18.04.2011

Der Prinz und das Mädchen

Von Evers, Marco und Matussek, Matthias

Mitten in Großbritanniens Wirtschaftskrise heiraten William Windsor und Kate Middleton - zum Wohle der Monarchie und zum Entzücken von Milliarden, die für einen Tag an ein Märchen glauben wollen.

"Und was haben Könige, das der gemeine Mann nicht hat / es sei denn Zeremonien, die großen Zeremonien"

Shakespeare, "Heinrich V."

Wie es wohl ist, Märchenfigur zu sein? Wie lebt es sich in einem Traum? Ist es nicht grotesk, dafür sorgen zu müssen, dass die Gutenachtgeschichte, die hier im Abendlicht der Menschheit gegeben wird, genau so erzählt wird, wie es Kinder wollen, eben richtig?

Also: Der Prinz nimmt das Mädchen aus dem Volk zu sich aufs Schloss, um für immer glücklich zu sein, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Und - pscht - wenigstens für ein paar Stunden gibt es keine explodierenden Reaktoren mehr, keine libyschen Blutsäufer mit ihren Bunkertiraden, keinen Gefechtslärm, leise, ein versöhntes Lächeln in den krisenerschöpften Gesichtern, nur einen Tag lang die Illusion, alles wird gut.

Man darf sich wohl nicht mit der Rolle verwechseln, man muss bei alldem wach bleiben, dann geht das. Und die beiden hier sind hellwach. Prinz William, 28, ist Hubschrauberpilot, und Kate Middleton, 29, die künftige Prinzessin, stammt zwar nicht gerade aus dem Volke, aber doch von ganz gewöhnlichen, grundsoliden Selfmade-Millionären ab, die arbeiten.

Sie wissen, es ist ein Job, und doch mehr als das, es ist eine der Lebensaufgaben der "Firma", wie die Windsors sich selbst nennen, genau diese Geschichten zu produzieren, wetterfeste Schausteller, die sie längst sind.

Wer Prinz William mal mit seinem Bruder Harry beim Polo erlebt hat, weiß, der Junge ist robust. Bisweilen hat er viel gefeiert, aber seine Freundin hat ihn in der Spur gehalten, eine Mountainbikerin, schüttelfest, auch wenn die Piste mal rau ist. Die beiden werden genau das abliefern, was von ihnen erwartet wird, und es wird von Dauer sein.

Damit alles seine Ordnung hat da draußen und richtig wird, wenn "Wills" am 29. April seine Kate in London zum Altar führt, ist der Tag frei fürs Volk. Die Dauerprotestierer vor dem Parlament sollen verjagt werden, und der anglikanische Bischof, der über die beiden witzelte, wurde kurzfristig suspendiert. Nation und Krone machen gute Miene fürs Familienfoto, vor Millionen in London und geschätzten drei Milliarden TV-Zuschauern sowie weiteren Ungezählten im Internet.

Ein alberner Zauber, sicherlich, aber offenbar so was von notwendig: Eine weltweite Sehnsucht meldet sich da, ein Bedürfnis nach Anlehnung an eine vormoderne Institution in unruhigen Zeiten.

Während britische Soldaten in Afghanistan die Demokratie herbeizwingen wollen und den libyschen Diktator Gaddafi wegbombardieren, werden bald tausend ihrer Kameraden in London Spalier stehen, um das Gegenteil, die Monarchie, zu feiern - ihr Kamerad und dereinstiger König wird niemals in sein Amt gewählt. William ist William, qua Geburt.

Das mag falsch sein, aber erstens war es in Großbritannien schon immer so, mindestens seit dem ersten William vor knapp tausend Jahren. Zweitens ist die Regierung längst demokratisch gewählt und die Figur auf dem Thron pure Erbauung. Und drittens gilt das Wort von Oscar Wilde: Tatsachen haben nicht die geringste Bedeutung. Hier geht es nicht um Argumente, sondern um Emotion, nicht um den realen Staat, sondern um den gefühlten.

Kein Land der Welt versteht es, den so hinreißend zu inszenieren wie Großbritannien, dank seiner Monarchie, mit der es sich streckt und Haltung annimmt.

Die Krone bringt auf magische Weise alle zusammen, den Milliardär aus Chelsea, die Arbeitslose aus Leeds, den Sikh aus Birmingham. "Monarchie und Britishness", sagt Tristram Hunt, 36, Historiker und prominenter Labour-Abgeordneter, "gehen Hand in Hand, jetzt sogar noch mehr als vor wenigen Jahren."

Die Monarchie-Firma Windsor: neun Schlösser, 1200 Angestellte, Jahresetat 38,2 Millionen Pfund aus Steuermitteln, nebst eigenen beträchtlichen Einkünften. Das Personal? Da ist die heroische 84-jährige Firmenchefin mit ihrem Lächeln aus Diamant und Gusseisen. Das Motto von Queen Elizabeth: Nicht jammern, nichts erklären. Ein weiteres: "Man kann viel erreichen, wenn man richtig angezogen ist." Sie liebt kräftige Farben wie Veilchenblau und Pink und kauft immer genug Tuch davon, dass es für Hut und Mantel reicht.

An ihrer Seite Philip, der 89-jährige Gemahl, kernig angetrottelt, mit einer formidablen Schwäche für Whisky, Uniformen und Truppenbesuche. Und für geschmacklose Witze. "Der sieht aus wie Plumpudding", ließ er wissen, als sein Sohn Charles, der Thronfolger, zur Welt kam. Oder, nach einem Chinabesuch: "Die essen da unten alles, was vier Beine hat und kein Stuhl ist." Er wird vom Stamm der Yaohnanen auf der Pazifikinsel Tanna als Gott verehrt.

