28.03.2011

COMICS

Das Wiehern der Pferde

Von Reinhardt, Nora

In seinem Manga "Barfuß durch Hiroshima" zeichnete Keiji Nakazawa seine Erlebnisse als kleiner Junge nach dem Abwurf der Atombombe 1945. In Japan ist er einer der bekanntesten Gegner der Atomtechnologie. Es erstaunt ihn, dass er auch heute noch so wenige Mitstreiter findet.

Ein Spaziergang im Peace Memorial Park von Hiroshima, Tag zwölf nach der Katastrophe, strahlender Sonnenschein. "Konnichiwa", guten Tag, ruft ein Mann, tiefe Verbeugung, er überreicht Keiji Nakazawa seine Visitenkarte, der wiederum gibt dem Fremden seine schlichte weiße Karte. "Cartoonist" steht dort. Nicht falsch, aber bescheiden.

Ein Spaziergang mit Nakazawa ist eine Materialschlacht der Visitenkarten, fast jeder hier in Hiroshima scheint ihn zu kennen. Keiji Nakazawa, 72 Jahre alt, rundes Gesicht, freundliche Augen, hat etwas Spitzbübisches im Blick.

Er erinnert stark an den kleinen Jungen Gen, den Helden seines berühmtesten Mangas "Barfuß durch Hiroshima". Der Comic erzählt von der Atombombe, die 1945 auf Hiroshima fiel, und davon, was sie anrichtete, er hat sich millionenfach verkauft, in Japan, Amerika, Frankreich, Deutschland, Skandinavien. "Barfuß durch Hiroshima" war einer der ersten politischen Mangas, die Geschichte eines sechsjährigen Jungen, der 1945 im nuklearen Trümmerfeld Hiroshimas ums Überleben kämpft. Es ist Nakazawas eigene Geschichte, und für die Nachkriegsgesellschaft Japans dürfte sie eine ähnliche Bedeutung haben wie Anne Franks Tagebuch in Deutschland. Keiji Nakazawa ist mehr als nur ein "Cartoonist".

Am Tag zwölf nach der Katastrophe rennen Kinder durch den Park, Mädchen in Kniestrümpfen und kurzem Rock fahren Fahrrad, die Magnolien blühen rosa. Im Süden des Landes melden Newsticker, dass die radioaktive Belastung des Leitungswassers in neun Präfekturen des Landes erhöht sei, allerdings "nicht dramatisch". Danach wird ein amerikanischer Politiker zitiert, der die Disziplin und Ruhe der Japaner lobt. Erbauungsnachrichten.

Keiji Nakazawa läuft langsam und ein bisschen eckig durch den Park, er streckt das Bein aus und verlagert dann das Gewicht nach vorn. Er sagt, dass er weiterhin Milch trinke, Spinat und Sushi esse. "Ich habe durch die Atombombe riesige Mengen an Strahlung abbekommen, ich stand etwas mehr als einen Kilometer vom Hypozentrum entfernt, da macht mir ein bisschen Spinat nichts aus." Er lacht. Dass sich sogar Menschen in Europa Sorgen machen um die Sicherheit ihrer Lebensmittel, davon hat er bislang nichts gehört. Er lacht wieder.

Er ist heute einer der bekanntesten Atomkraftgegner in seinem Land. "Die Kraftwerke müssen abgeschaltet werden", sagt Nakazawa, "jetzt ist es offenkundig, dass sie eben nicht sicher sind, wie uns die Regierung immer glauben machen wollte." Es sind deutliche Worte für einen Japaner.

Wer die Geschichte Nakazawas kennt, kann diese Worte ziemlich einfach nachvollziehen, und doch gibt es viele Menschen im Land von Keiji Nakazawa, die anderer Meinung sind als er.

Nakazawas Geschichte beginnt an einem warmen Sommertag, dem 6. August 1945. Es ist der Tag, an dem Nakazawas Kindheit endet. Der Tag, an dem das Leben seines Vaters, seines jüngeren Bruders und seiner älteren Schwester ausgelöscht wird. Der Tag, an dem die Bombe bei der Mutter Wehen auslöst und seine Schwester Tomoko geboren wird. Nakazawa ist sechs Jahre alt, die Amerikaner werfen die Bombe um 8.15 Uhr über Hiroshima ab. Der Junge eilt von der Schule zurück zu seinem Elternhaus, er sieht Menschen, die ihre Gedärme in den offenen Bauch stopfen, ein Mädchen mit Glassplittern in den Augen, Frauen und Männer, denen die Haut herunterhängt, Menschen mit Brandblasen am ganzen Körper. Sein Elternhaus steht nicht mehr, wie alle Häuser in seiner Straße. Nur am Muster des zerbrochenen Familiengeschirrs erkennt er, wo es sich befand. "Als ich den Schädel meines kleinen Bruders aus den Trümmern zog und in die Hände nahm, wurde mir sehr kalt, obwohl es so heiß war an diesem 6. August."

