21.03.2011

PROZESSEAdams Krieg

Sechs Jahre nach dem Folterskandal von Abu Ghuraib müssen sich erneut amerikanische Soldaten für ihre Verbrechen vor Gericht verantworten. Sie sollen afghanische Zivilisten aus purer Mordlust umgebracht und ihre Opfer mit grausamen Fotos entwürdigt haben.
Es ist kurz vor drei Uhr Nachmittag in Cape Coral, Florida, als Christopher Winfield eine Nachricht seines Sohnes aus Afghanistan erreicht; im ersten Moment fällt es ihm gar nicht auf, dass drei Uhr Nachmittag eine komische Zeit ist, um einen Anruf aus Afghanistan zu bekommen.
Er geht in sein Arbeitszimmer, setzt sich an den alten Gateway-Computer und öffnet seinen Facebook-Account. In Afghanistan ist es bald Mitternacht.
Sein Sohn hat ihm hinterlassen, dass er sich über Facebook bei ihm melden solle, diskret, nicht übers Telefon, weil niemand in seinem Camp mithören dürfe. Muss er sich Sorgen machen? Adam Winfield ist Christophers ältester Sohn, 21 Jahre alt, Fahrer eines vierachsigen Radpanzers vom Typ Stryker auf der Forward Operating Base (FOB) Ramrod, einem der abgelegensten und gefährlichsten Militärstützpunkte der Amerikaner in Afghanistan. Aber der Vater ist froh, dass sein Sohn sich meldet. Er lebt. Seit drei Wochen, sagt er, habe er nichts von ihm gehört.
Draußen brennt die Nachmittagssonne, es ist Sonntag, der 14. Februar 2010, Valentinstag, am Morgen haben sie kurz gefeiert, seiner Frau hat er bei Tiffany einen Silberring gekauft. Es ist 15.18 Uhr, als er im Chat zu lesen beginnt, er antwortet sofort.
Adam: "Ich werde bedroht."
Christopher: "Wer bedroht dich?"
Adam: "Die Jungs in meiner Einheit haben einen unschuldigen Afghanen getötet. Er war so alt wie ich. Sie haben alles geplant. Ich wusste davon, habe aber nicht geglaubt, dass es passieren würde. Fast alle in der Einheit wissen Bescheid und finden es in Ordnung. Nur ich nicht. Ich will etwas unternehmen, aber ich traue mich nicht."
Minutenlang antwortet der Vater nicht.
Adam: "Hast du nicht verstanden, was ich dir geschrieben habe?"
Christopher: "Ja. Mord."
Als Adam Winfield zehn Monate später für eine Anhörung vor dem Militärgericht steht, wird es auch um diese Sätze gehen. Sie könnten entscheidende Beweismomente sein in einem Drama, in dem junge Soldaten offenbar zu Monstern geworden sind. Immerhin scheint die Unterhaltung mit seinem Vater nahezu- legen, dass hier jemand gegen seinen Willen in einen Strudel gerissen wurde, der schließlich in Kriegsverbrechen mündete. Denn Adam wird demnächst vor Gericht stehen als einer von zwölf jungen Männern, die der Krieg in Afghanistan zu einem Mördertrupp zusammengeschweißt hat, zum "Kill Team", wie sie sich nannten. Sie sind jetzt in den Schlagzeilen amerikanischer Zeitungen, weil sie Zivilisten hingerichtet haben sollen, einfach so, zum Spaß. Es ist ein unglaubliches Verbrechen und ein Skandal, der in derselben Reihe steht wie der von Abu Ghuraib, dem Gefängnis im Irak, in dem US-Soldaten zum Spaß Gefangene folterten.
Denn hier wie da haben die Täter ihre Taten auf Bildern festgehalten. Das Kill Team hat seine Opfer fotografiert, als seien die Soldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan in Wahrheit auf einer Trophäenjagd gewesen, als sollten ihre grausigen Souvenirs später beweisen, was sie doch für Teufelskerle waren, damals in Afghanistan.
Diese Bilder sind womöglich noch ein wenig abstoßender als die von Abu Ghuraib. Die dokumentierten die nonchalante Verachtung für die Würde der gefangenen Iraker; die Bilder vom Kill Team der FOB Ramrod dokumentieren die nonchalante Verachtung für das Leben der Afghanen.
Jeder Satz, den Adam Winfield an jenem Valentinstag seinem Vater schrieb, wird vor Gericht untersucht, gewendet, interpretiert werden, und Geoff Morell, der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, sagt, dass man über die Rolle von Adam Winfield noch einmal nachdenken müsse, dass dieser Facebook-Dialog ein ganz neues Licht auf den Fall werfe. "Es wäre enttäuschend, wenn sich alles wirklich so zugetragen hätte", sagt Morell. "Wenn sich jemand bei uns meldet, um uns zu warnen, müssen wir die Warnung ernst nehmen."
Für den jungen Soldaten Adam Winfield ist der Krieg in Afghanistan zunächst
einmal ein guter Krieg, einer, an dem er nie gezweifelt hat. Es ist ein Krieg, über dessen Sinnhaftigkeit sich selbst Republikaner und Demokraten jahrelang einig waren, genauso wie Amerika und seine europäischen Alliierten. Adam Winfield kam nach Afghanistan, als US-Präsident Barack Obama im Juli 2009 eine großangelegte Truppenaufstockung diskutieren ließ. Auch für Obama war Afghanistan der "notwendige Krieg", anders als der Krieg im Irak, den sein Vorgänger George W. Bush gegen die Proteste der halben Welt angefangen hatte.
Christopher Winfield starrt noch einmal auf das Chat-Protokoll. Er kann es nicht fassen, was sein Sohn ihm da schreibt. Es dauert manchmal ein wenig, bis er eine Antwort bekommt, denn Adams Internetverbindung in Afghanistan ist schlecht. Immer wieder leuchtet die Meldung auf, dass sein Sohn "offline" sei. Der Vater fragt nach dem jungen Opfer.