Elizabeth und Philip sind die Letzten ihrer Art. Sie ragen aus dem untergegangenen British Empire herein und eigentlich aus uralten Zeiten. Sie stehen für Pflicht und Protokoll.

Dann die typisch missratene zweite Generation, die Kinderschar, eine exzentrische Skandalriege, drei von vier geschieden, teilweise spektakulär. Abgehörter Telefonsex, Tränenszenen, Intrigen, Affären, Halbweltfreunde, alles drin. Früher spiegelte Monarchie britische Familienwerte, jetzt ihren Zerfall.

Die Enkel, immerhin. Die eiserne Oma mag sie. Selbst der Jüngere, Harry, scheint sich nach einigem Party-Remmidemmi in Chelseas Pubs gefangen zu haben. Der Ältere, William, ist ein Wunder an Normalität, Sonnyboy, gutmütig wie Porridge. Beide dienen. Gute Jungs.

Mit dem jungen Windsor bringt sich eine der ältesten Monarchien der Welt gegen die digitalisierte neue Zeit in Stellung, die vertikale Ordnung gegen die horizontale Unübersichtlichkeit, das steife Kreuz gegen die flexible Persönlichkeit mit ihrem Opportunismus. Festgemauerte solide tausend Jahre sollen sich da gegen die Trivialisierungen der Moderne stemmen.

Der Witz: Die Monarchie muss mitlaufen, um zu überleben. Die Hochzeit soll ein weiterer Meilenstein britischer Spektakelmonarchie werden. Die geschätzten Kosten von 25 Millionen Euro für die Sicherheitsmaßnahmen werden gegengerechnet mit 730 Millionen Sondereinnahmen aus Tourismus und Royal-Souvenirs vom Geschirrtuch bis zur Kotztüte. Sowie einem unschätzbaren Reputationsgewinn und nationalen Motivationsschub.

Noch ein jugendfrohes Fest also für die Monarchie, bitte, bevor die traurigen Anlässe kommen, Begräbnisse etwa und dann die unvermeidliche Thronbesteigung von Charles, einem exzentrischen Brüter mit esoterischen Ticks und einer Schwäche für den Islam. Was wird dann wohl werden? Vor diesem König, das haben Commonwealth-Staaten wie Australien und Kanada jetzt schon angedeutet, werden sie sich nicht mehr verneigen wollen.

Nein, die Jungen müssen die Monarchie jetzt in die neue Zeit heben. Und sie brauchen das Volk als Verbündeten, sicher, eine launische Affäre, doch immerhin, nach den letzten Pulsmessungen der Demoskopen wünschen sich 78 Prozent der jungen Frauen Prinz William als König. Keine gute Zeit für Republikaner.

Graham Smith ist deren Chef. Er ist 36, Single und betreibt die antiroyalistische Propaganda hauptberuflich, als Einziger im ganzen Königreich. Früher stand darauf Verbannung nach Australien.

Früher hatte Smith eine Weile studiert und war durch die Welt gereist. Smith bewohnt ein bescheidenes Zwei-Zimmer-Apartment hinter der Tower Bridge. Im Regal stehen Action-DVDs und Bücher von Richard Dawkins über die Gefahren der Religion. Dawkins ist Unterstützer der "Republicans", wie rund 14 000 weitere Bürger des Landes.

Am 29. April werden einige von ihnen gegen die Millionen anfeiern, auf einem Straßenfest mit Bier und Barbecue, gemeinsam mit republikanischen Delegierten aus Schweden und Norwegen, aus Belgien und Holland.

"Wir brauchen eine Konstitution wie andere Länder auch", sagt Smith. Ach ja? Aber um Himmels willen, wer auf der Insel des Linksverkehrs und der Männerröcke will sein wie jedes andere Land? Genaue Antwort: 18 Prozent. Haben Befragungen ergeben. Da ist erst mal keine Mehrheit in Sicht. Aber, so Smith, ewig werde es die Queen nicht machen. "Mit Charles kommt unsere große Chance."

Charles ist 62 und spricht mit Pflanzen. Er deckt Minister mit handgeschriebenen Briefen ein, um ihnen zu sagen, was sie zu tun haben. Er lässt das Gemüse in seinem Lieblingsmineralwasser dünsten und mag keine moderne Architektur. Er wird, wenn überhaupt, erst im hohen Rentenalter den Thron besteigen, denn die Queen denkt gar nicht daran zu schwächeln.

"Sie hat diese gemeine Seite", sagt ein Taxifahrer auf dem Weg zum Palast gut gelaunt, "sie lässt Charles warten." Aber auch der anglikanischen Kirche ist Charles suspekt, und als König wäre er deren Oberhaupt. Er ist geschieden und mit einer Geschiedenen wiederverheiratet, was kein Beinbruch wäre, könnte man einwenden, bei einer Kirche, die, so ein derber irischer Spottvers, "auf den Eiern eines Königs gegründet wurde". Bekanntermaßen gründete Heinrich VIII. die Staatskirche, weil ihm der Papst die Anerkennung der Ehe mit Anne Boleyn verweigerte.

Doch etwas anderes ist störender: Charles möchte nicht mehr "defender of the faith" sein, sondern nur noch "defender of faith". Also nicht mehr Verteidiger des rechten Glaubens, sondern einfach des Glaubens, egal, welcher das ist.

Das Oberhaupt der Anglikaner will also den eigenen Glauben verteidigen wie den der Muslime, der Baptisten, der Juden, der Katholiken? Kann der Papst auch evangelisch sein wollen?

