21.03.2011

ATOMKRAFT

Landkarte des Schreckens

Von Bartsch, Matthias; Brandt, Andrea; Fröhlingsdorf, Michael; Höflinger, Laura; Kaiser, Simone; Latsch, Gunther; Meyer, Cordula; Rosenbach, Marcel; Stark, Holger; Traufetter, Gerald

Die deutschen Kernkraftwerke leiden an gravierenden Sicherheitsmängeln. Nur unzureichend sind die AKW gegen Erdbeben, Flugzeugabstürze oder Cyberattacken geschützt. Eine Nachrüstung der Meiler wäre technisch so aufwendig, dass sich ein Weiterbetrieb kaum lohnt.

Hermann Behmel, 71, ist kein Umweltaktivist. Eigentlich hat der Geologe mit Lehrauftrag an der Universität Stuttgart auch gar nichts gegen Atomkraftwerke. "Ich habe nur etwas dagegen", sagt er, "wenn sie am falschen Standort stehen."

Schon vor fast 40 Jahren suchte die Landesregierung in Baden-Württemberg seinen Rat. Es ging um das Kernkraftwerk Neckarwestheim 2. Gemeinsam mit zwei Kollegen begutachtete er zwischen 1974 und 1976 die geologischen Gegebenheiten des Standorts. Ihr Urteil fiel einstimmig aus: "Der Ort ist eine geologische Zeitbombe", so Behmel.

Gebaut wurde das AKW trotzdem. Das Gutachten verschwand in den Schubladen der Beamten - und Behmel bekam fortan keinen Auftrag mehr vom Staat. Jetzt, da die Bilder von der Nuklearkatastrophe in Japan über seinen Fernseher flimmern, kehrt der ganze Frust von damals zurück.

"Wir brauchen in Neckarwestheim noch nicht mal ein Beben für den GAU", empört sich der Wissenschaftler mit dem weißen Schnauzer und dem blauen Tweedjackett. "Hier muss einfach nur der Boden absacken."

Was die christdemokratische Landesregierung damals beharrlich ignorieren wollte, ist unter Geologen kein Geheimnis: Neckarwestheim steht auf einem alten Steinbruch. Im Untergrund befinden sich poröse Schichten von Gips und Kalk. "Jedes Jahr bilden sich unter dem AKW rund tausend Kubikmeter an Hohlräumen", erläutert Behmel. Entweder weil Grundwasser das poröse Gestein wegspült oder weil es von selbst zerbröselt.

Knapp fünf Kilometer von Neckarwestheim entfernt klaffte im November 2002 auf einem Acker ein 18 Meter tiefer Krater auf. "Ohne Vorwarnung", sagt Behmel. Der Kühlturm des Kraftwerks ist auch schon um 40 Zentimeter abgesackt. Dabei verlaufen unter anderem die Rohre des Kühlsystems unter der Erde. "Falls hier die Gesteinsschichten nachgeben, können alle Leitungen abreißen", prophezeit der Geologe.

Seit voriger Woche könnte Behmels Expertise wieder gefragt sein. Die schwarz-gelbe Regierung in Stuttgart und die Bundeskanzlerin in Berlin wollen nach der japanischen Reaktorkatastrophe auf einmal alles über die Risiken der deutschen Atomkraftwerke wissen - insbesondere über jene, die aus der Natur drohen.

Die meisten Gefahren, vor denen Behmel und andere Wissenschaftler seit Jahrzehnten warnten, galten bislang als zu vernachlässigendes Rest-risiko - so unwahrscheinlich wie der Einschlag eines Kometen. Und wer es genau wissen wollte, dem rechneten die Kraftwerksingenieure vor, dass die "mittlere Kernschadenshäufigkeit" zum Beispiel eines Siedewasserreaktors "2,2×10-6/a" betrage. Mit anderen Worten: Nur alle 455 000 Jahre fliegt ein solches AKW in die Luft.

Jetzt aber hat es nur 25 Jahre gedauert, bis nach dem Super-GAU von Tschernobyl der nächste Meiler brennend in der Landschaft steht - ausgerechnet bei den überkorrekten Japanern. Und die Wahrheit ist: Auch bei uns könnte es zur Kernschmelze kommen.

Das ist zum Beispiel das Fazit eines Risikogutachtens von Wolfgang Renneberg, ehemaliger Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit und Strahlenschutz im Bundesumweltministerium. "Keines der heute betriebenen Kraftwerke würde die heutigen internationalen Auslegungsanforderungen für neue Kernkraftwerke erfüllen", schreibt er. "Wir dürfen uns nicht vormachen, dass bei uns die Kernschmelze beherrschbar wäre."

