28.03.2011

ZEITGESCHICHTE Triumph der Gerechtigkeit

Adolf Eichmann war der Cheflogistiker des Holocaust. Nach Kriegsende verbarg er sich bei Celle und floh später nach Argentinien. Bislang unbekannte Dokumente zeigen, dass er hätte gefasst werden können - wenn die Bundesrepublik gewollt hätte. Von Klaus Wiegrefe
Drückend lag die Frühsommerhitze über Jerusalem, einige Abgeordnete in der Knesset, dem israelischen Parlament, dösten vor sich hin, es war der 23. Mai 1960. Um 16 Uhr trat David Ben-Gurion ans Rednerpult, um eine aktuelle Erklärung abzugeben. Sie umfasste exakt 62 Worte und enthielt eine Sensation. Israels Sicherheitskräfte, verkündete der Premierminister, hätten Adolf Eichmann aufgespürt, "einen der größten Naziverbrecher". Er sei in Israel, und dort werde ihm nun der Prozess gemacht.
Einen Augenblick war es still im Saal. Dann brachen die Abgeordneten in Jubel aus.
Ausgerechnet Eichmann. Der Cheflogistiker des Holocaust. Der Mann, dem der Kommandant eines Vernichtungslagers bescheinigt hatte, er sei "besessen" von der Ermordung der Juden.
"Ja, mein lieber guter Storfer, was haben wir denn da für ein Pech gehabt", so hatte Eichmann in Auschwitz einen Häftling verhöhnt, den er aus der Vorkriegszeit kannte, "schauen Sie, ich kann Ihnen wirklich gar nicht helfen."
Der SS-Obersturmbannführer hatte das "Judenreferat" im Reichssicherheitshauptamt geleitet, der Terrorzentrale der SS, und er war damit verantwortlich gewesen für die Deportationen aus Westeuropa, Deutschland, Ungarn, der Slowakei und Griechenland in die Vernichtungslager. Er war der Prototyp des Schreibtischtäters, ein skrupelloser Bürokrat, der nie mit eigenen Händen tötete.
Männer wie Eichmann sorgten ab 1941 dafür, dass der Holocaust als industrialisierter Massenmord eine grausame historische Einmaligkeit für sich beanspruchen konnte. Er und seine Mitarbeiter entwickelten damals das Verfahren, mit dem Verwaltung und Polizei die Opfer vor dem Abtransport ausplünderten. Eichmann legte fest, wer sofort und wer später die Züge nach Auschwitz oder Treblinka besteigen musste. Eichmann sorgte dafür, dass seine Männer die Transporte koordinierten. In den Büroräumen seines Referats in der Berliner Kurfürstenstraße hing eine Statistik, die den aktuellen Stand des Völkermords anzeigte.
Der trickreiche Bürokrat stritt sich mit dem Auswärtigen Amt oder Kirchenvertretern. Mal, weil er auch Juden aus neutralen Ländern, mal, weil er konvertierte Juden umbringen wollte. Oder er ließ seine "Judenberater", die überall in Europa stationiert waren, aktiv werden. Sie intervenierten dann bei deutschen und einheimischen Stellen, wenn die Mordtransporte nicht schnell genug vorankamen.
Eichmann zwang Häftlinge in Todeslagern, Postkarten an Freunde und Verwandte zu schicken. Den Text hatte er sich selbst ausgedacht: Man sei in einem wunderschönen Ort, unternehme Ausflüge, die Arbeit sei leicht, und alle sollten bald kommen, denn die meisten Unterkünfte seien schon vergeben.
Dieser Mann also saß nun, im Frühsommer 1960, im "Camp Iyar", einem Polizeigebäude im Norden Israels.
Ein Triumph der Gerechtigkeit?
Während sich die Menschen auf den Straßen Tel Avivs in die Arme fielen, reagierte Bonn "sehr besorgt", wie Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) später in ungewohnter Untertreibung berichtete. Tatsächlich stand die Bundesregierung von Kanzler Konrad Adenauer (CDU) nach Einschätzung des US-Geheimdienstes CIA "am Rande der Hysterie".
Was, wenn Eichmann auspacken würde? Was würde der ehemalige SS-Führer über Mittäter und Mitwisser erzählen? Was über die Nazi-Vergangenheit des einen oder anderen Führungskaders der jungen Republik? Welche Folgen würde der Prozess für das Ansehen der Westdeutschen in der Welt haben?
Das Verfahren gegen Eichmann "berge so viele Gefahren unerwünschter Rückwirkungen im In- und Ausland in sich, dass man jetzt noch gar nicht übersehen könne, was alles an Schwierigkeiten auf uns zukäme", notierte ein hoher Beamter des Bundespräsidialamts. Ein Staatssekretär im Auswärtigen Amt schrieb besorgt, es sei "durchaus möglich, dass belastendes Material gegen Bedienstete der Verwaltung des Bundes und der Länder bekannt werden wird".
