21.03.2011

TRAGÖDIENDie Ehre der Freiheit

Sind die 50 Freiwilligen, die in den Reaktoren von Fukushima gegen den Super-GAU kämpfen, Helden oder Opfer des Atomzeitalters? Von Georg Diez
Als sich Robert Mitchum den kleinen Finger abschneidet, zieht der Schmerz wie ein Zittern durch sein Gesicht. Er ist eben kein Japaner. Die haben mit dem Schmerz weniger Probleme, so scheint es, vor allem wenn sie Mafiosi sind. Für diese Yakuza, für die japanische Mafia, ist es eine Frage der Ehre, den kleinen Finger zu opfern.
Mitchum spielt in Sydney Pollacks Film "Yakuza" einen ehemaligen Detektiv, der einem amerikanischen Freund hilft, die in Japan gekidnappte Tochter wiederzufinden, und sich dabei im japanischen Konzept von Ehre und Selbstopfer verheddert. Er wird zur tragischen Figur. "Wenn ein Amerikaner am Ende ist, öffnet er das Fenster und erschießt ein paar Fremde", heißt es in dem Film. "Wenn ein Japaner am Ende ist, schließt er das Fenster und erschießt sich selbst."
Eine Frage der Ehre: ein Wort, das lange Zeit vor allem unter Adligen und Verbrechern benutzt wurde. Die westlichen Gesellschaften hatten sich von der Ehre weitgehend verabschiedet. Sie wurde nicht mehr gebraucht in der Demokratie, im Frieden. Sie war verdächtig. Die Ehre passt nicht ins psychologische Repertoire einer aufgeklärten Gesellschaft, genauso wenig, wie der Held ein gegenwärtiges Rollenmodell ist. Kriege machen Helden. Und Ehre heißt Duell im Morgengrauen oder abgeschnittener Finger. Aber eine Demokratie, das ist ihr Verdienst, fordert keine Opfer.
Und doch helfen vielleicht diese Begriffe "Ehre" und "Opfer" bei der Klärung, warum wir so gebannt auf die Männer schauen, die die "Fukushima 50" genannt werden, obwohl es unklar ist, wie viele genau vor Ort sind: Soldaten, Polizisten, Feuerwehrleute, Angestellte des AKW-Betreibers Tepco, die durch dunkle Labyrinthe kriechen, nur mit einer Taschenlampe bewaffnet, während Explosionen den Reaktorrumpf erschüttern.
Die Angst, die Hoffnung, die Verzweiflung, all das bündelt sich in der Vorstellung von diesen Männern. Sind sie also Helden? Selbst wenn sie sich freiwillig gemeldet haben, bleibt die Frage, was freiwillig in so einer Situation heißt. Oder sind sie Geiseln? Im Krieg wie in der Katastrophe sind solche Unterscheidungen kaum zu treffen.
Das Atomzeitalter hat die Menschen immer wieder in solche Aporien geführt, in unlösbare Situationen. Die Kluft zwischen Wissen und Nichtwissen macht sie zum Spielball, zu Figuren einer Tragödie. Früher spielten die Götter mit uns. Dann, als wir uns von den Göttern frei gemacht hatten, war es das Schicksal. Heute stellen wir uns selbst an den Rand des Abgrunds und warten, was passiert.
Das Gewalttätige, das Katastrophale, das Angstmachende war von Anfang an angelegt. Schon Marie Curie, die Physikerin und Nobelpreisträgerin, die um das Jahr 1900 das Wort "radioaktiv" erfand, kann als Strahlenopfer gelten. Sie starb wohl an den Folgen ihrer Forschungen.
Die amerikanischen Soldaten, die in den fünfziger Jahren in die Wüste von Nevada gekarrt wurden, wussten nicht, was sie taten. Sie bedeckten ihre Augen mit den Händen, als der riesige Atomblitz sie durchzuckte. Versuche wurden damals auch mit Schweinen gemacht, und es ist nicht klar, wer ahnungsloser war, die Menschen oder die Tiere. Die russischen Matrosen, die 1961 in den Reaktor des Atom-U-Boots K-19 geschickt wurden, waren einen Schritt weiter. Sie ahnten, dass sie sterben würden. Aber sie wussten nicht, wie schnell und wie schrecklich.
Kathryn Bigelow, die vergangenes Jahr einen Oscar gewann für "Tödliches Kommando", ihren Film über amerikanische Bombenentschärfer im Irak-Krieg, machte 2002 einen Film über die Helden der K-19: "Showdown in der Tiefe". Mit Lügen, Beschwichtigungen, Schicksalsappellen werden die Pioniere in die blau leuchtende Kammer geschickt: Blau, Farbe des Lebens, Farbe des Todes. Mit Lügen, Beschwichtigungen, Überlebensappellen werden sie wieder herausgezogen, kotzend, blutend, verstrahlt, Tote auf Abruf.
Diese Lügen sind in der Atomtechnologie selbst angelegt, das zeigt Bigelows Film, das zeigen all die vertuschten Störfälle, das zeigt die rituelle Militarisierung eines ganzen Landstrichs, wenn die Castor-Transporte rollen. Deshalb war die Atomtechnologie von Anfang an zum Untergang verdammt. Eine Industrie, die so sehr mit Geheimhaltung operieren muss, ist mit der Demokratie, die Offenheit will, nicht zu vereinen.
