26.01.1998

ZEITGESCHICHTESchnäppchen aus Judenkisten

Zehntausende Hamburger ersteigerten nach 1939 Möbel und Wäsche deportierter Juden zu Spottpreisen. Und es war bekannt, wem die Sachen gehörten.
Nach 1945 konnten sich viele Hamburger nur sehr dunkel an die jüngere Vergangenheit ihrer Stadt erinnern. Hamburg, so hieß es damals, sei während der NS-Zeit einen liberalen Sonderweg gegangen. Die Hanseaten hätten Adolf Hitler im Grunde verachtet, und dieser habe die Stadt deswegen gemieden. Auch der braune Antisemitismus sei an ihrem Bürgersinn abgeprallt. Gelassen verwiesen die Stadtväter auf Hamburger Juden, die nach der Rückkehr aus der Emigration ihrer Heimatstadt Musterzeugnisse ausstellten.
Seit einigen Jahren interessieren sich nun die Historiker für den Wahrheitsgehalt solcher Legenden. Sie fanden heraus, daß Hamburgs Gauleiter Karl Kaufmann an der Elbe einen "Mustergau" errichten wollte. Dann stellten sie fest, daß Hamburger Polizeibataillone den mordenden Einsatzgruppen der SS hinter der Ostfront willig zur Hand gegangen waren. Und erst jüngst zählte der Gelehrte Werner Johe vor, daß Hitler keine deutsche Stadt - ausgenommen Berlin und die NS-Hochburgen München und Nürnberg - so oft besucht hat wie das angeblich liberale Hamburg.
Vollends fragwürdig wird der selbstgerechte Stolz auf die eigene Standhaftigkeit nun mit jenen Dokumenten, die der Historiker Frank Bajohr ausgewertet hat*. Bajohr ging den sogenannten Arisierungen in der Hansestadt nach, also der Enteignung jüdischen Besitzes zugunsten von Nichtjuden. Das Bild, das er entwirft, zeigt den moralischen Bankrott einer Stadt.
Von 1938 bis 1945 haben sich demnach Zehntausende Hamburger am Eigentum ihrer knapp 17 000 jüdischen Mitbürger bereichert. Ungeniert kassierten sie Firmen und Grundstücke ihrer jüdischen Nachbarn. Und fast täglich besuchten ganz normale Hamburger Versteigerungen, auf denen Sofas, Sessel und Diwane deutscher, aber auch holländischer, französischer und belgischer Juden verhökert wurden. Die Nazis vergasten unterdessen die wahren Eigentümer in Auschwitz und Treblinka.
Tonnenweise karrten die Nationalsozialisten Beutegut aus den besetzten Westgebieten an die Elbe und verkauften es zu Spottpreisen an die Bevölkerung. "Die einfachen Hausfrauen auf der Veddel trugen plötzlich Pelzmäntel und hatten alte Möbel und Teppiche aus Holland und aus Frankreich", erinnert sich die Zeitzeugin Gertrud Seydelmann, 84, eine Hamburger
* Frank Bajohr: ",Arisierung'' in Hamburg". Christians Verlag, Hamburg; 416 Seiten; 48 Mark.
Bibliothekarin, die kürzlich ihre Erinnerungen veröffentlichte (Junius-Verlag).
Dabei hatten sich die Hanseaten zunächst tatsächlich unwillig gegenüber den braunen Horden gezeigt. Hitler hatte hier vor der Machtergreifung weniger Wähler als im Reichsdurchschnitt gehabt. Vor allem der Radau-Antisemitismus kam nicht gut an. Das Absingen von Liedern wie "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt" wirke auf die Städter "wie kälteste Ernüchterung", notierte die Hamburger SA-Führung und verbot ihren Mitgliedern das Gegröle. Die Boykott-Aktion gegen jüdische Ladenbesitzer am 1. April 1933 mußte die Partei ebenfalls als Fehlschlag registrieren. Und noch im Januar 1938 beklagte der Sicherheitsdienst der SS, daß die antisemitische Propaganda der Nazis "bei einem großen Teil der Bevölkerung jegliche Wirkung vermissen" lasse.
