Von Mittelstaedt, Juliane von und Windfuhr, Volkhard
Der Generalstabschef der Revolution empfängt in einer Villa nahe dem Flughafen von Bengasi. Als der Aufstand begann, fuhr Abd al-Fattah Junis durch die Straßen und wurde dafür gefeiert, dass er seine Soldaten die Militärbasis von Bengasi stürmen ließ und Muammar al-Gaddafi damit die Kontrolle des Ostens entriss. Nun hat er sich in ein Wohnzimmer mit Brokatvorhängen und Plüschteppich verkrochen. Wenn der General wissen will, was draußen vor sich geht, dann schaut er das arabische Programm der BBC und ruft seine Leute auf dem Satellitentelefon an. Das ist seine Verbindung zur Welt, damit unterstützt er Luftangriffe der Amerikaner und Franzosen, und auf einer Karte zeichnet er dann die Treffer und neuen Frontlinien ein. Morgen wird er wieder in einem anderen Haus übernachten, zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter, die stumm neben ihm sitzen. In Bengasi sind jetzt Killerkommandos unterwegs, von den Rebellen und von den Gaddafi-Männern. Nachts wird geschossen, und in der Früh sind die Leichenhäuser und Notaufnahmen voll.
Seit dem 22. Februar führt der ehemalige Innenminister Junis den Kampf gegen Gaddafi an. Ein bulliger Mann mit Silberhaar, der in seinen 66 Lebensjahren nichts anderes gemacht hat, als dem Diktator zu Diensten zu sein. Gerade deshalb war sein Überlaufen der Wendepunkt dieser Revolution. Er trägt jetzt grünen Flecktarn und nennt sich Generalstabschef. Es ist nicht seine erste Revolution. Er weiß, dass es jetzt nicht auf Politiker ankommt, sondern auf Militärführer.
Seine Spezialkräfte sind verschwunden, desertiert oder an die Front gerannt. Der General baut sich jetzt eine Armee auf, um Libyen zu befreien. 15 000 Mann haben seine Leute in den vergangenen Wochen trainiert. Im Sportstadion von Bengasi lernen sie schießen, Raketen abfeuern, Panzer fahren. Sie sollen die Fehler des Anfangs vermeiden, als sich die jugendlichen Kämpfer, die Schabab, versehentlich gegenseitig in die Luft jagten, die eroberten Panzer zu Schrott fuhren und ihre eigenen Flugzeuge abschossen. Allerdings erzählt der General schon seit Wochen von dieser Truppe, und noch ist kein Unterschied zum Chaos des Anfangs sichtbar. Die Rebellen sind trotz der Luftschläge kaum vorgerückt, sie lassen sich lieber mit den Panzerwracks fotografieren.
Seit den Luftangriffen des Westens ist aus der Revolution ein Krieg mit internationaler Beteiligung geworden, legitimiert durch eine Uno-Resolution und seit vorigem Donnerstag auch von der Nato ausgeführt. Gaddafis Nachschubkonvois werden bombardiert, seine Militärbasen und Panzerkolonnen, sein Hauptsitz in Tripolis, Hunderte Einsätze haben Amerikaner, Franzosen, Spanier und Kanadier bisher geflogen. Es war eine moralische Entscheidung, den Menschen zu helfen, die gegen einen der brutalsten Diktatoren des Nahen Ostens aufbegehren, aber sie führt dazu, dass die Welt sich jetzt nicht mehr zurückziehen kann. Es gibt eigentlich nur drei Optionen, um das Land vom Tyrannen zu befreien: Gaddafis Truppen in einer breiten Bombardierung zu vernichten, Bodentruppen zu schicken oder die Rebellen mit schweren Waffen auszurüsten. Friedensverhandlungen mit Gaddafi lehnen die Aufständischen ab.
Die internationale Gemeinschaft ist dabei, grundlegende Werte zu verteidigen: Freiheit, Menschenrechte, Selbstbestimmung. Aber die Frage ist: Geht es allen, die jetzt in Bengasi das Sagen haben, auch um Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung?
