04.04.2011

ZEITGESCHICHTE„Frauen, Kinder, alles“

Zwei Forscher haben Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten ausgewertet, in denen diese über Töten und Sterben an der Front berichten - ein Sensationsfund, der eine Innenansicht des Zweiten Weltkriegs ermöglicht und den Blick auf diesen verändern wird. Von Jan Fleischhauer
Am 6. März 1943 unterhalten sich zwei deutsche Soldaten über den Krieg. Der Jagdflieger Budde und der Unteroffizier Bartels sind einige Wochen zuvor in britische Gefangenschaft geraten; für sie ist der Einsatz vorbei, Zeit also, Erinnerungen auszutauschen.
Budde: "Zwei Störangriffe habe ich geflogen, also Häuser beschossen."
Bartels: "Aber nicht wie wir Zerstörangriffe, also mit bestimmtem Ziel?"
Budde: "Nein, nur Störangriffe. Was uns in die Quere kam, so Villen auf einem Berg, waren die schönsten Ziele. Wenn man so von unten anflog, dann wupps, so ringehalten, dann rasselten die Fenster, und oben das Dach ging hoch. Da war mal Ashford. Auf dem Marktplatz, da wurde eine Versammlung gehalten, Haufen Leute, Reden gehalten, die sind vielleicht gespritzt! Das macht Spaß!"
Auch die Piloten Bäumer und Greim haben Schönes erlebt, wie sie im Gespräch mit anderen Kameraden zu berichten wissen.
B äumer: "Da haben wir vorne eine Zwei-Zentimeter-Kanone einbauen lassen. Dann sind wir im Tiefflug über die Straßen, und wenn uns Autos entgegenkamen, haben wir den Scheinwerfer angemacht, die dachten, es käme ein Auto ihnen entgegen. Dann haben wir mit der Kanone reingehalten. Damit hatten wir viele Erfolge. Das war sehr schön, das machte riesigen Spaß. Auch Eisenbahnzüge und so Zeug."
Greim: "Wir haben einmal einen Tiefangriff bei Eastbourne gemacht. Da kommen wir an und sahen ein großes Schloss, da war anscheinend ein Ball oder was, auf alle Fälle viele Damen in Kostümen und eine Kapelle. Das erste Mal sind wir vorbeigeflogen, dann haben wir noch einen Angriff gemacht und haben reingehalten. Mein lieber Freund, das hat Spaß gemacht."
Es ist ein ungewohnter, irritierender Ton, den die Soldaten Budde und Bartels, Bäumer und Greim da anschlagen; es ist nicht der Ton, wie er in Fernsehdokumentationen oder Erinnerungsbüchern über den Krieg vorkommt. So reden Soldaten, wenn sie unter sich sind und über ihre Erlebnisse plaudern.
Krieg ist die denkbar größte Entfesselung von Gewalt, eine Menschheitsgeißel, die schnell alle zivilisatorischen Erfolge hinwegfegt. Die öffentliche Rede kennt nur die Verachtung für die blutigen Seiten des Kriegshandwerks, dem passen sich auch die Beteiligten an, wenn sie um Auskunft gebeten werden. Aber daneben gibt es eine andere Sicht, in der Krieg nicht nur ein endloser Alptraum ist, sondern auch ein großes Abenteuer, das manche anschließend als die beste Zeit ihres Lebens in Erinnerung haben, ein "Mordsspaß" eben.
18 Millionen Männer haben im Zweiten Weltkrieg bei Wehrmacht und Waffen-SS gedient, über 40 Prozent der männlichen Bevölkerung des Deutschen Reichs. Kaum ein Zeitabschnitt ist von der Forschung so gut ausgeleuchtet worden wie die sechs Jahre, die im September 1939 mit dem Überfall auf das Nachbarland Polen begannen und im Mai 1945 in der vollständigen Kapitulation des Deutschen Reichs endeten.
Die Literatur über den tödlichsten Konflikt der Menschheitsgeschichte ist selbst für den Historiker kaum noch zu überschauen. Zehn Bände umfasst allein die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die das Potsdamer Militärgeschichtliche Forschungsamt vor drei Jahren abgeschlossen hat und die das deutsche Standardwerk zum Kriegsverlauf darstellt.
Jede Schlacht in diesem monströsen Ringen um die Herrschaft in Europa hat heute in der Geschichtsschreibung ihren festen Platz, dazu, selbstverständlich, der Schrecken des Wütens, das weltweit 60 Millionen Tote hinterließ: das Leiden der Zivilbevölkerung, der Mord an den Juden, der Partisanenkrieg im Osten.
Doch wie die Soldaten den Krieg erlebten, wie die Dauerpräsenz von Tod und Gewalt sie veränderte, was sie fühlten, fürchteten, aber eben auch genossen, das kommt in den historischen Beschreibungen eher am Rande vor. Die Geschichtswissenschaft misstraute lange der subjektiven Sicht auf die Ereignisse, die sie in den Blick nimmt, sie hielt sich lieber an überprüfbare Daten und Fakten.