Renneberg hält es auch für technisch so gut wie ausgeschlossen, deutsche Reaktoren sicherheitstechnisch auf den neuesten Stand zu bringen: "Das ist wie bei einer alten Ente, der sie auch nicht die Knautschzone eines heutigen Autos einbauen können."

Die schwersten Sicherheitsmängel an den deutschen AKW sind seit langem bekannt. Die Schwachstellen sind inventarisiert, in übersichtlichen Listen zusammengestellt - und schlummern seit vielen Jahren folgenlos in den Ämtern. Besonders ignorant verhält sich dabei die Hessische Aufsichtsbehörde, zuständig für die Reaktoren in Biblis. Der Meiler Biblis A geriet 1987 durch den Austritt radioaktiven Kühlmittels in eine bedrohliche Situation.

Als der Vorfall öffentlich bekannt wurde, ordnete der damalige Landesumweltminister (und erklärte Atomkraft-Anhänger) Karlheinz Weimar (CDU) eine umfassende Sicherheitsanalyse für das Kraftwerk an. Experten erstellten daraufhin eine lange Liste mit 49 technischen Verbesserungen. Diese Sicherheitsmaßnahmen müssten "spätestens bis zum Ende der 1993 beginnenden Revision" umgesetzt werden, verlangte Weimar in seiner Anordnung aus dem Jahr 1991.

Doch bis heute, also 20 Jahre später, sind gerade mal 27 Auflagen vollständig umgesetzt worden. An den anderen werde noch "kontinuierlich gearbeitet", so das hessische Umweltministerium.

Nur unvollständig erledigt wurden unter anderem sieben Auflagen, die der Erdbebensicherheit dienen sollen, wie etwa die Verbesserung der Notstromsysteme.

Einige Aufsichtsbehörden sind derart phlegmatisch, dass sie sogar dann nicht reagieren, wenn der Betreiber selbst vorschlägt, ein drängendes Sicherheitsproblem zu beheben. So beantragte der Energiekonzern EnBW mit Schreiben vom 5. September 2007 unter anderem neue Gebäude für Notstromgeneratoren und ein sogenanntes Zusatzboriersystem, das ein Mittel bereitstellt, wie es vorige Woche in Fukushima im Kampf gegen die Kernschmelze eingesetzt wurde.

Auf das Schreiben von EnBW haben die Beamten bis heute nicht reagiert. Gemessen an der verbleibenden Restlaufzeit des Meilers seien die Neubauten unverhältnismäßig teuer, ließ der Leiter der Aufsichtsbehörde, Oskar Grözinger, jetzt verlauten - so als wäre er der Prokurist des Stromkonzerns.

Immerhin wurde der Reaktor Neckarwestheim 1 vergangene Woche gemeinsam mit sechs weiteren abgeschaltet, eine Folge des von der Bundesregierung verkündeten Atommoratoriums. Und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) gab sich ungewohnt streng. Künftig müssten deutsche Reaktoren, wie es in einem Forderungskatalog aus seinem Ministerium heißt, gerüstet sein gegen "Kombinationen von Ereignissen" wie Erdbeben und großflächigem Stromnetzausfall. Auch sollen die Anlagen von nun an gleich vier Notstromsysteme verordnet bekommen, von denen jedes einzelne die Notversorgung meistern können muss. Plötzlich sollen die Meiler auf den "aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik" gebracht werden.

Das sind ganz neue Töne. Denn seit dem Atomausstieg der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2002 hörte die Stromindustrie auch damit auf, größere Summen in die Sicherheit ihrer Kraftwerke zu investieren. "Sicherheitstechnisch herrscht schon lange Stillstand", sagt Renneberg. Daran hat sich auch im Herbst vorigen Jahres nichts geändert, als die schwarz-gelbe Bundesregierung eine Laufzeitverlängerung für die AKW durchsetzte.

Zwei Typen von Kernkraftwerken laufen in Deutschland: Siedewasser- und Druckwasserreaktoren. Sie stammen aus unterschiedlichen Generationen, doch selbst die jüngsten datieren bereits aus den achtziger Jahren. Keiner von ihnen hielte einer Situation wie in Japan stand, wo alle Kühlsysteme versagten. Darüber hinaus gibt es beträchtliche Qualitätsunterschiede: Einige sind in schlechtem Zustand, andere in besserem.

