04.04.2011

„Das war's!“

Als einziges Industrieland will Deutschland alle seine Atomkraftwerke schnellstmöglich abschalten. Das ehrgeizige Ziel birgt enorme Probleme und wird große Widerstände provozieren. Acht drängende Fragen zu einem nationalen Kraftakt - und die Antworten.
Der 11. März war ein ganz besonderer Tag, für die Welt und für Angela Merkel. Es war der Tag, als Teile Japans von einem Erdbeben der Stärke 9,0 und einem Tsunami verwüstet wurden. Und es war der Tag, an dem die Bundeskanzlerin morgens als Atomkraftbefürworterin aufstand und in der Nacht als Atomkraftgegnerin zu Bett ging.
Jahrzehntelang hatte ihr der wissenschaftliche Verstand einer Quantenchemikerin gesagt: Nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit ist Kernkraft eine vertretbare Energie. Die deutsche Angst davor hielt sie für irrational.
"Die Deutschen haben kein Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit", hatte sie seinerzeit als Umweltministerin in der Atomdebatte wiederholt geklagt. Nun dauerte es nur wenige Stunden, um Merkels Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit einer atomaren Katastrophe umzustürzen.
Die Kanzlerin war am frühen Nachmittag des 11. März auf dem Weg zum Europäischen Rat in Berlin-Tegel ins Flugzeug gestiegen, mit der letzten Meldung versorgt, dass ein fürchterlicher Tsunami Japan überschwemmt habe. Vier Tote waren offiziell bestätigt, als der Airbus abhob. In Brüssel gelandet, schaltete Merkel ihr iPad ein; während der Fahrt in die Stadt verfolgte sie die Meldungen.
Um 15.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit wurde gemeldet, dass Japan den atomaren Notstand ausgerufen hatte. Im Tagungszentrum der EU-Regierungschefs verfolgte sie, wann immer es ging, die Fernsehbilder aus Japan. Es war etwas eingetreten, das Merkel für nicht vorstellbar gehalten hatte. Sie ließ sich nichts anmerken und absolvierte die Sitzung äußerlich ungerührt. Aber für sich, ganz im Stillen, hatte sie eine Entscheidung getroffen.
"Das war's!", sagte sie am nächsten Morgen, als sie mit ihrem Büro die Lage erörterte. In Fukushima ging für die deutsche Kanzlerin das atomare Zeitalter zu Ende.
Spätestens seit Merkels nuklearem Erweckungserlebnis ist das Schicksal der Kernenergie in Deutschland besiegelt. Umgehend zog die Bundesregierung de facto ihre gerade erst beschlossene Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke wieder zurück. Merkel und ihr Vizekanzler Guido Westerwelle nannten es ein Moratorium, aber auch das hatte zur Folge, dass die sieben ältesten Meiler sofort abgeschaltet wurden. Kaum jemand in Deutschland glaubt noch daran, dass sie je wieder ans Netz gehen werden. "Die Lage nach dem Moratorium wird eine andere sein als vor dem Moratorium", hatte Merkel gleich gesagt.
In der deutschen Politik hat seither ein beispielloser Wettlauf eingesetzt: Wer will noch schneller und noch konsequenter aus dieser Energieform aussteigen als die anderen? Selbst die vormalige Pro-Atom-Partei FDP ist schlagartig zum Gegner mutiert. In Deutschland regiert und opponiert seit Fukushima die größtmögliche Koalition aus Kernkraftabschaffern von der Linken bis zur FDP. Parteiübergreifend will Merkel folgerichtig einen neuen Atomkonsens herbeiführen und einen ihrer größten Fehler, die Aufkündigung des einst von Rot-Grün beschlossenen Ausstiegs, vergessen machen.
Die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben den Lauf der Dinge noch beschleunigt. Sie erklären das Phänomen aber nur bedingt. In die politische Psyche des Landes hatte sich seit dem erfolgreichen Widerstand gegen das Atomkraftwerk im badischen Wyhl der Widerstand gegen diese Energieform tiefer eingegraben als in jedem anderen Land der Welt. Eine grüne Partei wurde aus diesem Widerstand heraus gegründet. Und die hat inzwischen die Kraft, Regierungschefs zu stellen wie den ersten Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg.
Deutschland soll aussteigen, da sind sich die Deutschen nach der Katastrophe von Fukushima einig wie selten: 71 Prozent sehen das nach einer Blitzumfrage der ARD inzwischen so, im Herbst vergangenen Jahres waren es nur 51 Prozent. Noch mehr, nämlich 80 Prozent, stimmen dem von der Regierung durchgesetzten Moratorium für alte Atommeiler zu.
Einfach wird der grundlegende Umbau der Energieversorgung allerdings nicht. Es gilt, erhebliche Hindernisse zu überwinden, technische und wirtschaftliche. Vor allem die Stromkonzerne werden erbitterten Widerstand leisten, und sie haben möglicherweise das Recht auf ihrer Seite. Denn das bisherige Vorgehen der Regierung ist juristisch höchst umstritten.
Und doch: Der Ausstieg wird kommen, vielleicht sogar schneller, als es die rot-grüne Regierung 2000 beschlossen hatte.
Notwendig ist allerdings eine nationale Kraftanstrengung, vergleichbar mit den Mühen der deutschen Vereinigung. Einen ähnlichen Umbau einer Industriegesellschaft hat es bislang nicht gegeben.
Es ist zugleich der Abschied vom Wachstumsmodell der vergangenen Jahrzehnte. Dieses Modell beruhte auf billigem Geld und billiger Energie. Es verbrauchte Ressourcen, die in Zukunft fehlen, es hinterließ einen Berg von Schulden, eine zerstörte Umwelt und Atommüll, der noch Tausende von Jahre weiter strahlen wird. Wie die Finanz- hat auch die Energiewirtschaft die Risiken vertuscht und die wahren Kosten verschleiert - und den Zahltag in die Zukunft verschoben. Hier wie da muss im Notfall der Staat eingreifen.