Seine jüngste Idee klingt dann noch radikaler und durchaus sympathisch. Er will "für den Rest meines Lebens" vor allem eines sein - "defender of nature".

Schon immer hat die Monarchie die Medien zu nutzen gewusst, und nun kommt das Internet hinzu: Wer "Royal Wedding" googelt, bekommt 65 Millionen Nennungen in 0,05 Sekunden.

Bereits die Homestorys aus Queen Victorias Wohnzimmer im 19. Jahrhundert waren klug eingesetzte Umarmungen der Nation in bürgerlich-satter Behaglichkeit.

Dann die patriotischen Wir-Appelle im Radio zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, die Stotter-Reden von George VI., dem Vater der amtierenden Queen, der Kampf gegen die Nazis und gegen den Sprachfehler, beide gewonnen, noch einmal glorifiziert im Oscar-Abräumer "The King's Speech" und immer noch strahlkräftig.

Unterschlagen hat der Film, dass Georges Bruder Edward mit den Nazis sympathisierte. Man spricht ungern darüber. Dafür gab es 1995 zur 50. Wiederkehr des VE-Day, des Siegestags über Hitler-Deutschland, eine gigantische nächtliche Dia-Show auf der Palastfassade - da wurden Fotos der königlichen Familie im patriotischen Kriegseinsatz projiziert, schon um nachträgliche Zweifel zu zerstreuen.

Zu Beginn der TV-Ära lieferte die Krönung Elizabeths II. 1953 schwarzweiße Bilder in die Nachkriegshaushalte, jugendfrischen Aufbruch für eine ausgepumpte Nation, mit Zepter und Hermelin und stolz zu Pferde. Überhaupt Pferde: Am Morgen ihrer Krönung wurde sie von einer Hofdame gefragt, ob sie nervös sei. "Natürlich", antwortete Elizabeth, "aber ich glaube, dass Aureole gewinnen wird." Aureole war ihr Pferd, das im Derby starten sollte, und ihre Antwort eindeutig der Inbegriff des Cool!

Sie hat alles gesehen, die Queen, alles überdauert, den Zusammenbruch des Empire, die Suez-Krise, die Beatles, die Streiks, die Sex Pistols, "Big Brother", sie hat sich mit bewundernswerter Unerschütterlichkeit durch die Einweihung von Spitälern und Unterführungen gelächelt und Selbstgemaltes von nigerianischen oder neuseeländischen Untertanen oder resozialisierten Drogenabhängigen entgegengenommen.

Und vor allem hat sie Diana überstanden, die unberechenbare Supernova.

Deren Regentschaft begann 1981 vor 750 Millionen TV-Zuschauern, in globaler Verzückung über die "Märchenhochzeit", einem großen Leuchten in der Wirtschaftskrise. Die Westminster Abbey war nicht groß genug, die gigantische St. Paul's Cathedral musste her. Von ihr selbst weiß man es: Diana schritt zum Opferblock.

Ihr Erröten, ihr Versprecher, als sie die Vornamen ihres Gemahls durcheinanderbrachte, und die acht Meter lange, mit zehntausend Perlen bestickte Schleppe, das waren trotz des anglikanischen Staatsaktes eine Disney-Produktion für die Aschenputtel dieser Welt.

Doch der Pakt mit dem Publikum lief aus dem Ruder, die Helden patzten, sie spielten einen anderen düsteren Film weiter, nämlich die königliche Version der "Gefährlichen Liebschaften". Zwei ältere Ehebrecher - Charles und seine Jugendliebe Camilla - spielten Pingpong mit einer jungen Schönen. Und wie die sich rächte!

Diana durchbrach die royale Schweige-Etikette des "don't complain, don't explain", sie jammerte, sie lancierte Indiskretionen, sie erklärte sich öffentlich, sie holte sich Hilfe bei den Couch-Potatoes dieser Welt. Als sie dann 1997 tödlich in Paris im Tunnel verunglückte, schlug über dem Palast eine Woge hysterischer Anteilnahme zusammen, Tonnen von rosa Teddys wurden vor den Toren abgelegt in stummem Protest gegen das Haus Windsor. Das Volk holte sich Schneewittchen zurück, im Glassarg.

Die um Nüchternheit und Würde bemühte Queen sah nicht gut aus, damals. Die Monarchie war in Gefahr. Doch sie überstand auch diesen Schwachsinnsanfall der Untertanen.

Nun wird Dianas Sohn das nächste Kapitel bestreiten, ein erneuter Modernisierungsversuch. Er ist der Junge, der hinter ihrem Sarg lief. Der vom Publikum Erkorene, der Thronfolger der Herzen. Was für eine Geschichte: Der Prinz beugt sich nieder zu einer Bürgerlichen.

Bis dahin möge sich, wenn es nach der Regierung geht, alles bitte schön nur noch darum drehen, ob, wie im Märchen, der Schuh passt und, vor allem, wie der aussehen wird.

1981 war Premier David Cameron 14 und übernachtete im Hyde Park, um Dianas Kutschenfahrt nicht zu verpassen. Von der Magie der Royals weiß er alles, weshalb er, Vertrauten zufolge, "auf den Tisch gehämmert hat vor Freude", als er von der Verlobung von William und Kate hörte. Das Land kann, nach einem Jahr Tory-Regierung, eine Verschnaufpause gebrauchen.

Schon vor Monaten hatten Londoner Studenten wegen erhöhter Studiengebühren randaliert und dabei billigend in Kauf genommen, dass die Limousine von Prinz Charles und Herzogin Camilla auf dem Weg ins Theater unschön eingekeilt wurde. Was allerdings gar nicht gut ankam im Volke.