Ein Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission hat für den SPIEGEL die schlechtesten und die besten Kraftwerke bewertet. Schlusslichter seiner Rangliste sind die AKW Brunsbüttel und Isar 1, gefolgt von Philippsburg 1 und Neckarwestheim 1. Zu den besseren Anlagen zählen Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2.

Für die Betreiber indes sind alle Anlagen gleich sicher. Das war vor dem Japan-GAU so: Da lobte EnBW sein mittlerweile heruntergefahrenes Neckarwestheim, es könne 60 Jahre laufen. Und das ist auch jetzt noch so: "Wenn die Anlagen nicht sicher wären, würden sie ja schon heute nicht mehr laufen", schimpfte RWE-Atom-Vorstand Gerd Jäger, der die Reaktoren in Biblis abschalten muss.

Ein Staatsgeheimnis war lange Zeit, welche Kernanlagen dem Absturz eines Flugzeugs widerstehen könnten. Begründet wurde das offiziell damit, keinem Terroristen Tipps geben zu wollen bei der Auswahl seines Angriffsziels. Andererseits: Haben die Bürger nicht ein Recht darauf zu erfahren, welche Meiler besonders verwundbar sind? Dann könnten sie Behörden und Betreiber dazu drängen, die schwächeren Meiler besser zu schützen.

Schon ein Jahr nach dem 11. September kam die Internationale Länderkommission (ILK), eine Untersuchungseinrichtung der Bundesländer Bayern, Hessen und Baden-Württemberg, zu einem niederschmetternden Ergebnis. Demnach sei bis auf drei Ausnahmen bei allen Anlagen "bei einem Aufprall auf das Reaktorgebäude mit schweren bis katastrophalen Freisetzungen radioaktiver Stoffe zu rechnen", so die vertrauliche Studie.

Und selbst für die drei modernsten Kraftwerke, die beim Absturz eines Jumbo-Jets noch eine Chance hätten, spekulierten die ILK-Gutachter, dass es bei einem ungünstigen Aufprall, etwa "einem direkten Treffer der Armaturenkammer", zum GAU kommen könnte.

Zu den besonders gefährdeten Reaktoren zählen alle Siedewasserreaktoren der frühen Baulinie 69. "Bei denen lagern die abgebrannten Brennstäbe in einem Abklingbecken direkt unter dem Dach", sagt die Physikerin Oda Becker, die für Greenpeace mehrere Studien zur Bedrohung durch Terroristen erstellt hat.

So gut wie ungeschützt sind insbesondere jene Altreaktoren, die noch konzipiert wurden, bevor es in den siebziger Jahren zu einer Absturzserie von Starfightern kam. Vor den Unfällen musste die Reaktordecke nur gut einen halben Meter dick sein - etwa in Biblis A oder Brunsbüttel. Becker: "Schon kleine Passagierflugzeuge würden diese Anlagen bei einem Absturz bis zum Kern freilegen."

Doch eine Nachrüstung ist nahezu ausgeschlossen. Verstärkte Decken, die entsprechende Fundamente erfordern, oder Drainage-Systeme, die brennendes Kerosin abführen, hätten auf den Anlagen keinen Platz - und wären unbezahlbar.

In ihrer Not bezweifelten die Kraftwerksbetreiber daher, dass ein Terrorist mit einem gekaperten Flugzeug das Kraftwerksgebäude überhaupt treffen würde. In einem geheimen Programm ließ die Bundesregierung daraufhin testen, ob fliegerisch vorgebildete Terroristen diese Herausforderung wirklich nicht meistern könnten. Zu diesem Zweck starteten Profi- und Hobbypiloten im Flugsimulator einer großen deutschen Fluggesellschaft virtuelle Crash-Anflüge auf Atomkraftwerke. Das alarmierende Ergebnis: Die Versuchsreihe ergab "eine ziemlich hohe Trefferquote", verrät Rainer Baake, von 1998 bis 2005 Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

Gegen Angriffe mit Verkehrsflugzeugen setzen Behörden und Betreiber deshalb auf Vernebelungsanlagen. Diese sollen das Reaktorgebäude bei ungewöhnlicher Annäherung einer Verkehrsmaschine sehr schnell unter einer dicken Wolke verschwinden lassen.

