12.01.1998

RECHTSEXTREMISTEN„Deutsch, sauber, besser“

Wieder haben Skins in Magdeburg einen Punk-Sympathisanten lebensgefährlich verletzt: Sie verstehen sich als Saubermänner - mit breiter Zustimmung der Bevölkerung.
Die Augen des Patienten sind blutunterlaufen, mühsam atmet er durch die gebrochene Nase. Die zertrümmerte Schädeldecke haben die Ärzte mit Metallplatten zusammengeflickt. Vier Tage lang kämpften Ärzte um sein Leben. Gordon Gafert, 23, den Magdeburger Skins vorvergangenes Wochenende mit Springerstiefeln fast zu Tode getreten haben, behält von seinen schweren Verletzungen wahrscheinlich Folgeschäden zurück: chronische Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen. Sicher ist: Die Angst, wieder überfallen und irgendwann wirklich getötet zu werden, wird bleiben. "Wo sollen Leute wie ich eigentlich noch hin?" fragt er.
Nicht mal hier im Magdeburger Altstadt-Krankenhaus fühlt sich der arbeitslose Straßen- und Tiefbauer Gafert gänzlich sicher. Als "Linker", als Freund der Punks, ist er Zielscheibe der sogenannten Glatzen. Die Rechten verstehen sich in ostdeutschen Städten mittlerweile als Aufräumer und Saubermänner, als Bollwerk gegen alles Andersartige, "Undeutsche" - gegen Ausländer, Schwule, Behinderte und "Zecken", wie sie die Punks mit ihren bunten Haaren nennen.
Nachts als Angehöriger einer dieser Gruppen in Magdeburg allein durch einen von den Rechten kontrollierten Stadtteil wie Neu-Olvenstedt zu laufen sei, so der Verfassungsschutzchef von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Heidelberg, mittlerweile eine "Aufforderung zum Selbstmord".
Nach den tödlichen Überfällen auf die Punks Torsten Lamprecht (1992) und Frank Böttcher (1997) markiert der Fall Gafert einen weiteren Höhepunkt der brutalen Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Jugendlichen. Magdeburg ist längst zum Symbol für rechte Gewalt geworden - eine typisch ostdeutsche Stadt, in der die Arbeit immer weniger und der Haß immer mehr wird.
Selbst die eigene Wohnung ist dort kein sicherer Schutzraum mehr: Tobias, 25, und seine Freundin wurden nachts von drei, vier Kahlköpfen im Bett überfallen und verprügelt, Diana, 22, in der Stadtfelder Uhlandstraße aus dem Auto gezogen und zusammengeschlagen.
In Magdeburg ist der Krieg mit den Skins zur Normalität geworden - ein Palästinensertuch reicht schon aus, um als Linker verfolgt zu werden. Viele Taten zeigen die Geschädigten gar nicht mehr an, weil sie sich nichts davon versprechen. Sie haben schon seit langem resigniert. "Man lebt mit der Gefahr", sagt Pädagoge Thomas, 25, aus einem alternativen Wohnprojekt, der ebenfalls schon auf offener Straße verprügelt wurde.
Er "verstehe die Aufregung um den Fall Gafert nicht", erklärt Assistenzarzt Andreas Stehle im Altstadt-Krankenhaus: Daß junge Leute derart zugerichtet eingeliefert werden, weil sie zwischen die Fronten geraten, hätten sie allein in der HNO-Abteilung "fünf bis sechsmal im Jahr". Das sei hier "fast schon normal".
Die Besonderheit der Magdeburger Normalität war schon 1994 anläßlich der sogenannten Herrentagskrawalle deutlich geworden. Damals hatten Skinheads Ausländer durch Magdeburg gejagt - schließlich kam es zu einer Massenschlägerei.
Der damalige Polizeipräsident Antonius Stockmann kommentierte die Hatz anschließend als eine "Mischung aus ausgeufertem Brauchtum, Sonne und Alkohol".
Am vorvergangenen Samstag um 21.40 Uhr hatte ein Rollkommando von 13 Skins die Zwei-Zimmer-Erdgeschoßwohnung des 19jährigen Punks Peter Böttcher in der Magdeburger Brandtstraße gestürmt. Die "Glatzen" in Bomberjacken und Stahlkappen-Springerstiefeln wollten ihm "eine Lektion erteilen".
Denn von den bunten Freaks, die dort ein- und ausgingen, fühlten sich die meist älteren, alleinstehenden Mitbewohnerinnen offenbar abgestoßen oder gestört - wie die Großmutter des Skins Enrico, 25. Die alte Dame hatte sich bei ihrem Sohn, einem Taxifahrer, über Störungen durch junge Leute beklagt. Der Filius des Taxifahrers beschloß daraufhin mit seinen rechten Kumpels, bei dem Kochlehrling und Punk Peter Böttcher "für Recht und Ordnung" zu sorgen.
Erst vor einem Jahr war Peters Bruder, Frank, 17, im Stadtteil Neu-Olvenstedt nachts an einer Straßenbahnhaltestelle von einem gleichaltrigen Skinhead getötet worden.
Ohne äußeren Anlaß ging Markus, ein Sympathisant der rechten Szene, auf den schmächtigen Jungen mit dem Irokesenschnitt los. Als sein Opfer am Boden lag, zertrümmerte er ihm mit Fußtritten den Schädel und stach mehrfach mit einem Messer auf ihn ein. In der Gerichtsverhandlung erklärte er, er habe sich von Böttcher "irgendwie provoziert" gefühlt.