Christopher: "Sind die einfach auf ihn losgegangen und haben ihn ermordet?"
Adam: "Sie haben es so aussehen lassen, als hätte der Junge eine Granate nach ihnen geworfen, und dann haben sie ihn niedergemäht."
Christopher: "Du kannst mit niemandem darüber sprechen, denn du weißt nicht, wem du trauen kannst."
Adam: "Ich muss mich entscheiden. Soll ich das Richtige tun und mich selbst in Gefahr bringen oder einfach den Mund halten? Die Army hat mich hier draußen im Stich gelassen. Ich hatte gedacht, dass ich hier bin, um Gutes zu tun. Aber das ist alles Lüge. Es gibt hier keine Guten mehr."
Christopher: "Sag ihnen, dass du deinen Mund halten wirst. Versichere es ihnen. Du musst es schaffen, dass die-se Arschlöcher denken, alles sei in Ordnung. Sie müssen denken, dass du auf ihrer Seite stehst. Tue so, als wäre nichts passiert."
Er kennt seinen Sohn nicht als großspurigen Geschichtenerzähler, Adam war immer ein stiller, verschlossener Typ, und wenn er sich mit solchen Worten an ihn wandte, war es ernst. Der Vater weiß: Das hier ist kein Spaß.
Christopher Winfield verspricht seinem Sohn, Hilfe zu organisieren, vertraulich, er werde versuchen, die Behörden einzuschalten: "Sei vorsichtig. Trau nieman-
dem", schreibt er ihm noch. Dann ist Adam wieder "offline".
Nun greift der Vater zum Telefon. Zuerst ruft er das Büro des Army Inspector General an, dann die Ermittlungsbehörde des Heeres, dann Floridas US-Senator Bill Nelson. Er spricht auf jede Mailbox, die anspringt. Schließlich wählt er die Nummer von Fort Lewis, dem Heimatstützpunkt der Brigade, zu der sein Sohn gehört, und dort hebt jemand ab. Zwölf Minuten lang spricht er mit dem dienst- habenden Feldwebel James Beck. Christopher Winfield erzählt Beck, dass ein unschuldiger Zivilist in Afghanistan getötet worden sei, dass das womöglich nicht der einzige Mord gewesen sei und dass jemand das Morden stoppen müsse. Der Feldwebel nimmt seine Nummer auf und verspricht, die Informationen weiterzugeben. Es ist 16.18 Uhr, als Adams Vater auflegt.
Er wartet, es vergehen Stunden. Tage. Wochen. Er hört nie wieder etwas von Feldwebel Beck.
Das Verbrechen, von dem Adam Winfield seinem Vater berichtete, ist an diesem Sonntag einen Monat alt. Am 15. Januar 2010, haben die Ermittler herausgefunden, hatte das Kill Team zum ersten Mal zugeschlagen.
Adams Einheit fährt Patrouille in der Gegend westlich von Kandahar, im Infanterie-Stryker, den sie hier "Kevlar-Sarg" nennen, weil das Fahrzeug zwar gepanzert ist, sich aber eigentlich nicht für Afghanistan eignet. Es ist viel zu schwerfällig für die schlechten Straßen, vor allem viel zu laut, um unbemerkt zu bleiben.
Mit dabei sind Feldwebel Calvin Gibbs, damals 25 Jahre alt, der Chef und Anführer des Kill Teams, Jeremy Morlock, Stabsgefreiter, 22 Jahre alt, die rechte Hand von Gibbs, und der Obergefreite Andrew Holmes, mit 19 Jahren der Jüngste in der Truppe. Sie sitzen in Strykern, und in einem davon sitzt Adam Winfield.
Er ist Stryker-Fahrer und stolz auf diesen Job, er trägt Verantwortung. Er hat im Fahrzeug das Sagen. Seine Aufgabe ist es, den schweren Radpanzer über Straßen zu lenken, die voller Minen stecken, in seiner Hand liegt das Leben seiner Kameraden.
Vor Adam, zwischen Hügeln und Mohnfeldern, ist das kleine Dorf La Mohammed Kalay zu erkennen, etwa 2000 Afghanen leben dort. Die Region um La Mohammed Kalay gilt als eine Hochburg der Taliban. Adams Zug hat den Auftrag, die Sicherheit für ein Treffen zwischen US-Offizieren und den Dorfältesten zu gewährleisten. Gibbs und die anderen springen aus den Strykern, um das Dorf zu umstellen, Winfield bleibt sitzen, er muss das Fahrzeug bewachen.
Als die Männer aus Gibbs' Einheit auf das Dorf zugehen, haben sie sich offenbar bereits vorgenommen, heute jemanden zu töten, so jedenfalls sagen Mitglieder des Kill Teams später vor den Militärermittlern aus. Den Ermittlungsakten zufolge hatte Gibbs seinem Untergebenen Morlock da schon eine Granate gegeben, die er bei diesem Einsatz zünden sollte. Alles müsse so aussehen, als sei der Zug von Afghanen angegriffen worden und als hätten die US-Soldaten allen Grund gehabt zurückzuschießen. Gibbs und seine Leute wollen die Bühne bereiten für einen "legitimate kill", eine legitime Tötung.
Wusste Winfield davon? Ganz ahnungslos kann er nicht mehr sein, als er in seinem Stryker sitzt. Dafür hatte ein Kamerad zu viel über ihre Absichten gesprochen. Später erinnert sich Winfield, dass "Morlock und Gibbs das Ganze eine Woche lang geplant haben". Er wird vor den Militärermittlern aussagen: "Feldwebel Gibbs hat seinen Leuten eingeredet, dass sie damit durchkommen. Dann hat Morlock den Obergefreiten Holmes unter seine Fittiche genommen, sie sind losgegangen, und sie haben ihr Ding durchgezogen." Holmes bestreitet, von den Plänen gewusst zu haben.