Die Schäden einer atomaren Katastrophe aber seien finanziell "völlig unzureichend" abgesichert, kritisiert der Wuppertaler Ökonom Paul Welfens. Der Wissenschaftler schätzt die Kosten, die ein Super-GAU in einem Land wie Deutschland verursachen würde, auf fünf bis sechs Billionen Euro, also auf mehr als das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts. Durch Versicherungen gedeckt ist nur ein winziger Bruchteil, die Maximalsumme liegt bei 2,5 Milliarden Euro.
Ähnlich wie die Banken in der Finanzkrise, verließen sich die Atomkonzerne darauf, dass im Katastrophenfall der Staat für die Entschädigungen geradestehe - ohne Rücksicht auf die volkswirtschaftlichen Konsequenzen.
Die Politik: Was will die Regierung wirklich?
Bundeskanzlerin Merkel ist fest entschlossen, den Vorwurf zu entkräften, dass sie ihren Schwenk aus reinem Opportunismus vor den letzten Landtagswahlen gestartet und nicht wirklich ernst gemeint habe. Anfang vergangener Woche vereinbarte sie mit den Spitzen der Koalition einen Zeitplan, der auf die endgültige Stilllegung der alten Kernkraftwerke hinausläuft.
Schon am 6. April sollen Bundesumweltminister Norbert Röttgen und sein Wirtschaftskollege Rainer Brüderle dem Kanzleramt ein "Eckpunktepapier zur Beschleunigung der Energiewende" vorlegen, das Merkel am 15. April mit den Ministerpräsidenten beraten will. "Netze, erneuerbare Energien, Energieeffizienz" sollen die zentralen Themen sein. In der ersten Maihälfte ist ein "Gespräch BK'in mit Zivilgesellschaft" vorgesehen. Die Kanzlerin im Gespräch mit ihrem Volk? Dann sollen um den 16. Mai herum die Reaktorsicherheitskommission und um den 27. Mai die Ethikkommission ihre Berichte vorlegen.
Bereits Anfang Juni will die Regierung ein "Beschlusspapier Beschleunigung Energiewende" fertigstellen, Mitte Juni soll das Kabinett es verabschieden. Abhängig vom Ergebnis der Kommissionen sollten dann auch bereits die Beschlüsse zur "Stilllegung von alten KKW" erfolgen - und zwar entweder "durch aufsichtliche Verfügung im Konsens Bund/Länder" oder durch ein neues Atomgesetz. Dass einer der alten Meiler noch einmal ans Netz geht, glaubt in Berlin niemand mehr. Das Vorgehen der Regierung bestärkt die Stromkonzerne in ihrem Glauben, dass das Moratorium von Anfang an eine Farce gewesen sei.
Was aber passiert mit dem Rest der Anlagen? Wann sollen die letzten vom Netz gehen? Auf diese zentrale Frage weiß die Regierung offenbar noch keine Antwort.
Rot-Grün hatte den Ausstieg für das Jahr 2021 angesetzt. Wegen des Stillstands mehrerer Reaktoren verbrauchte die Branche aber ihre Reststrommengen langsamer, weshalb das wahre Aus zuletzt für 2023 vorgesehen war.
Im vergangenen Herbst verlängerte Schwarz-Gelb die Restlaufzeiten durchschnittlich um zwölf Jahre, also bis mindestens 2035. Weil Strommengen von alten auf neue Reaktoren übertragen werden können, gingen die Stromkonzerne davon aus, ihre modernsten Meiler bis zur Jahrhundertmitte laufen zu lassen - mit einer Million Euro Gewinn pro Tag.
Doch in der vergangenen Woche stellte die Reaktorsicherheitskommission überaus harte Prüfkriterien vor. Nun scheint durchaus denkbar, dass ausgerechnet die schwarz-gelbe Koalition einen Ausstiegskurs einschlägt, der sogar schneller greift als der rot-grüne.
Röttgen will nicht noch einmal auf eine Zahl festgenagelt werden. "Sicher noch 10 bis 15 Jahre" werde die Kernkraft genutzt, sagte er kürzlich. Dass einige seiner engsten Mitarbeiter lieber schon vor 2020 den letzten Meiler stillgelegt sehen wollen, ist aber ein offenes Geheimnis.
Doch wichtiger als ein Ausstiegstermin ist es, Ersatz für die fehlenden Energie zu beschaffen. Allein um die geplanten Ziele für Windstrom von Offshore-Anlagen vor der deutschen Küste zu erreichen, "müsste ab sofort in der günstigen Jahreszeit zwischen Mai und September jeden Tag ein Rotor ins Meer gestellt werden", heißt es im Umweltministerium. Die Branche verzeichnet aber eher Stagnation. Banken sind infolge der Finanzkrise vorsichtiger geworden, Offshore-Parks zu finanzieren.
Zudem muss die Strominfrastruktur an den dezentralen und schwankenden Ökostrom angepasst werden. Seit Jahren beklagen Merkel und ihre Minister, dass es beim Bau von Stromleitungen zu wenig vorangehe. Doch trotz mancher Beschleunigungsversuche für Genehmigungsverfahren hat sich bisher nicht viel getan. Neben Klagen von Anwohnern ist vor allem die Frage offen, wie sich der Bau von Leitungen für Investoren lohnen soll. Dasselbe gilt für Stromspeicher: Um zum Beispiel alte Bergwerke zu unterirdischen Wasserkraftwerken umzufunktionieren, sind massive Investitionen und aufwendige Bauarbeiten nötig.