In dem Verfahren "Israel gegen Adolf Eichmann" stand schließlich erstmals der ganze Holocaust im Zentrum eines Prozesses. Und die Welt schaute zu. Zwischen San Francisco und Berlin flimmerten Abend für Abend Filmaufnahmen aus dem Gerichtssaal auf den TV-Schirmen, Hunderte Journalisten berichteten über das Verfahren. Allein in Deutschland verfolgten nach Meinungsumfragen 85 Prozent der Menschen das Geschehen.
Der Fall war in jeder Hinsicht aufsehenerregend. Da hatte sich der Cheflogistiker des wohl größten Menschheitsverbrechens zu verantworten. Und nicht nur das. Eichmann war von Agenten des israelischen Mossad aus Argentinien entführt worden. Dorthin hatte er sich 1950 abgesetzt, nachdem er vorher jahrelang untergetaucht war. Wer hatte ihm bei seiner Flucht geholfen?
Eine Befürchtung der Bonner bewahrheitete sich allerdings nicht. Peinliche Enthüllungen Eichmanns über bis dahin unbekannte Täter und Helfer blieben aus. Am 24. Juli 1961 schrieb ein Agent des Bundesnachrichtendienstes (BND) aus Jerusalem ans Kanzleramt: "Sie können nach all dem, was hier läuft, völlig beruhigt sein."
Bis heute gibt es Gerüchte, Adenauer habe versucht, hohe deutsche Beamte mit Nazi-Vergangenheit zu schützen. Stimmte das, und wenn ja, welche Rolle spielte dann der BND, dessen Eichmann-Akten mehrere tausend Seiten umfassen?
Die Suche nach Antworten ist aufwendig, denn die Beteiligten waren naturgemäß diskret. Ausdrücklich notierte ein BND-Mann in einem Schreiben ans Kanzleramt: "Verbrennen Sie diese Zeilen, wenn Sie sie gelesen haben." Was dann unterblieb.
Der SPIEGEL hat nun Tausende Seiten ehemals vertraulicher, geheimer und strenggeheimer Unterlagen einsehen können. Sie liegen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts und im Landesarchiv in Berlin, im Bundesarchiv in Koblenz, in den Nachlässen von Adenauer und seinem Kanzleramtschef Hans Globke in der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, in den US-National Archives in Washington und dem israelischen Staatsarchiv in Jerusalem.
Es sind Vermerke deutsch-israelischer Verhandlungen, Akten der Botschaft in Buenos Aires, Dokumente der geheimen Bonner Eichmann-Arbeitsgruppe, deren Mitglieder aus den wichtigsten Ministerien und den Geheimdiensten kamen. Und es sind Unterlagen des BND, die der Dienst nach Klagen der Journalistin Gaby Weber und des Berliner Anwalts Reiner Geulen möglicherweise offenlegen muss.
Doch wer die Wahrheit über Eichmann herausfinden will, muss auch mit Zeitzeugen reden. Mit Männern wie Manfred Baden, dem persönlichen Referenten von Globke, mit Gabriel Bach, dem stellvertretenden Ankläger Eichmanns in Jerusalem, mit Friedrich Kroneck, der als Mitglied der Bonner Delegation in Jerusalem den Prozess beobachtete, oder mit Georg Negwer, einem früheren Diplomaten der deutschen Botschaft in Buenos Aires.
Der Fall Eichmann lässt sich nun umfassend rekonstruieren; die Flucht mit Hilfe eines geheimen Netzwerks ehemaliger SS-Leute, die ungenierten Auftritte in Buenos Aires, die detaillierten Kenntnisse von BND und Verfassungsschutz über seinen Aufenthaltsort.
Eine Festnahme Eichmanns scheiterte allerdings nicht an den deutschen Geheimdiensten, sondern vor allem an Justiz und Politik. Wenn es noch einer Begründung für einen internationalen Strafgerichtshof bedürfte, so würde der Fall Eichmann diese liefern - denn jahrelang wurde nach dem Mann nicht gefahndet.
Die Amerikaner befanden sich für nicht zuständig und verwiesen auf die Bundesrepublik. Deren Justiz erließ erst spät einen Haftbefehl, dann weigerte sich das Bundeskriminalamt, nach Eichmann durch Interpol suchen zu lassen.
Als der SS-Führer schließlich dem Mossad in die Hände fiel, wollten Bundesregierung und BND vor allem einen Mann schützen: Hans Globke, den schillernden Chef des Kanzleramts und Adenauers engsten Berater. Zwar hatte er unter den Nazis als Beamter im Reichsinnenministerium Verfolgten geholfen und wohl einige antijüdische Maßnahmen abgeschwächt. Aber er hatte auch einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen zu verantworten und an Rechtsvorschriften mitgeschrieben wie jener Verordnung, die Juden mit nichtjüdischem Namen zwang, sich den zusätzlichen Vornamen Israel oder Sara zuzulegen.
Globke war daher der umstrittenste Staatssekretär der bundesdeutschen Geschichte. Kritiker Adenauers sahen in ihm den Beweis dafür, dass Ewiggestrige die Bundesrepublik regierten. Kein Wunder, dass Adenauer mit allen Mitteln Globke aus dem Eichmann-Prozess heraushalten wollte. Auch diese Operation lässt sich nun beschreiben, und der SPIEGEL wird das im zweiten Teil der Eichmann-Serie tun.