Schon einmal hat Abd al-Fattah Junis an einer Revolution teilgenommen, gegen den König, damals war er ein junger Armeeoffizier und übernahm die Radiostation von Bengasi. Das war 1969, er war 24 Jahre alt, und die Revolution führte zur Herrschaft des Mannes, der sich heute "König der traditionellen Könige Afrikas" nennt.
Danach stieg Junis zum General auf, 41 Jahre lang war er Chef der Spezialkräfte, von einer Revolution bis zur nächsten, eine seltsame Kontinuität im Reich dieses paranoiden Herrschers, der überall Feinde witterte. Die letzten dreieinhalb Jahre war er auch noch Innenminister, manche nannten ihn die Nummer zwei hinter Gaddafi. Er sagt, er sei nie ein Politiker gewesen. Er habe sich vier Monate lang geweigert, den Posten des Innenministers anzunehmen und es zur Bedingung gemacht, nie auf das Volk schießen zu müssen.
Viele trauen ihm trotzdem nicht, vor allem die Jungen, sie halten Junis für einen Opportunisten, der sechs Tage wartete, bevor er die Seite wechselte. Aber vielleicht hat Junis auch genug von Gaddafi, vielleicht will er tatsächlich ein Freiheitsheld werden?
Im Januar, erzählt er, habe er noch ein Schreiben an Gaddafi geschickt, er warnte vor der Unruhe im Land, dem Ärger über die gestiegenen Lebensmittelpreise. Der Brief kam zurück, Gaddafi hatte den Text mit roter Tinte durchgestrichen. Eine Warnung per Brief, das war Junis' Form des Protests.
Jetzt ist er ein Revolutionär, zum zweiten Mal, der sagt, er wolle demokratische Verhältnisse. Wenn man ihn fragt, wie er sich die Demokratie vorstelle, dann sagt er: "Ich träume von einer wahren Demokratie, in der wir Libyer ein Fünfsterneleben führen können. 150 Millionen Dollar verdient Libyen mit seinem Öl. An einem Tag. Und schauen Sie sich um, in welchem Zustand Bengasi ist."
So schwer werde das schon nicht mit der Demokratie, meint der General. "Wir haben keine Parteien, keine unterschiedlichen Ethnien und Konfessionen - das wird deshalb ganz unproblematisch." Sobald sein Traum erreicht sei, wolle er sich zurückziehen und Bücher lesen.
Das wird noch etwas dauern.
Für Gaddafi geht es um alles. Deswegen wird er nicht so schnell aufgeben, noch Monate könnten sich die Kämpfe hinziehen.
Eine Einnahme der Rebellenhochburg Bengasi durch Gaddafis Truppen scheint derzeit unmöglich, genauso unmöglich aber die Eroberung von Tripolis durch die Rebellen. Wenn die Bevölkerung in der Hauptstadt sich nicht erhebt, dann wird dieser Krieg lange dauern.
Doch der General sagt: "In zwei bis drei Wochen wird sich das Kräftegleichgewicht zu unseren Gunsten verschoben haben." Er spricht von Nachschublinien, Stellungen, Scharfschützen, er versucht das beruhigende Gefühl militärischer Professionalität zu vermitteln. Vor nichts hat er mehr Angst, als dass die Luftschläge plötzlich wieder aufhören könnten, denn dann würde der Widerstand zusammenbrechen. In 48 Stunden sei Adschdabija eingenommen, behauptet er, in höchstens zehn Tagen Sirt, die Heimatstadt von Gaddafi, und dann werde Tripolis rasch folgen. Ein Ende gebe es erst, wenn Gaddafi tot sei oder geflohen, vielleicht in den Norden des Tschad, für letzteres sehe er eine Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent.
Was dann kommt, weiß niemand. Libyen ist politisches Niemandsland, es gibt keine Parteien, keine Gewerkschaften, die höchste Form politischer Organisation waren Fußballvereine. Das Einzige, woran dieser Staat anknüpfen kann, ist die Herrschaftselite im Führungszirkel um Gaddafi und seine Kinder. So sind es nach sechs Wochen Revolution nicht mehr nur die Jugendlichen, Anwälte und Professoren vom Anfang, die jetzt den Ton angeben, es sind zunehmend Abtrünnige des alten Regimes, Männer mit gebügelten Hemden und Krawatten. Die meisten waren Minister, Botschafter, Militärs, Geschäftsleute, viele standen dem Gaddafi-Sohn Saif al-Islam nahe. Sie alle lebten gut davon, und sie wollen jetzt retten, was noch übrig ist. Seit den Luftschlägen, seit klar ist, dass das Ende Gaddafis kommt, drängen sie sich in den Vordergrund.
