12.01.1998

LÜGENDETEKTOR

Machen Sie doch mal Urlaub!

Von Friedrichsen, Gisela

Im ARD-Magazin "Fakt" wurde der Eindruck erweckt, eine der 24 Wormser Angeklagten, die in Mainz wegen Kindesmißbrauchs vor Gericht standen, sei zu Unrecht freigesprochen worden. Zu der Sendung kam es auf fragwürdige Weise. Von Gisela Friedrichsen

Mitte November 1997 wird eine Anfrage des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) vom Landgericht Mainz an den Ludwigshafener Rechtsanwalt Rüdiger Weidhaas weitergeleitet: Man plane eine Sendung zum Thema Lügendetektor und seiner Verwendbarkeit im Strafverfahren und suche dafür nach geeigneten Fällen. Weidhaas hatte in zweien der drei aufsehenerregenden Prozesse in Mainz verteidigt, in denen 1996 und 1997 alle Angeklagten vom Vorwurf des sexuellen Kindesmißbrauchs freigesprochen wurden. Er schlägt vor, "offene", also noch nicht verhandelte oder mit einem rechtskräftigen Urteil abgeschlossene Fälle auszusuchen. Zunächst denkt er an seine Mandantin Nicole M. aus dem Prozeß "Worms III", eine junge, couragierte Mutter, die sich zu artikulieren weiß: "Du bist die einzige, bei der ich mir ganz sicher bin, daß sie den Test besteht."

Der MDR plant, mit dem 1992 pensionierten Fernsehjournalisten Dagobert Lindlau, 67, unter anderem Träger der Knatterton-Ehrenmütze des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, von "Fakt" als "Kriminalitätsexperte" eingeführt, in den Vereinigten Staaten zu drehen. Nicole M. schreckt vor einer solchen Reise zurück. Am 5. Dezember sagt sie endgültig ab.

Gleichzeitig erwähnt sie Weidhaas gegenüber Nicole F., angeklagt im Prozeß "Worms II", eine junge Mutter, die, obwohl freigesprochen, noch immer um ihren Sohn kämpft. Am 11. November 1993 war ihr der Junge im Alter von zweieinhalb Jahren weggenommen worden. Seitdem hat sie ihn nicht mehr sehen oder sprechen dürfen. Sogar die Bitte nach einem Foto des mittlerweile fast Siebenjährigen wies das Jugendamt Worms grob zurück.

Nicole M. und Nicole F. kannten sich ursprünglich nicht. Doch im Ermittlungsverfahren erfuhren sie voneinander, denn sie wurden oft verwechselt - auch weil sie beide einen Jungen namens Kevin haben. Rechtsanwalt Weidhaas ruft also am Nachmittag des 5. Dezember, es war ein Freitag, bei Nicole F. an. Die Zeit wird knapp, am Sonntag schon soll die Testperson in Amerika sein. Weidhaas drängt: "Hör zu, du hast doch einen Jungen im Heim, und hier ist die Chance, daß du ihn wiederkriegst!"

Auf einen solchen Gedanken wäre Nicole F. im Traum nicht verfallen. Nach Amerika? Das war für sie so weit weg wie für Kolumbus. Sie spricht kaum englisch. Weidhaas beschwichtigt: "Frau F.! Sie kennen mich doch! Mir können Sie vertrauen! Ich flieg'' doch mit!" Geld gebe es zwar nicht, doch schließlich bekomme sie ihr Kind wieder.

Nicole F. will ihre Anwälte um Rat fragen. Beide sind an jenem Nachmittag in der Eile nicht erreichbar. Weidhaas: "Ich mach'' das schon. Wir Anwälte sind doch alle auf einer Linie."

So willigt Nicole F. ein. Allerdings hat sie keinen Paß. Am nächsten Morgen, Samstag, 9 Uhr (!), liegen die Papiere für sie und die sie begleitende Schwägerin im Rathaus ihres jetzigen Wohnortes bereit. Dann mit dem Taxi zum Frankfurter Flughafen. Um 13 Uhr geht es los nach Washington.