Doch nun sind gute 400 000 auf die Straße gegangen, um gegen die Sparbeschlüsse der Regierung zu demonstrieren und gegen die Pläne, das Land umzubauen und den Staat zu verschlanken. Deshalb bedeutet diese Hochzeit auch Auszeit. Ein paar Tage lang kein Streikgerede, keine Politik, keine Flügelkämpfe.

Nun kommt es auf die beiden an und natürlich auf ihre Coaches und diplomatischen Berater und den ganzen Hof, alles richtig zu machen.

Die Einladungsliste! Sollte man die rehabilitierten Drogensüchtigen aus der Showbranche streichen oder drinlassen? Das ehemalige It-Girl und Charles' Patentochter Tara Palmer-Tomkinson will sich eigens eine neue Nase bauen lassen. Die Beckhams sind gesetzt, aber Michelle Obama? Was ist mit dem Kneipenwirt aus Wales, was mit den Freunden der bürgerlichen Eltern, was mit Fergie, der von Prinz Andrew geschiedenen Skandalnudel?

Die ganze Welt ist Protokollchef. Und wacht mit Argusaugen. Und nickt gutmütig, denn schon bei seinem Heiratsantrag hatte William alles richtig gemacht. Er hatte seiner Kate als Verlobungsring den legendären Saphir der Mutter angesteckt, und sie lächelte, das in erster Linie.

Sie wird sich anstrengen müssen, denn die Vorgabe ist sternenhoch. Heilige Diana, schneeweißer Schwan. Eine Bedingung erfüllt sie schon mal: Sie ist nicht katholisch. Allerdings, dass sie jungfräulich vor den Altar treten wird, nun, das klappt ja nun nicht mehr. Aber dafür verspricht sie, nach achtjähriger Wartezeit, größere seelische Beständigkeit.

Ihre Eltern, früher im Airline-Business (Stewardess, Flugdienstleiter), haben es mit einem Versandhandel für Partybedarf zu Millionären gebracht. Einer der Erfolgsartikel: Prinzessinnenkleidung für Puppen. Das brachte genug Kleingeld, um die Älteste auf die St. Andrews-University nach Schottland zu schicken, aufs erfolgreichste britische Eheanbahnungsinstitut.

Kate belegte Kunstgeschichte, das Fach, das jedem klarmacht: Ich werde nie in meinem Leben arbeiten müssen. Es traf sich, dass William das Gleiche studierte. Sie mag Sport. Er auch. Er mag Polo. Sie hat sich, trotz einer Pferdehaar-Allergie, daran gewöhnt. Sie teilen, wie es heißt, "den gleichen Sinn für Humor". Das ist mehr, als Charles und Diana je hatten.

Schon die Brautwerbung war ja eher Sitcom als Märchen, eher "Friends" als Dornröschen, eigentlich ein ziemlich durchschaubarer Akt, buchstäblich: Auf dem Laufsteg an der Uni eroberte sie ihn, sie trug etwas durchsichtiges Schwarzes, und er murmelte: "She's hot." Was man so sagt, wenn man stiert.

Allerdings ist das dann doch auch regelrecht feurig, wenn man es mit dem Papa vergleicht, der vor seiner Hochzeit auf die Frage, ob er seine Diana liebe, abgründig grinste und näselte: "Was immer man unter Liebe versteht."

Hier also liegen die beiden Jungen vorn. Sie leben zurückgezogen in einem kleinen Cottage auf der walisischen Insel Anglesey, allüren- und skandalfrei. Milch und Brot im dörflichen Kramladen, sie isst gern Linguine im Pub, er steht auf Fish 'n' Chips.

Beide sind intellektueller Leidenschaften unverdächtig. Seine Magisterarbeit schrieb er über Korallenriffe. Danach absolvierte er eine militärische Hubschrauber-Ausbildung und engagierte sich für die Bergwacht, die Aids- und die Obdachlosenhilfe. Um zu begreifen, wie das Leben als Penner ist, verbrachte er tatsächlich eine Nacht auf Londons Straßen.

2008 wurde er von der Großmutter in den Hosenbandorden, den ältesten und vornehmsten Ritterorden der Welt, aufgenommen. Kates größte Auszeichnung bisher: der 8. Platz in der "Tatler"-Liste der einflussreichsten Mode-Ikonen.

Doch beide machten eine gute Figur bei ihrem ersten gemeinsamen offiziellen Auftritt in Wales. Er sympathisch flapsig, sie lächelte noch entzückender als sonst, und das sogar, als ein graubärtiger Trottel versuchte, sie über die Absperrung hinweg zu küssen.

In ihrer brünetten Mähne hatte sich in der steifen Küstenbrise ein Vogel verfangen, wie das ganzseitige Foto der "Times" erkennen ließ, doch innen, im Leitartikel, konnte Entwarnung gegeben werden: Es handelte sich um einen Hut, eine Federkreation von Vivien Sheriff für 180 Pfund aufwärts.

Sicher, die Libyen-Sache sieht nicht gut aus in diesen Tagen, die Nation muss in den Krieg ziehen, das schreiben alle, aber erst mal das Wichtigste: Den Fischgrätenmantel hatte sie tatsächlich schon einmal getragen, wusste eine "Times"-Reporterin in atemloser Begeisterung zu berichten, und zwar beim Cheltenham Gold Cup 2006. Da war er gute 20 Zentimeter länger.

Die Prinzessinguckerinnen jubelten, "hin-rei-ßend!", denn durch die Mantelkürzung wurden nicht nur die Beine betont und optisch gestreckt, sondern es wurde gleichzeitig einer eisernen Regel der sparsamen Schwiegeroma-Königin entsprochen, die es gernhat, wenn abgetragene Kleidungsstücke wiederverwendet werden. Das sind nun mal ihre Werte, die der Kriegs- und Wiederaufbaugeneration.

