18.04.2011

LUXUS

Ein Affront, dass man sterben muss

Der Autor Christian Rickens, 40, über die Welt der Reichen

SPIEGEL: Herr Rickens, Sie haben für Ihr Buch deutsche Millionäre begleitet. Was interessierte Sie an denen?

Rickens: Nach einer Schätzung von Merrill Lynch hat Deutschland, in Dollar gerechnet, 860 000 Millionäre. Und die üben einen erheblichen Einfluss aus. Ich kannte einige aus meinem Beruf als Wirtschaftsjournalist, das hat mir den Zugang erleichtert. Ich habe diese Leute zu Hause oder auf Partys, also im privaten Raum, besucht, weil ich wissen wollte, wie sie ticken.

SPIEGEL: Und, wie ticken sie?

Rickens: Ich habe erlebt, dass sie streitlustiger und selbstbewusster sind als der Rest der Bevölkerung. Das braucht man, um ein Unternehmen zu führen oder in einer Unternehmerfamilie zu bestehen. Millionäre sind machtbewusst. Sie empfinden zwar die Verpflichtung, zum Gemeinwohl beizutragen, aber was das ist, wollen sie selbst bestimmen. Sie spenden eher für Prestige-Objekte wie die Elbphilharmonie in Hamburg als für ein kleines Theater.

SPIEGEL: Hat die Finanzkrise diese Eigenschaften erschüttert?

Rickens: Von tragischen Einzelfällen abgesehen: nein. Die meisten Reichen können mit ihrem Geld sehr gut umgehen. Das trifft auch auf ihre Erben zu. Auch sie sind oft sehr selbstbewusst und behaupten, sie hätten ihr Geld umsichtiger vermehrt als andere.

SPIEGEL: Gibt es typische Sorgen?

Rickens: Reiche leiden oft unter dem Dagobert-Duck-Syndrom. Sie haben Angst, dass man nur ihre Nähe sucht, um ihre Taler wegzunehmen. Also umgeben sie sich gern mit anderen Reichen oder Freunden, die sie kannten, bevor sie reich wurden. Und: Vor dem Tod haben sie Angst. Je toller sie sich fühlen, desto mehr sehen sie es als Affront, dass der Mensch nach 80 Jahren stirbt.

SPIEGEL: Unterscheidet sich neues von altem Geld?

Rickens: Um es in Booten auszudrücken: Die große Motoryacht ist ein Statussymbol der Neureichen, das Oldtimer-Holzboot ist das Statussymbol des alten Geldes.

SPIEGEL: Haben Sie sich wohl gefühlt in dieser Welt?

Rickens: Eher fremd. Auf einem Poloturnier gab es Teilnehmer, die nur Polo spielen, weil sie wissen, dass sich das kaum jemand leisten kann. Das ist schon abgehoben. Andererseits war es rührend, wie der Gründer einer Carport-Firma mir seinen Besitz vorführte, sogar seine achteckige Badewanne.

Christian Rickens: "Ganz oben". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 216 Seiten; 18,95 Euro.

DER SPIEGEL 16/2011
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