09.02.1998

NIEDERSACHSEN

Gerhard II., der Küsten-Kanther

Falls Gerhard Schröder Kanzler wird, soll sein Innenminister Gerhard Glogowski ihn als Ministerpräsident beerben. Doch der Kronprinz, als Polit-Rambo in Sachen Innere Sicherheit bekannt, tut sich noch schwer mit der Rolle des Landesvaters in Wartestellung.

Wenn alle Menschen wären wie Gerhard Glogowski, gäbe es keine Drogen an den Schulen, Verbrecher wären außer Landes oder im Gefängnis und in deutschen Städten sähe es aus wie in Omas guter Stube: sauber und ordentlich. Kinder hätten Respekt vor ihren Vätern und würden - ein feiner Unterschied - ihre Mütter ehren. Und wenn die Kleinen mal was ausgefressen hätten, dann gäbe es ein paar an die Ohren.

Klar, daß so einer auch beim Großen Lauschangriff nicht zu den "Reichsbedenkenträgern" gehört, wie er sie nennt. Anständige Menschen brauchen verwanzte Wohnungen nicht zu fürchten, weil sie mit Verbrechern sowieso nie Kontakt haben.

Glogowskis Rezept für die heilere Welt steckt in einem schlichten Verb, das der SPD-Wahlkämpfer derzeit rastlos durch Niedersachsen trägt. "Kümmern" heißt das Wort, das im Weltbild des Innenministers die Menschheit in zwei Hälften teilt: in Opportunisten, Ausnutzer und Ganoven auf der einen Seite und die schöne Welt der "Kümmerer" auf der anderen.

Läuft alles so, wie Glogowski und sein Regierungschef Gerhard Schröder es planen, wird sich der Innenminister nach der Landtagswahl am 1. März in Niedersachsen um ein ganzes Bundesland kümmern müssen. Bei Schröders Abgang nach Bonn, soviel steht fest, wird niemand in der Niedersachsen-SPD an Schröders Mann fürs Grobe vorbeikommen. Glogowski: "Den möchte ich sehen, der gegen mich antritt."

Der Kronprinz müht sich deshalb sichtlich, das Image des hannoverschen Polit-Rambos abzuschütteln - und läuft damit Gefahr, das einzige Markenzeichen preiszugeben, das ihm bundesweit einen Namen verschafft hat.

Seit 1990 jongliert der Innenminister gekonnt mit Kriminalstatistiken, Polizei- und Verwaltungsreformen, mimt den Ausputzer bei Chaostagen und Castortransporten und ist sich für kaum einen derben Spruch in Sachen Asylrecht oder Ausländerkriminalität zu schade. Seine "polterige Art", so ein langjähriger Weggefährte, hat ihm Bekanntheit und den Ruf eines Law-and-Order-Ministers eingebracht, eines "Vollstreckers" gar, so die Landes-Grünen, dem "die Bereitschaft zum Fingerspitzengefühl" abhanden gekommen sei.

"Ich werde gern falsch verstanden", glaubt Gerhard II. . Dabei meint Glogowski es immer gut mit den Menschen. Er will, "daß die Bürger nicht nur sicher leben, sondern sich auch sicher fühlen in unserem Land". Er will, "daß sich die Menschen wieder um ihre Nachbarn kümmern", bevor ein Ganove sie ausraubt. Und er glaubt, daß "schon mancher Junge nicht auf die schiefe Bahn gekommen ist, weil ihm sein Sporttrainer gesagt hat: ,Herrmann, laß das. Muskeln zeigen kannst du bei uns.'"

Glogowski meint das ernst, und er lebt es selbst vor. Im Braunschweiger Karneval etwa, den er aus dem Rheinland in die niedersächsische Provinz importiert hat. Am Tresen des "Prinzenempfangs" im Sportlerheim Braunschweig-Hondelage, die Narrenkappe auf dem Kopf und ein Pils in der Hand, lebt der SPD-Politiker sichtlich auf. Dort ist er unter seinesgleichen, "lauter Kümmerer", die nicht die Nase rümpfen über "Vereinsmeierei", sondern "sich engagieren und was aufbauen".