Allgemeines Glück. Kate war die Quadratur des Kreises gelungen, denn sie war gleichzeitig sexy und wertkonservativ - sie hatte es richtig gemacht.

Ach so, Anlass war die Einweihung eines Rettungsboots.

Ansonsten auf der "Times"-Titelseite: Gaddafi lässt seine Söldner weiterhin das Volk zusammenschießen.

Doch irgendwie schien auch der Irre im braunen Burnus nicht ganz bei der Sache, sondern in Gedanken bei der britischen Monarchie zu sein. Am Tag zuvor hatte er in ein Telefon gebellt, dass er an den Leichenbergen vor der Haustür nun wirklich nicht schuld sei, er sei so machtlos wie die Queen, tatsächlich, wie die Queen von England, er habe … ähm ja, "nur moralische Autorität", und das hörte sich dann schon sehr bizarr an und sah mit dem wirren Haar und dem Wallekleid aus wie ein düsteres Splatter-Movie, tatsächlich wie die "Trümmertranse von Tripolis" (ZDF-"heute-show"), Endspiel im Blutrausch.

In den folgenden Wochen zeigt der Königin Luftwaffe dem libyschen Colonel, was eine Harke ist, ohne dass diese direkt gefragt wurde, ihr Einverständnis wurde vorausgesetzt. Sagen darf sie ja nichts von Belang. Dafür mischt sich die Luftwaffe auch nicht in die Menüfolge ein, das ist der Deal.

Nie käme die Königin auf die Idee zu dekretieren, was nach England gehört und was nicht. In ihrem Reich geht die Sonne nicht unter. Sie äußert sich nicht zur Politik, außer wenn sie einmal im Jahr mit Krone und Schleppe im Parlament vorbeischaut und vorliest, was der Premier ihr aufschreiben ließ. Da geht es dann ums Bild, um ein semisakrales Kostümspiel der Politik, um die ewige Ordnung.

Eine der großen Sorgen ist die, dass der eventuelle Thronfolger Charles meinungsaktiver sein könnte, als es einem König zukäme. Schon jetzt gibt er ungefragt seinen Senf zu Landbau und Architektur und Religion ab, sicherlich hat er auch eine Meinung zu Krieg und Frieden, da könnte er, vermuten manche, einen Westerwelle nach dem anderen bauen.

Nein, die konstitutionelle Monarchie ist seit der "Glorious Revolution" von 1688, die in England den Absolutismus beseitigte, nicht mehr im Parteiengeschäft, sondern ausschließlich im "Happiness Business" unterwegs, wie es der widerwillig faszinierte Polit-Moderator Jeremy Paxman in seinem Buch "On Royalty" nennt.

Berühmte Szene: Edward VIII. besucht in den dreißiger Jahren ein heruntergekommenes Stahlrevier in Südwales, große Armut, Hunderte Arbeitslose, er sagt mit tiefem Mitgefühl: "Es muss etwas getan werden", und die Leute feiern ihn wie einen Helden.

Er sagt nicht, was getan werden müsse oder von wem, es genügt, dass er spricht.

Die Begeisterung, die Monarchen auslösen, wo immer sie auftreten, ist übrigens auch ein unausgesprochener Wettbewerb von öffentlichen Akteuren, wie der kanadische Psychologe Percy Black bemerkte. Auch das Volk tritt ja auf bei solchen Gelegenheiten. Es strengt sich an. Es möchte vom Monarchen geliebt werden, möchte belohnt werden durch ein Lächeln. Im Fernsehzeitalter eröffnet der Jubel einen unendlichen Echoraum, denn an den Jubelbildern berauschen sich die Untertanen aufs Neue, wie beim Eigenblut-Doping, bis die Begeisterungswelle milliardenfach um den Globus schwappt.

Knapp tausend Termine nehmen die Royals jährlich wahr, 200 bis 300 Briefe erreichen die Queen täglich. Sie ist oft die letzte, die höchste Instanz, und die Briefe sind nicht selten geschriebene Bittgebete. Noch in den sechziger Jahren glaubte ein Drittel der Briten, die Queen sei von Gott eingesetzt.

Seit mit der industriellen Revolution die Idee des Heiligen verschwunden ist, so Paxman, sei "die Monarchie nahezu die letzte Institution im Land, der noch Mystik anhaftet". Schon die Porträts der legendären Elizabeth I. waren Ikonen. Doch auch nach Lady Di's Tod zeigte sich, wie eng das monarchistische Gefühl mit dem quasireligiösen zusammengehen kann - in dem gewaltigen Ausbruch der Anbetungswut, in der spontanen Heiligsprechung Dianas durch die Straße.

Vielleicht sind wir also genauer, wenn wir vom Magie- und vom Empathie-Business reden, und darin sind sie ungeschlagen, die Royals. Queen Elizabeth ist Schirmherrin von rund tausend Wohltätigkeitsorganisationen, Charles kümmert sich mit seinem "Prince's Trust" um Benachteiligte, die Barmherzigkeitsfotos von Diana mit aidskranken Kindern sind legendär.

William hat sich auch hier längst warmgespielt. Jüngst war er zu einem offiziellen Besuch im erdbebenzerstörten Christchurch in Neuseeland, wo er mitfühlende Worte für die Commonwealth-Untertanen fand, seine Nase nach Landessitte mit der eines eingeborenen Häuptlings rubbelte und seine Version von "Es muss etwas getan werden" hinterließ.

