04.04.2011

KATHOLIKEN

Gottes Wachhund

Von Wensierski, Peter

Der rigide und autokratische Kölner Kardinal Joachim Meisner will trotz massiver Kritik nicht abtreten. Jetzt revoltiert das Kirchenvolk.

Der Kölner Prälat Günter Assenmacher ist ein revolutionärer Tendenzen höchst unverdächtiger Kirchenmann. Der 59-Jährige gilt als stramm konservativ, er leitet das Kapitelsamt im Kölner Dom. Geht es nach Assenmacher, dann wird sich die katholische Kirche in absehbarer Zeit allenfalls in Maßen wandeln. Doch den Hirtenbrief, den der Kölner Kardinal Joachim Meisner zur Fastenzeit vorlegte, verlas der Domkapitular diesmal nur unter Vorbehalt. "Unser Herr Kardinal und Erzbischof beschäftigt sich darin nicht mit den Themen, die vielen im Moment vielleicht mehr auf den Nägeln brennen", sagte Assenmacher beim Gottesdienst im Kölner Dom.

In der Schrift wettert Meisner gegen Sex vor der Ehe und ruft die Jugend dazu auf, Gruppen gleichgesinnter Sexabstinenzler zu bilden. Der Hirtenbrief ist ein Ausdruck des theologischen Vorgestern - und entsprechend scharf sind die Reaktionen. In vielen Gemeinden wurde Meisners Elaborat gar nicht erst verlesen, in manchen Gottesdiensten distanzierten sich Priester öffentlich.

Gut fünf Monate vor dem Papstbesuch ist ausgerechnet in Köln, Deutschlands größtem und wichtigstem Bistum, eine Rebellion ausgebrochen. Sie richtet sich gegen den halsstarrigen Kardinal selbst. Meisner, 77 Jahre alt und seit 22 Jahren im Amt, will weder abtreten noch das Bistum reformieren. Er beschreibt sich selbst als "Widerstandskämpfer Gottes" und "Wachhund" der Kirche; er ist bedingungsloser Gefolgsmann des Papstes und Hüter der reinen Lehre.

Die Katholiken im Rheinland hingegen dürsten - wie insgesamt weite Teile der katholischen Kirche - nach Veränderung. Selbst prominente Katholiken wie der CSU-Politiker Alois Glück oder Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) fordern nach den Missbrauchsskandalen und der folgenden Austrittswelle Reformen, 311 Theologen haben ein Memorandum unterzeichnet.

In einem Aufruf warnen jetzt Bonner Katholiken im Internet (katholiken-am-ennert.de): "Die jüngere und ältere Geschichte" sei "voll von Beispielen für den Niedergang von Patriarchen, totalitären Regenten und eingebildeten Feudalherren. Die Zeichen stehen auf Sturm", und Meisner und sein Erzbistum "könnten bald dazugehören".

Die Gegner des obersten Gottesdieners vom Rhein sammeln Protestunterschriften, verfassen Brandbriefe, organisieren Mahnwachen und Versammlungen oder rufen, wie vorige Woche, zu einer Demonstration in der Bonner Innenstadt auf. "Der Frust ist groß, das Unbehagen inzwischen flächendeckend", sagt Manfred Becker-Huberti, der 16 Jahre lang unter Meisner als Sprecher diente, ehe er durch einen Opus-Dei-Mann abgelöst wurde. Es sei "nur noch eine Frage der Zeit, wann die Dämme brechen", glaubt auch Wilhelm Wester, 53, ein ehrenamtlich in seiner Bonner Gemeinde engagierter Banker: "Wer sich zu Wort meldet, wird abgekanzelt." Unter den Gläubigen macht der Begriff der "Wutchristen" die Runde, so bezeichnen sich manche der Oppositionellen am Rhein.

Als der gebürtige Schlesier Meisner Ende der achtziger Jahre sein Amt antrat, versprach er, sein Kirchenvolk "in den Himmel zu führen". Doch irdisch ist das Erzbistum Köln heute in einem desolaten, gleichsam unterirdischen Zustand. Auch wenn zu Meisners Reich noch immer 2,1 Millionen Katholiken und 784 aktive Priester gehören: Seit der Amtsübernahme des Kardinals traten rund 300 000 Gläubige aus - und damit mehr als in anderen deutschen Diözesen. Dazu mangelt es an Nachwuchspersonal, häufig müssen ausländische Gastprediger aushelfen.

Manche Probleme des Erzbistums sind hausgemacht, etliche jedoch symptomatisch für den generellen Reformstau in der katholischen Kirche. Meisner praktiziert einen autoritären Führungsstil und kapselt sich von der Lebenswirklichkeit ab, er umgibt sich mit Opportunisten und Ja-Sagern, Kritiker werden ausgegrenzt. Welche Eruptionen etwa die Missbrauchsaffären auslösten, nimmt die Kirchenleitung in Köln offenbar kaum noch wahr.