Zurzeit arbeiten die Fachbeamten der Minister Röttgen und Brüderle an verschiedenen Maßnahmen, um den Ausbau der regenerativen Energien und der notwendigen Infrastruktur voranzutreiben. So sollen Kommunen einen dreistelligen Millionenbetrag bekommen, wenn sie den Bau von Stromleitungen auf ihrem Gebiet unterstützen. Zudem sollen ländliche Regionen stärker von der Produktion erneuerbarer Energie profitieren.
Zum Ausbau von Offshore-Windparks ist ein eigenes Programm in Vorbereitung. Statt wie bisher nur mit Bürgschaften zu helfen, würde die staatliche Bank KfW künftig selbst zinsgünstige Kredite aus Bundesmitteln vergeben. Zudem sollen die Stromkonzerne über ei-nen kürzeren Zeitraum höhere Renditen für Offshore-Parks zugesichert bekommen.
Im Gespräch ist auch eine deutliche Aufstockung des Bundesprogramms zur energetischen Gebäudesanierung. Zuletzt war die Nachfrage nach Fördermitteln sogar gesunken, weil die Regierung Interessenten mit Kürzungen verunsichert hatte. Nun sollen rund zwei Milliarden Euro pro Jahr fließen.
Besonders wichtig aber sind Vorfahrtsregeln für die neue Infrastruktur: "Schnelle Schaffung von planungsrechtlichen Grundlagen für Stromautobahnen gemeinsam mit den Ländern" lautet das Ziel. Stromleitungen sollen zudem mit Bahntrassen gebündelt werden.
Das alles kostet viel Geld - bei sinkenden Einnahmen. Bisher hat Finanzminister Wolfgang Schäuble die Einnahmen aus der Brennelementesteuer in Höhe von 2,3 Milliarden Euro fest im Haushalt eingeplant. Wenn weniger Meiler am Netz sind, gibt es weniger Geld. Schäuble rechnet mit 200 Millionen Euro Mindereinnahmen - nur für die Zeit des Moratoriums. Um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, erwägt sein Amt, den Steuersatz pro Gramm Kernbrennstoff anzuheben.
Auch die Zahlungen der Energieversorger an den Energiefonds könnten bald ausfallen. Ursprünglich sollten die Konzerne dieses und nächstes Jahr je 300 Millionen Euro einzahlen, danach für weitere vier Jahre je 200 Millionen Euro. In Regierungskreisen geht man jedoch nicht mehr davon aus, dass die Konzerne tatsächlich alles zahlen.
Die Konzerne: Wird die Atomwirtschaft einlenken?
Die Chefs der vier großen hiesigen Energiekonzerne RWE, E.on, Vattenfall und EnBW verstehen die neue deutsche Welt nicht mehr. Noch vor einem halben Jahr haben sie sich mit der Regierung auf eine Verlängerung der Laufzeiten für ihre Atommeiler verständigt, nun soll das alles nicht mehr gelten?
Dabei hatten die Herren jahrzehntelang beste Beziehungen zu allen Regierungen gepflegt. Als Großinvestoren, Verwalter der Stromnetze und Besitzer unzähliger Kraftwerke war ihnen stets ein kurzer Draht zum Kanzleramt sicher. Das war unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder so und auch in den Anfangszeiten von Angela Merkel.
Doch jetzt teilte die Kanzlerin Konzernbossen wie Jürgen Großmann (RWE) oder Johannes Teyssen (E.on) den Entschluss der Bundesregierung, sieben Kraftwerke kurzzeitig vom Netz zu nehmen, nur in knappen Telefonaten mit. Den Vollzug erhielten sie schriftlich von den Aufsichtsbehörden. Wie es weitergeht, wissen sie nicht.
Mit Verständnis für ihre missliche Lage können die Energieversorger aber kaum rechnen. Ihr Image ist denkbar schlecht. Und dazu haben sie in der Vergangenheit einiges beigetragen. Ihre überhöhten Preise sorgen seit Jahren für Unmut. Und immer wieder haben sie die dringend notwendige Modernisierung des Kraftwerkparkes in Frage gestellt und zugleich den Zusammenbruch der Stromnetze beschworen.
Noch im vergangenen Jahr - während der Verhandlungen über das neue Energiekonzept und die Laufzeitverlängerung - hätten die Energiekonzerne eine Chance gehabt, einen Konsens mit der Politik und der Gesellschaft herzustellen. Damals schlug die Regierung vor, die ältesten Atomkraftwerke zu schließen und die Laufzeiten nur für moderne Meiler zu verlängern.
Doch Großmann und seine Kollegen lehnten den Vorschlag ab. Sie konnten sich untereinander nicht einigen, wie sie die Lasten dieses Plans aufteilen sollten. Stattdessen provozierten sie die Bundesregierung mit einer Anzeigenkampagne. Merkel reagierte mit der Brennelementesteuer, die zusammen mit anderen Zahlungen mindestens 50 Prozent der erwarteten Milliardengewinne aus der Laufzeitverlängerung abschöpfen soll. Seitdem ist das Verhältnis nachhaltig gestört. Einen konstruktiven Dialog hat es nicht mehr gegeben.
RWE will sich das nicht länger gefallen lassen, am Freitag vergangener Woche reichte Konzernchef Großmann Klage gegen das Moratorium ein.
Das rechtliche Risiko, das die Bundesregierung mit ihrem Kurs einging, ist tatsächlich enorm. Es war der Leiter von Röttgens Abteilung für Reaktorsicherheit, Gerald Hennenhöfer, der vorschlug, das Moratorium auf den Paragrafen 19 des Atomgesetzes zu gründen - einen Notstandsparagrafen. RWE ficht nun ebendiese These an, dass Gefahr im Verzug gewesen sei. Gibt das Verwaltungsgericht Kassel den Konzernen recht, könnte das Moratorium in sich zusammenfallen oder aber enorme Schadensersatzzahlungen nach sich ziehen.