Begonnen hatte die Jagd auf Eichmann im Frühsommer 1945. Die Alliierten wussten nicht viel über den knochigen Mann mit der großen Nase und den dünnen Lippen. Aber bald trafen Berichte Überlebender ein, die Eichmann begegnet waren. Einige kannten ihn, weil der SS-Führer vor Beginn des Weltkriegs die NS-Auswanderungsbehörden in Wien, Prag und Berlin geleitet hatte; damals wollte Hitler die Juden nicht umbringen, sondern zur Emigration zwingen.
Andere hatten Eichmann in den Konzentrationslagern erlebt, die er mehrfach besucht hatte. Oder ihn in Ungarn getroffen, wo er 1944 als Leiter einer SS-Sondereinheit in nur acht Wochen mehr als 400 000 Juden deportierte. In Budapest hatte er lange mit jüdischen Vertretern verhandelt und schließlich gegen Geld 1684 Juden in die Schweiz ausreisen lassen. Natürlich erinnerten sich seine Verhandlungspartner an ihn.
Doch die Fahndung wurde durch zahllose Gerüchte erschwert. Mal hieß es, er wolle in den Alpen einen Krieg zwischen den Sowjets und dem Westen abwarten. Mal verbreitete seine Frau, er habe sich nach Prag absetzen wollen. Und Holocaust-Überlebende erzählten, Eichmann sei zum palästinensischen Großmufti von Jerusalem geflohen.
Zu allem Überfluss gab es zwei Eichmanns im Reichssicherheitshauptamt, Adolf und Ingo. Mehrfach brachten die Verfolger in den fünfziger Jahren beide Fälle durcheinander.
In Wirklichkeit verbarg sich Eichmann bei Kriegsende mit einigen SS-Leuten in der Berglandschaft des österreichischen Altaussee, wo seine Familie wohnte. Doch seinen Kameraden wurde seine Anwesenheit zu heikel, und so verließ er die Gruppe und wanderte Richtung Norden. Bei Ulm nahm ihn eine US-Streife gefangen, schließlich kam er in ein Kriegsgefangenenlager in Franken. Er trat unter falschem Namen auf und gab an, als Offizier der Waffen-SS gedient zu haben.
Seine Lage wurde erst bedrohlich, als sein Duzfreund Wilhelm Höttl im November 1945 vor Ermittlern des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses aussagte. Die Amerikaner hatten mitbekommen, wie Höttl im Gefangenenlager von einem Treffen mit Eichmann 1944 in Budapest erzählte. Die beiden hatten zusammen eine Flasche ungarischen Schnaps geleert. "Adolf, sag mal, wie viel Juden wurden tatsächlich ermordet?", hatte Höttl nach eigenen Angaben gefragt. Vier Millionen in den Vernichtungslagern und zwei Millionen auf andere Weise, antwortete Eichmann daraufhin, und diese Antwort wurde später vor Gericht verlesen. Damit lag erstmals eine verlässliche Größenordnung über das Ausmaß des Holocaust vor, und die "New York Times" berichtete in großer Aufmachung.
Eichmann bekam mit, dass die Amerikaner in den Kriegsgefangenenlagern nach ihm suchten, und so wandte er sich an den obersten SS-Mann im Lager, gab sich zu erkennen und bat um Hilfe, wie Eichmann-Biograf David Cesarani berichtet. Am 5. Februar 1946 gelang Eichmann die Flucht aus der alliierten Gefangenschaft, schon bald versorgt mit Papieren auf den Namen Henninger. Aus BND-Unterlagen geht hervor, dass die Papiere wohl von einem Netz süddeutscher und österreichischer Nazis beschafft worden waren, zu dem auch Josef Urban zählte, Ungarn-Experte des Reichssicherheitshauptamts. Vermutlich kannte er Eichmann aus Budapest.
Nach Hitlers Untergang heuerte Urban beim US-Abwehrdienst CIC an, später dann bei der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des BND. Der leutselige Sudetendeutsche prahlte, er habe Eichmann bei der Flucht geholfen - was plausibel ist, denn Urban galt als Experte, wenn es darum ging, falsche Dokumente für Nazis zu besorgen, die untertauchen mussten.
Wie Eichmann gingen viele Täter in den Untergrund. Sie verbargen sich zwischen all den Deutschen, die durch das zerstörte Land zogen, zwischen Vertriebenen aus den Ostgebieten, entlassenen Soldaten, Ausgebombten. Oft konnten die Mörder auf die Verschwiegenheit ihrer zahlreichen Kameraden zählen; und auf die Unterstützung von Verwandten und Freunden, die mit einem Zimmer oder einer Mitfahrgelegenheit halfen und nicht nachfragten.
Die Schwester eines SS-Führers, den Eichmann aus der Gefangenschaft kannte, brachte ihn nach Norddeutschland. Ein weiterer SS-Mann, auch er ein Bekannter aus dem Gefangenenlager, hatte Eichmann empfohlen, dort seinen Bruder aufzusuchen, einen Revierförster in Altensalzkoth bei Celle.