Mit Hundertschaften werden deutsche Sender nach London einfallen, ARD, ZDF, RTL, Sat.1, N-tv, N24, die deutsche Faszination an der Hochzeit ist gewaltig. Der britische Historiker David Starkey meint eine Erklärung zu haben: "Unsere Monarchie ist deutsch." Ach, als wüsste das heutzutage jemand, als spielte das überhaupt eine Rolle - aber wir hören gern rein!

Starkey, klein und brillant und schwul, sitzt zum High Tea in einem Empire-Sessel im Salon des Lanesborough Hotel am Hyde Park. Eine Untersuchung ergab, dass der häufigste britische Traum darin besteht, mit der Königin Tee zu trinken. Starkey trinkt Champagner an diesem Nachmittag und bringt jene Mischung aus Gelehrsamkeit und angeschickerter Spottlust mit, die ein Royal-Experte fürs Fernsehen haben muss.

Geboren wurde er 1945 und ist damit, wie er sagt, "the finest product of Britain's finest hour", und mit der glänzendsten Stunde ist natürlich der Sieg über Nazi-Deutschland gemeint. Und dann erzählt Starkey, wie die britische Monarchie ihr Deutschtum abstreifte, das ihr anhaftete, seit die Hannoveraner 1714 übernahmen und nach ihnen das Haus Sachsen-Coburg-Gotha, das Bismarck wegen dessen Fruchtbarkeit "den Stutenhof Europas" nannte.

Königin Victoria sprach Deutsch mit ihrem Gatten Albert, ihr Englisch hatte einen deutschen Akzent, Kaiser Wilhelm II. war ihr Lieblingsenkel, der Flottenchef war deutsch, "da musste etwas geschehen, spätestens mit dem Ersten Weltkrieg".

Ein neues Firmenschild musste her. Inoffizielle Tests durch George V. ergaben, dass sich "Windsor" vorzüglich eigne. Windsor klang englisch, es hatte einen

Hauch Shakespeare, und es lieferte die Vorlage für das einzige gelungene Bonmot, das je von Kaiser Wilhelm überliefert wurde.

Nämlich? Starkeys Augen hinter der gefleckten Hornbrille funkeln: "Er sagte, nun sei er gespannt auf die nächste Aufführung der ,Lustigen Weiber von Sachsen-Coburg-Gotha'." Bruhaha! Die Gäste im Salon schauen verstört auf. Nein, dieser Kaiser mit der Pickelhaube ist aber auch zu köstlich!

Ansonsten, so Starkey, hätten erst die Deutschen der zutiefst romantischen britischen Monarchie den Standesdünkel verpasst. Und die hässlichen Prinzessinnen. Allmählich aber erhole sie sich davon.

Ausgerechnet die nüchternen Briten sentimental? Aber wie! Aus romantischen Gründen ist Starkey Monarchist. Monarchie ist Poesie, und ohne Poesie komme auch die Politik nicht aus. Selbst Demokratien wie die amerikanische wissen das. Deshalb die Fahnen, deshalb die Salutschüsse, deshalb das Weiße Haus im Glanz und George Bush einstmals nervös wie ein Pennäler, als die Queen auf Staatsbesuch kam.

Die Briten turnen vor.

"Wir sind das Spektakel für die ganze Welt."

"Wir hätten gerade beinahe einen König in Deutschland gehabt."

"Ach ja?" Starkey ist interessiert.

"Leider ist er über eine gefälschte Doktorarbeit gestolpert."

"Ein König braucht keinen Doktor", sagt Starkey. "Unsere Queen hat einen Abschluss als Kfz-Mechanikerin."

Im Grunde müssen Könige nur drei Dinge beherrschen, belehrte einst König Umberto von Italien seinen Sohn: ein Pferd besteigen, vorlesen, Sachen unterschreiben. Verschollene Kulturtechniken. Alle drei.

"Wussten Sie, dass sich Kate Middleton auf eine Mätresse von Heinrich VIII. zurückverfolgen lässt?" Nein, wirklich? Das ist dann doch auch für uns um einiges spannender als Birgit Homburgers Königsmord an Westerwelle in der Job-Center-Bestuhlung Berlins.

Neben allem anderen liefert die Monarchie Geschichte und Geschichten, farbigen Klatsch, den Starkey einfach parat haben muss, wenn er für die CBS mit Hunderten anderer Kommentatoren aus aller Welt den peniblen Vollzug des Hochzeitsrituals auszuschmücken beauftragt ist. Alle sehen die gleichen Bilder.

Da taucht das Auto mit der Braut auf. Da steigt sie aus. Da gehen sie zum Altar. Da, das Kleid. Da, er trägt Uniform. Jetzt geben sie sich das Jawort. Und da fahren sie mit der Kutsche zurück. Und da, wahrscheinlich um 13.30 Uhr Ortszeit, das Kuss-Finale auf dem Balkon des Buckingham Palace.

Das muss gestemmt werden, rhetorisch. Da kommt es auf Hintergrundwissen an, etwa wer der Designer des Hochzeitskleides ist. Das bestgehütete Geheimnis bis dato, Gott sei Dank, denn das allein wird genug geflüsterten Gesprächsstoff für jene Stunden liefern, wenn die langweiligen Standbilder aus der Kirche (Messe und ähnlicher frommer Kram) abgebrüht zugequatscht werden müssen.

Vorbereitung ist alles. Warum nicht jene Frau aufsuchen, die schon das legendäre Verlobungskleid zu verantworten hatte, jenen leuchtend blauen, taillenbetonten Fummel, in dem sich Kate Middleton als Verlobte präsentieren ließ?