Dort warten bereits Dagobert Lindlau und ein Mitarbeiter des MDR. Dieser gibt ihr ein Blatt Papier: "Vereinbarung zwischen dem Mitteldeutschen Rundfunk und Frau Nicole F., über die Ausstrahlung von Fernsehaufnahmen in den USA". Ist diese Formulierung schon verwirrend, heißt es weiter unten: "Frau F. ist unabhängig vom Ergebnis des Tests mit der Ausstrahlung und Veröffentlichung des Testergebnisses einverstanden."

Nicole F. ruft Weidhaas in Deutschland an. Er war nicht mitgeflogen, wie versprochen; es hieß, er wolle nachkommen. Nicole F. fragt, ob sie die "Vereinbarung" unterschreiben solle. Weidhaas beruhigt: "Beim MDR geht alles in Ordnung." Sein Gesprächspartner sei korrekt. Sie unterschreibt. Kurz vor Testbeginn sagt Weidhaas ab: Er könne leider nicht kommen.

Nicole F. wird zu einem Bürogebäude in Baltimore gefahren. Sie hat in ihrer Aufregung ein Beruhigungsmittel eingenommen. In einem angemieteten Raum wartet Robert A. Brisentine, 70, den Dagobert Lindlau in "Fakt" einen "Star unter den Lügendetektor-Experten" nennt. Brisentine ist in Amerika angesehen, ein pensionierter Polizeibeamter in den Diensten der Army. Er war früher mal "Traffic Sergeant" in Italien, "Chief of Security" in Fort H. G. Wright, "Assistant Chief" beim Eighth Army Special Investigation Squad in Seoul, "Agent-in-Charge" beim 52nd Criminal Investigation Detachment in Bad Nauheim und so fort.

Er ist kein Psychologe. Er hat überhaupt keinen akademischen Grad. In die Europäische Gesellschaft für Physiologische Forensische Psychologie, die sich mit dem Lügendetektor beschäftigt, würde er nicht aufgenommen. Er war bis zu seiner Pensionierung Chef der Qualitätskontrolle in jenem Institut des US-Verteidigungsministeriums, das mit Lügendetektoren arbeitet. Daher rührt sein Ansehen.

In "Fakt" hieß es: "In einem Wormser Prozeß wurde den Beschuldigten Mißbrauch und Folter von Kindern vorgeworfen. Die Art, wie die Kinder befragt worden waren, blieb umstritten. Außerdem konnte das Gericht die Straftaten den Tätern nicht im einzelnen zuordnen. Ergebnis: ein beunruhigender Freispruch." Dazu ein Bild der Richter aus dem Prozeß "Worms I".

Die Kammer von "Worms I" aber hatte über Nicole F. gar nicht zu Gericht gesessen - das waren die Richter von "Worms II". Und die sagten: "Den Wormser Massenmißbrauch hat es nie gegeben. Es ist hier ein Freispruch aus tatsächlichen Gründen für alle zu verkünden."

In der Hoffnung, ihren Jungen, den sie seit mehr als vier Jahren nicht mehr gesehen hat, wiederzubekommen, läßt sich Nicole F. an das Testgerät anschließen. Sie ist verängstigt und hilflos, weil sie sich von Weidhaas im Stich gelassen fühlt. Sie kann im einzelnen nicht berichten, was geschah.

Nicole F. ist keine selbstbewußte Frau, die ihre Gefühle souverän zu äußern versteht. Sie wirkt gehemmt, zurückgenommen und von dem Schicksal, das - für sie unverständlich und undurchschaubar - über sie kam, schwer beschädigt. Seitdem man ihr den Sohn wegnahm, scheint ihre Entwicklung stillzustehen. In dieser Not hat sie der Integrität Weidhaas'', des "Spitzenanwalts", wie sie ihn nennt, blind vertraut, der ihr so jäh und stürmisch zu ihrem Glück zu verhelfen versprach.

Es besteht kein Anlaß zu zweifeln, daß bei dem Test so verfahren wurde, wie in den USA üblich. Nur: Nicole F. verstand kein Wort von dem, was der Amerikaner sagte. Lindlau ist kein gelernter Dolmetscher, schon gar kein Simultan-Dolmetscher.