So entging dem Kardinal und seinen Mitarbeitern, dass die Justiz einen seiner Pfarrer schon 2010 als Kinderschänder zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung verurteilte. Der Geistliche blieb monatelang im Amt, bis er im Februar aufflog. Es habe wohl irgendwo "Kommunikationsprobleme gegeben", musste sich Meisner entschuldigen.

Rund um Bonn protestierten kürzlich über 2000 Katholiken per Unterschrift, weil sie nicht länger Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg tolerieren mögen. Nach dem Tod ihres langjährigen Pfarrers wollte das Erzbistum allein den Nachfolger bestimmen - ohne die vorgeschriebene Anhörung der Gremien.

In Köln kam es in der Gemeinde St. Aposteln durch die plötzliche Versetzung eines beliebten Pfarrers zu einem ähnlich heftigen Streit; 1200 Katholiken unterzeichneten dort ebenfalls eine Protestnote. Dem Katholiken Georg Schwikart aus Sankt Augustin verweigerte das Erzbistum kürzlich die Weihe als Diakon.

Meisner hatte Anstoß an einem acht Jahre alten Aufklärungsbuch von Schwikart genommen, in dem es heißt: "Es gibt auch Männer, die Männer lieben." Im Gespräch mit Meisners Weihbischof Rainer Woelki verteidigte Schwikart sich, Homosexualität gebe es nun einmal. Antwort von Meisners Weihbischof: "Das verstößt aber gegen die Schöpfungsordnung."

Schwikart verzichtet nun auf die Weihe: "Man kann nur leben, wenn man ehrlich ist." Der Streit sprach sich schnell herum in der Gemeinde, fast 400 Solidaritätsbriefe hat Schwikart bekommen.

Bei anderen Priestern wie Michael Jung aus Meckenheim drängte Meisner gleich auf Rausschmiss. Jung hatte 2007 in einem Brief an den Kardinal kritisiert, dass die Pfarrer immer weniger Zeit für Seelsorge fänden, dafür aber immer mehr Verwaltungsarbeit erledigen müssten. Eine Woche später erhielt der Meckenheimer Pfarrer einen kurzen Brief, er möge doch sein Amt zur Verfügung stellen. Später mahnte ihn Meisner: "Denken Sie daran: Durch den Bischof spricht immer Gott!" Der Streit ist bis vors Amtsgericht gegangen, Jung ist mittlerweile supendiert.

Der Erzbischof selbst muss immer mehr seinem Alter Tribut zollen. Als er Ende Januar ein Frauenhaus in der Eifel besuchte, ereilte ihn ein Schwächeanfall. Während der Visite fing er an zu wanken, der ebenfalls anwesende Ex-Schlagerstar Heino, 72, half ihm schließlich wieder mit auf die Beine.

Bei der Bischofskonferenz in Paderborn sprach Meisner von Indern statt von Japanern, die von Erdbeben und Tsunami heimgesucht worden seien. Und bei der abendlichen Messe zum diesjährigen Dreikönigsfest erschraken Gottesdienstbesucher im Kölner Dom, als ein gebeugter Kardinal, gestützt von zwei Begleitern, zu seinem Sitzplatz geschleppt wurde, um den Rest des Hochamts weitgehend reglos durchzustehen. Meisner selbst gestand dem Kölner "Express", es bewege ihn "der Gedanke, dass ich nicht mehr allzu lange Zeit bis zum Sterben habe".

Doch ein baldiges Ende seiner Amtszeit bedeutet das mitnichten. Jüngst signalisierte Meisner, er wolle mindestens bis 2013 amtieren, um Gastgeber eines besonders frommen Events sein zu können: des "Eucharistischen Kongresses", einer Art Gottesdienstfestival. Und den mehr als 300 katholischen Theologieprofessoren, die unlängst in einem Memorandum überfällige Reformen in der Kirche anmahnten, schleuderte er entgegen, wie er all denen, "deren Leben in und mit der Kirche defizitär ist", zukünftig Priester, Diakone oder Religionslehrer zur Ausbildung noch anvertrauen könne.

Womöglich braucht es ein göttliches Zeichen, bis der Kardinal einlenkt. Am Dreikönigstag, als Meisner sich morgens zum Pontifikalamt begab, brach der Klöppel der 24 Tonnen schweren Petersglocke im Turm des Kölner Doms herunter. Auf der Domplatte war ein lauter Knall zu hören. Materialermüdung.

Seitdem schweigt die größte frei schwingende Kirchenglocke der Welt.


DER SPIEGEL 14/2011
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