Und so endete Eichmanns Flucht im Frühjahr 1946 vorerst in der Lüneburger Heide. Er arbeitete als Waldarbeiter und baute dann eine kleine Hühnerzucht auf.
Die Dorfbewohner behaupteten später, sie hätten nicht gewusst, wer der wortkarge, zurückhaltende Mann gewesen sei, der anders als sie immer so wenig trank. Und vermutlich wäre es ihnen auch egal gewesen, denn bei Landtagswahlen bekamen rechtsradikale und rechtslastige Parteien in der Gegend von Altensalzkoth knapp die Hälfte aller Stimmen. Für Hitlers Verbrechen und die Opfer interessierten sie sich ebenso wenig wie die meisten Deutschen damals.
Dass Eichmann bei den Nürnberger Prozessen erwähnt worden war, geriet langsam in Vergessenheit, im SPIEGEL wurde er bis zu seiner Entführung aus Argentinien 1960 gerade sechsmal erwähnt.
Immerhin überwachten die Amerikaner seine Familie in Altaussee und die Eltern in Linz, führten dort Hausdurchsuchungen durch und warben Informanten an. Als 1949 das Gerücht aufkam, Eichmann werde nach Altaussee kommen, zahlte der israelische Konsul in Wien einem österreichischen Polizeioffizier 50 000 Schilling für die Einleitung der Fahndung und bot eine Million Schilling für die Festnahme. Einige Polizisten und auch Israelis bezogen Station im tiefverschneiten Ort, doch der Gesuchte erschien nicht.
Eichmann alias Henninger blieb in Altensalzkoth. Unentdeckt.
Und langsam ließ der Fahndungsdruck nach, weil die Anti-Hitler-Koalition aus Briten, Amerikanern und Sowjets zerfiel. Der Kalte Krieg wurde zum beherrschenden Thema. "Die Verfolgung von NS-Verbrechern gehört nicht länger zu den Hauptanliegen der US-Politik", heißt es in einem Eichmann-Vermerk des CIC aus den frühen fünfziger Jahren.
Selbst die Israelis waren nicht mehr so engagiert. Das kleine Land benötigte seine Leute für den Aufbau und zog viele Agenten aus Österreich ab. Einer der US-Vernehmer aus den Nürnberger Prozessen berichtete dem FBI, er habe in Wien mit "verschiedenen Amerikanern, Russen, Israelis" über Eichmann gesprochen, "niemand zeigte Interesse, ihn zu finden".
Doch Eichmann traute der Ruhe nicht und setzte sich 1950 nach Argentinien ab, auch weil er wieder mit seiner Frau Vera und den drei Söhnen leben wollte, die weiterhin in Altaussee wohnten und nachkommen sollten.
Dass ein weitgehend mittelloser NS-Verbrecher mit falschen Papieren unbehelligt um die halbe Welt reisen konnte, hat später abenteuerlichen Verschwörungstheorien über eine geheime "Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen" (Odessa) Auftrieb gegeben. Der britische Schriftsteller Frederick Forsyth schrieb einen Weltbestseller über die angeblich allmächtige Odessa, die ein viertes Reich errichten wolle.
Doch die politischen Ambitionen der meisten SS-Leute waren gering. Sie halfen einander aus der Not heraus, mehr nicht. Einige verdienten daran; er habe "schwer zahlen müssen", jammerte Eichmann später. In SS-Kreisen galt der Weg über den Hafen von Hamburg, von Bremen oder über die Häfen Skandinaviens inzwischen als zu riskant. Am einfachsten verließ man Europa über Italien. Seinen Wirtsleuten in Altensalzkoth erzählte Eichmann, er wandere nach Skandinavien aus. In Wirklichkeit fuhr ihn der aus Innsbruck stammende ehemalige SS-Sturmbannführer Alois Schintlholzer "in seinem Wagen von Celle bis an die österreichische Grenze", wie aus Unterlagen des BND hervorgeht. Schintlholzer kannte die Nazi-Sympathisantin und BND-Agentin V-54 026. Sie berichtete dem Dienst, Schintlholzer zähle zu einem Kreis ehemaliger SS- und SD-Führer aus Innsbruck, der "Eichmann nach Argentinien geschleust" habe.
Viele Indizien sprechen dafür, dass es sich dabei um ein unter Experten bekanntes Netzwerk ehemaliger Nazis aus Tirol handelte, die gemeinsam mit Schintlholzer schon in der Vorkriegszeit in Innsbruck Juden drangsaliert hatten. Einige der Männer aus dieser Gruppe hatten in Krieg und Holocaust gemordet und sich nach Argentinien abgesetzt. Sie wussten also um die Route.
Eichmann erzählte später, die Organisation seiner Flucht habe "wie am Schnürchen" geklappt. Zunächst musste er an der Grenze eine Woche lang in einem kleinen Hotel warten, ehe ihn Schlepper nach Österreich brachten. Von Kufstein aus fuhr er dann per Taxi nach Innsbruck, wo er zwei Anlaufadressen hatte.