Um 9.30 Uhr an diesem Morgen taucht der junge Bauernsohn Gul Mudin auf. Morlock und fünf andere sichern weitere US-Truppen. Morlock sieht Gul Mudin und winkt ihn zu sich heran. Es ist ein Moment wie tausend andere in Afghanistan, und wahrscheinlich, wird Morlock später aussagen, wollte der Junge "einfach nur reden". Aber Morlock hat offensichtlich anderes im Sinn.
Nur noch etwa fünf Meter ist der junge Afghane von dem Soldaten entfernt. Er hebt seine Jacke, damit jeder sehen kann, dass er kein Selbstmordattentäter ist, keine Sprengweste trägt. In diesem Moment hat Morlock die Granate angeblich scharf gemacht und den Splint in seiner Tasche verschwinden lassen. "Achtung", ruft er, "in Deckung!" Es soll so aussehen, als würde die Einheit angegriffen.
Dann soll er Holmes aufgefordert haben, sich feuerbereit zu machen, und nun wirft Morlock die Granate, die in der Nähe des Jungen explodiert.
Acht Schüsse fallen, der Afghane ist tot, die Amerikaner laufen hin, schneiden ihm die Kleidung auf, Morlock stellt sich über den Toten, hebt dessen Kopf hoch und lässt sich so fotografieren. Dann befiehlt er Holmes, sich auch fotografieren zu lassen. Gibbs soll wenig später einen kleinen Finger herumgezeigt haben, so jedenfalls steht es in den Vernehmungsprotokollen. Dann gibt er den Befehl, sich zurückzuziehen.
Es ist eine eigenartige Stimmung, als der Trupp wieder in den Stryker steigt. Die Soldaten sind aufgekratzt, wie besoffen erzählen sie einander ihre Version des Vorfalls. Sie geben sich High-Fives, klatschen sich ab wie nach einem gewonnenen Football-Match. Und langsam fügt sich das Bild, langsam begreift Adam Winfield, was sich auf dem Mohnfeld vor La Mohammed Kalay zugetragen haben muss, dass wirklich passiert ist, was er für unvorstellbar hielt. Und dann zeigen die Täter ihm die Bilder, die Trophäenfotos mit dem Toten, und mitten in dieser unerträglichen Prahlerei wird ihm bewusst, dass er nun selbst Anteil an der Schuld hat. Er weiß nun um das tödliche Geheimnis der Einheit, und er ahnt, dass dieses Geheimnis auch für ihn tödlich sein könnte.
Er fühlt sich elend danach. Er hat Angst, drei Tage lang plagt er sich mit seinem schlechten Gewissen herum, bis er seinem Vater eine E-Mail schickt: "Hier passieren schreckliche Dinge. Aber ich kann nicht darüber sprechen."
Er wird sprechen müssen. Mittlerweile ist das gesamte Kill Team verhaftet. Für dieses Vergehen und viele andere Taten sind insgesamt zwölf Soldaten angeklagt, darunter fünf wegen vorsätzlichen Mordes. Weitere Anklagepunkte lauten auf Leichenschändung, unerlaubten Besitz von Leichenfotos, Drogenmissbrauch, Körperverletzung gegen Kameraden.
In dieser Woche beginnt das Militärtribunal gegen den Stabsgefreiten Morlock. Der hat sich als Kronzeuge zur Verfügung gestellt, seine Kameraden belastet und das Versprechen erhalten, mit einer Haftstrafe von 24 Jahren davonzukommen. Wann der Prozess gegen Winfield beginnt, steht noch nicht fest.
Es ist ein Prozess, der viel Aufsehen erregt in den Vereinigten Staaten. Fast zwei Drittel der Amerikaner können nach jüngsten Umfragen keinen Sinn mehr erkennen in diesem Krieg. Für viele ist die Geschichte von den sauberen GIs, die in Afghanistan zu Monstern wurden, ein weiterer Grund, warum Amerikas Soldaten so schnell wie möglich nach Hause kommen sollten.
Und es ist ein Prozess, den vor allem das Pentagon fürchtet. Die Sorge der Militärs gilt hauptsächlich den fotografischen Belegen für die Grausamkeit des Afghanistan-Kriegs, darunter die Fotografien der Untaten des Kill Teams, aber auch Bilder von anderen Kriegsopfern, von denen einige Angeklagte ganze Sammlungen hatten. Auf die Frage des SPIEGEL, warum das Pentagon alles versuche, um die Bilder geheim zu halten, antwortete eine Sprecherin der Armee: "Einige dieser Fotos sind heikler Natur. Sie sollten nicht veröffentlicht werden."
Die Pentagon-Offiziere ahnen, dass die Bilder von diesen Grausamkeiten eine neue weltweite Empörungswelle lostreten könnten, so wie es die Bilder von Abu Ghuraib im Irak-Krieg getan haben. Sie fürchten, dass sich das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen den amerikanischen Soldaten und der afghanischen Zivilbevölkerung weiter verschlechtern könnte, sie fürchten Racheanschläge auf die in Afghanistan stationierten US-Soldaten oder Terrorattentate auf amerikanische Einrichtungen.
Fünf Monate lang haben der SPIEGEL und SPIEGEL TV die Geschichte des Kill Teams recherchiert - quer durch die Vereinigten Staaten zwischen Wasilla in Alaska und Cape Coral in Florida; auch in Afghanistan haben sich die Reporter umgesehen. Sie haben Einblick in die Ermittlungsakten erhalten, mit Verwandten und Freunden der Angeklagten gesprochen und Briefe sowie E-Mails der Beschuldigten lesen können. Und sie haben die Bilder und Videos bekommen, die die Täter häufig selbst aufgenommen haben.
Von denen veröffentlicht der SPIEGEL nur einen verschwindend kleinen Teil, 3 von etwa 4000 Fotos und Videos, nur das, was zwingend notwendig zur Geschichte gehört, die hier erzählt werden soll - wie nämlich auch ein Krieg, der mit den besten Intentionen begann, der die Qaida-Terroristen aus Afghanistan vertreiben sollte, für den es ein Mandat der Uno gibt, inzwischen längst ein anderer Krieg geworden ist. Einer, bei dem auf beiden Seiten die Gewissheit abhanden- gekommen ist, wofür sie eigentlich kämpfen. So kann es geschehen, dass die Islamisten der Taliban auch ihre Drogeneinkünfte verteidigen oder dass sich der Hass der Amerikaner auf die Mörder ihrer Kameraden gegen gänzlich Unbeteiligte richtet. Diesen Krieg, der seinen Anlass aus dem Blickfeld verloren hat, will der SPIEGEL dokumentieren.