RWE-Chef Großmann blieb mit seiner Klage allerdings allein, sein E.on-Kollege zog nicht mit. Teyssen glaubt nicht, dass die Altmeiler selbst bei einem Sieg vor Gericht innerhalb der drei Monate wieder hochgefahren werden können. Eine Klage gegen das Moratorium, sagte er Großmann am vergangenen Donnerstag am Telefon, sei deshalb nicht nur sinnlos, sie würde auch das Verhältnis zur Regierung weiter verhärten. Großmann machte dagegen deutlich, wie wenig Verständnis er für den Schmusekurs seines Konkurrenten hat.
Einig aber sind sich die Stromversorger beim weiteren Vorgehen. Zunächst wollen die Konzerne die Zahlungen an den Fonds zur Förderung erneuerbarer Energien einstellen. Für Meiler, die nicht laufen, wollen die Bosse auch nicht zahlen.
Und das gilt nicht nur für den Sonderfonds. Auch die Brennelementesteuer soll ausgesetzt werden, wenn die abgeschalteten Atomkraftwerke endgültig nicht mehr ans Netz gehen. Die Abgabe, heißt es bei RWE und E.on unisono, sei eindeutig mit dem Beschluss einer Laufzeitverlängerung verknüpft gewesen. Wenn es die in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr gäbe, sei auch die Grundlage für Zahlungen in die Staatskasse entfallen.
Sollte ein endgültiges Ausstiegsgesetz noch hinter den Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Regierung unter Kanzler Schröder zurückfallen, wollen beide Stromkonzerne auf Schadensersatz klagen.
Der Atomstrom: Wie wichtig ist die Kernkraft?
Immer wieder hatten die Konzerne gemahnt, wie wichtig die Atomkraftwerke für die sichere Energieversorgung der Deutschen sind. Immer wieder hatten sie vor der drohenden Stromlücke gewarnt. Und nun? Nun lässt die Regierung sieben Atomkraftwerke von heute auf morgen abschalten, ein weiteres, das in Krümmel, ist ohnehin vom Netz genommen - und der Strom fließt weiter, nicht einmal das Licht flackert, denn Deutschland produziert Strom im Überfluss.
Der größte Teil wird noch immer in gewaltigen Kraftwerken erzeugt, die von den vier großen Stromversorgern und zahlreichen kleineren Stadtwerken in der gesamten Republik gebaut wurden. Rund 22 Prozent des Stroms lieferten bislang die 17 Atommeiler. Etwa 17 Prozent stammen aus regenerativen Energiequellen wie Wasserkraft, Sonne und Wind. Die Spitzenposition beim Ökostrom hält die Windkraft mit mehr als 6 Prozent.
Rund 17 Terawattstunden, das entspricht dem jährlichen Verbrauch einer Großstadt wie Berlin, wurden im vergangen Jahr im Saldo nach Österreich oder in die Schweiz verkauft.
Daraus den Schluss zu ziehen, dass man Atomkraftwerke in entsprechender Größenordnung einfach schließen könnte, sagt Manuel Frondel, Energieexperte am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, wäre jedoch falsch. Denn dummerweise ist ein Großteil der Stromexporte auf den unstetig wehenden Wind zurückzuführen. Der produziert an wirklich stürmischen Tagen mehr Strom, als verbraucht wird.
Und da nach wie vor zu wenig Leitungen und vor allem Speicher zur Verfügung stehen, wird der Strom an manchen Tagen zu Dumping-Preisen in Nachbarländer verkauft - und manchmal sogar verschenkt.
An anderen Tagen aber liefern Wind und Sonne kaum Energie. Dann müssen Kraftwerke praktisch die gesamte Versorgung plus eventuelle Ausfälle - auch im europäischen Verbundsystem - übernehmen. Genau darauf ist die Kraftwerksplanung in Deutschland seit Jahren ausgerichtet.
Dennoch halten Experten selbst eine dauerhafte Abschaltung der jetzt vom Netz genommenen sieben beziehungsweise, inklusive Krümmel, acht Atommeiler für möglich. Zurzeit laufen etwa bei RWE alle verfügbaren Kohlemeiler auf Hochtouren. Gaskraftwerke, die wegen geringeren Verbrauchs normalerweise am Wochenende vom Netz gingen, sind permanent in Betrieb. Dazu weht seit Tagen ein relativ kräftiger Wind. Und was noch fehlt, wird in Form von billigem Atomstrom aus Tschechien und Frankreich importiert.
Die Situation, heißt es bei Netzbetreibern wie Amprion oder Tennet, sei schwierig, aber weitgehend unter Kontrolle. Um sie auch mittelfristig zu stabilisieren und Stromschwankungen oder gar Ausfälle zu verhindern, müssten in den nächsten Wochen weitere, bereits eingemottete Kohle- und Gaskraftwerke reaktiviert werden.
Anders wäre die Situation, wenn kurzfristig weitere Atomkraftwerke vom Netz genommen werden. Dann, warnen Wissenschaftler wie Frondel oder die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, könnte es mit der Versorgung in Deutschland wirklich problematisch werden. Und dann könnte die von den Stromkonzernen seit Jahren prophezeite Situation eintreten, dass die Lastverteilung in den Netzen nicht mehr funktioniert. Selbst großflächige Blackouts wären möglich.
Der Ausstieg: Woher wird die Energie der Zukunft kommen?