Die nächste Station war das Gasthaus Vinaders im Grenzort Gries am Brennerpass, das einem der SS-Männer aus dem Innsbrucker Kreis gehörte. Von dort gelangte er auf einem schmalen Pfad über eine Alm auf die italienische Seite.
Der Stadtpfarrer des nahen Sterzing, ein Nazi-Sympathisant, verbarg den Holocaust-Organisator in einem Kloster. Wegen der Lateranverträge zwischen dem Vatikan und der italienischen Republik waren Razzien in Klöstern äußerst selten.
Viele Pater hätten ihm geholfen, "ohne zu fragen", berichtete Eichmann 1960 in der Haft, "in ihren Augen war ich nur einer von vielen, die ihrer Hilfe bedurften".
Hunderttausende zogen damals über die Alpen, um Europa zu verlassen: Balten, Tschechen, Ukrainer, die Stalins Imperium entkommen waren, Deutsche aus Rumänien oder Polen, auch Holocaust-Überlebende, die nach Palästina wollten. Und NS-Verbrecher sowie ausländische Kollaborateure der Nazis.
Erst vor kurzem hat der Historiker Gerald Steinacher die Infrastruktur ihrer Flucht enthüllt(*). Das Rote Kreuz, argentinische Behörden und katholische Geistliche arbeiteten danach "Hand in Hand".
Flüchtlinge wie Eichmann benötigten zunächst Reisepässe vom Internationalen Roten Kreuz, die an Staatenlose vergeben wurden. Deutschsprachige Südtiroler galten zumeist als staatenlos, und da das Personal der Ämter Südtirols nach 1945 weitgehend das alte war, fanden sich schnell Helfer.
Wie in Tramin an der Weinstraße. Neben Eichmann legten später auch der berüchtigte SS-Arzt aus Auschwitz Josef Mengele und andere NS-Mörder Ausweise vor, die 1948 in Tramin gestempelt waren. Wer die Anträge stellte, lässt sich nicht mehr klären - im Gemeindearchiv fehlt der Jahrgang 1948 vollständig.
Eichmann nannte sich jetzt Riccardo Klement und stammte angeblich aus Bozen.
Dann musste er einen Pater finden, der beim Roten Kreuz für ihn bürgte. Auch das war kein Problem. Wegen des Flüchtlingselends in Italien hatte der Vatikan eine Hilfskommission eingesetzt; um die Bedürftigen aus Österreich kümmerte sich Bischof Alois Hudal, ein bekennender Nazi-Freund.
Gegen den gebürtigen Protestanten und späteren Atheisten Eichmann sprach allenfalls, dass Hudal lieber Katholiken unterstützte, doch der Schreibtischtäter erklärte sich kurzerhand zum Anhänger des katholischen Glaubens - und sein Passantrag wurde von einem Pater der Hilfskommission abgezeichnet. Am 1. Juni 1950 konnte er in Genua das wertvolle Dokument entgegennehmen.
Es fehlte noch das argentinische Einreisevisum. Zum Glück für Eichmann wollte Argentiniens Präsident Juan Perón, ein Bewunderer Hitlers und der Wehrmacht, mit deutscher Hilfe Wirtschaft und Armee seines Landes modernisieren. Perón war an Fachleuten interessiert. Bis heute ist umstritten, ob er zudem gezielt NS-Verbrecher holte oder ihre Einwanderung nur tatenlos hinnahm.
Der schillernde Unternehmer Horst Carlos Fuldner kümmerte sich um die Papiere. Fuldner war in Buenos Aires und Kassel aufgewachsen, hatte im Stab von SS-Chef Heinrich Himmler eine allerdings wechselvolle Karriere gemacht und sich nach dem Untergang des "Dritten Reichs" in sein Geburtsland abgesetzt. Der ehemalige SS-Hauptsturmführer sorgte dafür, dass das Büro der argentinischen Einwanderungsbehörde im Generalkonsulat in Genua Eichmann ein Visum ausstellte. Und so setzte der NS-Verbrecher im Sommer 1950 auf dem Dampfer "Giovanna C" nach Argentinien über.
Experten wie Holger Meding gehen davon aus, dass mehrere tausend Kroaten, Ungarn oder Belgier mit brauner Vergangenheit nach Argentinien flohen; zudem bis zu 800 höhere NS-Funktionäre und eben einige Dutzend deutsche Massenmörder.
Fuldner half vielen beim Start im neuen Land. Er besaß CAPRI, eine Firma, die Wasserkraftwerke plante und dabei zahlreiche Nazis beschäftigte, darunter auch ein Mitglied des Innsbrucker Kreises. Eichmann ging für CAPRI in die Provinz Tucumán in Argentiniens Nordwesten.
Der Flüchtling war in Solingen geboren worden und in Linz aufgewachsen; später hatte er eine Ausbildung zum Maschinenbauer abgebrochen. Nun durchstreifte er mit einem Trupp Arbeiter die Gegend, maß die Strömungsgeschwindigkeiten von Flüssen und beobachtete die Wasserführung. Unauffällig und zurückgezogen lebte Eichmann in einem Bergdorf.
