18.04.2011

FC Fukushima

Ortstermin: Darf der Fußball-Bundesligaclub 1. FC Nürnberg für Atomkraft werben?
Bernhard Strobel wird seinen großen Auftritt kurz vor Schluss haben. Quasi als Joker. Strobel, Typ Brecher, sitzt auf der Bank, erste Reihe, Baseballkappe mit dem Logo des 1. FC Nürnberg auf dem Kopf, und hört erst mal zu.
Es geht an diesem Abend im Großen Saal des Nürnberger Künstlerhauses um Strobels Fußballverein, den "Club". Genauer gesagt geht es um dessen Trikotsponsor Areva, der alles im Angebot hat, was man als Atomkraftwerksbetreiber so benötigt, Druckwasserreaktoren, Wiederaufarbeitungsanlagen, Uran-Abbau. Die Frage, die diskutiert werden soll, lautet: "Braucht der Fußball Atomkraft? Der Club und Areva - Sponsoring um jeden Preis?" Eingeladen haben natürlich die Grünen.
Die Grünen haben seit Fukushima fast jeden zu einem der ihren gemacht. CDU-Anhänger, CSU, FDP - sind quasi alles Atomkraftgegner. Es fehlen die Fußball-Fans. Die letzte grüne Herausforderung.
Im Saal sind viele Bärte, Beuteltaschen, graue Stricksocken in Sandalen, Anti-AKW-Buttons an Leinensakkos. Dazwischen, auf Schals und Trikots, das dunkle Rot des 1. FC Nürnberg. Die Begegnung des Abends lautet Bartträger gegen Trikotträger, Grüne gegen Fußball-Fans.
Es soll erst mal geklärt werden, wie böse Areva wirklich ist. Drei Jahre lang hat es niemanden gestört, dass "Areva" auf den Trikots stand. Jetzt ist die Stimmung, als stünde "Fukushima" drauf.
Ein dicker Mann mit Zopf lässt Dias, Tabellen, Zitate auf die Leinwand beamen, und was sie erzählen, klingt nicht schön. Areva verdient sein Geld mit Kerntechnik, und scheint auch seine Mitarbeiter schlecht zu behandeln. Wer für Areva in Niger Uran abbaut, erkranke oft an Lungenkrebs. Areva sieht diesen Zusammenhang natürlich nicht.
"Pfui", rufen einige Bartträger. "Pfui Teufel." Strobel, der Fan aus Reihe eins, rutscht unruhig auf seinem Platz herum. Als Areva vor drei Jahren zum Hauptsponsor seines Vereins wurde, war Fukushima ein unbekanntes japanisches Nest und Nürnberg gerade abgestiegen. Niemand wollte dem Club noch Geld geben, das erste Mannschaftsfoto der Saison fand ohne Sponsor statt. Auf den Trikots stand einfach "Nürnberg". Dann kam Areva, es kamen Siege, Wiederaufstieg, momentan Platz sechs. So erfolgreich war Nürnberg lange nicht mehr.
Bislang waren Fußball-Fans recht pflegeleicht. Sie haben "Jägermeister" geschluckt, den ersten Trikotsponsor der Bundesliga. Sie nahmen hin, dass ihr Stadion auf einmal "Signal Iduna Park" hieß oder "EasyCredit Stadion". Das brachte Geld, und Geld schießt Tore. So lautete die Gleichung. Ist jetzt, bei der Atomkraft, eine Grenze erreicht?
Gesellschaftspolitisch trat der Fußball-Fan bislang kaum in Erscheinung. Seine Forderungen beschränkten sich meist darauf, den Bayern die Lederhosen auszuziehen. Die Grundsatzfragen lauteten: Was ist grün und stinkt nach Fisch?
Der Fan, befindet die Moderatorin, interessiere sich vor allem für Fußball. "Und fürs Saufen", ruft ein Mann mit türkisfarbener Windjacke, auf der "Gesellschaft für bedrohte Völker" steht. Und plötzlich kommt Tempo ins Spiel. Hinten im Raum springt ein Grüner auf und ruft "Tschuldigung, ihr Fans. Ist es wirklich so, dass ihr ins Stadion geht, das Hirn ausschaltet und wieder nach Hause geht? Also ich find das nur noch unmöglich!"
Jetzt steht Strobel auf, zupft sich die Club-Kappe zurecht und greift zum Mikrofon. Seit 1970 hat er sich jedes Trikot gekauft, auch das neue mit "Areva". Er ist Besitzer eine Heim-Dauerkarte, Block sechs, und einer Auswärtsdauerkarte. In den letzten zehn Jahren hat er nur zwei Spiele des 1. FC Nürnberg verpasst.
"Mir ist doch wurscht, was bei denen auf der Brust steht", sagt Strobel. "Mir ist auch wurscht, was die sich auf den Arsch tätowieren. Ich will Fußball sehen." Buhrufe, eine Frau springt auf: "Ach, und wer das finanziert, ist dir egal?", schreit sie. "Ob das Geld schmutzig ist, ist dir egal?"
"Wir können unser Stadion natürlich wieder Frankenstadion nennen statt EasyCredit", sagt Strobel. "Wir können auch wieder Nürnberg auf die Brust schreiben. Is alles möglich. Aber dann spielen wir bald in der 6. Liga." "Richtig"-Rufe der Fans. "Man muss doch fragen, wo das Geld herkommt für die Stürmer", ruft die Frau, "die Tore sind erwirtschaftet auf dem Rücken von den armen Leuten in Niger." Im Fernsehen würde man jetzt vom Spiel auf ein Tor sprechen.
Es gibt Atomkraftgegner unter Fußball-Fans. Es gibt Fußfall-Fans unter Atomkraftgegnern. Und das gute Gewissen hat im Kapitalismus fast immer einen Preis. Die Fußball-Nationalmannschaft hat mal für Bitburger Bier geworben. Werbung für Alkohol gehört sich aber nicht mehr. Jetzt wirbt sie für Bitburger alkoholfrei. Mit Areva geht das nicht. Es gibt keine uranfreie Atomkraft. Fußball ist geil, nicht grün. In Nürnberg wird es keine großen Fan-Proteste geben. Und die Vereinsführung hat mit Areva kein Problem.
Der Saal lehrt sich jetzt langsam, einige wollen noch die zweite Halbzeit des Champions-League-Viertelfinales sehen. Dort spielt Inter Mailand gegen Schalke. Pirelli gegen Gazprom.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 16/2011
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