Das liegt auch an der Unvollständigkeit der Quellen. Feldpostbriefe, Zeitzeugenberichte oder Memoiren geben nur einen geschönten Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. Die Adressaten dieser Selbstauskünfte sind die Ehefrau, die Familie oder die weitere Öffentlichkeit. Da haben Beschreibungen über den Kriegsalltag, in dem mal eben ein Dorf zusammengeschossen wird oder man nebenbei ein paar Mädchen "bürstet", wie die Vergewaltigung im Landserjargon heißt, keinen Platz.
Nicht nur die Erwartungshaltung des Publikums steht der wahrheitsgetreuen Schilderung des tatsächlich Vorgefallenen im Weg, auch der zeitliche Abstand verändert den Blick auf das Erlebte. Wer sich ein zutreffendes Bild davon verschaffen wollte, wie Soldaten den Krieg sehen, müsste also möglichst früh zu ihnen Zugang haben und zudem noch ihr Vertrauen besitzen, damit sie frei reden können, ohne fürchten zu müssen, anschließend zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Was schon für aktuelle Militäroperationen wie den Afghanistan-Einsatz kaum machbar erscheint, ist bei einem weit zurückliegenden Ereignis wie dem Zweiten Weltkrieg schier ein Ding der Unmöglichkeit - und doch ist zwei deutschen Wissenschaftlern jetzt genau solch eine Dokumentation der Kriegswahrnehmung in historischer Live-Aufnahme gelungen.
Man muss wohl von einem Sensationsfund reden, den der Historiker Sönke Neitzel in britischen und amerikanischen Archiven gemacht hat. Bei der Recherche über den U-Boot-Krieg im Atlantik stieß er 2001 auf Abhörprotokolle deutscher Offiziere, in denen diese in einer unerhörten Offenheit über ihre Kriegserfahrungen sprachen. Je weiter Neitzel grub, desto mehr Material fand er, insgesamt 150 000 Seiten an Originalquellen, die er zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer auswertete. Herausgekommen ist jetzt ein Buch mit dem schlichten Titel "Soldaten", das geeignet ist, den Blick auf den Krieg zu verändern.
Die Mitschnitte aus eigens eingerichteten Abhörlagern, in denen die Alliierten ab 1939 deutsche Kriegsgefangene bei ihren Zellengesprächen belauschten, eröffnen eine Innenansicht des Zweiten Weltkriegs - und begraben damit wohl endgültig den Mythos von der sauberen Wehrmacht.
In den "Protokollen vom Kämpfen, Töten und Sterben", wie Neitzel und Welzer ihr Buch im Untertitel nennen, reden die Soldaten über ihre Sicht auf den Gegner und die eigene Führung, sie tauschen sich über Details des Kampfeinsatzes aus und berichten einander in erstaunlicher Detailgenauigkeit über die Gräueltaten, die sie sahen und an denen sie ihren Anteil hatten.
Gründe für das Töten gibt es immer, manchmal reicht es, dass jemand nicht schnell genug die Straßenseite wechselt oder einen Gegenstand nicht gleich herausrückt.
Z otlöterer: "Ich habe einen Franzosen von hinten erschossen. Der fuhr mit dem Fahrrad."
Weber: "Von ganz nahe?"
Zotlöterer: "Ja."
Heuser: "Wollte der dich gefangen nehmen?"
Zotlöterer: "Quatsch. Ich wollte das Fahrrad haben."
Etwa eine Million Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS gerieten bis Frühjahr 1945 in britische oder amerikanische Gefangenschaft. Die meisten kamen nach ihrer Festsetzung in normale Kriegsgefangenenlager. Über 13 000 deutsche Gefangene aber wurden zwischen September 1939 und Oktober 1945 zur näheren "Beobachtung" in spezielle Einrichtungen überstellt, die die Alliierten erst in England, im Herrensitz Trent Park nördlich von London und dem Latimer House in der Grafschaft Buckinghamshire, eingerichtet hatten, von Sommer 1942 an dann auch in Fort Hunt in Virginia.
Aufgabe der Speziallager war es, den Soldaten militärische Geheimnisse zu entlocken, deren Kenntnis strategische Vorteile versprachen. Die Zellen waren dazu mit versteckten Mikrofonen verwanzt, außerdem saßen unter den Gefangenen eine ganze Reihe Spitzel, die im Auftrag des Geheimdienstes die Gespräche in die richtige Richtung lenken sollten.
Es ist anzunehmen, dass sich die meisten Gefangenen nicht bewusst waren, dass sie abgehört wurden, und wenn sie es doch gewesen sein sollten, gaben sie im Gespräch mit den Kameraden schnell jede Vorsicht auf. Der menschliche Drang zu reden ist erkennbar stärker als die Furcht, der Feind könnte mithören.
Die Masse des Abhörmaterials, das sich in den Archiven finden lässt, ist beeindruckend: 17 500 Protokolle haben die Briten gefertigt, einige sind nur eine halbe Seite lang, manche erstrecken sich aber über 20 Seiten. Bei den Amerikanern sind Tausende weiterer Abschriften der heimlich belauschten Gespräche erhalten; allesamt wörtliche Mitschriften in deutscher Sprache, denen in der Regel eine englische Übersetzung beigefügt wurde.
