04.04.2011

MITTELSTANDVerbohrt

Der badische Tunnelbauer Herrenknecht muss erleben, wie sein einst schwarzes Musterländle grün-rot wird. Wie viele Unternehmer im Südwesten zeigt er sich vorerst erschüttert.
Es gibt allerlei, wovor man in São Paulo Angst bekommen kann: Verkehrschaos, Elend, Schießereien. Doch der badische Unternehmer Martin Herrenknecht fürchtet sich sogar in der brasilianischen Elf-Millionen-Metropole hauptsächlich vor einer Plage: Claudia Roth.
Es ist erst ein paar Stunden her, dass bei ihm zu Hause in Baden-Württemberg gewählt wurde, aber der Untergang seines Ländles scheint für einen Unternehmer wie Herrenknecht mit der Aussicht auf die erste grün-rote Landesregierung so gut wie besiegelt. Die Grünen-Chefin Roth repräsentiert in diesem Drama die Apokalypse, Herrenknecht badisch-schwäbischen Unternehmergeist.
Er sitzt in einem Bus, der ihn und einige andere deutsche Mittelständler samt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gerade zum Amtssitz des deutschen Konsuls bringt. Eigentlich will er auch hier für seine riesigen Maschinen werben. Überall auf der Welt baut er damit gigantische Tunnel - in Shanghai wie in der Schweiz und bald vielleicht auch wieder hier, in Brasilien. Nun würde er sich am liebsten selbst eingraben, irgendwo im Nirgendwo. Wahlweise natürlich noch besser Claudia Roth.
Herrenknecht ist Mitglied der CDU, die nach 58 Jahren die Macht in Stuttgart abgeben muss. Er hat den früheren CDU-Ministerpräsidenten Lothar Späth in seinem Aufsichtsrat, setzte zuletzt ungefähr eine Milliarde um und ist einer jener Tüftler, die dem Südwesten der Republik zur größten Dichte unternehmerischer Weltmarktführer verholfen haben. Und jetzt ist der Mann bitter enttäuscht.
Irgendwo zwischen den Kapverden und dem brasilianischen Festland hat er im Flieger die ersten Hochrechnungen hingenommen wie eine Ohrfeige. Kaum ist er gelandet, telefoniert ihm sein Sohn die Stimmung zu Hause durch. Claudia Roth, mit der sich Herrenknecht in einer Talkshow mal ordentlich gezofft hat, ausgerechnet sie jubelt nun im Fernsehen. "Diese Frau! Die hört heute überhaupt nicht mehr auf zu reden", poltert der Patriarch im Bus.
Herrenknecht kennt sich aus mit tektonischen Verwerfungen, erlebt aber gerade ein Erdbeben neuer Art. Zwei Lager, die ihre Feindschaft bislang mit Hingabe pflegten, sind in Baden-Württemberg künftig aufeinander angewiesen: hier die Weltmarktführer, da die so geschmähten Weltverbesserer. Maschinenbauer contra Bio-Utopisten.
Nach dem spontanen Schock meldeten sich vergangene Woche die ersten Wirtschaftsleute: der Hugo-Boss-Chef, der Bosch-Boss, der Maschinenbauer Leibinger - alle konsterniert. Aber mittendrin im Gefecht, laut wie kein anderer, steht Tunnelbauer Herrenknecht, der auch im Großkonflikt um Stuttgart 21 kräftig austeilte. Als "Kindsköpfe" hat er die Gegner des Bahnhofsneubaus beschimpft. "Die größte Kanaille von allen" war für ihn der Schauspieler Walter Sittler, der dem Protest lange ein Gesicht gab. Wer es gut mit Herrenknecht meint, nennt ihn authentisch.
Eigentlich wollte er daheim in dieser Woche einen 45-Millionen-Euro-Vertrag für die Lieferung von zwei neuen Bohrmaschinen und Förderbändern besiegeln. Spätestens ab Mitte nächsten Jahres sollten sie den rund neun Kilometer langen Tunnel vom Stuttgarter Flughafen in die Innenstadt fräsen. Daraus wird erst mal nichts.
Bis Mai will die Deutsche Bahn das Projekt nicht weiter vorantreiben. Bis sich die neue Regierung gefunden hat (siehe Seite 24 und 32). Dann wird womöglich das Volk entscheiden, ob er graben darf wie überall auf der Welt.