Der künstliche Nebel soll Angreifern so lange die Sicht versperren, bis Abfangjäger der Bundeswehr aufgestiegen sind und die entführte Verkehrsmaschine abgedrängt oder abgeschossen haben. Doch das Konzept hat einen entscheidenden Haken: Im Februar 2006 kassierte das Bundesverfassungsgericht ein Gesetz der Bundesregierung, das im Notfall den Abschuss entführter Passagiermaschinen erlaubte. Baake: "Damit ist das Vernebelungskonzept tot."

Als die Laufzeitverlängerung verhandelt wurde, wollte Bundesumweltminister Norbert Röttgen die Kraftwerksbetreiber doch noch zu einer besseren Terrorabwehr zwingen. Aber auf Druck der Konzerne flog die Forderung nach Schutz gegen Terrorflieger aus einer Nachrüstliste heraus.

Was sich darin auch nicht findet: der Schutz der Meiler gegen einen Angriff mit einer Panzerfaust. Auch dies würde die Konzerne technisch und finanziell überfordern. Denn die aktuelle Generation dieses Waffentyps durchschlägt mittlerweile drei Meter dicken Stahlbeton - also selbst die Sicherheitsbehälter der neuesten deutschen AKW.

Viele Verbesserungen der Kraftwerkssicherheit scheitern letztlich am Geld. "Würde die Regierung alle Erfordernisse durchsetzen, die eine Katastrophe wie in Japan verhindern helfen, so könnte man gleich alle 17 Kernkraftwerke schließen", erklärt Renneberg das Prinzip Geld oder GAU. "Keines wäre noch rentabel."

Selbst der Unglücksreaktor in Fukushima verfügt über Vorkehrungen, die deutsche Anlagen nicht besitzen. Ein solches Beispiel sind dampfbetriebene Pumpen, die auch ohne Strom Kühlwasser in den Reaktor leiten. Zusammen mit leistungsstarken Batterien bewahrten sie in den ersten Stunden nach dem Erdbeben und dem Tsunami den japanischen Reaktor vor dem sofortigen Super-GAU. "Solche Dampfpumpen sind in Deutschland eine Rarität", kritisiert der Atomgutachter Helmut Hirsch.

Dramatischer noch ist ein Mangel, den Siedewasserreaktoren wie der im niedersächsischen Krümmel aufweisen: Im Unterschied zu dem Fukushima-Meiler befindet sich unter dem Sicherheitsbehälter des Reaktors nur eine Stahlwanne. Die Japaner hingegen haben ihrem Siedewasserreaktor eine zusätzliche Betonplatte verpasst. "Insbesondere in älteren Anlagen entsprechen einige sicherheitstechnisch wichtige Systeme nicht in allen Punkten dem Stand von Wissenschaft und Technik", warnte bereits im Sommer 2010 die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln in einem Gutachten für das Bundesumweltministerium. Dies betreffe etwa Stromversorgung, Notstromdiesel, Leittechnik, Führung der Frischdampfleitungen, Notbespeisung und die Kühlwasserversorgung.

Erschreckend liest sich auch eine Auflistung des Freiburger Öko-Instituts für die Bund-Länder-Gruppe: In älteren Anlagen seien selbst in Sicherheitsbehältern brennbare PVC-Stromkabel eingebaut, obwohl es längst sicherere Leitungen gebe, warnten die Gutachter. Probleme sehen die Experten auch bei der Versorgung der Notstromaggregate. Eigentlich sei vorgesehen, dass der Kraftstoff für einen 72-stündigen Notbetrieb reichen muss. Doch in einigen Anlagen sind die Tanks offenbar kleiner.

Sorge bereitet den Spezialisten des Öko-Instituts auch die Erdbebensicherheit: "Es ist möglich, dass heutige Ergebnisse von den bei der Auslegung zugrunde gelegten Annahmen deutlich abweichen und eine Neubewertung notwendig ist."

Für die vier erdbebengefährdeten Reaktoren in Neckarwestheim und in Philippsburg könnte die Lehre aus dem Beben in Japan sein: Die Gebäude müssten noch zehn Prozent stärkere Erdstöße als das schlimmste je in der Region registrierte Beben aushalten. Anhaltspunkt liefert das Erdbeben von Basel aus dem Jahr 1356 mit einer Stärke von 6,9. Für solche Erschütterungen sind die Anlagen jedoch nicht ausgelegt.