Die Entscheidung über die Verlegung nach Trent Park oder Fort Hunt trafen alliierte Nachrichtenoffiziere, die in einem mehrstufigen Befragungsprozess geeignete Kandidaten bestimmten. Während die Briten vor allem höhere Offiziere und damit die Elite der Wehrmacht abhörten, konzentrierten sich die Amerikaner eher auf die regulären Mitglieder von Kampfeinheiten. Rund die Hälfte der Insassen in Fort Hunt waren gewöhnliche Mannschaftsgrade, insbesondere des Heeres, ein knappes Drittel Unteroffiziere, nur ein Sechstel ranghöhere Offiziere.
Tatsächlich erlaubt die Vielfalt der Stimmen, die im O-Ton ihre Erfahrungen schildern, einen nahezu umfassenden Blick auf den Krieg aus Sicht des Soldaten. So findet sich unter den abgehörten Gefangenen nahezu jeder militärische Lebenslauf, vom Kampfschwimmer einer Marineeinheit bis zum Verwaltungsgeneral. Auch was die Einsatzgebiete angeht, ist das aufgefundene Material erstaunlich umfangreich. Praktisch alle Abhörgefangenen waren im Westen oder in Afrika in die Hand des Gegners geraten; da die meisten Soldaten im Verlauf des Krieges an mehreren Frontabschnitten kämpften, gibt es jedoch auch zahlreiche Schilderungen des Ostkrieges, der sich von dem an der Westfront deutlich unterschied.
Die Wissenschaft hat schon immer die Frage interessiert, wie schnell aus ganz normalen Menschen Tötungsmaschinen werden können. Nach den vorliegenden Berichten muss man sagen: sehr schnell.
Dass der Krieg den Menschen brutalisiere, ist ein naheliegender Gedanke. Wer über einen längeren Zeitraum extremer Gewalt ausgesetzt ist, verliert irgendwann seine Hemmungen und wird selbst zum Gewalttäter, er verroht. So sieht es die sozialpsychologische Gewaltforschung, und so erklärt es auch die autobiografische Literatur, in der aus Männern, die eben noch ihren Kindern übers Haar strichen, kaltblütige Kämpfer werden.
Wer die Abhörprotokolle liest, die Neitzel und Welzer aufbereitet haben, muss allerdings zu dem Schluss kommen, dass es nicht besonders viel braucht, um Männer in Uniform zum Töten zu bringen. Bei vielen dauert die Gewöhnungsphase gerade einmal ein paar Tage, dann geht ihnen das Geschäft leicht von der Hand. Nicht wenige empfinden sogar offen eingestandenes Vergnügen dabei.
Der Gebrauch von Gewalt ist eine reizvolle Erfahrung, sie liegt dem Menschen sehr viel näher, als wir uns nach 65 Friedensjahren zu denken angewöhnt haben. Manchmal genügt eine Waffe oder ein Flugzeug, wie folgendes Gespräch vom 30. April 1940 zwischen einem Piloten der Luftwaffe und einem Aufklärer zeigt:
Pohl: "Am zweiten Tage des Polenkriegs musste ich auf einen Bahnhof von Posen Bomben werfen. 8 von den 16 Bomben fielen in die Stadt, mitten in die Häuser hinein. Da hatte ich keine Freude daran. Am dritten Tag war es mir gleichgültig, und am vierten Tag hatte ich meine Lust daran. Es war unser Vorfrühstücksvergnügen, einzelne Soldaten mit Maschinengewehr durch die Felder zu jagen und sie dort mit ein paar Kugeln im Kreuz liegen zu lassen."
Meyer: "Aber immer gegen Soldaten?"
Pohl: "Auch Leute. Wir haben in den Straßen die Kolonnen angegriffen. Ich saß in der Kette. Die Maschine wackelt, hintereinander, und jetzt ging es in der Linkskurve los, mit allen MGs und was du da machen konntest. Da haben wir Pferde herumfliegen sehen."
Meyer: "Pfui Teufel, das mit den Pferden … nee!"
Pohl: "Die Pferde taten mir leid, die Menschen gar nicht. Aber die Pferde taten mir leid bis zum letzten Tag."
Wenn Soldaten über den Krieg sprechen, kommen Begriffe wie "Tod" oder "töten" kaum vor. Warum auch? Entscheidend ist das Resultat, nicht die Arbeit an sich, die versteht sich von selbst. Ein Bauarbeiter würde sich in der Pause auch nicht über Steine und Mörtel unterhalten, wie Neitzel und Welzer festhalten.
Viele der Gespräche, die in der Abschrift vorliegen, haben den Charakter eines Partygeplänkels. Den Gefangenen geht es nicht darum, einander das Herz auszuschütten; überhaupt wirken sie erstaunlich gleichmütig angesichts des Schreckens, der hinter ihnen liegt. Sie wollen vielmehr unterhalten, auch amüsieren. Wie so oft, wenn Männer in geselliger Runde aus ihrem Leben berichten, haben die Erzählungen leicht etwas Prahlerisches.
Mindestens so aufschlussreich wie das, was sich die Gefangenen anvertrauen, sind ihre Reaktionen auf das Gehörte. Wo bestimmte Dinge selbstverständlich sind, gibt es keine Irritation, keinen Widerspruch oder Protest. Damit ist aber auch der Rahmen abgesteckt, was untereinander als normal gilt und was als Normverletzung.