Als Adam Winfield nach Afghanistan kam, war für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen. Er hatte das Gefühl, sich auf einer ganz großen Mission zu befinden. Er war Stabsgefreiter in der 5. Stryker-Brigade, die das Motto trug "Strike and Destroy", zuschlagen und zerstören. Schon sein Vater war bei den Marines gewesen, sein Onkel bei der Navy. Beide fanden, dass Adam eigentlich nicht zum Militär passte. Er war "schüchtern, vergeistigt und weich", sagt seine Mutter. Sie erinnert sich auch, wie er als Junge in Büchern blätterte, in "drei, vier Enzyklopädien gleichzeitig" nachschlug, wenn er ein Wort nicht verstand. Als Junge sang er im Kirchenchor. Später ging er mit einer christlichen Jugendgruppe nach Bolivien, sah die Armut dort und versprach bei seiner Rückkehr: "Dad, ich werde mich nie wieder über etwas beklagen."
"Er konnte sich nur zwei Dinge im Leben vorstellen", sagt seine Mutter. "Entweder wollte er Missionar werden oder Soldat." Als er sich für das Militär entschieden hatte, war er erst 17 Jahre alt, zu jung, um sich eigenständig zu verpflichten. Aber er bedrängte seine Eltern so lange, bis sie einwilligten. "Er wollte sich als Mann beweisen", sagt sein Vater heute.
In Afghanistan musste sein Kampfverband heftige Verluste hinnehmen. Seit Winfield im Juli 2009 zur Brigade gestoßen war, waren 36 Kameraden gestorben, 33 davon im Gefecht gefallen oder umgekommen, weil unter ihnen Landminen explodiert waren; "sigacts" heißt diese Todesart im Militärjargon, "significant activity of a hostile nature", erhebliche Aktivität feindlicher Natur. Die Todesrate bei den Strykern ist so hoch, dass das Pentagon alarmiert ist. Adam hat die Unterhaltungen über seine zerfetzten Kameraden gehört, hat gehört, dass manchmal nur noch einzelne Körperteile aufzufinden waren, Hände, Arme, Köpfe, Finger, gerade genug, um die Identität der Gefallenen festzustellen, zu wenig für ein würdevolles Begräbnis. Dana Holmes, die Mutter von Adams Kamerad Andrew Holmes, sagt: "Die Jungs denken immer, dass sie mit dem Krieg fertigwerden, aber wenn sie ihre Freunde sterben sehen, dann ändert sich alles."
Plötzlich ist Afghanistan weit gefährlicher, als Winfield es sich vorgestellt hat. Ramrod liegt im kulturellen Zentrum des Landes, hier in Kandahar wird der Mantel des Propheten Mohammed aufbewahrt, einer der heiligsten Orte des Landes, eine Hochburg der Taliban.
Den Feind sah Adam Winfield nur selten. Seine Kameraden und er sehen die Helfer der Taliban höchstens durchs Nachtsichtgerät, wenn die Gegner Landminen vergraben, tagsüber verstecken sie sich. Tagelang absolvieren die Amerikaner nur sinnlose Patrouillen, sind frustriert, langweilen sich. Der Feind, sagt Winfields Vater, bleibt unsichtbar, bis plötzlich ein Kamerad in die Luft fliegt. "Sie kämpfen gegen ein Gespenst."
Dann ändern die Amerikaner ihre Strategie. Die Soldaten sollen das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen und nicht nur den Feind jagen und töten. Der damalige Afghanistan-Befehlshaber, General Stanley McChrystal, hat eine neue Kriegsphilosophie ausgegeben, genannt Counterinsurgency (COIN). Nun sollen die Truppen vor allem die Bevölkerung schützen, ihnen Hilfspakete bringen, mit ihnen reden und draußen in ihren Dörfern leben. Im Irak hatte COIN funktioniert, aber war COIN auf Afghanistan zu übertragen? Auf ein Land, in dem es keine Zivilgesellschaft gibt wie im Irak, ein rückständiges Land voller armer Bauern und unzähliger Stammesfürsten?
Die Soldaten der 5. Stryker-Brigade jedenfalls können nur wenig anfangen mit der neuen COIN-Strategie, sagt Audrey Morlock, Jeremys Mutter. Ihr Junge sei dazu von der Armee nicht ausgebildet worden. "Drei Jahre lang hat mein Sohn nur eins gelernt", sagt sie. "Kill, kill, kill." Auch die Winfields haben das Gefühl, die Anforderungen, die das Militär mit der COIN-Strategie an die Soldaten stellte, hätten diese überfordert. "Wie sollen sie denn die Bevölkerung schützen?", fragt seine Mutter Emma.
Ihrem Sohn fehlt in Afghanistan die Kameradschaft, die er sich gewünscht hat. Er findet dort keinen einzigen Freund, keinen, der wie er denkt, der beispielsweise Bücher liest. Adam liest alles. Selbst über Panzer liest er ein Buch, "Jane's Tank Recognition Guide", den Klassiker. Aber wen interessierte das in Ramrod schon?
Alles erscheint Adam plötzlich feindlich, dreckig, erbärmlich. Er fühlt sich allein, mitten unter 3500 Kameraden. Alles ekelt ihn nun, der Nachbar, das Schnarchen, jeder ist ihm suspekt. Es stinke nach Kot und Urin, berichtet er seinen Eltern, das Quartier sei längst nicht so komfortabel, wie er es sich erhofft hat; und dann sei da noch sein neuer Feldwebel, Calvin Gibbs.