Er selbst ist in einer solchen Welt Anfang der fünfziger Jahre groß geworden - sozusagen unter den Ober-Kümmerern der damaligen SPD: Erich Ollenhauer, Kurt Schumacher - und allen voran Herbert Wehner. Glogowskis Vater war Chauffeur bei den Parteipräsiden in Bonn, und der kleine Gerhard erlebte sie ganz privat. Bei Schumachers durfte er die Obstbäume abernten, und Wehner kam Weihnachten vorbei, um eine Flasche Wein abzugeben.

In "Onkel Herberts" Wohnküche bekam der Schuljunge Glogowski sogar Nachhilfe bei den Hausaufgaben, als er sie am dringendsten brauchte: Ein Jahr lang laborierte das Kind an einer seltenen Krankheit, dem Pfeifferschen Drüsenfieber. "Ich hatte viel nachzuholen", sagt er und gesteht, daß die Aufholjagd von damals wohl den Grundstein gelegt hat für die rasche Karriere des SPD-Politikers.

Fleißig hat er sich hochgedient in seiner Wahlheimat Braunschweig, vom Ratsherrn zum ersten Oberbürgermeister einer rot-grün regierten Großstadt. Als ausgewiesenen Kommunalpolitiker mit einem Hang zum Klotzen in Sachen Innenpolitik holte ihn Schröder 1990 in sein rot-grünes Kabinett. "Am Anfang", gesteht Glogowski, "konnten wir gar nicht miteinander." Aber inzwischen laufe es "prima", denn: "Schröder hat sich verändert." Soll heißen: Aus dem spinnerten Juso ist ein Mann geworden, der dem Volk aufs Maul schaut und wie Glogowski schon mal um die Lufthoheit über den Stammtischen kämpft.

Auch sonst haben die Genossen einiges gemein. Glogowski, Vater dreier Kinder und geschieden, hat sich wie Schröder aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet. Seine "feste Verortung innerhalb der SPD", so ein Genosse, fand er in den Sechzigern bei den Falken und der IG Metall. Wie sein Regierungschef zog auch Glogowski einst mit wehenden Fahnen gegen den Vietnamkrieg zu Felde - im Schweigemarsch durch Hamburg freilich, den er selbst, ganz "Kümmerer", organisiert hatte.

Auch wenn ihm das Image des Ausputzers nicht gefällt: Beide Gerhards wissen längst, "was wir aneinander haben", so Glogowski. An der offenen Flanke "Innere Sicherheit" hat er seinem Kabinettschef jahrelang erfolgreich den Rücken freigehalten. Jetzt geht es für den Mann, der sich privat gern auf Tennisplätzen und im Hochgebirge beweist, erstmals ums Ganze.

Glogowskis Handicap: Auf weiten Feldern niedersächsischer und bundesdeutscher Politik gilt er als unbeschriebenes Blatt. Der gelernte Werkzeugmacher und studierte Volkswirt, Aufsichtsrat unter anderem bei VW und der Norddeutschen Landesbank, liest zwar regelmäßig "Handelsblatt" und "Wirtschaftswoche", wie er betont. Doch jenseits von Allgemeinplätzen wie seinem wirtschaftspolitischen Credo "partnerschaftlich handeln, gegeneinander geht gar nichts" ist von Profil und Kompetenz noch wenig zu spüren. Dennoch, so ein Genosse: "Glogo wächst an seinen Aufgaben."

Da gilt es - wie einst in Wehners Wohnküche - allerhand nachzuholen: Auf dem Weg zum Oldenburger "Schützenhof" blättert Wahlkämpfer Glogowski beflissen die letzten Parteitagsreden von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine durch, sammelt Versatzstücke zu Globalisierung und Rentenreform für seine Rede heraus.