Daniella Helayels Werkstatt liegt am Themse-Ufer, nicht weit von "Boujis" oder anderen Wasserlöchern von Models, Fußballern und Prinzen. Ein Dachatelier am Wharf, ein großer weißer Raum, leergeräumte Kleiderstangen und unter den Modebüchern eines über die Prinzensöhne. "Sie wird nichts sagen", warnt Coco, ihre unendlich langbeinige Assistentin.

Daniella wohnt um die Ecke, ein hübsches Townhouse, die Köchin kocht Feijoada, die beiden Miniterrier purzeln durcheinander. Daniellas Shirt ist durchgeschwitzt vom Joggen. Ihr Lächeln hat Grübchen. Sie wird ihre Firma "Issa" vergrößern. Das Leben ist schön und die Mode ein Riesenabenteuer, wenn man Prinzessinnen einkleiden kann.

Daniella kam in den Neunzigern aus Rio über New York nach London, die Stadt der Städte. Eine Selfmade-Story. Von unten in die Top-Etage der Party-Aristokratie. Gerade hat sie die Kostüme für einen Film von Madonna gefertigt, über die Amerikanerin Wallis Simpson, für die Edward VIII. den Königsthron aufgab. Deren Eleganz hat sie für ihre neue Kollektion übernommen. Sie nennt es "Celebrity Dressing".

Wallis Simpson hatte ihren Edward gut abgerichtet, er machte Männchen, wenn er um Feuer für seine Zigarette bat. Ein König als Celebrity-Wauwau, das sind die neuen Zeiten! "Heute geben nicht Modehäuser oder gar Könige vor, was getragen wird, sondern Berühmtheiten." Celebrities, sie sind der wahre Adel unter den Spielbedingungen der Massenkultur, die Monarchie ist Pop.

Doch immer schön, wenn Pop blaublütig wird. Das Modell von Kate Middletons Verlobungskleid, Daniella nennt es "lucky dress", war nach einem Tag ausverkauft. Was bieten Boutiquen schon anderes als Märchen, als magische Verwandlungsverheißungen? "Kate ist modern und gleichzeitig zeitlos elegant, und sie hat eine tolle, sportliche Figur."

Wird sie auch Kates Hochzeitskleid …? Daniella versteinert wie der legendäre "Mister Njet", Andrej Gromyko, in der Uno der alten Tage.

Aber dann erzählt sie gern, wie es zum Namen ihres Mode-Labels "Issa" kam. Wie ihre Freundinnen in Rio war sie eine

Surfista. Sie waren Teenager, die in der Brandung vor der Copacabana surften, und immer wenn eine besonders große Welle heranrollte, riefen sie begeistert "issa!", "das ist sie!"

Danielle lächelt. "Ich reite gerade meine größte Welle." Issa!

London ist in diesen Tagen ein herrschaftliches Märchenbuch in der Frühlingssonne. Man fühlt: Die Monarchie kann nur hier zu Hause sein, zwischen all den Säulen und Parks, imperialen Brunnen und bronzenen Generälen, eine Triumphkulisse für königliche Aufzüge, und die Monarchie ist es, die das alles beseelt und vor dem Schicksal eines toten Freilichtmuseums bewahrt.

Sicher müssen die Royals sich anpassen, um zu überleben. Doch wie weit ist weit genug, und was ist zu weit? Diese Prinzenhochzeit ist der nächste Test in einem ständigen Balanceakt, vielleicht einer der letzten.

Heute steht die Monarchie mit einem Bein in der konservativen Ständegesellschaft und mit dem anderen im Luftreich der Groschenhefte, ein Leben in Dauerironie, denn ihr feudaler Glanz wird von der ermatteten britischen Kleine-Leute-Demokratie genehmigt und gesponsert. Dafür muss sie genau das machen, was das Volk, "der große Lümmel" (Heinrich Heine), will.

Und die Untertanen wollen den Zauber und das Zeremoniell, wollen es mehr als alles andere in diesen flachen Zeiten. "Zum König wird man nicht geboren", sagte George Bernard Shaw, "man wird es dank einer künstlich erzeugten kollektiven Halluzination."

Schon jetzt sind in London für den Hochzeitstag Hunderte Straßenfeste offiziell angemeldet. In den Industriestädten des Nordens dagegen ist die Begeisterung gedämpfter. In Blackpool, wo man sich sonst gern ins Koma trinkt, ist bisher erst eine einzige Party avisiert, in Liverpool sind es gerade mal vier.

In Camerons Feldzug für einen schlankeren Staat musste Liverpool besonders bluten. Zahllose Programme, die unter Labour subventioniert wurden, etwa die Prävention gegen Fettsucht, fallen nun dem Rotstift zum Opfer. Für den Labour-Abgeordneten und Stadtkämmerer Paul Brant ist die Prinzenhochzeit nichts als ein Ablenkungsmanöver.

Eben musste er alten Leuten die Pflegekraft streichen. Auch an Lehrern für den Kinder-Schwimmunterricht wurde gespart. "Wie in den Thatcher-Jahren werden wir hier am härtesten von den Einsparungen getroffen", sagt er.

Sicherlich sei die Idee der "Big Society", in der jeder für den anderen einstehe und sich engagiere, eine gute Sache, und man müsse ja auch nicht wegen jeder weggeworfenen Bierdose im Stadtpark nach dem Staat rufen, aber die Bibliotheken, bitte schön, die müsse man doch nicht wegsparen, besonders wenn gleichzeitig über Leseschwächen lamentiert werde.

Mit Recht allerdings werfen da konservative Blätter ein, dass es nicht die Regierung, sondern die Gemeinderäte sind, die Büchereien schließen, eher das, als die überhöhten Saläre der Vorsitzenden zu beschneiden, die oft annähernd das Doppelte eines Premierministers verdienen.