So wenig der Soldat über das Sterben redet, so selten kommt er auf eigene Gefühle oder gar Ängste zu sprechen. Todesfurcht und Verzweiflung haben keinen Unterhaltungswert. Die soldatische Welt kennt das Bekenntnis, einer Extremsituation nicht gewachsen gewesen zu sein, in der Regel nur als Beweis von Schwäche, aber das ist im zivilen Alltag nicht grundsätzlich anders. Auch dort erzählt man sich allenfalls unter sehr engen Freunden, wie man sich vor Angst fast in die Hose gemacht hätte oder sich übergeben musste.
Männer lieben Technik, darüber können sie sich schnell verständigen. So geht es in vielen Gesprächen um Ausrüstung, Bewaffnung, Kaliber - und, in immer neuen Variationen, darum, wie man damit andere Menschen "umgelegt", "abgeschossen", "abgemacht" hat. Auch der Krieg kennt den Erfolg und den Stolz auf das Geleistete.
Das Opfer gibt es nur als Ziel, das es zu treffen und zu vernichten gilt, als Schiff, Haus, Eisenbahn oder eben Radfahrer, Fußgänger und Frau mit Kinderwagen. Ein Bedauern über das Schicksal Unbeteiligter zeigt sich nur in ganz wenigen Fällen, Mitgefühl im Grunde nie. "Das Opfer im empathischen Sinne kommt in den Erzählungen nicht vor", stellen die Autoren zusammenfassend fest. Viele der abgehörten Wehrmachtsoldaten trennen auch nicht zwischen zivilen und militärischen Zielen, solche Unterscheidungen gibt es schon bald nach Kriegsanfang nur noch auf dem Papier und mit dem Angriff auf die Sowjetunion nicht einmal mehr dort.
Manche Soldaten sind sogar besonders stolz, wenn sie möglichst viele Zivilisten getötet haben. Der Oberleutnant Hans Hartigs vom Jagdgeschwader 26 berichtet im Januar 1945 von einem Feindflug nach England, bei dem es ausdrücklich darum gegangen sei, "auf alles zu schießen, nur auf nichts Militärisches". "Wir haben Frauen und Kinder mit Kinderwagen umgelegt", berichtet der Offizier mit Genugtuung.
Der U-Boot-Gefreite Solm erzählt im März 1943 einem Zellengenossen, wie er einen "Kindertransport geknackt" habe, bei dem über 50 Kinder ertrunken seien. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem von ihm erwähnten Transport um das britische Passagierschiff "City of Benares", das am 17. September 1940 im Nordatlantik versenkt wurde.
"Sind die alle abgesoffen?"
"Ja, alle sind tot."
"Wie groß war der?"
"6000 Tonnen."
"Wie wusstet ihr das?"
"Durch Funk."
Krieg hebt die Bedeutung moralischer Kategorien nicht auf, wie man vermuten könnte, er verändert ihren Gültigkeitsbereich, das gilt auch für das Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Solange sich der Soldat innerhalb der Grenzen bewegt, was als notwendig gilt, empfindet er sein Handeln als legitim, das kann durchaus Akte äußerster Brutalität einschließen. Deshalb bereiten ihm auch Handlungen, die in Friedenszeiten Abscheu hervorrufen, keine besonderen Gewissensqualen.
Wo die Moral nicht außer Kraft gesetzt, sondern nur verschoben ist, gibt es weiterhin Regeln. Abgeschossene Piloten, die noch an ihrem Fallschirm hängen, sind kein erlaubtes Ziel, mit den Besatzungen zerstörter Panzer hingegen machte man kurzen Prozess. Partisanen wurden grundsätzlich sofort erschossen; wer die Kameraden hinterrücks angreift, hat es nach Ansicht der kämpfenden Truppe nicht besser verdient. Frauen und Kinder in großer Zahl zu füsilieren galt demgegenüber auch in der Wehrmacht als grausam - was nichts daran änderte, dass es immer wieder vorkam.
Der Funker Eberhard Kehrle und der SS-Infanterist Franz Kneipp unterhalten sich im Oktober 1944 ganz zwanglos über die Praxis der Partisanenbekämpfung:
Kehrle: "Im Kaukasus, wenn da einer von uns umgelegt worden ist, da hat gar kein Leutnant Befehl geben brauchen. Pistolen raus, Frauen, Kinder, alles was sie gesehen haben, rein …"
Kneipp: "Bei uns hat mal eine Partisanengruppe einen Verwundetengeleitzug überfallen und alles umgebracht. Halbe Stunde später wurden die geschnappt, bei Nowgorod. Die wurden in eine Sandgrube gebracht, und von allen Seiten ging's dann rein mit MGs und Pistolen."
Kehrle: "Die gehören langsam umgebracht, die gehören doch nicht erschossen."
Wie eingeübt der Terror gegen die Zivilbevölkerung war, zeigen auch die Schilderungen des Obergefreiten Sommer über einen Oberleutnant, dem er an der italienischen Front diente:
Sommer: "Auch in Italien, in jedem Ort, wo wir hinkamen, sagte der immer: ,Erst mal ein paar umlegen!' Ich kann ja nun auch Italienisch, hatte nun immer die besonderen Aufgaben. Da sagte er: ,Also, 20 Mann umlegen, dass wir erst mal Ruhe haben hier, dass die nicht auf dumme Gedanken kommen!' (Gelächter) Dann machten wir einen kleinen Anschlag, da hieß es: ,Geringste Bockigkeit, kommen noch 50 dazu.'"