1952 ließ er seine Frau und die Söhne nachkommen. Aus Akten der deutschen Botschaft in Buenos Aires geht hervor, dass sein Arbeitgeber Fuldner später behauptete, unter den rund 300 CAPRI-Mitarbeitern habe sich schnell herumgesprochen, "dass Klement in Wirklichkeit Eichmann hieß".
Seinen Kindern gegenüber, die sich nicht mehr an ihn erinnerten, trat er als Onkel Riccardo auf; erst nach einer Weile erfuhren sie von den Eltern, wer der strenge Mann war, der von ihnen verlangte, gegenüber Freunden und Bekannten über die Familie zu schweigen.
Als er 1953 den Job verlor, zog die Familie in die argentinische Hauptstadt. Eichmann versuchte sich als Wäschereibesitzer, eröffnete ein Textilgeschäft, vertrieb Sanitäreinrichtungen, züchtete Kaninchen und landete schließlich als Schweißer und Mechaniker bei einer Mercedes-Benz-Fabrik. Daneben pflegte er seine Verbindungen zur Nazi-Szene.
Er traf Auschwitz-Arzt Josef Mengele im Café ABC; er war dabei, als der glühende Antisemit und Nazi-Propagandist Johann von Leers mit einem rauschenden Fest seinen Abschied feierte, weil er nach Ägypten ging. Er nahm vermutlich auch an einem Festakt teil, den braune Emigranten für Argentiniens starken Mann Perón organisierten.
Und er trank - was seine Zunge lockerte.
Manche Nazis hielten den Holocaust für eine Propagandalüge der Alliierten und hofften, Eichmann werde sie in diesem Glauben bestärken. Das Interesse an dem Holocaust-Logistiker war deshalb groß, und Eichmann ließ nach und nach alle Vorsicht fahren.
Er war nun knapp fünfzig, ein humorloser Pedant mit hoher Stirn und dicker Brille, der Bücher über das "Dritte Reich" las und den Söhnen eintrichterte, Pflichtgefühl und Gehorsam gegenüber Befehlen seien die wichtigsten Tugenden.
Anders als viele seiner früheren SS-Kameraden schaffte er es nur mit Mühe, die Familie über die Runden zu bringen. Von seinen Gesinnungsgenossen, die in Nürnberg ausgesagt hatten, fühlte er sich verraten, wie Biograf Cesarani schreibt. Gekränkt und enttäuscht, traf er sich nun regelmäßig mit zwei Journalisten: dem gebürtigen Niederländer Willem Sassen und dem Deutsch-Argentinier Eberhard Fritsch.
Sassen hatte sich einst freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und während des Kriegs den späteren "Stern"-Herausgeber Henri Nannen kennengelernt. Nach 1945 floh er vor der Justiz über den Atlantik und berichtete für den "Stern" und andere Zeitungen. Der Kontakt zu Eichmann wurde über einen ehemaligen SS-Offizier und Krupp-Berater hergestellt.
Eberhard Fritsch war der Dritte in der Runde - Schnauzbart, stechender Blick, Schmiss auf der Wange. Er gab in Buenos Aires die Monatszeitschrift "Der Weg" heraus, die dafür trommelte, dem Nationalsozialismus in Deutschland eine zweite Chance einzuräumen.
Sonntags traf man sich in Sassens Villa in Florida, einem Vorort von Buenos Aires; ein Tonbandgerät lief, Eichmann erzählte von seinen Verbrechen und prahlte mit seiner Bedeutung: "Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist."
Den Bändern, die im Bundesarchiv in Koblenz liegen, ist kein Wort der Reue zu entnehmen. Nur einen Fehler wollte sich Eichmann zurechnen lassen: dass nicht alle Juden ermordet worden seien. "Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan, da wäre mehr drin gewesen."
Die Runde in Sassens Haus blieb nicht geheim. Weitere frühere SS-Leute stießen dazu, etwa ein Adjutant Himmlers. Gelegentlich hörten auch Unbeteiligte den grausigen Befragungen Eichmanns zu. Am Ende könnten es Hunderte gewesen sein, die damals wussten, wer dieser Klement aus Buenos Aires in Wirklichkeit war. Kein Wunder, dass die Informationen aus Argentinien bald auch nach Deutschland durchsickerten.
Der BND unterhielt nach eigenen Angaben "mehrere gut positionierte Verbindungen" in der Region. Jener Krupp-Berater, der Eichmann und Sassen zusammengebracht hatte, war ein Mitarbeiter der Organisation Gehlen und später des BND. Der Dienst sammelte auch Informationen über Fritsch und Sassen. Und Pullach war mit dem deutsch-österreichischen SS-Milieu vernetzt, aus dem zahlreiche BND-Mitarbeiter stammten und das seinerseits Verbindungen nach Südamerika pflegte.
Am 24. Juni 1952 ging in Pullach die Meldung der Quelle 35a ein. Eichmann halte sich "unter dem Decknamen Clemens (Klemens) in Argentinien auf", seine Adresse sei dem "Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien 'Der Weg' bekannt". Gemeint war Fritsch.
