18.04.2011

AUTOREN Buch aus dem Nichts

Schon 1947 erschien Hans Falladas Widerstandsroman „Jeder stirbt für sich allein“. Jetzt wird das Buch weltweit zum Bestseller, auch weil es überraschende Helden hat: gute Deutsche.
Man kann die Sehnsucht nach dem guten Deutschen in Zahlen fassen: 300 000. So oft verkaufte sich Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" zum Beispiel in England, seit das Buch dort 2009 erschien.
Man kann die Sehnsucht nach dem guten Deutschen in Worte fassen: "Es ist egal, ob nur einer kämpft oder zehntausend; wenn der eine merkt, er muss kämpfen, so kämpft er, ob er Mitkämpfer hat oder nicht." So begründet der Arbeiter Otto Quangel seinen Widerstand gegen Hitler in dem Roman, der aktuell auf Platz sieben der SPIEGEL-Bestsellerliste steht.
Man kann die Sehnsucht nach dem guten Deutschen in Argumente fassen: "Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Deutschen von damals und dem Deutschen von heute. Der Wunsch nach einem Gegenbild ist in den letzten Jahren immer stärker geworden. Dieses Buch hilft, die Lücke zu schließen." So erklärt der Historiker Moshe Zimmermann die Faszination für Falladas Roman in Israel, wo das Buch monatelang auf Platz eins der Bestsellerliste stand und sich bislang rund 100 000-mal verkauft hat.
Man kann den sensationellen Erfolg des Romans "Jeder stirbt für sich allein" also beschreiben. Aber am Ende bleibt doch erst einmal das Staunen. Dieses Buch, 1946 geschrieben vom ewig strauchelnden, saufenden, schon tödlich kranken Rudolf Ditzen, der sich Hans Fallada nannte - dieses Buch kommt wie aus dem Nichts und trifft doch etwas. Dieses Buch liest die Welt im Jahr 2011, um zu verstehen: Wie konnte das passieren?
Es ist eine seltsame, verwickelte Geschichte, von Anfang an. Da gibt der Kommunist und Schriftsteller Johannes R. Becher, der später Kulturminister der DDR wurde, nach dem Krieg dem ehemaligen Erfolgsautor Fallada Gestapo-Unterlagen über ein Berliner Arbeiterehepaar, damit der einen lehrreichen, exemplarischen Roman über dessen Widerstand daraus macht: ausgerechnet Fallada. Dieser Trinker und Morphinist, der mit 18 einen Freund bei einem Duell erschoss, das eigentlich ein Doppelselbstmord hätte werden sollen, der danach immer wieder in Anstalten lebte, der mit seinem 1932 erschienenen Roman "Kleiner Mann - was nun?" weltberühmt wurde, der 1933 kurz von der SA ins Gefängnis gesteckt wurde, eine Weile von Goebbels gemocht wurde und sich schließlich wegduckte und sich in sein Haus in Mecklenburg zurückzog.
Fallada schreibt die 866 Seiten des Typoskripts 1946 in vier rauschhaften Wochen, im kargen, klaren und komponierten Stil seines Icke-Realismus. Er stirbt, bevor das Buch erscheint, um vulgäre Ausdrücke und politisch heikle Stellen gekürzt, etwa um den größten Teil eines Kapitels, in dem sich die heldenhaften Anna und Otto Quangel als die unsympathischen Opportunisten zeigen, die sie, so wollte Fallada das, auch waren. Das Buch hatte einigen Erfolg, es wurde verfilmt, 1975 etwa mit Hildegard Knef und Carl Raddatz. Und trotzdem driftete der Autor langsam ins Vergessen.