Bender: "Nach welchen Gesichtspunkten hat er die ausgesucht? Die hat er so wahllos rausgegriffen?"
Sommer: "Ja, ja, einfach so 20 Mann: ,Kommen Sie mal her.' Alle auf den Markt rauf, und dann kam er mit drei MGs - rrr - rum - lagen sie alle da. So ging es dann los. Dann sagte er: ,Prima! Schweine!' Er hat eine Wut auf den Italiener gehabt, das glaubst du gar nicht."
Kaum jemand ist immun gegen die Verlockungen "unbestrafter Unmenschlichkeit" , wie der Schriftsteller Günter Anders den ungezügelten Terror einmal treffend genannt hat. Wo sich der Raum der Gewalt öffnet, verlieren selbst brave Familienväter schnell ihre Hemmungen. Dennoch unterscheiden sich Armeen in ihrem Vorgehen, das war im Zweiten Weltkrieg nicht anders.
Die Rote Armee stand der Wehrmacht in ihrer Gewaltbereitschaft kaum nach, tatsächlich hatte die ausgeprägte Gewaltkultur auf beiden Seiten eine verhängnisvolle Radikalisierung des Krieges im Osten zur Folge. Die angelsächsischen Streitkräfte verhielten sich deutlich zivilisierter, jedenfalls nach der ersten Phase der Kämpfe in der Normandie, in der auch die Westalliierten keine Gefangenen machten.
Wie eine Truppe bei der regulären Anwendung von Gewalt verfährt, hängt nicht am Einzelnen. Hier auf Selbstbeschränkung zu vertrauen würde bedeuten, die Psychodynamik bewaffneter Konflikte zu verkennen. Entscheidend ist vielmehr die Disziplin, die von oben eingefordert wird.
Kriegsverbrechen kommen bei nahezu jedem längeren Waffengang vor, wie jetzt erst wieder die Fotos eines amerikanischen "Kill Teams" aus Afghanistan zeigen, die vor zwei Wochen die Öffentlichkeit aufschreckten. Alles hängt davon ab, ob diese Verbrechen von der Armeeführung auch als solche angesehen und dann entsprechend geahndet werden. Schon vor dem Krieg gegen die Sowjetunion legte die Wehrmachtführung fest, dass Übergriffe auf russische Zivilisten nicht geahndet werden mussten; Kommissare der Roten Armee waren sofort zu erschießen.
Eine Seite des Kriegsalltags, die in Feldpostbriefen oder Memoiren aus verständlichen Gründen regelmäßig ausgespart bleibt, ist das Geschlechtsleben, dabei spielt Sexualität in jeder Armee naturgemäß eine große Rolle. Man weiß aus der Forschungsliteratur, dass die Generalität erhebliche Mühe hatte, den Geschlechtstrieb der Männer mit Bordellen in geordnete Bahnen zu lenken. Geschlechtskrankheiten waren in der Truppe so verbreitet, dass ganze Kompanien regelmäßig zur Behandlung antreten mussten.
Welche Bedeutung Frauengeschichten unter Soldaten haben, deutet ein Abhörprotokoll aus dem Juni 1944 an, das auf das genaue Transkribieren verzichtet:
"18:45 Women
19:15 Women
19:45 Women
20:00 Women."
Wo sich die Abhörer die Mühe machten, die Gespräche auszuschreiben, drehen sie sich erwartungsgemäß darum, wo es die besten Mädchen gab, was sie kosteten und welche sexuellen Gelegenheiten sich sonst noch so hinter der Front ergaben. Die Männer tauschen sich dabei wie erfahrene Sextouristen aus.
Wallus: "In Warschau haben unsere Truppen vor der Haustür Schlange gestanden. In Radom war der erste Raum voll, während die Lkw-Leute draußen standen. Jede Frau hatte in einer Stunde 14 bis 15 Mann. Sie haben da alle zwei Tage die Frau gewechselt."
Niwiem: "Ich muss sagen, wir waren manchmal in Frankreich gar nicht so anständig. Ich habe in Paris gesehen, wie unsere Jäger mitten in einem Lokal Mädels gepackt haben, über den Tisch gelegt und - fertig! Verheiratete Frauen auch!"
Man vergisst heute leicht, dass die überwiegende Zahl der Wehrmachtsoldaten durch den Krieg zum ersten Mal im Ausland war. Bei Machtübernahme der Nationalsozialisten besaßen nicht einmal vier Prozent der Reichsdeutschen einen Pass. Zu den Reizen des Lebens in der Fremde, weit weg von Frau und Kind, gehörte für diese Männer neben exotischem Essen und den Aufregungen des Waffengangs der Genuss von frei verfügbarem Sex. Nicht von ungefähr geraten viele im Nachhinein ins Schwärmen, wenn sie sich erinnern.
Müller: "Als ich in Charkow war, war alles bis auf die Innenstadt zerstört. Eine herrliche Stadt, eine herrliche Erinnerung. Alle Leute sprachen etwas deutsch, in der Schule gelernt. Auch in Taganrog, herrliche Kinos und wundervolle Strandcafés … Im Lkw war ich überall. Da sah man nichts als Frauen, die Pflichtarbeitsdienst machten."