Ein Jahr später erreichte die Organisation Gehlen ein weiterer Hinweis. Eichmann arbeite auf der Baustelle eines Kraftwerks außerhalb von Buenos Aires. Ein Ex-Agent des Dienstes hatte Nazi-Jäger Simon Wiesenthal informiert. Der setzte seinerseits Pullach in Kenntnis, die Israelis und über den Jüdischen Weltkongress die CIA.
Wieder einige Jahre später tauschten sich CIA und BND darüber aus, dass Eichmann wohl noch vor kurzem in Argentinien gelebt habe.
Ähnlich präzise waren die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, der sich für den Kreis um Fritsch interessierte, weil dessen rechtsradikale Zeitschrift in der Bundesrepublik vertrieben wurde. Das Kölner Bundesamt kannte den Decknamen Eichmanns (wenn auch in falscher Schreibweise), seine Fluchtroute, die Verbindung zu Fritsch und zu anderen Nazis.
Die Rechtsradikalen machten sich öffentlich sogar lustig. Als 1959 Gerüchte umliefen, Eichmann sei in Kuwait, veröffentlichte der "Reichsruf" einen Artikel ("Wo steckt denn nun Eichmann?") und lieferte auch gleich die Antwort: in Argentinien. Dahin sei er ausgewandert, über Italien und mit Hilfe der katholischen Kirche. Selbst das seriöse Nachschlagewerk Munzinger meldete damals, Eichmann lebe in Südamerika.
Hatten die westdeutschen Geheimdienste bei der Suche nach Eichmann versagt? Wollten sie ihn womöglich gar nicht finden? Die Wahrheit ist komplizierter. Die Organisation Gehlen und dann der BND sahen ihre Aufgabe nicht darin, beim Aufspüren von NS-Verbrechern zu helfen. Vor allem aber: Bis November 1956 lag gar kein Haftbefehl vor.
Wie so viele NS-Verbrecher profitierte Eichmann davon, dass westdeutsche Staatsanwälte nur ermittelten, wenn Anzeige erstattet worden war, wie Andreas Eichmüller vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgefunden hat. Und selbst dann hielt sich der Eifer der Juristen in Grenzen.
Als Ende 1952 ein Holocaust-Überlebender die Berliner Justiz wegen Eichmann anschrieb, wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet - und bald wieder eingestellt. Eichmann sei nicht zu finden, hieß es.
Täterparadies Bundesrepublik.
Da kein Haftbefehl erlassen wurde, tauchte der Name Eichmann nicht in den Fahndungsblättern auf, die an die deutschen Botschaften - auch jene in Buenos Aires - gingen.
Und so passierte nichts, als am 19. August 1954 eine korpulente Frau die deutsche Vertretung in der argentinischen Hauptstadt betrat und Reisepässe für ihre beiden älteren Söhne beantragte. Den Anträgen zufolge wollten sie "eventuell in den Ferien zu Verwandten nach Deutschland" reisen. Der Name der Frau war Vera Eichmann. Sie legte die Geburtsurkunden der Söhne und ihre Heiratsurkunde vor; eine Kopie befindet sich heute im Archiv des Auswärtigen Amts. Die Pässe wurden ausgestellt.
Aber es waren nicht nur deutsche Konsularbeamte, die den Eichmanns halfen. Im Archiv finden sich auch die vorläufigen Reisedokumente, mit denen Vera Eichmann und ihre Kinder dem Vater von Österreich aus nachgereist waren. Ein Angehöriger der sowjetischen Besatzungsmacht in Wien hatte sie abgezeichnet, italienische Beamte hatten sie abgestempelt. Als Ziel war Argentinien angegeben.
Aber niemand interessierte sich für Familie Eichmann. Nicht in der Bundesrepublik und nicht in anderen Ländern.
Als die Frankfurter Staatsanwaltschaft schließlich die Initiative ergriff und daraufhin 1956 doch noch ein Haftbefehl gegen Adolf Eichmann erlassen wurde, lehnte es das Bundeskriminalamt ab, eine internationale Fahndung durch Interpol einzuleiten. Die Verfolgung von "Straftaten politischen und rassischen Charakters" sei nach den Interpol-Statuten angeblich unzulässig.
Eichmann, ein politisch Verfolgter?
Nur der Verfassungsschutz war weiter tätig. 1958 bat er die Botschaft in Buenos Aires um Hilfe. Die Antwort der deutschen Vertretung fiel ernüchternd aus: "Die Umfragen nach dem Gesuchten auch unter dem Namen Clement oder anderen Namen sind bisher ergebnislos gewesen. Es soll auch nicht sehr wahrscheinlich sein, dass Eichmann sich in der Hauptstadt aufhält, ja sogar nicht einmal in Argentinien, eher vermutlich im Vorderen Orient."
Daraufhin stellte auch der Verfassungsschutz seine Nachforschungen ein.
Dabei kannten die Diplomaten Eichmanns Umfeld ziemlich gut. Hauptfluchthelfer Fuldner besuchte die Botschaft und galt dort als "tüchtig". Seine Firma und viele der CAPRI-Kollegen von Eichmann waren Bonns Vertretern nachweislich bekannt. Die schätzten zudem den Geschäftsführer der deutsch-argentinischen Handelskammer, der seinerseits mit einem Bekannten Eichmanns befreundet war.
