04.04.2011

Die Bengasi-Buam

Von Smoltczyk, Alexander

Global Village: Mitten im "arabischen Frühling" durchkreuzen Andy Borg und sein Musikantenstadl den Persischen Golf.

Der Landgang in Bahrain ist gestrichen worden. Da stehen noch die Panzer am Hafen, vom letzten Volksaufstand. Fünf Stadl-Freunde waren sauer und haben ihre Teilnahme an der Kreuzfahrt kurzfristig abgesagt. Denn das hatte so nicht im Prospekt gestanden: "Eine spektakuläre Reiseroute führt uns direkt in die Länder von tausendundeiner Nacht."

So hatte der Andy es geschrieben. Konnte ja keiner ahnen, dass die Araber-Buam die Nase voll haben von tausendundeiner Nacht und plötzlich aufgewacht sind. Sogar im Oman haben sie gestreikt, wo die "Costa Deliziosa" im Hafen lag. Und "Waltraud und Mariechen" sind auch krank geworden.

Egal, die Stadl-Kreuzfahrt mit Andy Borg gibt's nur alle zwei Jahre. Da hat man sich drauf gefreut, die hat man sich sauer verdient: "Und alle singen jetzt!" Und so kreuzten sie weiter, die 958 verbliebenen Freunde der alpenländischen Volksmusik, durch die Straße von Hormus, von Maskat nach Abu Dhabi und zurück nach Dubai, eine Woche lang, und jeden Abend das Alpentrio Tirol und die Zellberg Buam, Michael Morgan und Monique und Nino de Angelo, Nachmittagskaffee mit Kuchen, deutschsprachige Bordhostessen, alles inkludiert, nur die Trinkgelder nicht.

Es ist eine weite, weite Welt aus drei Akkorden und einem Applaus, der immer wieder einschießt, wie ein rätselhafter Tic, wie ein Tourette-Syndrom, selbst wenn nur der Treffpunkt zur Shoppingtour bekanntgegeben wird.

Andy Borg wurde mit Schlagern bekannt wie "Ich will nicht wissen, wie Du heißt". Er selbst heißt eigentlich Adolf Andreas Meyer und hat früher Schneepflüge montiert. Seit fast 30 Jahren ist er im Geschäft. Jemand schrieb, Andy Borg sei das "sonnigste Gemüt deutscher Zunge". Das ist untertrieben.

"Die Leute sagen mir: Mit dem Stadl sind wir sicher. Piraten, Revolutionen? Solange der Andy an Bord ist, passiert nichts", sagt Borg. Schließlich haben Gaddafi und seine Jungs in Tripolis nur etwas gegen Kreuzfahrer einzuwenden. Kreuzfahrtler stehen nicht auf der Liste, oder? Haha! "Und jetzt alle: Die Karawane zieht weiter / Der Sultan hat Durscht!"

Die Stadl-Reisenden, je ein Drittel Österreicher, Schweizer, Deutsche und 20 Elsässer, sind heute mit Jeeps in die Wüste gefahren worden, zu dem im Prospekt angekündigten unvergesslichen Konzert unterm Sternenzelt. Dem Abschluss der Stadl-Kreuzfahrt. Es gibt zünftige arabische Küche in drei Gängen, Henna-Tattoos, und einige Herren tragen, zum Schauplatz passend, zum Anlass eine Kuffija auf dem Kopf. In Sanaa, jenseits der Wüste, erklärt ein Präsident gerade, er werde vorerst nicht zurücktreten.

Gerade ist der Andy auf einem Kamel in das Stadl-Camp geritten und hat auch einen Witz dazu gemacht. "Die Fischer von San Juan …" hat er dann gesungen, und alle schwenkten ihre Arme in den Himmel, und es war sehr schön.

Nicht jeder weiß jene Mischung aus Feistigkeit, Minipli und guter Laune zu schätzen, die in der Stadl-Welt verbreitet ist. Aber es ist gattungsmäßig unmöglich, Andy Borg nicht sympathisch zu finden. "Ich weiß, wofür sie mich wollen, und das biete ich ihnen", sagt Andy Borg, und dann fragt er, wie das eigentlich wirklich war, in Ägypten und Bahrain, weil, wenn man immer nur von Freunden der Volksmusik umgeben ist, dann denkt man, es gebe nichts anderes mehr.

Abseits steht ein angegrauter Mann in jungen Jeans. Das ist Josef "Sepp" Schreder, der Organisator aus Kärnten und so sehr Teil dieser Stadl-Welt, dass er selbst noch singen wird, die Hymne seines Reisebüros. Schreder sagt über die Unruhen: "Das ist von außen gelenkt, tausendprozentig." Er hat in Libyen Tourismus gemacht. Er kennt die Region. Er hat die letzten Wochen schon nicht mehr Nachrichten geschaut, um die Nerven zu behalten. Voriges Jahr die Aschewolke, jetzt die Araberaufstände. "Gelenkt. Wo Öl ist, vom Westen, sonst von Iran. Da kann mir keiner was erzählen."

Der Stadl sollte schon einmal live aus Dubai gesendet werden. Das war 2001, kurz nach dem 11. September. Die Übertragung wurde wegen "logistischer Unwägbarkeiten" abgesagt und der Stadl später als Aufzeichnung gesendet. Karl Moik hatte mit Rücktritt gedroht. Aber was heißt schon Drohung. Moik war der Husni Mubarak der deutschen Volksmusik.

Die Sonne ist untergegangen, "wie ein Feuerball im Wüstensand", so steht es im Prospekt. Auf der Bühne stößt die junge Lisa Stoll in ihr Alphorn. Vorher hat sie ein wenig Sand aus der Öffnung gekippt. Die meisten Stadl-Freunde kennen sich, sagt Sepp Schreder. Die sind immer dabei. "Manche legen jeden Monat hundert Euro auf die Seite, um sich diesen Traum zu erfüllen." Da ist der Handwerksmeister, der einmal im Jahr im Dinnerjackett und mit weißen Schuhen an einer Bar lehnen möchte. "Wir haben Schicksale hier", sagt Sepp Schreder. "Jemand hat seinen Partner verloren und macht die Kreuzfahrt, die sie zusammen machen wollten."

Lisa Stoll hat ihr Horn eingepackt und läuft barfuß die Düne hoch. Das Alpentrio Tirol hat eine neue CD mitgebracht, und Nino de Angelo muss auch noch mal ran.

Sepp Schreder schaut auf die Hüftsteifen und Beladenen ringsum, die aus vollen Backen mitsingen und - "… keiner ist allein" - die Arme wedeln. "Die wissen schon, was geschieht. Aber das wollen sie nicht wissen, nicht auf der Stadl-Kreuzfahrt. Die wollen einfach ihre Ruhe und normal leben."

Und da sind sie den Buam in Kairo und Bengasi doch nicht ganz so fern.


DER SPIEGEL 14/2011
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