Fausst: "Ach, du Scheiße!"
Müller: "Straßen haben die gemacht, mordsschöne Mädels. Da sind wir vorbeigefahren, haben sie einfach in den Pkw hereingerissen, umgelegt und dann wieder rausgeschmissen. Mensch, was haben die geflucht."
Während eine Massenvergewaltigung allenfalls einen milden Tadel provoziert, ist für etliche Soldaten bei massiver sexueller Gewalt doch eine Grenze erreicht, die auch in der kameradschaftlichen Atmosphäre des Gefangenenlagers nicht einfach verletzt werden durfte.
Das Material enthält eine ganze Reihe von Schilderungen sexueller Gewalttaten, die in ihrem Sadismus für den heutigen Leser nur noch schwer erträglich sind. In der Regel sind sie in der dritten Person wiedergegeben, womit sich der Erzähler von dem, was er berichtet, seinen Zuhörern gegenüber zu distanzieren versucht. Mancher bekundet auch unmissverständlich seinen Abscheu über das, was er gesehen oder gehört hat.
Reimbold: "In dem ersten Offizierslager, wo ich hier in Gefangenschaft war, da war ein sehr dummer Frankfurter, junger Leutnant, junger Schnösel. Wir saßen zu acht an einem Tisch und erzählten über Russland. Und er erzählte: ,Ach, da haben wir eine Spionin geschnappt, die da in der Gegend rumgelaufen ist. Und da haben wir ihr zuerst mit einem Stecken auf die Äpfelchen gehauen, dann haben wir ihr den Hintern verhauen mit dem blanken Seitengewehr. Dann haben wir sie gefickt, dann haben wir sie rausgeschmissen, dann haben wir ihr nachgeschossen, da lag sie auf dem Rücken, da haben wir mit Granaten gezielt. Und jedes Mal, wenn wir in die Nähe trafen, hat sie aufgeschrien.' Und stellen Sie sich vor, es saßen mit mir am Tisch acht deutsche Offiziere, und es gab hallendes Gelächter. Also, ich habe das nicht ausgehalten, bin aufgestanden und habe gesagt, meine Herren, das ist zu viel."
Die Empörung über die sadistischen Sexualpraktiken einiger Kameraden kennt allerdings Ausnahmen. Wenn es in den Erzählungen um den Sex mit jüdischen Frauen geht, ist diese Grenze gefallen. Grundsätzlich war jeder Geschlechtsverkehr mit Juden verboten, auch in der Wehrmacht; bei "Rassenschande" kannte die Armeeführung kein Pardon. Das hinderte Landser nicht, sich dennoch an jüdischen Frauen zu vergreifen - oder Schutz gegen Sex in Aussicht zu stellen. Viele wurden anschließend dann erschossen, damit sie die Soldaten nicht belasten konnten.
Was wussten die Wehrmachtsoldaten von der Judenvernichtung? Erkennbar mehr, als sie später zugeben wollten. Bis heute ist die Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust umstritten. Die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht", die das Hamburger Institut für Sozialforschung zwischen 1995 und 1999 in mehreren deutschen Städten zeigte, hat bis zum Schluss wütenden Protest hervorgerufen. Weil einige Bilder zeitweise falsch zugeordnet waren, galt Kritikern das ganze Unternehmen als Fälschung.
In den Unterhaltungen der deutschen Soldaten, die nun erstmals komplett gesichtet wurden, kommt die Judenvernichtung eher am Rande vor. Nur auf etwa 300 Seiten der Transkripte findet sie überhaupt Erwähnung, was im Nachhinein angesichts der Monstrosität des Geschehens doch als sehr wenig erscheint.
Eine Erklärung könnte sein, dass eben nicht viele Soldaten Kenntnis davon hatten, was hinter der Front vor sich ging. Eine andere, sehr viel näher liegende Deutung wäre, dass die planmäßige Vernichtung der Juden in den Zellengesprächen deshalb keinen großen Platz einnahm, weil sie keinen Neuigkeitswert besaß.
Wo das Gespräch auf den Vernichtungsprozess kommt, stehen eher Fragen der praktischen Ausführung im Vordergrund. Es gibt kaum Passagen, in denen die Zuhörer überrascht sind über das, was sie hören; praktisch niemand hält das Erzählte für unglaubwürdig oder gibt vor, davon zum ersten Mal zu erfahren. "Die Judenvernichtung, so lässt sich bündig zusammenfassen, ist Bestandteil der Wissenswelt der Soldaten, und zwar in weit höherem Maße, als es die jüngeren Untersuchungen zum Thema erwarten lassen", bilanzieren Neitzel und Welzer.
In den Protokollen kommen sämtliche Details der Vernichtung vor, die Massenerschießungen, die Tötungen durch Kohlenmonoxid in speziell präparierten Lastwagen, die spätere Ausgrabung und Verbrennung der Leichen im Rahmen der "Aktion 1005", mit der die SS ab 1943 die Spuren des Holocaust beseitigen wollte.