Diese Woche überreicht Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie, Bundesumweltminister Röttgen eine neue Studie. Sie soll den Weg weisen, wie die 22 Prozent Strom, die heute aus der nuklearen Kettenreaktion stammen, sauber und klimafreundlich ersetzt werden sollen. "Diese Generation hat die große Aufgabe, das Energieproblem dauerhaft zu lösen", sagt der 66-Jährige und gesteht, dass er gern noch einmal "20 Jahre jünger" wäre.
Schmid hält den vollständigen Atomausstieg bis 2020 für machbar. In seinem Konzept spielen auch Kohlekraftwerke, abgesehen von den bereits genehmigten und in Bau befindlichen Anlagen, keine große Rolle mehr. Fossiler Energieträger mit Zukunft sei vor allem das Gas. Sie lassen sich schnell und günstig hoch- und wieder runterfahren, weshalb sie zum Ausbalancieren der unsteten Wind- und Sonnenkraft bestens geeignet seien. Neue Gaskraftwerke mit einem Leistungszuwachs von 3,6 Gigawatt etwa fordert auch Peter-Michael Nast vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in den nächsten neun Jahren.
Technisch ist das leicht zu machen. Doch die Beliebtheit dieser Kraftwerksart schlägt sich bereits in den Preisen nieder: Siemens, einer der wenigen Hersteller, hat sie in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.
Statt großer Gaskraftwerke will Energieforscher Schmid möglichst kleine, dezentrale Einheiten über das Land verteilen. Sukzessive soll das Methan, das sie verfeuern, nicht aus Russland oder Norwegen importiert werden, sondern aus heimischer Bioproduktion stammen: Abfälle aus Holz und Kunststoffen könnten in einer jener Vergasungsanlagen, von denen eine der größten Europas im österreichischen Güssing steht, in Erdgas verwandelt werden.
Und noch eine weitere klimafreundliche Quelle könnten die Gaskraftwerke erschließen. In Schmids Fraunhofer-Institut wird derzeit eine Elektrolyse-Anlage konzipiert, die an stürmischen Tagen den überschüssigen Windstrom zur Herstellung von Methan verwendet.
Überhaupt Wind: Die meisten Gutachter halten ihn für entscheidend, um vom nuklearen ins regenerative Zeitalter umzuschalten. Rund 20 Prozent des Stroms sollen die drehenden Ungetüme im Jahre 2020 ins Elektrizitätsnetz einspeisen, und das, ohne die Landschaft weiter zu verspargeln. "Wir werden in zehn Jahren weniger Windräder in Deutschland stehen haben als die heutigen 20 000", prophezeit DLR-Experte Nast.
Künftig sollen die Anlagen im Mittel 5,5 Megawatt produzieren, derzeit bringen sie es erst auf durchschnittlich zwei Megawatt. In Schmids Institut in Bremerhaven entsteht zurzeit eine Mühle mit 90 Meter langen Rotorblättern. Auf 20 Megawatt Leistung könnten die Aggregate kommen und insbesondere auf hoher See jede Menge Strom ins Netz drücken.
Dort soll deshalb auch die eigentliche Zukunft der Windkraft liegen. Sogar die großen Stromkonzerne mit ihren Atommeilern, etwa EnBW, haben das begriffen und stecken riesige Summen in den Ausbau von Offshore-Windparks. Die Techniker kämpfen indes noch mit den Tücken des Standorts. So leiden etwa die Generatoren unter dem Salzwasser, und auch die Verankerung auf dem Meeresboden hält noch nicht so zuverlässig wie gewünscht den Elementen stand. Fraunhofer-Ingenieur Schmid sieht darin "Kinderkrankheiten, die schon bald ausgestanden sind".
Nicht alle sind so optimistisch. "Es ist einfach illusorisch, unter den jetzigen Bedingungen jedes Jahr drei neue 400-Megawatt-Windparks auf See errichten zu wollen", sagt etwa Sven Becker, Geschäftsführer des Stromverbunds Trianel, hinter dem rund 50 Stadtwerke stehen.
Das meiste Investorengeld gehe zudem gerade in Offshore-Windparks in Großbritannien. Dort darf näher an der Küste gebaut werden, wo das Wasser nur wenige Meter tief ist. Damit deutschen Strandurlaubern der Anblick der Windräder erspart bleibe, müssen die hiesigen Windparkbetreiber hier über 30 Kilometer Abstand zur Küste wahren - in Wassertiefen von 30 bis 50 Metern. "Mit jedem Meter galoppieren die Kosten schneller davon", warnt Becker.
Doch schon bald soll es für tiefe Gewässer eine Lösung geben: Schwimmende Windräder, die ähnlich wie Bohrplattformen an Land gefertigt, vom Schiff herausgezogen und am Meeresboden mit Stahltauen verankert werden. "Das Einsparpotential ist enorm", sagt Windkraftexperte Schmid. Einen ersten Prototyp haben Siemens und das norwegische Energieunternehmen Statoil errichtet. Die Anlage generiert seit Mitte 2009 an der Küste nördlich von Stavanger Strom.
So purzelt der Preis für die Windenergie: Auf See werde man bei fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde landen. "Damit kann es der Wind locker mit Kohlestrom aufnehmen", sagt Stefan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur.
Deshalb zweifelt auch kaum ein Experte mehr an der Kraft des Windes. Widerstand regt sich hingegen immer stärker gegen die Stromgewinnung aus der Sonne, auch Photovoltaik genannt. Der schärfste Kritiker ist Fritz Vahrenholt, ehemals Hamburger Umweltsenator und heute Chef von RWE Innogy. Die Sonneneinstrahlung in Deutschland entspreche jener in Alaska. "So wie man dort keine Ananas züchten kann, kann man auch hierzulande Photovoltaik nicht wirtschaftlich betreiben", so das Urteil des Sozialdemokraten. Eine Lösung für die fernere Zukunft könnten jedoch riesige Solarkraftwerke in sonnenreichen Gegenden sein, wie sie etwa im Rahmen des sogenannten Desertec-Projekts in Nordafrika geplant sind.