Gibbs ist seit November 2009 in Ramrod stationiert, weil dessen Vorgänger bei der Explosion einer Landmine beide Beine verloren hat. Gibbs ist ein durchtrainierter Riese aus Billings im Rocky-Mountains-Staat Montana. Er hat kurze blonde Haare, blaue Augen, er ist 1,95 Meter groß und wiegt 100 Kilo, genau doppelt so viel wie Winfield. Ein "physisch einschüchternder Typ", sagt Winfields Vater, Winfield selbst nennt Gibbs einen "Rambo", einen, der furchtlos töten kann.
Von dem Tag an, als Gibbs das Camp betritt, ändert sich Winfields Stimmung grundlegend und die der gesamten Einheit. Plötzlich herrscht ein anderer, rauerer Ton. Gibbs hat Erfahrung mit Kampfeinsätzen, 2004 hat er schon einen im Irak hinter sich gebracht, danach war er das erste Mal in Afghanistan.
Bei diesem, seinem zweiten Afghanistan-Einsatz war Gibbs von Kandahar nach Ramrod versetzt worden. Von Beginn an führt er ein Schreckensregiment. Wenn er redet, dann in einem Schwall von Obszönitäten. Zu seinen Untergebenen kann er gnadenlos sein. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen einem guten und einem bösen Krieg. Krieg ist Krieg. Und um die Afghanen will er sich nicht kümmern. "Er hasst alle Afghanen", gibt Morlock später zu Protokoll.
Zunächst gelingt es ihm, mehr Ruhe ins Team zu bringen. Die Zahl der Verletzten geht zurück. Doch von Anfang an gibt er zu erkennen, dass er Winfield nicht ausstehen kann.
Als Winfield einmal vergisst, den Stryker abzuschließen, lässt Gibbs ihn Liegestütze machen. Er liebt es, Winfield vor allen zu demütigen. Gibbs habe seinem Mandanten einen "Überlebenskampf" aufgezwungen, sagt Winfields Anwalt Eric Montalvo.
Gibbs kommt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater arbeitet als Hausmeister für eine Mormonenkirche. Die Schule war für Gibbs eine Strafe, etwas für Streber. Mit 15 flog er von der Junior High School in Billings. Sobald er konnte, meldete er sich zu den Streitkräften. Er wäre gern zu den Marines gegangen, aber dafür reichte seine Schulbildung nicht. Umso mehr hasste er jetzt die kleinen Schlauberger mit ihren Büchern, Typen wie Winfield.
Gibbs gab ihm den Spitznamen "Winnie the Jew", Winnie, der Jude, eine Anspielung auf die Kinderbuchfigur Puh, der Bär. Er wollte deutlich machen, dass er Winfield für ein Weichei hielt. Winfield ist getauft, aber seine Mutter stammt aus einer jüdischen Familie.
Der Stabsgefreite Winfield war für Gibbs ein Versager. Nicht nur wegen der Bücher. Winfield hatte "buck fever", wie es im Militärjargon heißt, er litt unter der Angst vieler junger Soldaten, zum ersten Mal töten zu müssen. Sein Vater sagt: "Er hatte Angstattacken, weil er nicht wusste, ob er wirklich jemanden töten könnte, selbst wenn Feinde auf ihn schossen. Er wusste nicht, wie er reagieren würde."
Buck fever ist ein Thema, über das man bei der Infanterie nicht gern redet. Es wird verschämt behandelt, denn wer nicht töten kann, gilt nur als halber Soldat. Aber Gibbs redete darüber, er warf seinen Untergebenen Feigheit vor, er liebte es, sie zu erniedrigen. Dem Gefreiten Ashton Moore erklärt Gibbs, er suche den Typ Soldat, "der jeden umbringen kann ohne jedes Bedauern". Auch weil Gibbs ihm das nicht zutraute, musste Winfield immer im Wagen bleiben.
Gibbs schien keine Probleme mit dem Töten zu haben. Winfield sagt später über seinen Vorgesetzten: "Er mochte es zu töten." Aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass ein Soldat Gibbs fragt, warum er getöteten Gegnern auch noch die Finger abschneide, worauf der Feldwebel geantwortet habe: "Weil es Spaß macht, Leute damit zu erschrecken." Man könne zum Beispiel einen Finger in ein Hilfspaket für die Afghanen stecken.
Gibbs fand auch Vergnügen daran, Tiere zu töten. "Wenn Gibbs eine Gelegenheit fand, Hunde zu töten, egal ob sie eine Bedrohung für uns waren oder nicht, dann machte er das", verrät Morlock den Ermittlern. Der Soldat Alexander Christy sagt, dass diese Vorliebe Gibbs' die Sicherheit der Einheit gefährdet habe. "Einmal erschoss Gibbs zwei Hunde, und die Dorfbewohner haben sich beschwert. Sie haben uns erklärt, dass sie uns von nun an nicht mehr helfen wollen." Demonstrativ hätten sie ein Hilfspaket verbrannt. "Gibbs empfand puren Hass für alle Afghanen und nannte sie stets ,die Wilden'", sagt Morlock.
Gibbs schreckte vor gar nichts zurück. Seine Untergebenen waren sich einig, dass ihr Chef ein Sadist war, die "Wiedergeburt des Bösen", wie Winfield später sagt. Gibbs trug sechs Tattoos auf seiner linken Wade. Jedes Tattoo, erläuterte er, stehe für einen Toten, drei blaue für drei getötete Afghanen, drei rote für drei Iraker.
Mit seinem wüsten Auftreten und seinen Angebergeschichten kann Gibbs die jungen Mitglieder seiner Einheit aber auch beeindrucken. Bald ist er der Anführer einer Truppe, die sich das Kill Team nennt, das Mordkommando.
Wenn es stimmt, was die Mitglieder des Kill Teams später erzählen, dann entwickelten sie für das perverse Vorhaben, Menschen ohne jeden Anlass zu töten, regelrechte Drehbücher. Sie konstruierten einen Vorwand, so dass sie später behaupten könnten, sie hätten in Notwehr gehandelt.