Aber was bedeuten die Fukushima 50 für die Demokratie? Totalitäre Regime taten sich immer leichter mit der Atomkraft. Die russische Regierung konnte 1986 Tausende junge Soldaten abkommandieren und in die Schützengräben von Tschernobyl schicken. Atomkraft war immer Krieg. "Liquidatoren" hießen die sowjetischen Helfer, die sich für ihre lebensgefährliche Mission nur notdürftig mit Bleischürzen schützten und als Helden gefeiert wurden.
Die einen opfern sich, die anderen werden geopfert. Das ist der Unterschied zwischen Freiheit und Diktatur.
Aber wer opfert sich freiwillig? Und warum? Schon kursieren Geschichten von den Männern von Fukushima und den Freiwilligen, die sich jetzt noch melden. Eine Tochter beweint da ihren Vater, der kurz vor der Pension steht, ein langjähriger Angestellter der Todesfirma Tepco, die den Reaktor in Fukushima betreibt. Sie beschreibt die Angst, die sie hat, man ahnt den Stolz, den sie fühlt.
Weniger die Pflicht scheint diese Männer anzutreiben, auch nicht "Loyalität und Kameradschaft", wie die "New York Times" einen AKW-Veteranen zitierte, sondern das, was man mit dem altmodischen, vordemokratischen, sperrigen Wort der Ehre meint.
Ehre bleibt ein Rätsel, weil die Motive des Einzelnen sich rationalen Argumenten verschließen. Ehre ist eine Herausforderung, weil sie in gewisser Weise dem Recht widerspricht. Sie gibt das Recht freiwillig auf. Sie schafft ihr eigenes Recht. Sie setzt an die Stelle der Pflicht den eigenen Willen. Sie kann damit auch Freiheit bedeuten, wenn sie in einem demokratischen Rahmen existiert.
Der Philosoph Kwame Anthony Appiah hat in seinem Buch "Eine Frage der Ehre" gerade gezeigt, welche Rolle die Ehre bei "moralischen Revolutionen" spielen kann, damit meint er etwa die Abschaffung der Sklaverei in Amerika oder das Ende der qualvollen kulturellen Praxis, chinesischen Frauen die Füße abzubinden, damit sie nicht wachsen. "Zwischen der Psychologie der Ehre und der aufrechten Haltung oder dem Willen, der Welt direkt in die Augen zu sehen, besteht ein tiefer Zusammenhang."
Ehre verbindet sich für Appiah mit Achtung und Respekt, sie besitzt, sagt er, genug ethische Energie, um auch die Demokratie voranzutreiben. Sie ist frei, sie ist nicht an die Macht gebunden, sie verbindet die individuelle Weltsicht mit einem moralischen Anspruch, der über sich hinausweist. Aus dem Handeln der Einzelnen kann demnach, ganz im Sinne Kants, eine allgemeine Regel werden. Die Selbstopfer der Männer von Fukushima könnten den Weg für eine "moralische Revolution" öffnen.
In Japan erleben wir nicht nur den Testfall einer todbringenden Technologie, sondern auch den Testfall für eine Gesellschaft, die auf Überfluss und Konsum eingestellt ist und nicht auf Not. Nach dem Erdbeben von Kanto 1923 mit mehr als 140 000 Toten kam es zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen, wurde der Ausnahmezustand verhängt, militarisierte sich die japanische Gesellschaft, von 1931 bis in den Zweiten Weltkrieg entluden sich die Aggressionen dann auch nach außen.
Die Fukushima 50 weisen in eine andere Richtung. Aus ihrem Vorbild könnte Gutes erwachsen. Die Faszination, die dieses Selbstopfer ausübt, das in der heißlaufenden westlichen Phantasie sofort mit Kamikaze und Samurai verbunden wird, zeigt aber auch, dass es am Anfang des 21. Jahrhunderts einen gefühlten Mangel in der Demokratie gibt. Eine Schwäche, die mit einem erlahmten Konzept von Individualismus zusammenhängt. Der Einzelne, der sich im Gewirr der Möglichkeiten verheddert hat. Der Mensch, der sich dem Opfer verweigert.
Der italienische Philosoph Giorgio Agamben beschreibt dieses "unumkehrbare Durcheinander von Berufen und Berufungen, professionellen Identitäten und sozialen Rollen" in seinem neuen Buch "Nacktheiten". Die Idee, fährt er fort, "dass jeder alles unterschiedslos tun und sein kann", dass "der Arzt, der mich untersucht, morgen ein Videokünstler sein könnte", spiegele "nur die Erkenntnis wider, dass sich alle jener Flexibilität beugen, die gegenwärtig zur wichtigsten Eigenschaft auf dem Markt avanciert ist".
In einer Welt der Beliebigkeit erscheint das Selbstopfer als Gegenmodell. Das Selbstopfer wird im Hellen das, was der Selbstmordattentäter im Dunkeln ist. Die Freiwilligen von Fukushima bleiben ein moralisches Versprechen, eine moralische Provokation, eine Projektionsfläche.
In "Yakuza" formuliert ein Barsänger dieses Dilemma: "Ein Mann ohne Pflichten", singt er, "ist kein Mann."
Und ein Yakuza sagt: "Wenn du nicht spürst, dass du eine Pflicht hast, dann hast du auch keine Pflicht." ◆
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 12/2011
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