21.03.2011

AFFÄREN„Ich war wie gelähmt“

Der im September 2009 von der HSH Nordbank gefeuerte Leiter der Filiale New York über den Verdacht, ein Pädophiler zu sein, und den Kampf um seinen guten Ruf
SPIEGEL: Herr K., Sie haben sich bislang nie öffentlich gegen den ungeheuerlichen Verdacht gewehrt, Sie hätten mit Kinderpornografie zu tun gehabt. Warum nicht?
Roland K.: Zum einen, weil ich erst Monate später von diesem Fund erfahren habe. Zum anderen, weil es mir klüger erschien, zunächst einmal eine arbeitsrechtliche Klärung der Angelegenheit herbeizuführen. Vorher, da war ich mir mit meinem Anwalt einig, hätte es wenig Zweck gehabt, die Dinge in der Öffentlichkeit auszufechten.
SPIEGEL: Und dann haben Sie im Juli 2010 einen Vergleich mit der Bank geschlossen, der Ihnen jede öffentliche Äußerung zu Ihrer fristlosen Kündigung verbot.
Roland K.: Nicht jede, aber mir und der Bank war nur ein einziger Satz gegenüber der Öffentlichkeit erlaubt.
SPIEGEL: Und der lautete?
Roland K.: "Die Parteien haben im Rahmen einer vertraulichen Vergleichsvereinbarung zu ihrer jeweiligen Zufriedenheit sämtliche Streitigkeiten zwischen sich beigelegt, und die von ihnen geltend gemachten Ansprüche wurden abschließend beigelegt."
SPIEGEL: Angesichts der Schwere des auf Ihnen lastenden Verdachts eine nichtssagende Formulierung. So viel Zurückhaltung soll teuer erkauft worden sein. Im Umfeld der Bank heißt es, Sie hätten rund sieben Millionen Dollar erhalten - als eine Art Schweigegeld.
Roland K.: Dazu kann ich mich, aus den eben genannten Gründen, nicht äußern. Ich bitte um Verständnis.
SPIEGEL: Wann, wie und durch wen haben Sie denn von der Kinderporno-Spur auf Ihrem Dienstcomputer erfahren?
Roland K.: Das war im März vergangenen Jahres. Mein Anwalt erhielt einen Anruf aus dem Büro des Bezirksstaatsanwalts. Ich möge mich dort einfinden, man habe im Zusammenhang mit einem Fall, in dem es um Kinderpornografie gehe, einige Fragen an mich.
SPIEGEL: Was wollte der Staatsanwalt von Ihnen wissen?
Roland K.: Es war nicht nur der Staatsanwalt, dem ich gegenübersaß. In dem Raum waren ungefähr 10 bis 15 Leute, die alle Fragen stellten. Das allein schaffte schon eine einschüchternde Atmosphäre, obwohl ich ja wusste, dass ich nichts zu befürchten hatte. Aber wenn dann Fragen im Stakkato auf Sie niederprasseln - kennen Sie die Internetadresse Soundso, waren Sie jemals in einem Intercafé namens Soundso -, dann werden Sie trotzdem nervös und unsicher. Irgendwie müssen die das gemerkt haben, denn nach gut einer Stunde haben sie mir signalisiert: "Machen Sie sich keine Sorgen, wir wissen, dass Sie reingelegt wurden und man Ihnen das Zeug untergeschoben hat." Danach war ich ungeheuer erleichtert, aber wirklich geholfen hat es mir nicht.
SPIEGEL: Warum nicht?
Roland K.: Versetzen Sie sich doch mal in meine Lage. Da sind Sie mitten in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung, und dann werden Sie mit so etwas konfrontiert. Das ist, als ob Sie Fußball spielen und plötzlich wirft Ihnen jemand Tennisbälle vor die Füße. Da wissen Sie zunächst einmal gar nicht, wie Sie reagieren sollen.
SPIEGEL: Sie hätten gegen denjenigen vorgehen können, der Ihnen das angetan hat.
Roland K.: Ich habe nicht ans Kämpfen gedacht, als ich aus dem Staatsanwaltsbüro raus bin. Ich wusste doch gar nicht, gegen wen ich kämpfen sollte. Ich kam da raus mit einem großen Fragezeichen und musste das alles erst einmal verdauen. Das Ganze war so ekelerregend und unfassbar. Ich habe wochenlang kaum geschlafen.
SPIEGEL: Obwohl die Staatsanwaltschaft Ihnen versichert hatte, dass man Sie als Opfer und nicht als Täter sieht?
Roland K.: Ja. Ich weiß, das klingt seltsam. Aber ich war wie gelähmt. Bei einem Vorwurf wie dem der Kinderpornografie sind Sie gewissermaßen schuldig auf Verdacht. Selbst meine Frau hat mich reflexhaft gefragt, ob ich etwas damit zu tun hätte, obwohl sie es besser wusste.
SPIEGEL: Wann hat diese Verunsicherung nachgelassen?