Mit 83 Milliarden Pfund bis zum Jahr 2015 ist das Sparziel von Schatzkanzler George Osborne durchaus ehrgeizig. Und bittere Notwendigkeit. In den Labour-Jahren von "Cool Britannia" und Finanzmarktblase war die Wohlfahrtsbürokratie immens angeschwollen. Nun muss geschrumpft werden. Doch da möchte Brant nicht mit. Für ihn führt die Tory-Idee der "Big Society" nicht zur solidarischen Gesellschaft, sondern sie dient nur dazu, soziale Härten zu verschleiern. Und die Monarchie? "Die wird eher im Ausland gemocht."

Ob die Royals mit ihren Stiftungen und Charities nicht, wie früher, gerade in Zeiten der Not wichtig werden? "Das ist gut möglich", sagt Anne McElvoy, die einstige Chefredakteurin des "Evening Standard" und Politik-Chefin des "Economist".

Brants Labour-Welt in Liverpool ist weit weg von "Scott's", dem In-Restaurant in London Mayfair, wo McElvoy mit der Elite der englischen Klassengesellschaft in ihrem Heilbutt stochert. Ja, tatsächlich liegt Scott's in einem anderen gesellschaftlichen und ideologischen Sonnensystem. Draußen Trauben von Paparazzi. Ein Rolls, ein Bentley, zwei hohe Geländewagen der Polizei.

Catherine Zeta-Jones soll sich angesagt haben. Am Morgen hat sie aus der Hand von Charles den "Order of the British Empire" entgegengenommen, hat geknickst, errötend wie ein Mädchen.

Warum der Zirkus Krone für die Insel unentbehrlich ist? Anne McElvoy erzählt, wie sie mit ihren Kindern die Übertragung vom "Remembrance Day", dem Kriegstoten-Gedenktag, im Fernsehen anschaute. Reden, Kapelle, ernste Gesichter, darunter die Königin würdig und weiß und kerzengerade. "Ich wollte voller Stolz sagen: 'Schaut, das ist es, was es bedeutet, britisch zu sein.'"

Stattdessen habe sie "Schaut, Kinder, die Queen!", gerufen. Sie lacht. "Was dasselbe ist!" Die Monarchie, sagt Anne McElvoy, sei wie "ein Metronom unserer Nation, gleichmäßig, stetig, eine Garantie der Stabilität, über alle Klassen und Schichten hinweg". Die ewige Ordnung.

Es seien ganz besonders die sogenannten kleinen Leute, die an der Queen hingen und die jetzt für William und seine Kate beten. "Natürlich wäre es prima, wenn sich die beiden ein paar Interessen zulegen könnten", sagt Anne amüsiert. Doch das Einzige, was man dem Prinzen vorwerfen könne, sei, dass er ein wenig zu lang mit seinem Heiratsantrag gewartet habe. Acht Jahre!

Der Weg dahin wird auf einer "Kate & Will"-Touristentour von der hippen Helen nachgelaufen, Höhen und Tiefen in schicksalslosen Zeiten: der Nachtclub "Mahiki", wo Prinz William seine kurzfristige Trennung feierte, die Boutique "Jigsaw", in der Kate arbeitete - aber das ist dann doch ein so unergiebiger Katy-Perry-Song, dass man flüchtet.

Hin zur Abbey, wo sich prächtiger als irgendwo sonst die sakrale Doppelrolle der britischen Monarchen präsentiert. Der Hochaltar, vor dem die Gekrönten alle knieten, die Fahnen der Ritterorden, das Chorgestühl mit den Wappen der Commonwealth-Länder, die gerade noch poliert werden.

Hier läuft man auf Platten, auf denen die Tudors schritten, die man aus der Shakespeare-Dramenwelt kennt, und all die anderen, 19 Monarchen insgesamt, Wüstlinge, Mörder, Helden, Heilige; der Barde selbst hat einen Stein, wie Chaucer, wie Auden, wie viele andere Heroen aus Kunst und Wissenschaft.

Prächtige Herrschaftsgräber, Finger streichen über Marmor, Edward der Bekenner, die Königinnen Elizabeth I. und Mary, zum Gebet gefaltete Hände, so tief in der Vergangenheit wurzelt diese Monarchie, so imponierend ist der Klang ihrer Geschichte in diesen Zeiten vergesslicher Idiotie.

Sicher ist St. Paul's gigantischer in den Ausmaßen, doch geschichtsstolzer ist die Abbey. Die Diana-Show von St. Paul's war ein Märchen, das für die damalige träumende Prinzessin zur Falle gewor-den ist. Im Nachhinein: eine bizarre Freak-Show.

Hier in der Westminster Abbey dagegen werden von jeher Krönungen und königliche Hochzeiten und Trauergottesdienste vollzogen. In diesen Atem hinein, in diesen traditionstiefen Ernst, werden William und Kate Middleton treten. Hier gesegnet zu werden, was kann da schiefgehen?

Das nationale Hochzeitsgebet, das die "Daily Mail" bereits vorweg fürs Volk veröffentlichte, endet mit der Hoffnung, dass die beiden in lebenslanger Treue zueinander verbunden bleiben.

Gut für die beiden, gut für die Monarchie. Und für alle, die an Märchen und an eine ewige Ordnung glauben. Und sei es nur für einen Tag.

(*) 2002 in der Goldenen Staatskutsche bei der Parade zum 50. Jahrestag ihrer Thronbesteigung.

DER SPIEGEL 16/2011
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Der Prinz und das Mädchen