In Deutschland dagegen ist die Ausbeute gering. Trotz Einspeisevergütungen allein im laufenden Jahr in Höhe von über sechs Milliarden Euro beträgt der Anteil des Solarstroms im deutschen Netz nur zwei Prozent.
Die Politik hat auf diese deprimierende Bilanz schon zaghaft reagiert und die Vergütung für Solarstrom gekappt. "Das ist noch nicht genug", sagt Fraunhofer-Mann Schmid, der das auch bei Bundesumweltminister Röttgen diese Woche wiederholen will. Nur mit deutlich reduzierter Photovoltaik kommt er auf seine Prognose, dass die Energiepreise bis 2020 trotz Atomausstiegs nur um acht Prozent steigen sollen.
Die Gutachter des DLR rechnen damit, dass in den nächsten zehn Jahren die erneuerbaren Energien mit Mehrkosten für das Energiesystem von 136 Milliarden Euro zu Buche schlagen - mehr als die Hälfte verursacht durch Photovoltaik.
In ferner Zukunft aber zahlen sich die Investitionen in erneuerbare Energien nach den Berechnungen des DLR aus: Im Zeitraum von 2031 bis 2040 spart Deutschland 273 Milliarden Euro in der Energieproduktion ein. "Dann stimmt der alte Slogan der Ökobewegung wirklich, dass Sonne und Wind nichts kosten", sagt DLR-Fachmann Nast.
Diese schöne Prognose kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg dorthin steinig ist.
Die Umsetzung: Wie kann die Energiewende gelingen?
In diesen Tagen laufen die letzten Tests, dann will der Energieversorger EnBW den Ostsee-Windpark Baltic 1 ans Netz bringen. Die Anlage befindet sich 16 Kilometer vor der Halbinsel Fischland Darß Zingst. Die Strommenge, die von den 21 Windrädern erzeugt wird, reicht freilich bestenfalls aus, um eine Kleinstadt zu versorgen. Und das nur bei optimalen Bedingungen.
Baltic 1 ist nach dem Alpha-Ventus-Forschungsprojekt in der Nordsee erst der zweite Windpark in deutschen Meeresgewässern. Die Energiebranche hinkt weit hinter ihren Offshore-Planungen her - und hinter Ländern wie Dänemark oder Großbritannien.
Allein der Ausbau der Netze wird Jahre dauern, rund 40 Milliarden Euro veranschlagt die Branche dafür bis 2020. Es fehlt vor allem an Höchstspannungstrassen, um insbesondere den zusätzlichen Windstrom aus dem Norden in den Süden der Republik zu transportieren, dorthin, wo die meisten Bürger leben und die größten Unternehmen angesiedelt sind. Da diese Leitungen aber mehrere Bundesländer kreuzen, ist die Genehmigung langwierig. Bis überhaupt ein Raumordnungsverfahren eingeleitet wird, vergehen oft mehr als drei Jahre.
Das größte Manko aber: Grüner Strom ist, anders als fossile Energie, nicht verlässlich verfügbar. Selbst auf hoher See herrscht manchmal tagelang Flaute. Und frischt der Wind gerade dann auf, wenn der Energiebedarf besonders niedrig ist, sprengt es das System: Dann ist zuweilen so viel Strom im Netz, dass die Versorger sogar dafür bezahlen, damit ihnen jemand die Kilowatt abnimmt.
Genauso unberechenbar verhält sich die Sonne. Solche Schwankungen beeinträchtigen die Stabilität des Netzes erheblich, die Betreiber haben alle Mühe, das Stromangebot zu prognostizieren und das System auszubalancieren.
Nach dem Aus für sieben Atomkraftwerke fällt den Technikern die Steuerung ohnehin schon schwerer. Sie beobachten mit Sorge, wie die Konzentration des Angebots die Nord-Süd-Verbindungen immer stärker belastet. Noch kritischer dürfte die Situation im Mai sein, wenn die Stromversorger weitere fünf Meiler für Wartungsarbeiten vom Netz nehmen.
Langfristig könnten Stromspeicher hier Abhilfe schaffen. Je nach Bedarf nehmen sie Energie auf oder geben sie ab und gleichen so die Fluktuation aus.
Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt: Batterien sind relativ leistungsschwach und teuer, für Druckluftspeicher fehlt es an unterirdischen Kavernen, in denen die Luft zusammengepresst aufbewahrt werden kann. Und Anlagen, die Energie in speicherbaren Wasserstoff oder Methan verwandeln, haben einen außerordentlich niedrigen Wirkungsgrad.
Am besten geeignet sind Pumpspeicherkraftwerke. Bei Stromüberschuss pumpen sie Wasser in ein hochgelegenes Becken, bei Strombedarf stürzt das Wasser in die Tiefe und treibt Generatoren an, die Strom erzeugen. Die Technik ist seit Jahrzehnten etabliert, doch die Landschaft in Deutschland lässt kaum noch Neubauten zu.
Hier könnte Norwegen aushelfen. Die Skandinavier beziehen ihren Strom fast vollständig aus 370 Wasserkraftwerken. Allerdings sind die meisten Becken dort noch nicht als Pumpspeicher ausgelegt. Außerdem wären gewaltige Seeverbindungen nötig, die den Strom rund 600 Kilometer durch die Nordsee nach Deutschland transportieren. Zwei solcher Kabelprojekte sind in Planung, frühestens 2015 soll das erste einsatzbereit sein.