Daß Hamburg zunächst eine Enklave war, in der es den Juden besserging als anderswo, hatte einen banalen Grund: Die einst geldschwere Handelskapitale war in der Weltwirtschaftskrise zum offiziell anerkannten "Notstandsgebiet" abgesackt. Gauleiter Kaufmann wollte da mit antijüdischen Aktionen keinen internationalen Boykott des Hafens oder der Exportwirtschaft riskieren.
Dank der massiven Aufrüstung waren jedoch 1938 die Folgen der Weltwirtschaftskrise auch in Hamburg überwunden. Kaufmann mußte keine Rücksichten mehr nehmen und begann, Hamburgs Juden in großem Stil zu enteignen.
Fast alle machten mit: Hamburgs Spediteure drängten darauf, ihr Gewerbe "von den immer noch bestehenden jüdischen Firmen zu reinigen". Die Großschlachter des Schlachtviehmarkts boykottierten jüdische Metzgereien so vollständig, daß diese ihren Betrieb einstellen mußten. Schnell bildete sich in der Hansestadt ein ganzer Arisierungsmarkt aus Rechtsanwälten, Notaren und Auktionatoren, die blendend daran verdienten, daß jüdisches Eigentum unter den Hammer kam.
Die Gelegenheit nutzten viele. Der Unternehmer Rudolf August Oetker beschaffte sich ein Gartengrundstück in Alsternähe zum Sonderpreis. Für jedes jüdische Einzelhandelsunternehmen standen im Durchschnitt 18 Bewerber bereit. Nach der Reichskristallnacht am 9. November 1938 begann schließlich, so der Historiker Bajohr, ein regelrechter "Bereicherungswettlauf": In wenigen Monaten wechselten 1200 jüdische Unternehmen den Besitzer. Das namhafte Ostindienhaus Colm wurde regelrecht verramscht.
Häufig profitierten davon ehemalige Angestellte. "Jetzt wollen wir auch mal an den Drücker", fand einer, der gern Chef werden wollte und sich eine Filiale seines Arbeitgebers, des Schuhgeschäfts Speier, aneignete. Nur jeder fünfte der neuen Eigentümer bemühte sich, den jüdischen Vorbesitzern einen fairen Preis zu zahlen.
Besonders willig kollaborierten die Devisenstelle der Oberfinanzdirektion und der Zoll mit den Nazis. Den Brüdern Gotthold drohten die Beamten mit KZ-Haft, falls sie dem Verkauf ihres Metallwerks nicht zustimmen wollten. Dem Unternehmer Salomon Rothschild versuchten sie ein Verfahren wegen "Rassenschande" anzuhängen. Rothschild entging einer Strafe nur, weil seine Angestellte - das angebliche Opfer - im Hafenkrankenhaus ihre Jungfräulichkeit bestätigen ließ.
Bei einem Ehepaar, das auswandern wollte, monierten die Uniformierten die Mitnahme von acht Paar Schuhen und prüften, ob die eingepackten Unterhosen wirklich getragen waren. Andernfalls hätte es sich um Kapitalflucht gehandelt. Dem Optiker Julius Flaschner, der mittellos nach London emigriert war, spürten V-Leute der Hamburger Zollfahnder auf der Suche nach verborgenen Schätzen noch im Exil hinterher.
Für große Teile der Bevölkerung kam es erst mit dem Krieg zur großen Schnäppchenjagd, denn nun war jüdischer Besitz jeder Art zu Schleuderpreisen zu haben. 1939 standen im Freihafen fast 4000 Frachtkisten mit dem Umzugsgut jüdischer Emigranten, das wegen des Kriegsbeginns nicht mehr verschifft wurde. Zwei Jahre später, im Februar 1941, beschloß die Gestapo, sie öffentlich versteigern zu lassen; Hamburgs Auktionshäuser erhielten dafür 5 Prozent Provision. Ein lohnendes Geschäft: Der Erlös der Aktion betrug 7,2 Millionen Reichsmark, denn die Hamburger kauften, als ob es sich um Sonderangebote im Winterschlußverkauf handelte.
Nachdem im Oktober 1941 die Deportation von insgesamt 8000 Hamburger Juden begonnen hatte, kamen auch deren Sachen unter den Hammer. Zuerst fuhren noch Spediteure die Möbel in die Versteigerungshallen der Stadt. Im Juli 1942 wurde jedoch das Benzin knapp, also fanden die Versteigerungen ab sofort in den Wohnungen der verschleppten Nazi-Opfer statt.