Der Nationale Übergangsrat, der am Anfang der Revolution gegründet wurde, soll durch eine Regierung ersetzt werden. Es gibt Leute, die sich als Minister bezeichnen, obwohl sie nicht erklären können, von wem sie denn dazu eigentlich ernannt worden sind. Revolutionäre haben Pressesprecher, und die Pressesprecher haben Stellvertreter. Im Medienzentrum läuft ein Mann herum, mit den Orden seines Vaters an der Brust, ein anderer verteilt goldgeprägte Visitenkarten. Ein unüberschaubares Geflecht von echten und eingebildeten Funktionären der Revolution ist entstanden, und was sie machen, ob sie überhaupt Einfluss haben, das wissen im Moment nur wenige.
"Die neuen Minister sollen ihrem Können gemäß Aufgaben übernehmen, aber wie das genau aussehen soll, darüber kann ich jetzt noch nicht reden", sagt Ahmed Chalifa, ein Mann mit lichtem Haar und Goldknopf-Sakko. Er stellt sich als Generaldirektor einer Handelsfirma vor, derzeit Sprecher des Nationalrats. Jeden Tag verliest er im Medienzentrum von Bengasi die Zahlen von Toten, Verletzten, Gefangenen und Landgewinnen. Immer noch wird in Ajdabia gekämpft, immer noch ist Misurata besetzt, Dutzende, Hunderte könnten inzwischen gestorben sein. Jeden Tag leeren sich die Reihen ein Stück mehr.
Die Minister sollen Fachleute sein, Professoren, Juristen und Geschäftsleute, aus allen Teilen des Landes, sagt Chalifa, vor allem aber auch Libyer aus dem Ausland, die jetzt wieder zurückkehren. Ihre Namen sind allerdings geheim. "Es wäre ja Selbstmord, sie jetzt zu veröffentlichen", sagt Chalifa. Auf die Frage, was eine geheime Regierung denn machen solle, weiß auch er keine Antwort. Der qualitative Unterschied zwischen einem selbsternannten Nationalrat und einer selbsternannten Regierung? "Der Nationalrat hatte eher allgemeine Qualifikationen, die Regierung ist spezialisierter."
Kurz darauf heißt es, dass es nun doch keine Regierung geben soll. Der Nationalrat werde umgeformt, zu einem "Komitee zur Krisenbewältigung".
Dafür gibt es jetzt einen Quasi-Präsidenten und einen Quasi-Premierminister, die miteinander um ihre Bedeutung ringen. Der neue Premierminister heißt Mahmud Dschibril, er soll die neue Regierung anführen, die es aber vielleicht gar nicht gibt. Er jettet jetzt durch die Welt, er hat sich in Frankreich mit Bernard-Henri Lévy und Nicolas Sarkozy getroffen und in Kairo mit Amr Mussa und der Armeeführung. Der andere, den sie "unseren neuen Präsidenten" nennen, das ist Mustafa Abd al-Dschalil, der Chef des Nationalrats.
Was beide eint, ist, dass sie lange Unterstützer des Systems waren. Dschibril als Wirtschaftsfunktionär, Abd al-Dschalil als Justizminister.
Abd al-Dschalil trägt eine rote Wollkappe und am rechten Revers seines Wollmantels Anstecker in den Farben der Revolution, vor der Tür stehen Soldaten mit bunt zusammengewürfelten Uniformen und Patronengurten. Ein Gebetsteppich liegt zusammengefaltet auf dem Tisch, auf der Stirn hat er ein Gebetsmal, der ihn als frommen Muslim ausweist. Abd al-Dschalil kneift vor Müdigkeit die Augen zusammen, er ist unrasiert, er gibt derzeit Interviews im Zehn-Minuten-Takt. Seine Sätze könnten aus einem Revolutionshandbuch der Sowjetunion stammen: "Der Nationalrat ist legitimiert von den lokalen Komitees in den befreiten Städten und Dörfern, die von den Revolutionären gebildet wurden."