Bei der Frage, so zeigt es der Film, ob sie ihren Neffen Andreas sexuell berührt habe, schnellt die Kurve des Aufzeichnungsgerätes, die den Feuchtigkeitswert der Fingerkuppen wiedergibt, nach oben. In Nicole F.s Erinnerung - daß sie "durchgefallen" war - geht vieles durcheinander. Haften blieb aber, daß Lindlau sie draußen beschimpfte, sie habe ihn belogen, sie habe Kinder mißbraucht, er glaube ihr kein Wort mehr.

Verzweifelt kehrt Nicole F. nach Deutschland zurück. Weinend berichtet sie ihrer Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf, was sie in den USA erlebt hat. Rechtsanwalt Weidhaas sagt heute, erst nach dieser "Katastrophe", so der MDR ihm gegenüber, sei ihm klargeworden, daß er für Nicole F. nichts tun könne, die ja nicht seine Mandantin war und ist. Er bittet ihre Anwälte, drohende Briefe an ihn zu schreiben, mit denen er die Ausstrahlung der Sendung verhindern wolle. Der MDR aber verweist auf die unterschriebene Vereinbarung.

Dann ein letzter Rettungsversuch: Weidhaas beschwört den Nestor der deutschen Psychologie-Professoren, den Kölner Udo Undeutsch, mit Nicole F. noch einmal den Test durchzuführen. Zwei Tage vor Ausstrahlung der Sendung besteht Nicole F. mit Bravour. Undeutsch: "Es war überaus schwierig, diese durch den Vorfall in den USA traumatisierte Frau einigermaßen unbefangen für den Test zu machen. Ich gab keinen roten Heller auf den Ausgang."

Unterliefen dem amerikanischen Polizei-Experten Brisentine Fehler? Undeutsch will sich nicht dazu äußern, solange er nicht die Kurven und das Tonband aller Gespräche vor und während des Tests kennt. Ein "schwerwiegender Kunstfehler" allerdings könnte dadurch unterlaufen sein, daß Nicole F.s Hand, angeschlossen an die Finger-Elektroden, die die Hautfeuchtigkeit messen, offensichtlich auf ihrem Oberschenkel lag, statt daß der Arm auf der Armlehne ruhte und die Finger locker herunterhingen. Undeutsch führt an einer Testperson vor, wie bereits geringfügiger Druck der Finger die Kurve nach oben schnellen läßt und das Ergebnis verfälscht.

Undeutsch ist kein Gefälligkeitsgutachter, wenn er in seinem Gutachten schreibt: "Das bei Frau F. gewonnene Untersuchungsergebnis ist demgemäß als eindeutiger Hinweis darauf anzusehen, daß sie die ihr gestellten tatbezogenen Fragen bezüglich einer Beteiligung an den in der Anklageschrift aufgeführten sexuellen Handlungen wahrheitsgemäß verneint hat."

In "Fakt" wurde noch eine zweite Testperson gezeigt - ein deutscher Lehrer unter Mißbrauchsverdacht, gegen den noch nicht verhandelt und der im Gegensatz zu Nicole F. tatsächlich ein Mandant von Weidhaas ist. Als er in Philadelphia an den Lügendetektor angeschlossen wurde, brauchte er keinen Dolmetscher, er konnte sich mit Brisentine verständigen. Sein Gesicht wurde überdies - auch im Gegensatz zu Nicole F. - anonymisiert. Laut "Fakt" hat er mit einem "Traumergebnis: 97 Prozent Aufrichtigkeit" bestanden.

Der MDR hatte Weidhaas um die Vermittlung zweier Personen gebeten, möglichst eine sicher Unschuldige und einen weniger sicheren Kandidaten. Für Nicole F., so sagt Weidhaas, hätte er sich die Hand abhacken lassen.

Als Rechtsanwalt hat er sich in eine böse Situation gebracht. Schlimmer jedoch ist sie für Nicole F. Die arbeitslose Frau bangt nun nicht nur um ihren siebenjährigen Sohn, sondern auch um das inzwischen sechs Monate alte Baby, das sie nach dem Freispruch zur Welt brachte. Gerade hat sie eine Wohnung gefunden, auf Probe. Drei Arbeitsstellen hat sie verloren, als die Leute mitbekamen, weswegen sie vor Gericht gestanden hatte. Weidhaas riet ihr: "Machen Sie doch mal Urlaub!"

* In der "Fakt"-Sendung der ARD am 5. Januar.

DER SPIEGEL 3/1998
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