Bei den Reaktoren an der Isar erklärte Betreiber E.on noch 2001, die Region sei praktisch erdbebenfrei. Dabei seien im Alpenvorland "Erdbebenereignisse sowohl aus der jüngeren Zeit, aber auch aus historischer Vergangenheit bekannt", monierte Wolfgang Kromp vom Institut für Sicherheits- und Risikoforschung der Uni Wien voriges Jahr in einem Gutachten.

Aber nicht nur die Technik deutscher AKW ist veraltet. Auch das Personal ist nicht mehr unbedingt auf der Höhe der Zeit. Weil Kernkrafttechnik in Deutschland als aussterbendes Handwerk gilt, gibt es kaum noch Ingenieure und Physiker, die sich darauf spezialisieren. Die Stromkonzerne versuchen zwar, Studenten für sich zu gewinnen, indem sie Lehrstühle an Universitäten und halbe Studiengänge sponsern. Doch speziell die Aufsichtsbehörden in den Ländern schaffen es kaum noch, gute Leute zu bekommen.

Ein Reaktorsicherheitsfachmann beklagt, dass selbst die technischen Leiter ihr AKW nicht mehr so gut kennen, wie es eigentlich nötig wäre. So gibt es kaum noch Techniker, die schon seit Inbetriebnahme dabei sind. Dem Nachwuchs fehlt die intime Kenntnis der technischen Innereien ihres Kraftwerks - Erfahrung, die im Notfall entscheidend sein kann.

So wundert es nicht, wenn sogar in einem neueren Werk wie Philippsburg 2 dem Personal in den vergangenen eineinhalb Jahren dreimal grobe Fehlgriffe unterliefen. Bekannt wurden die Zwischenfälle, weil ein Insider sie den Behörden meldete. Mitte Mai 2009 etwa stand der Sicherheitsbehälter der Anlage zwölf Stunden lang unbemerkt offen. Ein halbes Jahr später war das Notkühlungssystem ausgeschaltet - was dem Personal erst drei Tage später auffiel. "Bei einem Flugzeugabsturz in dieser Zeit wäre eine Kernschmelze nicht zu verhindern gewesen", schreibt der Informant.

Fünf Monate später war aus Unachtsamkeit eine Absperrarmatur geöffnet, so dass insgesamt über 280 000 Liter Kühlwasser aus dem Brennelementebecken unbemerkt abliefen. Nur noch sechs Zentimeter Wasserabfall hätten die komplette Kühlung außer Kraft gesetzt.

Und schließlich kämpfen die AKW-Bediensteten auch noch gegen unheimliche Bedrohungen der modernen Zeit. Die neue Gefahr ähnelt jener durch radioaktive Strahlen: Man kann sie nicht sehen, fühlen oder riechen - aber sie ist real, schwer beherrschbar und potentiell brandgefährlich.

Die Rede ist von Viren, Würmern und Schadprogrammen. Es geht um gezielte Cyberangriffe auf industrielle Kontrollsysteme, wie sie in jedem Kraftwerk arbeiten. Schon seit Jahren warnen Informatiker, großangelegte Attacken seien nur eine Frage der Zeit. Im Juli 2010 war es so weit. Eine weißrussische Anti-Viren-Firma entdeckte einen Computerschädling, der in seiner Machart alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt: Stuxnet. Der Wurm infiziert gezielt Siemens-Kontrollsysteme, wie sie auch in vielen Kraftwerken zum Einsatz kommen.

Fachleute sind mittlerweile überzeugt, die Hightech-Waffe sei speziell dafür entwickelt worden, das iranische Atomprogramm zu sabotieren - was auch gelungen sei.

Mit einer Hoffnung jedenfalls räumte Stuxnet mit einem Schlag auf: dass es ausreicht, kritische Infrastrukturen nicht mit dem Internet zu verbinden. Denn der Wurm verbreitete sich über USB-Sticks. Stuxnet ist der Beweis, dass es jetzt auch ein digitales Restrisiko gibt.

Die Bundesregierung reagierte ungewöhnlich alarmiert und schnell. Das Bundesinnenministerium (BMI) entwarf eine "Nationale Cyber-Sicherheitsstrategie" und errichtete in Bonn ein Abwehrzentrum. Ein geheim eingestufter Bericht der deutschen Sicherheitsbehörden kommt zu dem Ergebnis: Deutschland ist auf gezielte Hackerangriffe unzureichend vorbereitet. In einem Papier des BMI heißt es: "Eine Abstimmung innerhalb der Bundesregierung zur Betroffenheit deutscher Kernkraftwerke oder anderer Teile der deutschen Industrie durch das Schadprogramm Stuxnet benötigte 4 Tage, weil die beteiligten Behörden zum Teil über keine oder unvollständige Erkenntnisse verfügten."