Sogar Journalist Sassen findet sich in den Botschaftsakten wieder, wenn auch in einer anderen Angelegenheit. Er hatte sich geweigert, Alimente an eine Frau in Oldenburg zu zahlen, die behauptete, er sei der Vater ihres Kindes. Auf Wunsch des BND zog man zudem Erkundigungen über ihn ein.
Ist Eichmann also gedeckt worden?
Der Bundesnachrichtendienst hat das stets bestritten, und die bisher dem SPIEGEL vorliegenden BND-Akten bestätigen seine Version. Eichmann stehe "in keiner Verbindung mit dem BND", heißt es in einem geheimen Vermerk des Dienstes.
Und die Botschaft?
Es fällt auf, dass Fluchthelfer Fuldner ausgerechnet 1958 Eichmann riet, er solle untertauchen, also im zeitlichen Umfeld der Anfrage, die der Verfassungsschutz an die Botschaft richtete.
Botschafter Werner Junker, NSDAP-Mitglied von 1935 an, verfolgte andere Prioritäten, als die Verfolgung von NS-Verbrechen zu unterstützen. Er schrieb später über den Eichmann-Prozess, es sei "unnatürlich und mit der Menschenwürde unvereinbar, einem Volk zuzumuten, der Zurschaustellung und Aufrechnung seiner - erkannten und so weit wie menschenmöglich korrigierten - geschichtlichen Irrwege durch Fremde zustimmend beizuwohnen".
Georg Negwer, heute 84, war seinerzeit Kulturreferent in Buenos Aires. Als die Bonner Zentrale nach Eichmanns Verhaftung vom Botschafter und den anderen Diplomaten eine Stellungnahme einforderte, behaupteten alle, sie hätten noch nie von Eichmann gehört, geschweige denn Klement alias Eichmann auch nur gekannt. Nur Negwer erklärte, er wisse, welche Rolle der furchtbare Beamte im "Dritten Reich" gespielt habe. Der Schlesier hatte in der Ausbildung über Eichmann gelesen.
Negwer glaubt bis heute, dass Botschafter Junker und seine früheren Kollegen nicht gelogen haben. Als Nazi in Buenos Aires sei man nun einmal zurückhaltend gewesen und nicht "mit einer Plakette herumgelaufen".
Allerdings berichtet Negwer auch von Veranstaltungen der Botschaft, die in Schlägereien zwischen braunen und anderen Emigranten zu enden drohten.
Die Zehntausenden Deutschen in Buenos Aires waren zerstritten; Nazis und Nicht-Nazis hatten eigene Theater, eigene Zeitschriften, eigene Sportclubs. Und die Botschaft versuchte, die unterschiedlichen Lager zusammenzuhalten. Die Nazis wurden eingeladen wie alle anderen auch. "Man versuchte, miteinander auszukommen", sagt Negwer. Von Distanz keine Spur.
Aus Sicht Negwers bestand das Problem weniger darin, Männer wie Eichmann zu finden, als vielmehr darin, sie aus Argentinien heraus- und vor Gericht zu bringen.
Die CIA beschäftigte sich als Erstes mit der Frage, was eigentlich geschehen würde, wenn man Eichmann gefunden haben sollte. Er war kein US-Bürger, hatte wohl keine Amerikaner umgebracht und nicht auf amerikanischem Boden gemordet. Damit war er kein Fall für die US-Justiz. Zudem hatten die westlichen Alliierten die Strafverfolgung von NS-Verbrechen der neuen Bundesrepublik übertragen. In einem Memorandum für CIA-Chef Allen Dulles notierte ein Berater, man könne nur die Bundesrepublik bei einem Auslieferungsbegehren unterstützen, alles andere sei "illegal".
Nun geht dem amerikanischen Geheimdienst nicht der Ruf voraus, den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit übermäßig verpflichtet zu sein. Aber auch die Israelis sahen das Problem. Diskret erkundigten sich israelische Diplomaten bei ihren deutschen Kollegen, ob es ein Auslieferungsabkommen zwischen Bonn und Buenos Aires gebe. Es gab keines.
Die Argentinier behandelten deutsche Auslieferungsanträge vielmehr "reichlich dilatorisch", wie der BND feststellte. Mancher NS-Verbrecher tauchte unter, weil die argentinische Seite mit der Verhaftung zögerte.
Damit war klar, dass man zu ungewöhnlichen Methoden greifen musste, um Eichmanns habhaft zu werden.
Im April 1960 reiste ein Team des Mossad nach Argentinien. Es sollte die Entführung Adolf Eichmanns vorbereiten.
Im nächsten Heft:
Adenauer gibt nach Eichmanns Verhaftung dem BND Order: Er soll herausfinden, was Eichmann über "Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik" aussagt.
(*) Gerald Steinacher: "Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen". Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 380 Seiten; 14,95 Euro.
Von Wiegrefe, Klaus

DER SPIEGEL 13/2011
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