Gibbs sei der Gerissenste bei der Entwicklung solcher Szenarien - und bei ihrer Umsetzung. Er hinterlasse beim Töten keine Spuren, und während sich die anderen sorglos fotografieren lassen, vermeidet er kompromittierende Bilder. Wohl aber hatte Gibbs russische Kalaschnikows beim afghanischen Militär gegen Pornos getauscht. In seinem Spind fand sich ein Arsenal feindlicher Waffen, die er offenbar seinen Opfern zustecken wollte, um sein eigenes Töten als einen Akt der Notwehr darzustellen.
Eine Woche nachdem Adam Winfield seinen Vater im Facebook-Chat informiert hat, zieht das Kill Team ein zweites Mal los, diesmal ist Winfield nicht mehr dabei, er ist als Fahrer gerade abgesetzt, und als Fußsoldat kann ihn Gibbs nicht gebrauchen.
Gibbs, Morlock und Michael Wagnon, 30 Jahre alt, aus Puyallup, Washington, der Älteste im Team, sollen diesmal die Täter sein. Das Opfer ist der Afghane Marach Agha, es ist der 22. Februar 2010.
Den Ermittlungsakten zufolge hat Gibbs eine alte Kalaschnikow dabei, sie gehen wieder nach dem bewährten Prinzip vor, eine russische Waffe muss als Beweis für die Unschuld der Truppe herhalten. Marach Agha sitzt bei einer Mauer, die Amerikaner schauen sich um, ob sie allein sind, Gibbs feuert zuerst mit der Kalaschnikow ein paar Schüsse in die Gegend, dann nimmt er sein M4-Sturmgewehr und erschießt den Afghanen. Als der tot ist, wirft ihm Gibbs die Kalaschnikow vor die Füße.
Winfield, der auch von dieser Tat erfahren hat, äußert erstmals Selbstmordgedanken. Er leidet unter Schuldgefühlen, die sich mit Aggressionsschüben abwechseln. Mal sagt er, er würde gern mit einer Landmine in die Luft gehen, andere Male
tönt er, er wolle lieber Gibbs erschießen. Winfield wird jetzt zum Risiko. Für sich, aber auch für das gesamte Kill Team. Gibbs entgehen Winfields Stimmungsschwankungen nicht.
Winfield weiß nicht mehr, was er tun soll. Einerseits ist er gegen die Untaten, andererseits will er zumindest den Eindruck erwecken, zum Team zu gehören. "Winnie hatte ein paar Probleme mit sich", erinnert sich Morlock. "Er änderte ständig seine Meinung. Mal hatte er das Gefühl: ,Mir doch egal, lass Gibbs verdammt noch mal töten. Das ist seine Sache.' Und dann war er wieder begeistert: ,Hey, yeah. Ich bin dabei und zieh das mit Gibbs durch.'"
Etwa von dieser Zeit an hat Winfield das Gefühl, dass Gibbs ihn misstrauisch beobachtet. Er sagt später aus, dass er damals als ein Verräter gegolten habe: "Jeder dachte, ich hätte gequatscht." Angeblich habe Gibbs ihm mit einer Anhängerstange gedroht, und Winfield ist sich sicher, dass sein Chef es ernst meinte.
Ein Kamerad warnt ihn. "Gibbs hat darüber gesprochen, dich zu eliminieren", heißt es in einer Aussage Morlocks. Winfields Antwort: "Ich habe das geahnt. Ich wusste, dass dieser ,motherfucker' mich holen würde." Er versucht, Gibbs zu beschwichtigen. Seinen Kameraden soll er gesagt haben: "Lasst Gibbs wissen, dass ich ihn nie verraten würde. Ich weiß, dass er mich sonst töten würde."
Gibbs dagegen, so sehen es Kameraden, war damals klar, dass er das Sicherheitsrisiko Winfield nur ausschalten könnte, wenn Winfield selbst einen Mord beginge. Der Soldat Adam Kelly wird später aussagen, dass Winfield "an einem inszenierten Mord teilnehmen" musste.
Es ist die Zeit, in der sich Morlock um Winfield zu kümmern beginnt, der engste Vertraute von Gibbs, seine rechte Hand.
Morlock ist seit Juli 2009 in Afghanistan. Sein Eishockeycoach Sean McCoy bescheinigt ihm ein ungestümes, gewalttätiges Temperament, er hat schon Teamkollegen in der Kabine verprügelt. Ein anderer Trainer bezeichnet ihn als "ein bisschen verrückt".
Morlock berichtet später den Ermittlern, was Gibbs von Winfield hielt. In Gesprächen mit ihm habe Gibbs gesagt: "Hey, du, ich glaube Winnie wird uns verraten." Er habe gedroht: "Den werde ich mir vornehmen, Mensch. Wir gehen in die Trainingshalle und lassen ein verdammtes Gewicht auf seine Brust fallen oder irgendeinen Scheiß."
Und dann kommt der Tag, an dem Adam Winfield endgültig die Grenze überschreitet, an dem der gute Junge von einst, der in einem gerechten Krieg kämpfen wollte, Schuld auf sich lädt. Zweieinhalb Monate ist es jetzt her, dass Adam sich seinem Vater über Facebook anvertraut hat.
Als das Kill Team am 2. Mai 2010 zu einer weiteren Routinepatrouille aufbricht, ist Winfield zunächst gar nicht dabei. Dann ordnet der befehlshabende Offizier an, dass Winfield den Zug verstärken soll, auch Morlock und Gibbs machen nach Erkenntnissen der Ermittler wieder mit, Gibbs hat wieder eine Handgranate bei sich. Morlock soll die Waffe später neben das Opfer legen und den Verdacht von der Gruppe lenken.
Mullah Allah Dad trinkt an diesem Morgen zu Hause gerade grünen Tee. Bei ihm im Raum ist seine Frau Mora, als eines seiner sieben Kinder hereinkommt und berichtet, dass amerikanische Soldaten in Kalagi eingetroffen seien. Allah Dad ist der Geistliche des Dorfes, eigentlich einer jener Afghanen, die Amerika als Verbündete im Krieg gegen die Taliban braucht. Er tritt aus seinem Haus, um die Amerikaner zu sprechen, aber die nehmen ihn gleich mit.