Wenn man Abd al-Dschalil zuhört, klingt es, als sei die Machtübernahme nur noch eine Frage technischer Details. Er hat sich mit einem Uno-Sondergesandten getroffen, fast alle Staaten der Welt hätten Kontakt zu ihm aufgenommen, sagt er. Tripolis werde in wenigen Wochen eingenommen, man sei dabei, sich einen Überblick zu verschaffen, wo sofort etwas getan werden muss, im Gesundheitswesen, beim Verkehr, bei der Instandsetzung zerstörter Gebäude. Aber noch haben sie wenig erreicht. Verwaltung, Schulen, Universitäten, Erdölförderung, alles steht still.
Wann sollen Wahlen sein? "Mit diesen Details befassen wir uns nicht", sagt der Präsident.
Neben ihm sitzt ein Mann im schokoladenbraunen Anzug. Ali al-Issawi, 44, war einmal Wirtschaftsminister und zuletzt Botschafter in Indien. Jetzt nennt er sich Außenminister, auch wenn nicht ganz klar ist, warum. Vielleicht, weil er der Einzige hier ist, der Englisch spricht. Er sagt, er stehe in hervorragendem Kontakt mit der Weltgesundheitsorganisation.
Die meisten, die jetzt etwas zu sagen haben, sind Söhne des Regimes, und es fragt sich, was für einen Staat sie da schaffen wollen. Ist es möglich, dass sich nach 41 Jahren des Politikverbots Demokratie durchsetzt? Oder wird am Ende die Revolution scheitern, selbst wenn Gaddafi stürzt? Und, was vielleicht die größte Gefahr ist, könnte dieser Staat, der von Gaddafi zusammengezwungen wurde, am Ende wieder in seine Bestandteile zerfallen, in Stämme, kriminelle Gangs, Warlords und Dschihad-Gruppen, die dann hochgerüstet sind mit westlichen Waffen?
Ahmed Chalifa, der Pressesprecher der Revolution, sagt, alle 30 Stämme hätten dem Nationalrat ihre Unterstützung versichert, bis auf den Stamm Gaddafis. "Das libysche Volk ist vereint. Wir haben in Tripolis genauso viele Anhänger wie hier. Eine Spaltung zwischen Osten und Westen wird es nicht geben, bestimmt nicht!" Wenn es um die Einheit des Landes geht, dann spricht er wie mit Ausrufezeichen. Es ist unmöglich, jemanden zu finden, der das anders sieht.
Der Rebellenrundfunk verbreitet Phantasie-Siege und Horrorgeschichten. Da soll Chamis al-Gaddafi von einem Kamikaze-Flieger getötet worden sein, da sind Ras Lanuf und Misurata "zu 80 Prozent" zurückerobert. Einmal sollen 2000 ägyptische Gastarbeiter von Gaddafis Truppen in Misurata gefesselt ins Hafenbecken geworfen worden sein, dann wieder heißt es, sie würden als menschliche Schutzschilde benutzt. Ein Video kursiert, es soll angeblich zeigen, wie Soldaten der Chamis-Brigade afrikanische Söldner zwingen, das Fleisch eines toten Hundes zu essen. Überprüfen lässt sich davon nichts.
Denn sechs Wochen nach Beginn der Revolution versinkt Bengasi, die Hauptstadt des freien Libyen, in Misstrauen und Angst. Mehr Geschäfte als zuvor sind geschlossen, kaum jemand traut sich noch, seine Telefonnummer herauszugeben. Niemand will mehr etwas sagen, das über Revolutionsfloskeln hinausgeht, nicht gegen die Rebellen und nicht gegen die Regierung in Tripolis. Im Nationalrat gebe es Spione Gaddafis, das ist eines der vielen Gerüchte, oder warum sind es ausgerechnet die Jugendlichen, die jetzt umgelegt werden?