Dann erschien 2002 eine Neuauflage der französischen Übersetzung von "Jeder stirbt für sich allein" mit dem elegischen und weniger kriegerischen Titel "Seul dans Berlin", allein in Berlin. Über 100 000-mal verkaufte sich der Roman in Frankreich, das Wort Berlin im Titel war ein Köder für all die Leser, die so viel vom "neuen Berlin" gehört hatten, dass sie das alte auf neue Art faszinierte. In Amerika erschien das Buch als "Every Man Dies Alone", wurde in der "New York Times" als "literarisches Ereignis" gefeiert und verkaufte sich, auch ohne Berlin im Titel, 150 000-mal. Dann folgte der Erfolg in Israel.
Und auf diesem Umweg erst kam das Buch nach Deutschland zurück. Der Aufbau Verlag fand das Urtyposkript und veröffentlichte im Frühjahr die vollständige Fassung mit dem nebligen, grauen Cover, auf dem man erst auf den zweiten Blick das Brandenburger Tor erkennt(*). So hübsch verpackt liegt der Roman nun auf den Bestsellerstapeln: diese Geschichte der Quangels, die sich liest wie eine Mischung aus "Emil und die Detektive" und der Weißen Rose.
Von Kästner kommt der direkte, etwas knorrige Charme der Sprache, eine Art Kinderzimmererinnerung macht sich da-durch breit, die sich vermischt mit dem Knarzen der Hinterhaustreppen und dem
Keifen und Knurren der Nazis. Von den Geschwistern Scholl kommt der Wille zum Widerstand als Projekt des eigenen Anstands, eher eine private Angelegenheit als ein primär politischer Akt: Die Quangels werden erst zu Widerständlern, als ihr einziger Sohn im Krieg fällt.
Im Grunde wollen sie mit der Welt nichts zu tun haben, sie kann ihnen gestohlen bleiben, vor allem Otto, diesem "trockenen, unausgiebigen Mann". Er tritt aus Geiz nicht ein in die Partei, und das ist nicht nur ein Vorwand. Er ist kein Held, er ist ein mürrischer Einzelgänger und Sturkopf. Wie genau er auf die Idee zum Widerstand kommt, bleibt letztlich ein Geheimnis, eine Leerstelle, damit einerseits historisch schwer zugänglich und andererseits ethisch autonom. "Mutter!", schreibt Quangel auf die erste von insgesamt 276 Postkarten, die er an allen möglichen Orten in Berlin auslegt. "Der Führer wird auch deine Söhne ermorden!"
Fallada begleitet Otto Quangel bis zum Schafott, er zeigt, wie Anna sich aus der Partei stiehlt, er schildert das Schlittern in den Widerstand - und es ist zugleich die Stärke wie die Schwäche des Buchs, dass der Wandel vom trägen Deutschen zum guten Deutschen so schleppend und letztlich uneinsehbar läuft. Es ist eine deutsche Leidensgeschichte, die Fallada erzählt. Auch bei Fallada verschwinden die Juden nach und nach. Und doch beschreibt der Roman, wie der Historiker Moshe Zimmermann sagt, "Nationalsozialismus ohne Holocaust", und er meint das gar nicht als Vorwurf.
Zimmermann ordnet den Roman ein in eine Zeit, die wegwill von "Pauschalisierungen", die den "kleinen Mann", der immer auch eine romantische Konstruktion ist, benutzt, um das Unbegreifliche, das immer auch eine moralisch unbefriedigende Konstruktion ist, fassbar, verstehbar, menschlich zu machen.
Fallada entfaltet zu diesem Zweck einen Berliner Hinterhofkosmos von ambivalenten bis abscheulichen Charakteren, Nazi-Rüpel, Räuber, Rumtreiber, Rumhurer. Er findet ein paar gute Menschen wie die Quangels und ihre Fast-Schwiegertochter Trudel, die er in ihren Widersprüchen zeigt, aber schließlich doch mit Wohlwollen beschenkt. Er erzählt alles schnell und effektiv und genau, er spannt einen soziologisch weiten Bogen bis zu den Polizisten und Gestapo-Männern und erreicht am Ende eine backsteinhafte Dicke, was nicht ganz unwichtig ist, weil der Umfang dem Roman ein physisches Gewicht gibt, das das moralische impliziert.