Der Angriff auf die Wohnung seines Bruders Peter war generalstabsmäßig geplant. Die Skins hatten das Haus regelrecht umstellt. Ein Trupp brach die Wohnungstür auf, der Rest blockierte die Fenster. Doch derjenige, dem der Anschlag galt, ist gar nicht zu Hause gewesen. Peter Böttcher war am Nachmittag zu einem Konzert nach Erfurt gefahren.
Gordon Gafert traf der Terror zufällig: Er war zu den Freunden nach Magdeburg geflohen, weil "Glatzen" seine Wohnung in Loburg bei Zerbst am vorletzten Tag des vergangenen Jahres verwüstet hatten.
Gemeinsam mit Böttchers Freundin Mary, 16, und zwei weiteren Punks hatte er es sich an jenem Samstag abend vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Als sie die ersten Schläge gegen die Tür hörten, versuchten die vier über ein Fenster in den Hinterhof zu fliehen.
Gordon schaffte es nicht, zu entkommen - auf ihn wartete eine Meute junger Männer zwischen 13 und 25 Jahren. "Wo ist der Böttcher, die Sau?" fragten sie immer wieder und traktierten ihn abwechselnd mit Fäusten und Fußtritten.
Mary, ein kindliches Mädchen mit rotgefärbten Strähnen im aschblonden Haar, ein Palästinensertuch um den Hals geschlungen, stand nur fünf Meter daneben. Sie blieb unversehrt. Im deutschtümelnden Verständnis der Rechten ist es nicht statthaft, ein "Weib" zu schlagen: "Zwei haben Gordon festgehalten, drei auf ihn eingetreten, dann sind sie zu viert oder fünft auf ihn draufgesprungen."
Die Polizei, von Hausbewohnerinnen alarmiert, traf nach acht Minuten am Tatort ein und nahm die Hauptverdächtigen fest - die meisten sind polizeibekannte Schlägertypen aus dem rechten Milieu. Zwei 20jährige sitzen seither in Untersuchungshaft, zwei 16jährige wurden in ein Jugendheim eingewiesen.
In einer Mischung aus Trotz und Kameradschaft bekannten sie zwar bei der Vernehmung: "Wir waren's." Doch Reue oder Mitgefühl für das Opfer, das zu diesem Zeitpunkt mit dem Tod rang, zeigten sie nicht. Ihr einziges Interesse galt der Frage, wann sie ihre Springerstiefel und ihre Klamotten zurückerhalten würden, die ihnen zur Spurensicherung abgenommen worden waren.
Der Überfall wurde in der Wohnung von Andreas Lampe, 20, ausgeheckt. Der gelernte Stahlbetonbauer diente bis zum 31. Dezember als Panzergrenadier bei der Bundeswehr und war, entgegen seinem Wunsch, wegen rechtsradikaler Umtriebe vorzeitig entlassen worden.
Lampes 40-Quadratmeter-Appartement zieren Deutschlandfahnen-Vorhänge, und das Nürnberger Prozeß-Schlußplädoyer von Rudolf Hess hängt in Glas gerahmt an der Wand. Im Schrank liegen Munition und Videos über "Hitler als Privatmann".
Lampe und drei weitere Skinheads gelten als die Haupttäter, die dem Opfer auch die beinahe tödlichen Stiefeltritte beigebracht haben sollen. Der jüngste des Schlägertrupps ist erst 13 Jahre alt, ein Schüler, der schon im Alter von 9 Jahren durch Körperverletzungsdelikte auffiel.
Geraten die jugendlichen Skins mit ihren brutalen Übergriffen in die Schlagzeilen, ist das Entsetzen bei Bürgern und vor allem den Eltern der Täter in Magdeburg stets groß. "Dabei setzen die Jugendlichen oft nur um, was die Erwachsenen sagen", erklärt der Leiter des örtlichen Jugendamts, Rudolf Förster.
Die Akzeptanz der Skins, die "mit dem Gesockse aufräumen", geht viel weiter, als die öffentlichen Lippenbekenntnisse dies deutlich machen. "Das müßte man mal den Glatzen sagen", ist ein gängiger Spruch, wenn sich irgendwo Obdachlose niedergelassen haben oder sich Schwarze zum Nachmittagsschwatz vor einer Shopping-Zeile versammeln.
Die Jugendgewalt sei in erster Linie ein Problem der Erwachsenengesellschaft, erklärt der Magdeburger Oberstaatsanwalt und stellvertretende Vorsitzende der deutschen Jugendgerichtsvereinigung, Klaus Breyman: "Ursache ist der Ausfall der älteren Generation als Modell." Die Eltern, die oft mit der Arbeit auch das Selbstwertgefühl verloren haben, sind für ihre Kinder keine Vorbilder mehr.
Identität ("Wir sind deutsch, sauber, besser") und das Gefühl von Sicherheit beziehen die Jugendlichen in Magdeburg heute vor allem aus der Mitgliedschaft in ihrer Clique. Jurist Breymann: "Mehr Sozialarbeit, mehr Polizei, härtere Strafen, all diese Empfehlungen verfehlen hier ihre Wirkung."
Skin-Frau Wenke, 20, die Freundin des Hauptverdächtigen Andreas Lampe, richtet sich konsequenterweise "jetzt erst recht" auf weiteren Ärger ein: "Gut zu wissen, mengenmäßig steht es zwei zu eins für uns."
Von Koelbl und

DER SPIEGEL 3/1998
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