09.02.1998

UMWELTWie im Ozean

Das Grundwasser südlich des Kaiserstuhls ist verseucht. Immens hohe Salzkonzentrationen machen jede Nutzung unmöglich.
Die Wissenschaftler des Geologischen Landesamts Baden-Württemberg waren erstaunt. 50 Gramm Salz pro Liter waren eine Menge, die im Grundwasser der Grenzstadt Breisach schlichtweg unmöglich schien. In den Ozeanen beträgt der Salzgehalt pro Liter durchschnittlich 35 Gramm.
Dennoch: Die Werte stimmten. Bei weiteren Bohrungen südlich des Kaiserstuhls förderten die Experten aus rund 100 Meter Tiefe Proben mit ähnlich alarmierenden Konzentrationen zutage. Eine "Nutzung als Trink- oder Brauchwasser", so ihr Fazit, ist "auf absehbare Zeit nicht möglich."
Als Verursacher der Grundwasserversalzung gelten französische und deutsche Kaliminen. Das haben die Untersuchungen des Geologischen Landesamts "eindeutig bewiesen", sagt Horst Schneider, Präsident der Behörde.
Schon seit 1910 fördert die Firma MDPA (Mines de Potasse d'Alsace) in der Grube "Amélie" das Kalisalz Sylvin aus dem Wittelsheimer Becken nördlich der elsässischen Stadt Mülhausen. Das Unternehmen Kali und Salz hat bei Buggingen seit 1927 und bei Heitersheim seit 1964 Kali im Breisgau abgebaut.
Während die Deutschen im Jahr 1973 den Kalibergbau aus wirtschaftlichen Gründen einstellten, fördern die Franzosen rund um Wittelsheim und Ensisheim auch heute mehrere zehntausend Tonnen Salz pro Jahr.
Die Rückstände werden auf riesigen Abraumhalden deponiert. Regen wäscht das darin befindliche Salz wieder aus. Es versickert im Boden. Zusätzlich leiteten die Franzosen über Jahre hinweg salzige Lauge in vier große Absetzbecken auf der Fessenheimer Rheininsel. Die Hoffnung, daß der tonhaltige Untergrund zur Abdichtung der Seen ausreichen würde, erfüllte sich nicht. Mehr als eine Million Tonnen Salz verschwanden unkontrolliert.
"Die große Menge, die uns heute belastet, kommt aus Frankreich und aus einer Zeit, als sich niemand für die Folgen interessierte", resümiert Geologe Schneider. "Heute würde niemand mehr diese Art des Abbaus genehmigen."
Mittlerweile beschäftigt sich sogar eine Arbeitsgruppe (AG) "Salz" beim Regierungspräsidium Freiburg mit den Folgen. Weil das versalzte Grundwasser pro Jahr nur rund 300 Meter wandert, werden die verheerenden Auswirkungen des Kalibergbaus am Kaiserstuhl erst heute richtig meßbar.
Der Salzsee im Grundwasser, so das Ergebnis der Recherchen der AG "Salz", breitet sich immer weiter nach Norden aus. Gespeist aus den Kalihalden Buggingen und Heitersheim sowie durch die Absetzbecken auf der Fessenheimer Insel, die seit 20 Jahren stillgelegt sind, fließt die salzige Brühe parallel zum Rhein an Breisach vorbei Richtung Kaiserstuhl.
Mit teuren Bohrungen (Kosten pro Stück rund 50 000 bis 60 000 Mark) versuchen die Behörden, die Fließrichtung der kontaminierten Flüssigkeit zu bestimmen. Eine genaue Abgrenzung der Salzfahnen kann noch nicht vorgenommen werden.
Anzeichen für eine extreme Gewässerverunreinigung gab es bereits vor zwei Jahren. Als Breisach südöstlich der Stadt Erschließungsarbeiten für einen neuen Brunnen durchführen ließ, wurden stark erhöhte Chloridkonzentrationen entdeckt.
Ursprünglich wollte die Stadt das Trinkwasser aus einer Tiefe von rund 30 Metern fördern. Doch je tiefer gebohrt wurde, desto höher wurde die Salzkonzentration. Die Folge: Ein Trinkwasserbrunnen mußte verlegt werden. Jetzt wird das Wasser aus nur zwölf Meter Tiefe entnommen.
Aber auch da gibt es Probleme. Durch die Überdüngung der Felder und Weinberge gelangten hohe Nitratkonzentrationen in das Trinkwasser. "Gehen wir mit den Brunnen hoch, haben wir ein Nitratproblem, gehen wir tiefer, stoßen wir auf Salz", sagt der Chef des Breisacher Tiefbauamtes, Horst Wolf.
Besonders beunruhigend ist für ihn, daß die Salzkonzentration im Breisacher Trinkwasser seit Monaten ansteigt. Zwar ist mit 160 Milligramm Salz pro Liter Trinkwasser der Grenzwert (250 mg/l) noch nicht überschritten, aber "was machen wir, wenn es weiter hochgeht"?
"Salz ist zwar kein Gift", wie Geologe Schneider betont, doch es kann enorme Schäden verursachen. Zu salzhaltiges Wasser sorgt für Korrosionsschäden in den Leitungen, als Brauchwasser für die Landwirtschaft würde es Pflanzen absterben lassen. Entsalzungsanlagen kommen für die Kommunen aus Kostengründen nicht in Frage.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die französische Umweltorganisation "Alsace Nature" wollen deshalb die Verursacher haftbar machen. Ende des vergangenen Jahres haben sie die Betreiber der Minen in Deutschland und Frankreich wegen Gewässerverunreinigung angezeigt. Axel Mayer, Geschäftsführer des BUND-Regionalverbandes Südlicher Oberrhein: "Jeder, der ein paar Gramm Streusalz zuviel auf die Straße schüttet, wird mit einer Geldbuße bis zu tausend Mark belegt, und hier geschieht nichts."
Die langfristigen Auswirkungen des Salzstromes sind bisher nicht kalkulierbar. Schon droht ein erster Baggersee zu versalzen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es künftig auch nördlich des Kaiserstuhls Probleme geben wird. Zwar ist die Trinkwassergewinnung für die Großstadt Freiburg derzeit nicht gefährdet, "aber das Dilemma ist, daß immer noch Nachschub kommt", sagt der Breisacher Tiefbauamtsleiter Wolf.
Auch Geologe Schneider zeichnet die Zukunft düster: "Selbst wenn heute der Kaliabbau eingestellt würde, haben wir die Probleme noch 50 bis 60 Jahre."
[Grafiktext]
Absetzbecken Fessenheimer Insel - Salz im Grundwasser in Gramm
pro Liter
[GrafiktextEnde]
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Absetzbecken Fessenheimer Insel - Salz im Grundwasser in Gramm
pro Liter
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DER SPIEGEL 7/1998
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