In großem Umfang begannen die Auktionen im Frühjahr 1942 mit der "Aktion M" (Möbel-Aktion). Ursprünglich wollten die Nazis nur Gemälde und Kunstgegenstände der belgischen, französischen und holländischen Juden an sich reißen. Hitler persönlich jedoch befahl eine Ausweitung der Aktion und ließ nun alles beschlagnahmen, was in Wohnungen von Juden in den besetzten Westgebieten zu finden war. Der Führer wollte damit den eroberten Osten ausstaffieren.
Nachdem die alliierten Bomber Deutschlands Städte mehr und mehr in Asche gelegt hatten, endeten die Möbeltransporte aber im Reich. Allein aus Holland kamen fast 30 000 Tonnen Stühle, Schränke, Bettwäsche und Kleider auf Schiffen nach Hamburg. 2700 Eisenbahnwaggons liefen in der Hansestadt ein.
Schnell sprach sich dort herum, daß Haushaltsgüter zum Billigpreis zu haben waren. "Einige meiner Leser forderten mich auf, mich im Hafen mit Teppichen, Möbeln, Schmuck und Pelzen einzudecken", erinnert sich die Bibliothekarin Seydelmann, die aber auf die Hehlerware verzichtete. Als das Auktionshaus Schlüter Anfang Oktober 1942 in den Ausstellungshallen des Zoos die Ladung von vier Kähnen aus Holland anbot, nahm es in wenigen Tagen 60 000 Reichsmark ein.
Viele Hamburger versuchten, sich Stücke vorab zu sichern. Ein Georg M. erbat - neben einer Eßzimmereinrichtung - "6 Kissenbezüge, weiß" und eine Schreibtischuhr "aus Judenkisten". Der Zahnarzt Karl K. wollte billig Geräte für seine Praxis, der Angestellte Max P. Möbel für seine Wohnung haben. Er sei Vater von drei Kindern und "nicht in der Lage, mir Möbel anzuschaffen". Auch Behörden legten Wunschzettel vor: Der Sicherheitsdienst der SS forderte "ein Dutzend Frotteehandtücher" an, der Reichsluftschutzbund wollte Büromöbel, das Finanzamt Rödingsmarkt Kontorschränke.
Das Eigentum von insgesamt 30 000 jüdischen Haushalten ist in Hamburg versteigert worden - und allzu viele machten mit. Vom Krieg abgestumpft, dachten sie nur an ihren Vorteil. In der Regel, das zeigen die Versteigerungslisten, teilten sich etwa zehn Erwerber einen Haushalt. Folglich gab es rund 300 000 Käufer. Offen bleibt allerdings, wie viele sich mehrfach bedient haben und wer alles aus dem Umland zum Shoppen anreiste. War etwa Carl M. aus Lingen an der Ems, der am 19. Oktober 1942 bei Auktionator Schlüter per Postkarte anfragte, wann wieder "aus Holland Sachen kommen", eine Ausnahme?
Historiker Bajohr schätzt, daß insgesamt etwa 100 000 Hamburger sich bereicherten. Am Ende des Krieges dürfte demnach in fast jedem zweiten Hamburger Wohnzimmer Mobiliar aus jüdischem Besitz gestanden haben.
Und es war bekannt, woher die schönen Stücke kamen. Ganz offen wiesen Auktionatoren in Anzeigen darauf hin, daß die Vorbesitzer Juden waren. Auch die Gestapo ließ in der Presse über "jüdisches Umzugsgut" berichten.
Daß viele emigrierte Juden der Stadt nach 1945 trotzdem ein Ehrenzeugnis ausstellten, erklärt sich wohl auch damit, daß sie ihre Heimat bereits verlassen hatten, als der "Bereicherungswettlauf" noch nicht zum Massenphänomen geworden war. Und die Juden, die von all dem wußten, weil sie bis in die Kriegsjahre in Hamburg geblieben waren, konnten nichts mehr erzählen: Sie waren deportiert und ermordet worden.
* Frank Bajohr: ",Arisierung'' in Hamburg". Christians Verlag, Hamburg; 416 Seiten; 48 Mark. * Im Hamburger Hafen nach einem Bombenangriff.

DER SPIEGEL 5/1998
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