Winfield erinnerte sich später, wie sie durch das Dorf fahren. Sie sehen den Mann, wie er vor seinem Haus steht und herüberschaut, harmlos, "als sei er ein bisschen verwirrt". Er habe freundlich ausgesehen: "Er schien nichts gegen uns zu haben." Aber Gibbs gibt den Befehl, den Mann mitzunehmen. "Bringt ihn runter an den Graben und lasst ihn niederknien." Winfield hat nicht das Gefühl, dass es sich um einen Talib handelt. Der Mullah erscheint ihm "friedfertig und unbewaffnet". Dann ruft Gibbs: "Granate".
An diesen Moment wird sich Adam Winfield zeitlebens erinnern. Später wird er aussagen, dass Gibbs die Granate geworfen und anschließend die Metallreste der Waffe neben den Körper des Mullahs gelegt hat. Wenig später habe Morlock ihm befohlen zu schießen. Der Aufforderung sei er gefolgt: "Ich begann zu schießen. Das war's."
Nach dem Tod des Mullahs beugen sich Gibbs, Morlock und Winfield über die Leiche. Im Bericht der Militärermittler steht, dass der ebenfalls anwesende Stabsgefreite Emmit Quintal den Auftrag gehabt habe, die Fingerabdrücke von Mullah Allah Dad zu nehmen. Quintal sagt aus, er habe gesehen, wie Gibbs "eine chirurgische Schere benutzte, um vermutlich den linken kleinen Finger abzuschneiden". Danach sei er Zeuge gewesen, wie Gibbs "dem Individuum einen Zahn entfernt habe und dabei Operationshandschuhe trug". Den Zahn habe Gibbs dann Winfield gegeben, damit dieser ihn als Kriegstrophäe behalten solle. Gegenüber den Ermittlern der Armee sagte Winfield später: "Sergeant Gibbs hat einen Zahn herausgezogen und sagte mir, ich solle ihn als Kriegstrophäe behalten. Ich nahm ihn nicht an und warf ihn auf den Boden. Gibbs gegenüber habe ich so etwas gesagt wie: ,Ich will den nur trocknen lassen.'"
Um die Tat zu vertuschen, behaupten die Mitglieder des Zuges, dass Allah Dad sie mit einer Granate angreifen wollte. Dabei sei sie losgegangen. Als drei Tage später ein Untersuchungstrupp der Armee ins Dorf kommt, erklärt ein amerikanischer Soldat den Dorfbewohnern: "Dieser Kerl wurde wegen eines Angriffs auf die Koalitionsstreitkräfte erschossen. Wir sind schließlich nicht einfach hier aufgetaucht und haben ihn wahllos erschossen. So etwas tun wir nicht. Solche Gerüchte verwenden die Taliban gern gegen uns, um Leute zu rekrutieren."
Nach dem Mord hatte Winfield keine Probleme mehr mit Gibbs. "Er sagte mir hinterher nur, dass ich nun zum Club gehöre", berichtete Winfield den Ermittlern. "Ich habe das so ausgelegt, dass er mir vertraute und dass ich mir nun keine Sorgen mehr zu machen brauchte." Nach dem Mord vom 2. Mai bekam Winfield auch einen neuen Spitznamen: "Bear Jew". So hieß in Quentin Tarantinos "Inglorious Basterds" die Filmfigur, die es genoss, Nazis zu töten. Adam Winfield war seinen Peiniger Gibbs endlich los.
Ist Winfield nun ein Mörder oder ist er ein Opfer des Kriegs? Oder war er einfach nur zu schwach oder zu feige, um sich gegen das System bedingungsloser Kameradschaft zu behaupten? Trifft es zu, wenn sein Vater sagt, Adam habe keine Chance gehabt, sich zu beschweren? "Wenn er sich beschwert hätte, wäre alles bei Gibbs gelandet, und Gibbs hätte dafür gesorgt, dass er umgebracht worden wäre."
Einen Tag nach dem dritten Mord kommt Winfields Zug-Kamerad Justin Stoner von einer Woche Fronturlaub zurück. Als er sein Zimmer betritt, merkt er, dass seine Kameraden in seiner Abwesenheit Haschisch geraucht hatten. Weil er dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden will, meldet er den Vorfall beim Kompanieführer. Der nimmt die Beschwerde auf, und es dauert nicht lange, bis auch Gibbs davon erfährt. Der Feldwebel trommelt sofort seine Leute zusammen, und Gibbs' Männer beschließen offenbar, sich für den Verrat zu rächen. "Ihre beste Antwort war, mich gemeinsam zu verprügeln", sagt Stoner später aus.
Es ist der frühe Nachmittag des 5. Mai, als sie Stoners Zimmer betreten, sieben Soldaten, unter ihnen Gibbs, Morlock, Quintal und David Bram, nur Winfield fehlt. Gibbs hatte Winfield gefragt, ob er mitkommen wollte, er habe herausgefunden, wer das mit dem Haschisch erzählt habe. Aber Winfield drückt sich. Sein Kamerad Morlock sei dann später auf sein Zimmer gekommen und habe ihm erzählt, was geschehen sei.
Gibbs beginnt ausgesprochen höflich, er sagt, es tue ihm leid, dass alles so kommen müsse. Er, Gibbs, wolle eigentlich nur verhindern, dass der Stabsgefreite Stoner weiter "wie ein Wasserfall" rede.
Dann schlagen und treten sie Stoner zusammen. Zuerst drückt ihn einer gegen die Wand, dann packt jemand seine Fußgelenke und wirft ihn zu Boden. Während er dort liegt, treten sie ihn, bis er überall blaue Flecke hat. Nur den Kopf sparen sie aus, damit die Vorgesetzten nicht sofort sehen, dass sie ihn zusammengeschlagen haben. Später kommt Gibbs noch einmal zurück und holt mumifizierte Finger aus seiner Tasche. Morlock sagt: "Wenn du nicht so enden willst wie dieser Typ, dann halte verdammt noch mal deine Schnauze."