Nakazawa wirkt seltsam ungerührt, wenn er davon erzählt. Er hat nicht das Gesicht eines Menschen, der all das erlebt hat, es ist ein Antlitz ohne Wut. Auf seinem Hinterkopf wachsen an einer Stelle keine Haare, die Folge einer Verbrennung, unter seinem rechten Auge sieht man eine kleine Narbe, das war ein Nagel, den die Druckwelle in seine Wange rammte, als er ohnmächtig auf dem Boden lag. Er zog ihn heraus, nachdem er wieder aufgewacht war.

Er fing dann an zu zeichnen, in der dritten Klasse, später machte er eine Lehre als Schildermaler, weil die Familie kein Geld hatte für die Highschool. 1961, da war er 22 Jahre alt, ging er nach Tokio, bald veröffentlichte er seine ersten Manga in Magazinen. Fünf Jahre später starb seine Mutter.

"Ich war geschockt, als man mir die Asche meiner Mutter übergab. Ich war mit dem Zug ins Krematorium nach Hiroshima gefahren, um die Asche abzuholen. Normalerweise bleiben immer ein paar Knochen übrig: Schädel-, Arm- oder Beinknochen. In der Asche meiner Mutter waren keine Knochenreste. Ich vermute, die Strahlung hat ihre Knochen so aufgeweicht, dass sie sich komplett aufgelöst haben", erzählt Nakazawa. Er raste vor Wut, auf der Zugfahrt nach Tokio konnte er sich nicht beruhigen. Es war ein prägender Moment in seinem Leben, die Strahlung hatte ihm sogar die letzten Reste seiner Mutter genommen. Auf dieser Zugfahrt wurde ihm damals erst bewusst, dass er - genauso wie alle anderen - sich nie richtig mit der Bombe und dem Krieg beschäftigt hatte.

Ende der sechziger Jahre schließlich beginnt Nakazawa sein eigenes Leben nachzuzeichnen. Seine ersten "Hiroshima"-Manga werden veröffentlicht, später erscheinen sie gesammelt als Bücher.

Im ersten Band erzählt Nakazawa die Geschichte des 6. August 1945 und was Gen, sein Alter Ego, an diesem Tag und den Tagen zuvor erlebt. Im zweiten schildert er das Grauen danach, im dritten den Kampf ums Überleben, den Kampf aller gegen alle und wie Gen Geld für seine Familie verdient, indem er den von Maden zerfressenen Verband eines Strahlenopfers wechselt, weil dessen Familienangehörige sich zu fein dafür sind. Und im vierten, dem letzten bislang auf Deutsch erschienenen Band von "Barfuß durch Hiroshima", stirbt schließlich seine kleine Schwester, die am Tag der Bombe geboren wurde und nur vier Monate lebte. Und in all diesen Geschichten verliert Gen nie den Lebensmut, er singt Lieder, ist hilfsbereit und fröhlich.

Für das Grauen von Hiroshima hat Nakazawa präzise Bilder gezeichnet, sie sind durch die grafische Reduzierung gerade noch erträglich. Das Hiroshima Peace Memorial Museum stellt in diesen Tagen Zeichnungen Nakazawas aus.

Er bleibt stehen vor einem seiner Bilder, es zeigt ein brennendes Pferd. Das Bild ist furchterregend, es hat eine dämonische Kraft, ähnlich wie Dürers Holzschnitt "Die apokalyptischen Reiter". "Ich höre immer noch das Wiehern des Pferdes", sagt Nakazawa, "ich rieche das verkohlte Fell, das verbrannte Fleisch, den Geruch der Leichen."