Kaum ein Soldat berichtet davon, dass er selbst beteiligt war, aber viele können erzählen, was sie beobachtet oder gehört haben. Die Schilderungen sind dabei oft erstaunlich detailgenau und in jedem Fall erheblich präziser als vieles, was deutsche Ermittlungsbehörden später an Zeugenaussagen gewinnen konnten. Im April 1945 beschreibt Generalmajor Walter Bruns den Ablauf einer typischen "Judenaktion", deren Zeuge er geworden war.
Bruns: "Die Gruben waren 24 Meter lang und ungefähr 3 Meter breit. Mussten sich hinlegen wie die Sardinen in eine Büchse, Köpfe nach der Mitte. Oben sechs Maschinenpistolenschützen, die dann den Genickschuss beibrachten. Wie ich kam, war sie schon voll, da mussten die Lebenden also dann sich drauflegen, und dann kriegten sie den Schuss; damit nicht so viel Platz verlorenging, mussten sie sich schön schichten. Vorher wurden sie aber ausgeplündert an der einen Station - hier war der Waldrand, hier drin waren die drei Gruben an dem Sonntag, und hier war noch eine anderthalb Kilometer lange Schlange, und die rückte schrittchenweise. Es war ein Anstehen auf den Tod. Wenn sie hier nun näher kamen, dann sahen sie, was drin vor sich ging. Ungefähr hier unten mussten sie ihre Schmucksachen und ihre Koffer abgeben. Ein Stückchen weiter mussten sie sich ausziehen, durften nur Hemd und Schlüpfer anbehalten. Das waren alles nur Frauen und kleine Kinder, so Zweijährige."
Von den rund sechs Millionen Opfern des Holocaust endete allenfalls die Hälfte in Vernichtungslagern. Etwa drei Millionen Menschen starben in den Ghettos - oder wurden von Hand umgebracht, häufig durch Genickschuss, was die Aufstellung spezieller Erschießungskommandos notwendig machte. Wehrmachtangehörige waren von der Beteiligung im Prinzip freigestellt; diese Arbeit besorgten spezielle SS-Einheiten und Polizeibataillone.
So geht es in vielen Berichten vornehmlich um die Zumutung für die Schützen, die Monotonie der Arbeit, bei der die Mordkommandos "wegen Überanstrengung" alle paar Stunden abgelöst wurden, die besonderen Herausforderungen dieser Art von Akkordtätigkeit. Vor allem das Erschießen kleiner Kinder galt als Problem, nicht aus ethischen Gründen, sondern weil sie nicht so stillhielten wie die Erwachsenen.
Viele Wehrmachtsoldaten wurden Zeugen des Judenmordes, weil sie zufällig zugegen waren oder die Einladung erhielten, an einer Massenerschießung teilzunehmen. So berichtet der Heeresgeneral Edwin Graf von Rothkirch und Trach in einem Zellengespräch über seinen Aufenthalt im polnischen Kutno:
"Da kannte ich auch einen SS-Führer ganz gut und spreche so über dieses und jenes, und da sagt er: ,Gott, wenn sie einmal so eine Erschießung filmen wollen? … Ich meine, es spielt gar keine Rolle, die Leute werden immer morgens erschossen; wenn Sie wollen, wir haben noch welche, wir können sie nachmittags mal erschießen'."
Es bedarf schon einiger Routine, um eine solche Offerte zu machen. Wie selbstverständlich die Täter das "Massenjudenerschießen" fanden, wie es einer der in Trent Park Einsitzenden nannte, beweist auch der Umstand, dass sich die Beteiligten keine Mühe machten, ihre Tätigkeit geheim zu halten. Tatsächlich setzte in den eroberten Gebieten ein regelrechter Exekutionstourismus ein. Neben Soldaten, die in der Nähe stationiert waren, kamen auch Anwohner zu Besuch, manche führten ihre Kinder an der Hand.
Krieg ist das umfassendste Sozialexperiment, wozu Menschen fähig sind, wenn sich die Lebensumstände ändern, an die sie sich anpassen müssen. Um auf alles zu schießen, was sich bewegt, braucht es noch nicht einmal eine Aufforderung oder die besondere Befehlsstruktur einer Armee. Es reicht völlig, dass sich die Bezugsgrößen ändern, was als angemessen und richtig zu gelten hat.
Nicht alles lässt sich auf die Umstände schieben. Auch unter extremen Gewaltbedingungen gibt es immer wieder Einzelne, die sich der herrschenden Gruppenmoral entziehen. Meist sind es dabei aus gutem Grund allerdings Außenstehende, die ein Verhalten an den Tag legen, wie man es von normal erzogenen Menschen erwarten sollte.
In einem der am besten dokumentierten Fälle eines Kriegsverbrechens, dem Massaker in dem vietnamesischen Dorf My Lai durch amerikanische GIs im März 1968, war es bezeichnenderweise ein Hubschrauberpilot, der seine Kameraden vom weiteren Morden abhielt. Erst die Drohung von Warrant Officer Hugh Thompson, mit Maschinengewehren auf die eigenen Kameraden feuern zu lassen, brachte die Männer dazu, in ihrem Blutrausch innezuhalten.