Ein Karikaturist und ein Schauspieler, der auf einer Demonstration Gaddafi parodierte, sind jetzt tot. Mohammed Nabus, der den Rebellen-Fernsehsender betrieb, wurde am Samstag mitten in Bengasi von einem Scharfschützen erschossen, als er die Absturzstelle eines abgeschossenen Gaddafi-Kampfflugzeugs filmen wollte. Fathi Tarbal, der Anwalt, mit dessen Festnahme die Revolution begann, als die Jugendlichen für seine Freilassung demonstrierten, ist abgetaucht.
Nachts traut sich niemand raus, Maschinengewehrsalven donnern durch die leeren Straßenzüge. Die Mitglieder des Nationalrats sind nicht mehr zu sehen und nur schwer zu sprechen. "Es gibt Tötungskommandos auf beiden Seiten", sagt auch Nasser Buisier, der mit 17 Jahren nach Amerika floh und nun für die Revolution zurückgekehrt ist. Sein Vater war einst Informationsminister, aber er war auch ein Kritiker von Gaddafi. Auf die neue Führung ist er schlecht zu sprechen. "Die meisten haben nie etwas geopfert, sie waren Teil des Regimes, ich glaube nicht, dass sie Wahlen wollen." Er glaubt, dass der Nationalrat bald zusammenbrechen werde. Und dann? Dann möchte er nicht in Bengasi sein.
Jetzt fährt Buisier wieder zurück nach Amerika, wann genau, will er nicht sagen, er fürchtet, auf einer Abschussliste zu stehen. Er war an einem Tag auf vier Beerdigungen, von Rebellen und von Regimetreuen. In das Zentralkrankenhaus von Bengasi werden jeden Tag fünf, manchmal zehn Verletzte mit Schusswunden eingeliefert. Am Eingang wachen zwei Pick-ups mit Maschinengewehren, an den Toren hängen Fotos von Vermissten.
Angeblich 8000 Menschen in Bengasi sollen Regierungsspione gewesen sein, die Rebellen haben ihre Namen in den Akten der Geheimpolizei gefunden. Nachts durchstreifen bewaffnete Jugendliche die Straßen und verhaften die Regimetreuen; aber auch private Racheaktionen gibt es.
Salah Scharif, ein ehemaliger Gefängniswärter, wurde tot aufgefunden, der Kopf halb weggesprengt. Selbstmord, heißt es offiziell. "Natürlich wurde er umgebracht", sagt einer, der selbst sieben Jahre im Gefängnis saß und unter Scharif gelitten hat. "Er war ein Spezialist darin, Leute zu foltern und zu verhören. Besonders Islamisten."
Etwa hundert Regimetreue wurden in den vergangenen Tagen eingesperrt, bewaffnete Jugendliche durchsuchen Häuser, sie verhaften Afrikaner, vermeintliche Söldner und alle, die sie nur Spione nennen. Sie sperren sie in die gleichen Gefängnisse, in denen einst die Oppositionellen saßen. Dann werden sie einer Busladung Journalisten vorgeführt. Die Gefangenen sitzen in dunklen Zellen, die nach Kot und Urin stinken, und sie sagen, sie seien aus Mali, dem Tschad, dem Sudan; Bauarbeiter seien sie, man habe sie aus ihren Häusern gezerrt.
Die Stimmung der Aufständischen, überschwänglich und karnevalistisch zu Beginn, ist umgeschlagen. Ihre Rhetorik wird immer gereizter, Kritik tun sie nun als Propaganda ab. Ein ehemaliger Luftwaffenkommandeur, jetzt "Sprecher der revolutionären Streitkräfte", sagt: "Jeder, der gegen unsere Revolutionsarmee kämpft, kämpft gegen das Volk und wird entsprechend behandelt."
Ein anderer, auch er ein Mitglied des Nationalrates, spricht von den "Feinden der Revolution". Wer sich nicht den Rebellen anschließe, der werde revolutionäre Gerechtigkeit zu spüren bekommen. "Wir wissen, wo sie sind, und wir werden sie finden."
Es sind, bis in den Wortlaut, dieselben Drohungen, mit denen ihnen Gaddafi Angst macht.
DER SPIEGEL 13/2011
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