Roland K.: Eigentlich nie. In einer gewissen Weise hat mich die Vergleichsvereinbarung mit der Bank Ende Juli 2010 beruhigt, weil damit eine Art Schlusspunkt gesetzt wurde. Tröstlich war auch, dass ich nach meinen Gesprächen mit der Staatsanwaltschaft das Gefühl hatte, dass der Fall dort in guten Händen ist. Aber kurze Zeit später kam dann der SPIEGEL mit einem Bericht über den Kinderporno-Skandal in der HSH-New-York-Branch, und alles ging wieder von vorn los.
SPIEGEL: Mit einem entscheidenden Unterschied: Wir haben deutlich hervorgehoben, dass die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass Ihnen Unrecht widerfahren ist - und Sie das Opfer krimineller Machenschaften sind.
Roland K.: Ja, haben Sie, aber in puncto Jobsuche war es dennoch ein Desaster.
SPIEGEL: Inwiefern?
Roland K.: Weil das Wort Kinderpornografie immer ein Unbehagen in Bezug auf denjenigen erzeugt, mit dessen Namen es gekoppelt ist. Bei vier oder fünf Bewerbungsverfahren hatte ich es in die letzte Runde geschafft, und jedes Mal war es diese Hürde, an der ich gescheitert bin.
SPIEGEL: Was macht Sie so sicher, dass es daran lag? Anfang September vorigen Jahres hat der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Ihrem Anwalt sogar schriftlich versichert, dass er Sie als "Opfer illegaler Handlungen anderer Personen" sieht und Ihre Kooperationsbereitschaft im Ermittlungsverfahren schätzt. Haben Sie diesen Brief nicht vorgelegt, wenn Fragen nach Ihrer Rolle in dieser Affäre auftauchten?
Roland K.: Doch, schon, aber nicht jeder hat gefragt. Bei den ersten Bewerbungen war ich derjenige, der von sich aus das Thema angesprochen hat, weil ich wusste, die checken meinen Hintergrund ohnehin - und stoßen spätestens beim Googeln auf die Angelegenheit. Deshalb war es mir wichtig, dieses Thema selbst ins Spiel zu bringen, als eine Art vertrauensbildende Maßnahme.
SPIEGEL: Und das wurde nicht honoriert?
Roland K.: Doch, aber ich habe keinen Job bekommen. Die Leute haben gesagt, Roland, wir glauben Ihnen, und wir schätzen Ihre Aufrichtigkeit sehr - aber wir haben die Sorge, dass unsere Kunden da nicht so genau differenzieren. Und Sie können nicht jedem Klienten den Brief des Bezirksstaatsanwalts vorlegen, bevor Sie mit ihm übers Geschäft reden - sorry.
SPIEGEL: Das haben die Ihnen ins Gesicht gesagt?
Roland K.: Ja, aber so seltsam das klingen mag, ich konnte die Leute sogar verstehen. Ich hätte früher auch so argumentiert. Beim Thema Kinderpornografie ist der Verdacht schon beinahe das Urteil. Deshalb habe ich die Geschichte bei späteren Bewerbungen gar nicht mehr erwähnt - in der albernen Hoffnung, dass die Leute nicht so gründlich googeln. Aber das war natürlich ein Irrtum. Als ich dann Anfang Dezember erfuhr, dass ein Rechtsberater der HSH öffentlich erklärt hatte, der entlassene Ex-Vorstand Frank Roth sei "grob, falsch und schlecht" behandelt worden und müsse rehabilitiert werden, habe ich gedacht, dass ich so was auch brauche, und habe mich bei der Bank gemeldet.
SPIEGEL: Wie und bei wem?
Roland K.: Ich habe gleich im Dezember Briefe geschrieben, an den Vorstand und den Präsidialausschuss des Aufsichtsrats, und um eine Ehrenerklärung gebeten. Die habe ich vor kurzem auch bekommen.
SPIEGEL: Was steht drin?
Roland K.: Wörtlich heißt es: "Nach eingehender Prüfung der Umstände, die zur Entlassung des ehemaligen General Managers ihrer Filiale in New York geführt haben, kommt die HSH Nordbank zum Schluss, dass der damalige Niederlassungsleiter in keinerlei Verbindung zu jeglicher Kinderpornografie steht. Die Bank bedauert ausdrücklich die Situation und die persönlichen Unannehmlichkeiten, in die der ehemalige General Manager durch die diesbezügliche negative Publizität geraten ist."
SPIEGEL: Das klingt, als seien die Medien schuld an dem Wirbel und nicht die Bank, die ein 13-köpfiges Rollkommando in die New Yorker Filiale geschickt hat - inklusive des Personalchefs und des HSH-Chefjustitiars Wolfgang Gößmann.
Roland K.: Das ist Ihr Urteil, ich will das nicht kommentieren. Für mich ist wichtig, dass die Bank den Kinderporno-Verdacht ausdrücklich dementiert und sich entschuldigt hat. Jetzt habe ich wieder Hoffnung, dass es doch noch mal was werden kann mit einem Job in der Finanzindustrie. Und ich habe noch eine Hoffnung: dass diejenigen, die mir das angetan haben, überführt und bestraft werden. Dann erst ist es wirklich vorbei.
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 12/2011
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