"Mein Name ist Herrenknecht, wir bauen Tunnelvortriebsmaschinen." So umstandslos stellt er sich auch im Prunksaal des Rathauses der Hafenstadt Santos vor. Der 68-Jährige greift zum Mikrofon, kneift die buschigen Augenbrauen zusammen und ist schnell auf Betriebstemperatur. Auch in Brasilien sind Großprojekte eine komplizierte Angelegenheit, aber wenigstens muss man sich hier nur mit der Bürokratie und nicht auch noch mit Bevölkerung oder Baumschützern rumschlagen.
Ein launiges Lob auf den brasilianischen Fußball, dann erklärt er, wie die Container, die am Hafen von Santos anlanden, zügig in die Millionenmetropole São Paulo transportiert werden könnten. Eine neue Brücke würde viel zu hoch und viel zu teuer. Die Lösung: ein Tunnel, natürlich. Der Bürgermeister nickt. "Ich bin auch der Auffassung, dass ein Tunnel große Vorteile hätte", sagt er.
Einen Großteil seines Umsatzes macht Herrenknecht mit solchen Geschäften, Deutschland steuert nur noch weniger als zehn Prozent bei. Finanziell ist er auf Aufträge wie Stuttgart 21 gar nicht angewiesen, aber dort geht es ums Prinzip: Das Projekt gilt ihm als Testfall, ob Deutschland noch mithalten kann und will im Wettlauf der Wirtschaftsnationen. "Der, der die beste Infrastruktur hat, gewinnt", sagt Herrenknecht.
Die Grünen hätten davon nichts kapiert. Wo er von Technik redet, sprächen die vom Tempolimit. "In der Koalition mit der SPD gibt das Konflikte hoch drei - zum Schaden der Wirtschaft", raunzt er. "Die Grünen müssen erst mal beweisen, ob sie in der Lage sind, den Technologiestandort Baden-Württemberg zu regieren."
Über 3000 Leute arbeiten heute für Herrenknecht, der es einst über den zweiten Bildungsweg zum Diplomingenieur an der Fachhochschule Konstanz brachte, bevor er 1977 mit 25 000 Mark Startkapital in einer kleinen Ingenieurklitsche loslegte. Heute plant er von seiner Heimat Schwanau zwischen Karlsruhe und Basel stählerne Riesenfräsen für die U-Bahn in Caracas wie für den Gotthard-Tunnel in der Schweiz, den längsten der Welt.
652 Kilometer U-Bahn und 156 Kilometer Straßentunnel habe er bis vergangenes Jahr der Welt beschert. Doch ausgerechnet in seiner Heimat soll er nicht mehr bohren dürfen? Grün-Rot nimmt der Mann mit dem ganz besonderen Tunnel-Blick als persönliche Beleidigung wahr. Während er sich durch die Welt gebuddelt hat, veränderte sich oben in seiner Heimat die Statik.
Maulwürfe sind so emsig wie betriebs-blind. Herrenknecht hat die politischen Veränderungen nicht kommen sehen. In der Partei des neuen Ministerpräsidenten hat er nun kaum Freunde. Vereinzelte Kontakte mit den Grünen beerdigte er in der Schlacht um Stuttgart 21. "Er hat mir damals schriftlich die Freundschaft aufgekündigt", sagt Alexander Bonde, Grünen-Bundestagsabgeordneter aus der Heimat von Herrenknecht. Der Unternehmer macht für das Wahldebakel vor allem Tagespolitik verantwortlich: "Fünf Prozent Japan, zwei Prozent Brüderle", sagt er. Neben der Atomkatastrophe habe der Fauxpas des geschwätzigen Wirtschaftsministers, der Merkels Atomwende als Wahlkampfmanöver enttarnt hatte, die CDU Punkte gekostet.
Aber vielleicht ist der Südwesten doch noch zu retten? Der künftige Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann gilt nicht gerade als linksradikal. Und von Umwelttechnologien profitieren längst auch viele erfindungsreiche Firmen im Südwesten. Die alten Gräben gibt's vielleicht gar nicht mehr?
Selbst Herrenknecht hat sich frühzeitig ein bisschen Pragmatismus gegönnt: Im Wahlkampf hat er nicht nur die CDU finanziell unterstützt. Auch die SPD bekam eine kleine Spende ab. Und die ist für S 21.
Maulwürfe sind zwar verbohrte Wesen. Aber sie haben doch auch einen siebten Sinn für Gefahren.
Von Peter Müller

DER SPIEGEL 14/2011
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