Schnelle Erfolge im Ausbau der erneuerbaren Energien sind also nicht zu erwarten. Die fossilen Quellen müssen die Zwischenzeit überbrücken. Das Problem ist nur: Es sind zu wenige neue, effiziente Gas- und Kohlekraftwerke im Bau, um die Lücke zu schließen. In der Not müssen nun womöglich alte Dreckschleudern, die schon seit Jahrzehnten in Betrieb sind, länger laufen als geplant.
So ist das mit allen Alternativen zum Atomstrom: Auch sie haben Nachteile - und Gegner.
Der Widerstand: Scheitert der Ausstieg an den Bürgern?
Thomas Jacob hat gerade neue T-Shirts für seinen Protest drucken lassen: rot mit einem durchgestrichenen Windrad vorn drauf. "Wir stehen zu unserer Sache, egal ob uns die Leute jetzt beschimpfen", sagt er. In Deutschland sind jetzt alle Atomkraftgegner, auch Jacob mag Kernkraftwerke nicht. Aber er ist und bleibt vor allem ein Gegner der Windkraft.
Er lebt in der Gemeinde Märkische Heide in Brandenburg, das einzige Kernkraftwerk in seinem Bundesland steht seit 1990 still, aber es gibt hier rund 3000 Windräder. Brandenburg liegt in Sachen Energiewende ziemlich weit vorn.
Zu weit vorn, findet Jacob, vor drei Jahren hat er die Volksinitiative Windrad gegründet, 25 Bürgerinitiativen machen inzwischen mit. Seit dem Beben in Japan ärgert sich Jacob über die Horrorszenarien der Politiker, die nun schnell aus der Atomkraft rauswollen, aber auch vor Stromlücken warnen.
Er war gerade auf Sylt bei den Leuten, die dort gegen Windräder kämpfen, und sagt, man denke über ein bundesweites Bündnis nach. Am Sonnabend wollte Jacob in Potsdam demonstrieren, ein großer Aktionstag seiner Initiative, den er vor Fukushima geplant hatte. Windräder würden auch nach Fukushima noch furchtbar aussehen und gefährlichen Schall erzeugen, sagt Jacob. "An den Nachteilen hat sich ja nichts geändert."
Mit Einsprüchen und Klagen im Genehmigungsverfahren können die Protestler den Bau neuer Windräder oder Stromtrassen stoppen - und damit die Energiewenden erheblich verzögern.
Der Atomausstieg geht auch ohne neue Überlandleitungen, sagt Peter Gosslar. Seit vier Jahren kämpft er gegen eine solche Leitung, sie soll von Wahle in Niedersachsen nach Mecklar in Hessen führen, mindestens 180 Kilometer, 380 000 Volt, Wechselstrom. An der Strecke gibt es 19 Bürgerinitiativen, die Menschen fürchten um den Wert ihrer Häuser, sie fürchten elektromagnetische Strahlen. Herzschrittmacher könnten aussetzen, sagt Gosslar, "und wir haben hier viel Kurbetrieb".
Sie fordern Erdkabel auf der ganzen Strecke, entlang der Autobahn verlegt, mit Gleichstrom betrieben. Eine saubere, sichere Sache, sagt Gosslar. Auf so einer langen Strecke gebe es das zwar noch nicht - aber warum nicht was Neues probieren? Wenn Energiewende, dann richtig. Klar, solche Erdkabel machen den Strom teurer. Umgelegt auf ganz Deutschland gehe es aber nur "um Cent-Beträge".
Zu zwei Dutzend ähnlichen Initiativen in Deutschland hält Gosslar Kontakt, überall im Land wollen die Leute keinesfalls unter neuen Leitungen leben, Atomausstieg hin oder her.
Gosslar sagt, dass er seit dem Unglück in Fukushima Angst habe - weniger um seine Gesundheit als um seine Bürgerrechte. "Wir müssen aufpassen, dass nicht alles zu schnell geht." Am liebsten wäre ihm, es gebe noch ein Moratorium, und zwar für den Netzausbau.
Die Wirtschaft: Gefährdet der Ausstieg den Wohlstand?
"Der Strom in Deutschland muss sicher, sauber und bezahlbar bleiben, sonst gefährden wir die Basis unseres Wohlstandes", sagt Hans-Peter Keitel, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Man müsse aufpassen, dass durch die Diskussion über Atomstrom "unser wirtschaftlicher Erfolg nicht unter die Räder kommt".
Manuel Frondel, Energieexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), sagt, mit einem frühen Aus für die Kernkraft löse sich "Volksvermögen in Luft auf". Verkürzte Laufzeiten der Atomkraftwerke würden "Wohlstandsverluste in dreistelliger Milliardenhöhe" verursachen.
Wer den schnelleren Ausstieg aus der Kernkraft fordere, ohne ein tragfähiges Konzept für eine Energieversorgung zu haben, bringe "die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie in Gefahr", sagt BASF-Chef Jürgen Hambrecht.
Steht also der Niedergang des Industriestandorts Deutschland bevor, wenn die Atommeiler abgeschaltet werden? Müssen die Deutschen auf ihren Wohlstand verzichten?
Wohl kaum. Vergleichbare Warnungen gab es immer wieder, beispielsweise vor schärferen Umweltvorschriften. Doch die deutsche Industrie wurde bislang nicht schwächer, sondern stärker.
Chemische Industrie, Maschinenbauer, Autohersteller, Stahlerzeuger, Firmen aus der Medizin-, der Umwelt- und Werkstofftechnik zählen weltweit zur Spitze - obwohl die Energiekosten für Unternehmen in Deutschland schon bislang oft höher sind als für ausländische Konkurrenten. Deshalb entwickelten sie besonders effiziente Maschinen und Produktionsanlagen. Und die lassen sich dann auch gut exportieren.
Im Durchschnitt liegt der Anteil der Energiekosten an der Wertschöpfung bei weniger als zehn Prozent. Sollten die Strompreise durch einen Ausstieg aus der Kernkraft steigen, würde dies die Autoindustrie und viele andere Branchen nur geringfügig belasten.