Der Anteil derjenigen, die von Natur aus zu Gewalttätigkeit oder Sadismus neigen, lag mutmaßlich bei der Wehrmacht wie bei allen gesellschaftlichen Kollektiven bei etwa fünf Prozent. Das ist die von der Forschung etablierte Größenordnung von Personen, deren soziopathische Neigungen in Friedenszeiten die Strafandrohung in Schach hält. Spätestens ab 1939 repräsentierte die Armee den männlichen Bevölkerungsdurchschnitt, also das ganz gewöhnliche Deutschland.
Überhaupt ist es ja erstaunlich und eben auch sehr deprimierend, wie schnell die nationalsozialistische Überlegenheitsmoral die Vorstellungen und Normen der demokratischen Vorkriegszeit ersetzen konnte. Zwischen den Nürnberger Rassegesetzen, die alle Juden aus der Volksgemeinschaft ausschlossen, und der nachfolgenden Deportation und Vernichtung liegen gerade einmal sechs Jahre.
Dass die systematische Verfolgung von weniger als einem Prozent der deutschen Bevölkerung ohne jeden erkennbaren Widerstand möglich war, zeigt gerade nicht die plötzliche Unmoral der Mehrheitsgesellschaft. Diese Ausschließung war im Gegenteil nur möglich, weil sie von einem Gutteil der Bevölkerung nicht als barbarischer Akt erlebt wurde. Die Verfolgten wurden schon längst nicht mehr als dazugehörig empfunden, so dass "ihre antisoziale Behandlung den Binnenbereich der Moralität und Sozialität der Volksgemeinschaft gar nicht mehr berührte", wie Neitzel und Welzer schreiben.
"Die gleichen Bürger, die 1933 noch skeptisch auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten reagierten, sehen ab 1941 die Deportationszüge vom Bahnhof Grunewald abfahren; nicht wenige von ihnen haben inzwischen ,arisierte' Kücheneinrichtungen, Wohnzimmergarnituren oder Kunstwerke gekauft, einige führen Geschäfte oder wohnen in Häusern, die den jüdischen Besitzern genommen wurden. Und finden das völlig normal."
Diese im Nachhinein kolossale Verschiebung des Geltungsbereichs sozialer Normen gilt natürlich auch für die Wehrmacht und ihre Art der Kriegführung. Es spricht jedenfalls sehr viel mehr für die Annahme, dass sich die meisten deutschen Soldaten einer gerechten Sache verpflichtet fühlten, als umgekehrt für die Vermutung, dass sie ihr Handeln insgeheim in Frage stellten.
Selbst ein Teil der Erschießungsmannschaften an den Massengräbern wird die Arbeit dort noch als Erfüllung einer "heiligen Pflicht" empfunden haben, wie es in der Pathossprache des Nationalsozialismus hieß. Nichts anderes besagt ja auch Heinrich Himmlers berühmtes Diktum, wonach die ihm unterstellte SS stolz darauf sein könne, trotz aller Anfechtungen "anständig geblieben zu sein". Was auf Nachgeborene nur noch wie der Gipfel des Zynismus wirken kann, ist tatsächlich Ausdruck der Überzeugung, einer höheren Moral zu dienen - in diesem Fall einer, die sich in ihrem mörderischen Biologismus wissenschaftlich legitimiert sah.
Das ist, wenn man so will, die bestürzende Erkenntnis aus der Lektüre der Protokolle über das Töten und Sterben: Nicht im Menschen ist die Moral begründet, die sein Handeln bestimmt, sie liegt in den Strukturen, die ihn umgeben. Ändern sich diese, ist grundsätzlich alles möglich, auch das absolute Grauen.
Hinweis: Der für diese Ausgabe angekündigte zweite Teil der SPIEGEL-Serie über die Jagd auf den Holocaust-Verbrecher Adolf Eichmann muss aus redaktionellen Gründen auf das nächste Heft (Nr. 15) verschoben werden.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 14/2011
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ZEITGESCHICHTE:
„Frauen, Kinder, alles“

Video 01:44

Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump

  • Video "Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump" Video 01:44
    Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump
  • Video "Riesenechse als Haustier: Kuscheln mit MacGyver" Video 00:58
    Riesenechse als Haustier: Kuscheln mit "MacGyver"
  • Video "Videoanalyse zur Schach-WM: Wie Carlsen im Schnellschach triumphierte" Video 10:39
    Videoanalyse zur Schach-WM: Wie Carlsen im Schnellschach triumphierte
  • Video "Last Christmas im Weißen Haus: Obama bringt Weihnachtsbaum zum Strahlen" Video 01:22
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  • Video "ISS-Nachschub: Russische Transportkapsel verglüht nach Start" Video 00:39
    ISS-Nachschub: Russische Transportkapsel verglüht nach Start
  • Video "Österreich: Sechs Tote nach Familiendrama" Video 00:43
    Österreich: Sechs Tote nach Familiendrama
  • Video "Funkverkehr vor Flugzeugabsturz: Uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt" Video 01:37
    Funkverkehr vor Flugzeugabsturz: "Uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt"
  • Video "Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn" Video 01:25
    Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn
  • Video "Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks" Video 07:46
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  • Video "New York: Passant klaut Goldschatz aus offenem Lieferwagen" Video 00:46
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    Lufthansa-Streik: Das endlose Pilot-Projekt
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    Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer
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    Internet-Ikone: Neues vom "Trump-Hump"-Macher