Doch soviel er auch sammelt, öffentlich vorgetragen wirken seine Lesefrüchte aufgesetzt. Im "Schützenhof" wird deutlich, daß er den Manager-Ministerpräsidenten, wie Stoiber einer ist und Schröder ihn spielt, niemals wird verkörpern können. Das Publikum läßt die Angriffe auf Kohls Bonner Koalition eher widerwillig über sich ergehen. Die Parteisenioren und die Punker in der letzten Reihe wollen ihren Innenminister lieber zu Abschiebung oder Castorbehältern poltern hören. Doch selbst da kommt er nur verhalten daher, referiert ohne Eifer über den Rechtsstaat und den Unsinn der Atomkraft.

Erst als einer der Punks per Zwischenruf meckert, er brauche keine "Bullen", denn er habe keine Angst vor Überfällen, läuft Glogowski, ganz kurz, zu Normalform auf. "Sie junger Mann", wettert er, "der sie noch in Saft und Kraft stehen, mögen ja angstfrei durchs Leben wandeln." Doch "der alten Rentnerin", die nachts über die Straße laufe, der grause es sehr wohl beim Gedanken an Räuber und Diebe. Und um diese Angst der Menschen müsse man sich (was sonst?) "kümmern".

Volksnah, das kann er. Fraglich bleibt, ob einem Ministerpräsidenten Glogowski derlei Grenzgänge zwischen populär und populistisch genügen, um das strukturschwache Niedersachsen ins nächste Jahrtausend zu führen. Sicher ist: Glogowski braucht solche Zweikämpfe, um zu glänzen. "In der direkten Konfrontation blüht er auf", sagt ein Vertrauter, "er lebt nicht wie Schröder von Distanz und Bewunderung."

Doch längst darf der Innenminister nicht mehr, wie er will. Nicht mal, als ihm Bremens Bürgermeister Henning Scherf vergangene Woche die Gefolgschaft für den Lauschangriff verweigerte. In kleiner Runde hatte er noch "geschimpft wie ein Rohrspatz", so ein Mitarbeiter: "Herr Scherf entdeckt seine Meinung, und deshalb sollen alle anderen sagen: Wir haben uns geirrt?" Nach außen aber dringt nichts davon. Kein Journalist kann ihm einen seiner üblichen deftigen Sprüche gegen den abtrünnigen Hanseaten entlocken.

Dabei geht Glogowski kaum etwas so an die Nieren wie Parteifreunde, die Abmachungen brechen. Sein Motto: "Wenn man nicht weiß, wie der andere sich verhält, bricht Chaos aus." Er selbst sieht darin sein Stärke: "Verläßlich" sei er, "mutig und beharrlich".

Das attestieren ihm selbst die Grünen im Lande, die sich sonst geradezu leidenschaftlich an ihm reiben. Glogowski habe während des Rot-Grün-Bündnisses bis 1994 "die Vereinbarung zur Polizeireform auf Punkt und Komma umgesetzt", lobt die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Silke Stokar. "Rot-grün mit Glogowski" werde daher leichter sein als mit dem "unzuverlässigen" Schröder.

Gleichwohl hat auch Glogowski unter Schröders Alleinregierung seit 1994 viele der rot-grünen Maßnahmen prompt wieder zurückgefahren: Den strengen Datenschutz hat er wieder gestutzt, die zuvor beschnittenen Befugnisse der Verfassungsschützer erweitert und den sogenannten verdeckten Strukturermittler für Organisierte Kriminalität im Polizeigesetz verankert.

"Glogo neigt zur Überreaktion", glaubt Stokar. Besonders die Krawalle während der hannoverschen Chaostage 1995 hätten ihn "persönlich getroffen, auch in seiner Männlichkeit". Tatsächlich setzte der Küsten-Kanther nach den Ausschreitungen ("Das ist uns entglitten") ein verschärftes Polizeirecht durch, mit dem die Ordnungsmacht randalierende Punker bis zu 48 Stunden festhalten kann und Bürger, die als "nicht systemtreu" erkannt werden, flugs nach außerhalb verfrachten darf.

Immerhin: Glogowski, damals nach den äußeren Merkmalen eines "systemtreuen Bürgers" befragt, hinterließ der Nachwelt einen Satz, der alles an ihm wie in Stein meißelt: "Ein systemtreuer Bürger sieht so aus wie ich."

Hans-Jörg Vehlewald


DER SPIEGEL 7/1998
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