"Jeder stirbt für sich allein" lebt dabei von der Authentizitätsverzückung, vom Ja-so-war-Es, vom Leiden der geschundenen Kreatur. Es erschien zwar im gleichen Jahr 1947 wie die intellektuelle Tiefenbohrung "Doktor Faustus" von Thomas Mann, der von deutschem Unglück anhand der Leiden der gebildeten Kreatur erzählte.
Das Buch ist aber, aus heutiger Sicht, als Gegenstück zu Jonathan Littells Monsterbuch "Die Wohlgesinnten" von 2006 zu sehen. Der junge Autor Littell wählte Pornografie, die großen Schurken und ästhetische Künstlichkeit, um vom Ungeheuerlichen des Nazi-Terrors zu erzählen. Der Zeitzeuge Fallada wählt das Mitleid, den kleinen Mann und kunstarmen Realismus, um vom Angstvollen des Nazi-Alltags zu berichten.
Als psychopathologische Studie über Furcht und Verderbtheit in dieser Zeit entfaltet der Roman dann auch seine größte Wucht. Das Buch ist kein Meisterwerk, wie es manche gern hätten, aber das macht auch nichts, interessant ist es ohnehin, weil es über sich hinausweist und weil es ganz anders gelesen wird, je nachdem, ob man von London, Kopenhagen oder Tel Aviv auf Berlin als gegenwärtigen Sehnsuchtsort schaut oder ob man in dieser Stadt lebt.
Da breitet sich dann tatsächlich ein gewisses Schaudern aus, wenn man die Quangels durch die Straßen und in die Hinterhöfe begleitet, die damals von Arbeitern, Alten und Armen bewohnt wurden und heute vollstehen mit Fahrrädern und teuren Kinderwagen. Es ist eine Art Doppelbelichtung Berlins und speziell von Prenzlauer Berg, die man dabei erfährt, es ist die Erkenntnis, dass das Nachdenken über die Nazis mittlerweile zugestellt wird von all den Bildern und Büchern, von den Fiktionen, die sich vor die Geschichte schieben, die Teil der Geschichte werden, weil sie sich mit den Fakten vermischen und ununterscheidbar werden.
"Jeder stirbt für sich allein" bietet damit einerseits die Möglichkeit, in eine Welt vor der Postmoderne abzutauchen, in den literarischen Sound einer fernen Zeit, in eine Sprache, die noch nicht so ätzend und vom Wissen um das Grauen zerfressen war wie das, was die Generation danach schrieb, Grass und Böll und all die anderen. Das Buch lässt andererseits auch all die Nazi-Bilder der vergangenen Jahre wiedererstehen, den masochistischen Mummenschanz von Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" (2004) etwa oder den Pop-Schock von Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" (2009). Die Quangels haben dort nun ihren Platz. Der Erfolg im Ausland hat sie dorthin gebracht.
Die Nazis, versteht man da langsam, gehören allen. Die Nazis sind Teil des Weltkulturerbes. Es gibt dieses kollektive Bilderkabinett des Grauens. Und weil es so lange sexy war, den bösen Deutschen zu sehen, ist es nun attraktiv, den guten Deutschen zu mögen.
Das ist die Pointe dieser Geschichte, die im Wechselspiel des Kommunisten Johannes R. Becher und der kapitalistischen Ökonomie der Aufmerksamkeit entstanden ist. Die letzte Pointe gehört allerdings der Wirklichkeit. Die wahren Quangels hießen Hampel - und sie gingen nicht einig und versöhnt in den Tod wie Falladas Helden, sie bezichtigten sich gegenseitig und verrieten einander und starben allein.
(*) Hans Fallada: "Jeder stirbt für sich allein". Aufbau Verlag, Berlin; 704 Seiten; 19,95 Euro.
Von Diez, Georg

DER SPIEGEL 16/2011
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