04.04.2011

„Das Atomdorf“

Ein Tepco-Mitarbeiter über fehlende Kontrollen der Kraftwerke, die Unternehmenskultur und die Reaktion auf die Katastrophe
Der Text beruht auf einem Telefon-Interview, das auf Japanisch geführt wurde. Weil er den japanischen Medien misstraut, hatte sich der Tepco-Mitarbeiter an einen Blogger gewandt, der ihn an den SPIEGEL weitervermittelte. Dem SPIEGEL ist bekannt, in welcher Abteilung der Angestellte arbeitet, und er hat dessen Identität überprüft.
Wenn meine Kollegen erführen, dass ich mit der Presse spreche, würden sie mich dafür verachten. Sicher ist, dass meine Vorgesetzten mich entlassen würden. Deshalb muss ich anonym bleiben.
Ich arbeite schon sehr lange für Tepco, und immer galt es als ein gutes Unternehmen. Doch wenn ich jetzt zur Arbeit fahre, sehe ich überall - in den Bahnen, auf der Straße - die Schlagzeilen auf den Leuchtreklamen für Zeitschriften: "Tepco ist schlecht, schlecht, schlecht." Das tut weh, denn ich weiß, wie viel es zu kritisieren gibt. Es ist Zeit, mich zu äußern. Meine Ansicht ist: Tepco trägt Schuld am Unfall in Fukushima, aber der Staat ist genauso schuldig.
In den Medien heißt es jetzt, Tepco habe sich auf die Atomkraft versteift. Aber das stimmt nicht. Anfangs war der Staat die treibende Kraft bei der Einführung und dem Ausbau der Atomkraft. Als die Kraftwerke gebaut wurden, waren viele der Sicherheitsvorschriften in der Praxis nicht eindeutig genug, und der Staat, der immer auf den Ausbau der Atomkraft setzte, legte sie zugunsten der Atomindustrie aus.
Ich weiß, dass neue geowissenschaftliche Erkenntnisse zu Erdbeben und Tsunamis ignoriert wurden. Ein Forscher eines staatlichen Instituts hat 2009 vor einem Naturereignis gleichen Ausmaßes wie dem gewarnt, was jetzt passiert ist. Aber die Beamten der Aufsichtsbehörde Nisa haben ihn nicht ernst genommen.
Ohnehin funktioniert die Kontrolle in Japan nicht. Nisa untersteht dem Wirtschaftsministerium, und das Wirtschaftsministerium hat auch das Ziel, die Atomkraft zu fördern. Ist es nicht merkwürdig, dass ein und dieselbe Behörde die Kraftwerke kontrollieren und fördern soll?
Zudem kennen sich die Atomforscher von Industrie und Nisa nur allzu gut. Der Kreis der Atomwissenschaftler ist ganz klein, und viele haben zusammen studiert. Ich habe das an meinem Arbeitsplatz selbst miterlebt.
Die Atomabteilung bei Tepco ist schon eine sehr besondere Gruppe, sie bildet eine verschlossene Welt. Einige nennen sie das "Atomdorf". Es ist ein eigenes Unternehmen im Unternehmen. Auf der praktischen Arbeitsebene gibt es fast keinen Austausch des Atomdorfs mit anderen Tepco-Abteilungen.
Dieses geschlossene Dorf hat sich bisher erlaubt, Daten und Prüfberichte aus Atomkraftwerken zu verbergen, zu fälschen und zu erfinden. 2002 traten deswegen der Präsident und der Vizedirektor zurück. Die neue Spitze von Tepco versucht, das Atomdorf durch Versetzungen und Umstrukturierungen zu öffnen, aber im Grunde ist alles gleich geblieben.
Die Katastrophe in Fukushima muss dazu führen, dass Tepco aufgeräumt wird. Sonst kann die Firma das nicht überleben.
Überall im Unternehmen ist die Stimmung angespannt. Die Manager sind sehr nervös. Bisher fanden deren Besprechungen einmal im Monat statt, nun sitzen sie jeden Morgen zusammen, auch in den Filialen. Mein Vorstand veröffentlicht jeden Tag im Intranet eine Botschaft, mit der er uns aufzumuntern versucht.
Aus dem ganzen Unternehmen werden jetzt Mitarbeiter nach Fukushima entsandt, auch wenn sie gar nicht zur Atomsparte gehören. Sie sind Hilfskräfte, die versuchen, die Stromversorgung wiederherzustellen. Viele arbeiten zum ersten Mal in radioaktiver Umgebung, mit Schutzkleidung und Atemmaske. Oft steht etwas über sie im Intranet.
Bislang kannte ich niemanden persönlich, es waren immer nur Bekannte von Freunden. Aber demnächst wird ein Bekannter von mir dorthin geschickt. Er hat mir gesagt, dass er sich nicht freiwillig gemeldet hat, es war eine Anordnung. Er hat noch keine Ahnung, welche Aufgabe er dort übernehmen soll.
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 14/2011
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