Eine Werbekampagne zur Neuauflage der Traditionszeitung "Moskowskije Nowosti" unter dem Motto "Wir nennen die Dinge beim Namen" hat die Schmerzgrenze der politischen Elite Russlands überschritten. Plakate, mit denen das Blatt in Moskau Korruption und Unfreiheit angeprangert hatte, mussten wieder entfernt werden - angeblich aus technischen Gründen. Auf den Werbetafeln waren Zitate russischer und internationaler Dichter und Geistesgrößen zu lesen, darunter jener Satz des Satirikers Michail Saltykow-Schtschedrin: "Es gibt Legionen von Halbstarken, die das Wort Staat im Mund führen, im Kopf aber nur ein Stück vom Staatskuchen abhaben wollen." Die Beschreibung aus dem 19. Jahrhundert trifft die aktuelle Lage im Riesenreich so genau, dass sie offenbar als Anti-Regierungs-Propaganda eingestuft wurde. Die "Moskowskije Nowosti" (Moskauer Nachrichten), heute herausgegeben von der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti, zählte in den achtziger und neunziger Jahren zu den führenden Reformblättern. Später gehörte die Zeitung dem inzwischen verhafteten Ölmagnaten Michail Chodorkowski, zeitweise auch dem russisch-israelischen Waffenhändler Arkadij Gaidamak. 2008 wurde sie eingestellt, von diesem Montag an soll sie wieder erscheinen.
DER SPIEGEL 13/2011
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