Nach der Explosion der Atombombe starben 80 000 Menschen sofort, in den Monaten danach weitere 60 000, die Überlebenden haben den schnellen Tod gesehen, den schleichenden Tod, Menschen, die Blut spuckten, an der Strahlenkrankheit starben. Jetzt, im Alter, zersetzen die Spätfolgen der nuklearen Strahlung ihren Körper. Viele von ihnen haben Nakazawas Bücher gelesen, alle haben den Aufbau von 55 Atomkraftwerken auf den 378 000 Quadratkilometern des Landes mitansehen müssen. "Japaner sind sehr belastbar, aber auch sehr angepasst", sagt Nakazawa. "Wenn Japaner eine Durchsage hören, befolgen sie sie. Wir tendieren dazu, alles zu glauben, was die Regierung uns erzählt. Die japanische Mentalität ist es, sehr unbefangen zu sein. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, dass wir kritischer werden."

Dringend müsse nun herausgefunden werden, was wirklich in Fukushima passiert sei. "Ich glaube die offiziellen Informationen erst, wenn ich den Geigerzähler mit eigenen Augen gesehen habe." Er sagt das ruhig und freundlich, und er erzählt auch, dass er nie selbst zum politischen Aktivisten wurde, nie Mitglied in einer der Organisationen von Überlebenden der Atombombenangriffe war, sich nie von Parteien instrumentalisieren ließ. Er hat jahrelang Vorträge gehalten über seine Erfahrungen, bei Bürgerinitiativen, an Schulen.

Und 1996 besuchte er auch Tschernobyl, zehn Jahre nach der Katastrophe. Er hatte einen Geigerzähler dabei und stieß vor bis zum Reaktor 4, das Messgerät reagierte bis zum Anschlag. "Zehn Minuten war ich dort. Und später fragte ich mich, was mit diesem Land passiert ist, mit dieser schönen Natur. Die Bauern boten mir Kartoffeln an, und wieder schlug der Geigerzähler bis zum Anschlag aus." Er fragte die Bauern in der Umgebung, warum sie blieben. "Sie antworteten: Weil es unsere Heimat ist." In einem Krankenhaus schließlich besuchte er Patienten, die an Strahlenkrankheiten litten. "Sie sagten: Wir wurden getäuscht! Und sie fragten: Was haben sie mit uns gemacht? Das ist die Erfahrung meines Lebens: Die nukleare Energie kann nicht von Menschen kontrolliert werden."

Als das Erdbeben den Norden Japans heimsuchte, am Freitagnachmittag des 11. März, kurz vor 15 Uhr Ortszeit, saß Nakazawa, der eigentlich in Tokio lebt, vor dem Fernseher in seiner Ferienwohnung in Hiroshima, in einem schmucklosen hellbraunen Backsteinhochhaus. Die Erde dort blieb still, das Fernsehbild nicht, die Diätshow, die gerade lief, begann erst zu flimmern und wurde dann abrupt unterbrochen.

Keiji Nakazawa ist jetzt 72 Jahre alt, die Bombe von Hiroshima fiel vor fast 66 Jahren. Er ist ein kranker Mann, und wenn er beginnt, seine Krankheiten aufzulisten, dann streckt er seine Hand aus, klappt den Zeigefinger ein und sagt: Diabetes. Er klappt den Mittelfinger ein: grauer Star. Er klappt den Ringfinger ein: Herzschrittmacher. Und wenn er schließlich beim Daumen der zweiten Hand angekommen ist, sagt er: Lungenkrebs.

So zählt man in Japan: nach innen, nicht nach außen. Eine merkwürdige Ruhe im Angesicht der Katastrophe, eine fremdartige Zurückhaltung, keine öffentliche Wut auf die Regierung, auf die Betreiber des Atomkraftwerks. Im Fernsehen irritierend gelassene Moderatoren, die die Nachrichten aus Fukushima verlesen.

Im vergangenen halben Jahr hat Nakazawa fünf Kilo abgenommen, im Oktober wurde er operiert. Das Gespräch strengt ihn an, beim Laufen stützt er sich auf die Schulter seiner Frau. Die Wohnung hat er in den vergangenen Tagen kaum verlassen. "Ich weiß", sagt er, "dass meine Zeit nur geborgt ist. Aber es war Schicksal, dass ich Hiroshima überhaupt überlebt habe." Keiji Nakazawa wird müde.

Der vierte Band der deutschen Ausgabe von "Barfuß durch Hiroshima" heißt "Hoffnung". Der Junge Gen entdeckt ein Weizenfeld, ihm fallen die Worte seines Vaters ein: Sosehr man dich auch niedertritt, wachse gerade wie der Weizen auf dem Feld.

"So hart es auch ist, ich darf nicht aufgeben", sagt Gen.


DER SPIEGEL 13/2011
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