Aber Stoner geht nach der Prügelei zu Gibbs' Vorgesetzten und beschwert sich. Der nimmt die Beschwerde auf, und bittet ihn dann, auf sein Zimmer zurückzugehen. Stoner entgegnet, er könne jetzt nicht mehr zurück: "Ich will nicht sterben wie die unschuldigen Afghanen."
Dieser Satz läutet das Ende des Kill Teams ein. Am 7. Mai wird Stoner von Ramrod nach Kandahar gebracht und dort drei Tage lang befragt. Er sagt: "Der Grund, warum ich um mein Leben fürchte, ist, dass meine Einheit dafür berüchtigt ist, auf Patrouille zu gehen, eine richtige Person zu finden und sie ohne Grund zu töten." Am selben Tag erklärt Gibbs seinem Team, er habe schon viele Untersuchungen überstanden, und wenn jeder die Schnauze halte, werde nichts passieren.
Am 11. Mai gesteht Morlock die drei Morde nach stundenlangen Verhören. Er beschließt nun, gegen Gibbs auszupacken, um ein milderes Urteil zu erreichen. Noch am selben Tag wird Gibbs verhaftet. Jetzt ordnen die Militärs weitere Untersuchungen an, über zwei Dutzend Soldaten werden verhört, alle Laptops, Fotoapparate und andere Datenträger der Verdächtigen eingesammelt.
Die digitalen Daten enthüllen auch, wie Gibbs und seine Freunde gewütet haben. Etwa 4000 Fotos stellen die Ermittler sicher, auf denen ihre Grausamkeiten und die Grausamkeiten des Krieges festgehalten sind. Wie viele Menschen das Kill Team insgesamt auf dem Gewissen hat, ist noch unklar. In dem Verfahren gegen Morlock und andere spielen zunächst einmal nur die drei Morde eine Rolle, die Morlock und Winfield gestanden haben. Die insgesamt 76 Anklagepunkte belegen indirekt, welch große Rolle die Trophäenfotos des Kill Teams im Prozess spielen: Es geht um das Sammeln von Schädeln und menschlichen Gliedmaßen, es geht um das entwürdigende Zurschaustellen von Leichen. In der 5. Stryker-Brigade wurden solche Bilder ausgetauscht wie Sammelbilder von Football-Stars.
Wann der Prozess gegen Feldwebel Gibbs beginnt, ist noch nicht klar. Er schweigt eisern gegenüber den Ermittlern und hat sich bislang zu keinem Anklagepunkt geäußert. Die Hinterbliebenen der Opfer haben bislang noch keine Kompensation erhalten.
Die Generäle McChrystal und sein Nachfolger David Petraeus wollten durch ihre Art der Rebellenbekämpfung eine Wende im Afghanistan-Krieg erzwingen.
Die COIN-Regeln sollten das Herzstück dieser Strategie sein, und jeder Erfolg setzte voraus, dass die Afghanen Vertrauen zu ihren Verbündeten aus Amerika fassen.
Feldwebel Gibbs und seine Männer vom Kill Team haben dafür gesorgt, dass dieses Vertrauen unmöglich wird. Und damit der Schaden, den sie angerichtet haben, nicht noch größer wird, hat das Pentagon alles versucht, die Bilder des Kill Teams unter Verschluss zu halten. Daniel Conway, der Anwalt von Andrew Holmes, sagt: "Die U. S. Army hat mehr Zeit darauf verwendet, die Fotos geheim zu halten, als die Verbrechen aufzuklären."
Adam Winfield wird am 12. Mai in Kandahar befragt. Er gibt zu, dass er am dritten Mord beteiligt war: "Ich weiß nicht, ob ihn meine Schüsse getötet haben oder ob es die Granate war, aber in jedem Fall war ich Teil von dem, was passierte", sagt er. "Was ich diesem Mann und seiner Familie angetan habe, war so ziemlich das Schlimmste, was ich in meinem Leben je gemacht habe."
Mitte Juni klingelt bei Emma und Christopher Winfield in Cape Coral das Telefon. Ein Major Cornado meldet sich aus Fort Lewis, dem Heimatstützpunkt von Adams Brigade. Adam sei zurück zu Hause, und für einen Moment atmet Emma Winfield auf. Sie denkt, dass nun alles in Ordnung kommt. Dann sagt Major Cornado: "Ihr Sohn wird angeklagt. Es war vorsätzlicher Mord."
Vor den Ermittlern sagte Adam Winfield: "Als ich Gibbs das erste Mal traf, verstanden wir uns nicht gut. Ich war wohl zu zahm für sein kleines Kill Team."
Ermittler: "Haben Sie gerade Kill Team gesagt?"
Winfield: "Ja, so hat Gibbs das genannt."
Es ist Dienstag, der 14. Dezember 2010, als Winfield vor dem Militärtribunal im Stützpunkt Lewis-McChord in der Nähe von Seattle angehört wird. Der Vorsitzende ruft seinen Namen auf. Der junge Soldat trägt eine olivgrüne Uniform, auf der linken Brust ist sein Name zu lesen.
Er steht stramm, den Rücken durchgedrückt, fast noch ein Junge mit verwuschelten schwarzen Haaren. Er zittert am ganzen Körper, seine Beine tragen ihn kaum, aber noch immer gehorcht er Befehlen und möchte alles richtig machen. Der Vorsitzende eröffnet ihm, dass ihm demnächst ein Prozess bevorstehe: "Sie werden angeklagt werden, vorsätzlich einen Mord begangen zu haben." Dann fragt er ihn, ob er verstanden habe. Und Adam Winfield nimmt seine letzte Kraft zusammen, seinen letzten Rest Stolz, und nur einmal hört man an diesem Tag seine Stimme, zwei Wörter, mehr nicht.
"Yes, Sir", sagt Adam Winfield.
Von John Goetz und Marc Hujer

DER SPIEGEL 12/2011
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