11.04.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDie Verwandlung

Wie ein NPD-Mann zur Landtagskandidatin der Linken wurde
Manchmal, wenn Monika Strub, Mitglied der Linkspartei, abends im Bett liegt und der Schlaf nicht kommen will, denkt sie an ihr früheres, normales Leben. Sie denkt an die Zeit, als sie ein Mann war und Mitglied der NPD.
Es war eine Scheißzeit, denkt Monika Strub.
Monika Strub wurde vor 36 Jahren in einem Dorf in Baden-Württemberg geboren, als Horst Strub. Horsts Eltern trennten sich nach der Geburt, der Vater kümmerte sich nicht, die Mutter beruhigte sich mit Tabletten und wurde abhängig. Das Jugendamt brachte Horst mit drei Jahren in eine Pflegefamilie, so erzählt er. Der Pflegevater erzog ihn mit einem Bambusrohr und sagte, wenn er sich wehre, müsse er zurück zu seiner Mutter. Horst zündete die Vorhänge im Wohnzimmer an.
Als Horst 13 Jahre alt war, hörte seine Mutter auf, Tabletten zu nehmen. Horst durfte nach Hause. Er war glücklich, weil er eine Familie hatte, eine Mutter, die clean war, und einen Stiefvater, der Wellensittiche züchtete. Dann fing der Stiefvater an zu trinken. Er schrie und schlug die Mutter, die Mutter schrie und schlug den Stiefvater. Im Kinderzimmer zog sich Horst das Kissen über die Ohren. So ging es eine Weile. Die Wellensittiche starben.
Horst war unglücklich, weil er seine Geborgenheit im Geschrei verloren hatte. Und er wurde noch unglücklicher, als an seinem Kinn Haare wuchsen. Horst wollte glatte, schöne Haut, wie ein Mädchen.
Die Mitschüler ärgerten ihn, weil er keine Freunde und keine Freundin hatte. Eigentlich hatte Horst niemanden. Er war ein gutes Opfer.
Als er 16 Jahre alt war, bewarfen ihn seine Mitschüler mit Brot. Sie taten das gern, weil Horst sich nie wehrte. Horst schloss die Augen, wartete und hörte eine Stimme. Die Stimme sagte, dass die anderen ihn in Ruhe lassen sollten. Horst schaute auf und sah ein paar Jungs mit abrasierten Haaren.
Seit diesem Tag warf niemand mehr Brot, und Horst hatte Freunde. Die Jungs nahmen ihn mit zur NPD.
Horst ging in Gasthäuser zu Parteitreffen, las Broschüren, trank Pilsner und redete über soziale Gerechtigkeit. Er trat der Partei bei.
Es hätte wohl auch ein Angelverein sein können oder ein Posaunenchor. Inhalte interessierten Horst wenig, es ging ihm um das Gefühl. Bei der NPD hatte er Geborgenheit gefunden.
Horst verteilte Flugblätter, er marschierte auf Demonstrationen. Er nickte, wenn jemand sagte: Ausländer raus. Eigentlich mochte er Ausländer, sagt er heute, aber er wollte seinen Freunden gefallen, und deshalb nickte er. Horst nickte auch, wenn seine Kameraden schlecht über Schwule sprachen, doch das bedrückte ihn. Horst fühlte sich im falschen Körper, er wollte eine Frau sein, er traf sich heimlich mit Männern. Auch seiner Mutter sagte er nichts, sie war katholisch, und irgendwie fehlte der richtige Moment.
Im Jahr 2001 starb die Mutter an einem Herzinfarkt. Horst fiel in eine Depression, und er merkte, dass er da nur rauskommt, wenn er etwas ändern würde. Er schaute auf sein Leben wie auf eine hässliche Skulptur aus Ton. Und er zerstörte sie.
Er ging nicht mehr zu den rasierten Jungs. Er sagte allen, dass er transsexuell sei. Und als die Ärzte Horst zu Monika machten, fragten die Freunde von der Partei nicht mehr nach ihm.
Monika war froh über ihre Brüste, aber ihr fehlte die Geborgenheit der Partei. Sie las viel über Politik, und weil sie Arbeitslosengeld bekam, fühlte sie sich der Linkspartei nah. Außerdem stand die Linkspartei für soziale Gerechtigkeit, und die wünschte sich Monika auch.
Als sie in Freiburg in das Büro der Linkspartei ging und fragte, ob sie dort Mitglied werden könne trotz ihrer Vergangenheit, sagten die Leute aus dem Büro ja. Die Linkspartei schien gut zurechtzukommen mit Vergangenheit.
Monika ging in Gasthäuser zu Parteitreffen, las Broschüren, trank Pilsner und redete über soziale Gerechtigkeit. Sie trat der Partei bei.
Der Zusammenhalt war so stark wie damals bei der NPD, und in der Linkspartei durfte Monika offen über ihre Transsexualität reden. Monika sagt, die Linkspartei sei für sie mittlerweile wie eine Familie.
Es gibt Politiker, die in eine Partei eintreten, weil sie die Welt ändern wollen; es gibt Politiker, die wollen Macht; Monika wollte dazugehören.
Im vergangenen Herbst suchte die Familie einen Landtagskandidaten für den Kreis Emmendingen. Ein Thema im Wahlkampf hieß "Minderheiten schützen". Es ist schwer, mehr Minderheit zu sein als ein dicklicher Ex-Nazi-Transsexueller. Monika war die perfekte Kandidatin.
Sie hatte die hässliche Skulptur umgeformt und sich eine neue Identität getöpfert. Sie fand sich endlich schön.
Bei der Landtagswahl bekam Monika 2,3 Prozent der Stimmen. Wenig, aber sie weiß, es gibt Schlimmeres.
Kurze Zeit nach ihrer Ernennung zur Landtagskandidatin erschienen im Internet Berichte über Monikas Vergangenheit. In Foren nannten die Menschen Monika geisteskrank. Nachts malte jemand ein Hakenkreuz an ihre Haustür.
Monika fürchtet, dass sich die Nazis rächen könnten, weil sie die Seiten gewechselt hat, sie fühlt sich nicht mehr sicher in ihrem Dorf. Sie möchte nach Berlin ziehen. Sie will dort noch mal neu anfangen, sagt sie.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 15/2011
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