Vor allem bei Unternehmen wie Kraftwerksbetreibern, die komplizierte Prozesssteuerung unterhalten, sieht BMI-IT-Direktor Martin Schallbruch "eine ernste Bedrohung, mit der sich die Unternehmen auseinandersetzen müssten". Noch gebe es besonders im Management vielerorts in Sachen IT-Sicherheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Dies müsse sich "aufgrund der veränderten Cybersicherheitslage dringend ändern", so Schallbruch.

Elektrisiert sind IT-Experten weltweit, seit das US-Heimatschutzministerium per Schadcode in die Steuerung eines großen Diesel-Notstromgenerators eindringen konnte. Die Techniker ließen das Aggregat, das in einem Test-Kernreaktor in Idaho stand, so überlasten, dass es den Geist aufgab. Gleich mehrfach wurde bösartige Schadsoftware bei Energieversorgern entdeckt, zuletzt flog im Februar eine regelrechte Cyberspionagekampagne ("Night Dragon") gegen mindestens fünf internationale Energieunternehmen auf. Potentielle Opfer solcher Angriffe sind ausgerechnet die neuesten Atomkraftwerke wie jenes im Emsland. Dort gibt es bereits digitale Leitsysteme, während alte Reaktoren noch mit analogem Gerät gefahren werden. Doch auch dort halten immer mehr Computer Einzug, weil sich für alte Steuertechnik kaum noch Ersatzteile beschaffen lassen.

Wäre Deutschland wenigstens besser auf einen Nuklearunfall gerüstet als Japan? Wenn es zum GAU käme, würden sofort Messtrupps durch die Republik fahren. Es wäre der Versuch, einen Überblick über das Ausmaß der Verstrahlung zu bekommen. Seit kurzem verfügt die Republik über 319 "ABC-Erkundungswagen", deren modernste Messtechnik nukleare Strahlung bereits in großem Abstand registrieren kann.

Das Bundesamt für Katastrophenschutz hat die Fahrzeuge angeschafft und den Ländern zur Verfügung gestellt. Die Messwerte werden automatisch zentral auf einer digitalen Karte im Krisenstab angezeigt. So entstünde im Notfall eine Landkarte des Schreckens, die Evakuierung und Noteinsätze per Fernsteuerung aus dem Krisenstab ermöglichen soll.

Für den Fall, dass die Bevölkerung verstrahlt wird, stehen bundesweit 323 "Dekontaminations-Lkw" bereit, die von den Katastrophenschützern eigens für einen atomare GAU entwickelt wurden. Die Lastwagen sind mit Technik zur Dekontamination von Menschen ausgestattet. Sie sollen Einsatzteams mit strahlenfesten Anzügen, Wasserspritzen und Jodtabletten in die Nähe eines Atomkraftwerks bringen, um dort die Bevölkerung zu dekontaminieren. Bis zu 50 Personen pro Stunde können entgiftet werden.

Damit überhaupt Retter in lebensbedrohlichen Lagen arbeiten können, haben Bund und Länder 53 000 Schutzausrüstungen gegen Atomstrahlung angeschafft. Doch würden die deutschen Einsatzkräfte ebenso heroisch gegen die Strahlen kämpfen wie die japanischen?

Verlangt wird von den Feuerwehrleuten und Katastrophenschützern der Einsatz nur bis zu einer Dosis von 15 Millisievert. Und wenn nur der Trupp vor Ort verhindern kann, dass sich die Wolke ausbreitet, gilt ein Wert von 100 Millisievert. Müssen sie in die verseuchte Zone, um Leben zu retten, steigt der Grenzwert sogar auf 250 Millisievert pro Einsatz.

Die Techniker in den AKW hingegen dürfen den Dienst quittieren, wenn das Dosimeter an ihrer Kleidung 100 Millisievert registriert hat. Das sind Werte, die an einzelnen Stellen der Atomanlage von Fukushima überschritten wurden.

Immerhin sind Katastrophenforscher gar nicht so pessimistisch, was die Aufopferungsgabe der Deutschen angeht. "Angenehm beruhigend" schätzt etwa Wolf Dombrowsky, Soziologe an der Steinbeis-Hochschule in Berlin, die Studienlage ein. "Ein paar werden fliehen, aber einige wollen auch Helden sein."


DER SPIEGEL 12/2011
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