Es gibt allerdings auch die Aluminium-, die Zement- und Stahlhersteller, bei denen die Energiekosten mitunter mehr als ein Viertel der Kosten ausmachen. Heidelcement, den drittgrößten Zementhersteller weltweit, würden steigende Strompreise treffen. Aber das Unternehmen will "keine Drohkulisse aufbauen", wie ein Sprecher sagt. Noch wisse niemand, ob und wie stark die Strompreise tatsächlich steigen. Die Schätzungen schwanken zwischen 10 und 30 Prozent. Das hängt vor allem davon ab, wie schnell Deutschland aus der Kernkraft aussteigt und wie schnell die alternativen Energieerzeuger ausgebaut werden.
Ein höherer Strompreis kann dazu führen, dass manche Produktion ins Ausland verlagert wird. Vielleicht wird in Deutschland weniger Aluminium und Stahl produziert. Dafür entstehen an anderer Stelle neue Arbeitsplätze.
Zu den Gewinnern werden nicht nur die Windradhersteller und die Produzenten von Blockheizkraftwerken zählen. Siemens kann vom Bau neuer Stromnetze und Pumpspeicherwerke profitieren, BASF von der steigenden Nachfrage nach Gebäudeisolierungen, bei Bosch dürfte der Absatz von Energiespartechnik für Haushaltsgeräte, Gebäude und Automobile wachsen.
Bosch-Chef Franz Fehrenbach hat Technologie, mit der sich Energie sparen lässt, schon vor Jahren als Wachstumsfeld für sein Unternehmen festgelegt. Jetzt fordert er als erster Konzernchef Deutschlands die Abkehr von der Kernkraft.
Man müsse davon ausgehen, dass das Restrisiko von Technologien auch eintrete, sagt Fehrenbach. Und wenn dieses Restrisiko so viele Menschenleben gefährde, "wie es sich jetzt in Japan zeigt, dann dürfen wir ein solches Restrisiko einfach nicht mehr eingehen".
Aber gerade die Abkehr von der Atomenergie erfordert nach Ansicht des Bosch-Chefs "Technikkompetenz". Und darin liegt die Chance für viele Unternehmen des Landes.
Modell Deutschland: Ein Vorbild für den Rest der Welt?
Am Ende des Ausstiegs wird Deutschland ein anderes Land sein, und die Welt wird mit Spannung verfolgen, ob das Experiment gelingen wird. Denn keine andere Nation folgt bisher dem deutschen Beispiel, alle anderen wollen an der Atomkraft festhalten.
In Großbritannien etwa soll der Chefinspektor für Atomanlagen bis Mitte Mai ermitteln, welche Lehren die Regierung aus dem Unglück in Japan ziehen kann. Premierminister David Cameron hat allerdings bereits versichert, dass Atomkraft Teil des Energiemix bleiben solle.
Die USA lassen zwar ihre 104 Anlagen überprüfen, niemand in Washington aber denkt ernsthaft an einen Ausstieg. Es bleibt dabei: Bis 2020 sollen sogar vier bis acht neue Meiler ans Netz gehen.
Auch Frankreich, das seinen Strom zu drei Vierteln aus Atomkraft bezieht, unterzieht seine 58 Reaktoren einem Check. Präsident Nicolas Sarkozy aber bleibt "überzeugt von der Angemessenheit der Wahl", nukleare Quellen zu nutzen, sagt er, immerhin verliehen sie Unabhängigkeit. Abschalten ist für ihn keine Option, auch nicht in Fessenheim, dem Meiler, der nur 25 Kilometer von Freiburg im Breisgau entfernt liegt.
Ein solches Vorgehen sei so abwegig, meint der Chef des Versorgers EDF, Henri Proglio, als wenn man in Paris Häuser, die älter als 20 Jahre sind, abreißen wollte.
Selbst in Japan reagiert die Regierung zögerlich. Zwar hat der Fukushima-Konzern Tepco die Pläne zum Bau dreier neuer Reaktoren gestoppt. Insgesamt aber sieht die Regierung keine Alternative, Atomkraft werde die Hauptquelle von Energie bleiben, versicherte Wirtschaftsminister Kaoru Yosano.
Und so wird sich in Deutschland entscheiden, ob es eine hochindustrialisierte Wirtschaftsnation schaffen kann, sich aus der Abhängigkeit von der Atomwirtschaft zu befreien. Ob die erneuerbaren Energien so ausgebaut werden können, dass sie am Ende ein ganzes Land versorgen. Und ob das alles ohne dramatische Wohlstandseinbußen möglich ist.
Wenn es gelingt, wird die Bundesrepublik zum Modell für ein neues nachhaltiges Wirtschaften, das die Ressourcen schont und künftige Generationen nicht belastet. Es wird führend sein in der Entwicklung und Produktion energiesparender Zukunftstechnologien, ein grüner Exportweltmeister.
Und wenn das Experiment misslingt? Dann zahlen die Deutschen für den Ausstieg aus der Atomwirtschaft einen hohen Preis.
Niemand weiß, ob es am Ende mehr Gewinner oder Verlierer geben wird. Es hängt davon ab, ob die Unternehmen mitziehen und die Bürger sich nicht verweigern. Ob es gelingt, die großen Widerstände in einer gemeinsamen Kraftanstrengung zu überwinden.
Klar ist nur: Das Ziel ist alle Mühen wert.
Von Frank Dohmen, Dietmar Hawranek, Wiebke Hollersen, Alexander Jung, Armin Mahler, Peter Müller, Gerald Traufetter, Christian Schwägerl und Christoph Schwennicke

DER SPIEGEL 14/2011
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