehrern. Kaum ein Hirschfelder ist dabei. Ziel des Clubs: Errichtung einer arschlochfreien Zone durch Landkauf, Erwerb von Rindern und Wasserbüffeln für die umweltschonende Biofleischproduktion, Betrieb eines Gemüsegartens. 25 Euro kostet es einen AFZler, einen Quadratmeter Bioerde zu erstehen, den die Moors dann bearbeiten. Wer will, darf bei der Heuernte helfen und den legendären Schweizer Traktor Hürlimann fahren.

Aus den 3 Hektar, die die Moors ursprünglich kauften, sind heute 51 geworden. 22 Hektar haben sie dazugepachtet. Sie sehen ihre Landnahme als einen Akt des Widerstands gegen Spekulanten, die in Ostdeutschland massenhaft Land erwerben und die Preise treiben.

Hirschfelde, das steht fest, wird nicht kampflos ausverkauft. Sonja Moor will aus dem Ort eine Marke machen, ein Modelldorf mit einer Wertschöpfungskette, die die Gewinne in der Region lässt. Konkret: eine Schlachterei, eine Käserei, eine Lederwarenproduktion. Regionale Produkte sollen in einem Dorfladen vermarktet werden, der zusätzlich ein Café, einen Veranstaltungsraum und eine Info-Stelle für Touristen bietet. Das alles soll gemeinsam mit Hirschfeldern entwickelt werden. Auf diese Art entstünden Jobs und Fachwissen, und keiner müsste mehr wegziehen, schwärmt Sonja Moor.

Längst hat sie die Zukunft Hirschfeldes in eine Powerpoint-Präsentation gepresst. Sie merkt bloß nicht, dass ihr die Einwohner langsam abhandenkommen - nicht nur jene, welche die Wessis doof finden, Bio blöd und jede Veränderung überflüssig. Auch viele, die Moors Ziele eigentlich teilen, wenden sich ab.

Die Moors wollen das Richtige, aber ihnen fehlt das diplomatische Geschick, um die Leute mitzunehmen, sagen die, die es gut mit ihnen meinen. Sie nutzen das Dorf nur noch als Staffage für ihre Öko-Show, sagen die Enttäuschten. Wir wollen unsere Ruhe und nicht zum Bio-Disneyland werden, sagen die, die die Moors loswerden wollen.

Die Moors seien "sehr engagierte Leute mit sehr alternativen Ideen", formuliert Bürgermeister Horn. "Aber seit dem Dorffest im August 2010 gibt es einen Riss zwischen der Mehrheit der Dorfbewohner und den Moors." Es sei "ein Fehler der Organisatoren" gewesen, "ihnen eine derart dominante Rolle einzuräumen".

Kaum hatte man die Moors ins Boot geholt, legten die los: Im Handumdrehen beschafften sie 50 Künstler, von "Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts bis zum Babelsberger Filmorchester. Sonja mobilisierte ihr Bionetzwerk, Dieter seine Slow-Food- und Künstler-Gemeinde. 100 Aussteller bauten ihre Stände um den Dorfweiher auf. Der ortsansässige Imker macht nicht mit? Dann kommt eben der vom Nachbarort zum Zug, wer nicht will, der hat schon, findet die Österreicherin. Ihr Gatte signierte im einstigen Dorfladen an die tausendmal sein Buch. Der Regionalsender RBB, bei dem er seit 2008 die Sendung "Bauer sucht Kultur" moderiert, berichtete live. Die 300 Hirschfelder verschwanden im Ansturm der 8000 Besucher. Die Feuerwehr, ansonsten Mittelpunkt jedes Dorffests, regelte das ganze Wochenende bei strömendem Regen den Verkehr, weitab von jedem Grillwürstchenstand.

Das macht schlechte Laune.

Viele Einwohner seien am Ende der Moorfestspiele "enttäuscht und desillusioniert" gewesen, sagt Horn. Sein Fazit: "In dieser Größenordnung machen wir das nicht wieder."

Für die Moors ist der Unmut unverständlich. "Ich brauche doch kein Dorffest", sagt Dieter Moor. Er habe mitgemacht, weil das "der Anspruch des Dorfes an den führenden landwirtschaftlichen Betrieb" sei. Gerührt erinnert sich Sonja an das Konzert in ihrer Scheune: "Die Hirschfelder fühlten sich geehrt, dass ihnen solche Hochkultur zugetraut wird."

Man ahnt langsam, wo das Problem liegt.

Für Sonja Moor war das Ganze "ein epochales Fest, bei dem es angesichts der Umsätze nur Gewinner gab". Vielleicht hat sie nicht einmal bemerkt, dass sie nicht geladen war zur Dankesparty der Organisatoren. Sie kämpft längst schon an anderen Fronten: gegen den Anbau von genverändertem Getreide, gegen die riesige Photovoltaik-Anlage, gegen die Biogasanlage, gegen den Funkmast, gegen die Überland-Hochspannungsleitung, gegen CO2-Verpressung. Das alles, "damit ich in Ruhe mit meinen Kühen sprechen kann", so Sonja Moor.

Auch die Gründung einer Genossenschaft zur Wiederbelebung des Ende 2009 geschlossenen "Konsum"-Einkaufsladens hat sie zu ihrem Projekt gemacht. Doch ihr Konzept vom "Konsum" als Schaufenster für heimische Produkte und Anlaufstelle für Touristen findet nur bedingt Anhänger. "Die Leute brauchen doch keinen selbstgemachten Nusslikör!", erregt sich die in Hirschfelde lebende Kauffrau Hella Goltz. Sie betreibt einen Edeka-Laden in Berlin-Prenzlauer Berg und hätte auch den Dorfladen gemietet: "Moors Biozeugs kann sich hier doch kein Schwein leisten." Doch die Wohnbaugesellschaft gab der frisch gegründeten Genossenschaft den Zuschlag, weil die die marode Immobilie übernimmt.

Nur eine Handvoll Hirschfelder sind Genossen geworden. Die meisten verließen bei der Info-Veranstaltung empört den Raum, erzählt Ortsvorsteher Lothar Ast. Zum einen, weil sie für Anteile bezahlen sollten. Aber auch, weil sie einen ganz normalen Tante-Emma-Laden wollen, keinen Showroom für die moorschen Bioprodukte. Auch der Veranstaltungsraum, in dem Lesungen und Konzerte stattfinden sollen, ist eher auf auswärtige Besucher ausgerichtet, argwöhnen manche.

Doch Touristen sind derzeit nicht unwillkommen im Dorf. "Die kommen doch wegen der Moors, also schicken wir sie hin", erklärt ein Hirschfelder feixend. "Wir sagen einfach, die freuen sich unbändig über Besuch. Einfach reingehen und guten Tag sagen."

Schrill schellt es an der Pforte des Fernsehmoderators Dieter Moor. In der Küche hört man einen Stuhl rücken. Gleich werden sie ihn kennenlernen.

(*) Dieter Moor: "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 304 Seiten; 8,95 Euro.

DER SPIEGEL 11/2011
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