12.01.1998

RUHRKONZERNEDurchmarsch im Duo

Die Verschmelzung der Stahlkonzerne Krupp und Thyssen ist perfekt: Gerhard Cromme hat den Fusionspoker für sich entschieden.
Thyssen-Aufsichtsratschef Heinz Kriwet wollte kein Risiko mehr eingehen. Die beiden Personalien schienen ihm so heikel, daß er darüber mit einigen einflußreichen Ratskollegen nur unter vier Augen sprach.
Schließlich wagte er auch einen Vorstoß bei Berthold Beitz. Als ihm der 84jährige Krupp-Herrscher Zustimmung signalisierte, präsentierte Kriwet am 19. Dezember das neue Personalkonzept im fünfköpfigen Aufsichtsratspräsidium. Der fusionierte Konzern Thyssen/Krupp sollte nicht von einem Chef alleine geführt werden, sondern von einer Doppelspitze.
Einer der beiden Kandidaten war, wie leicht vorhersehbar, Krupp-Chef Gerhard Cromme. Doch statt des langjährigen Thyssen-Chefs Dieter Vogel, den auch Kriwet monatelang favorisiert hatte, kam ein neuer Manager ins Spiel - Ekkehard Schulz, Vorsitzender der erst im September 1997 gegründeten Thyssen Krupp Stahl.
Der Vorstoß Kriwets fand in der kleinen Runde überwiegend Zustimmung. Vor allem Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle unterstützte die Idee vom Führungsduo. Schon lange hatte die Kapitalseite im Thyssen-Rat darauf gedrängt, die Fusion zügig durchzuziehen.
Nach einem monatelangen Gerangel der beiden Rivalen Vogel und Cromme, bei dem mit Indiskretionen öffentlich Stimmung gemacht wurde, ist das Ziel nun greifbar nahe. Der Weg für die Fusion der beiden Ruhrkonzerne scheint frei.
Der unterlegene Thyssen-Chef zeigte sich in der vergangenen Woche als ein fairer Verlierer. Vogel wies seinen Vorstand an, "die Fusion tatkräftig zu unterstützen". Mit der ersten Hauptversammlung des Thyssen/Krupp-Konzerns im Herbst wird er seinen Chefsessel in Düsseldorf räumen.
Durch den Zusammenschluß der beiden Traditionsfirmen entsteht ein Industriegigant mit einem Umsatz von weit über 60 Milliarden Mark und 180 000 Beschäftigten. Der künftig sechstgrößte deutsche Konzern wird in einigen Bereichen wie Stahl zur internationalen Spitze zählen. Die Zustimmung der beiden Aufsichtsgremien gilt als sicher. Die endgültige Bestellung von Cromme und Schulz kann erst durch den Aufsichtsrat des gemeinsamen Konzerns vorgenommen werden. Das aber dürfte reine Formsache sein. Denn auch andere Fragen sind bereits geklärt.
So haben sich Kriwet und Beitz längst auch auf ein Fusionsmodell geeinigt. Statt der ursprünglich von Thyssen favorisierten Übernahme sollen beide Konzerne nun miteinander verschmelzen.
Selbst über die Verteilung der Macht besteht Einigkeit. Kriwet bleibt Chefaufseher, Schulz soll die Verantwortung für die Konzernentwicklung und den Stahl übernehmen, Cromme das Finanzwesen und die Betreuung der restlichen Töchter.
Zeitweilig hatte die Krupp-Spitze gehofft, sie könnte ihren Kandidaten Cromme als alleinigen Chef durchsetzen. Doch seit dem Versuch einer feindlichen Übernahme von Thyssen durch Krupp im März ist Cromme in Düsseldorf eine Reizfigur.
Der Thyssen-Vorstand und auch die Betriebsräte waren sich stets einig, daß sie einen alleinigen Vorsitzenden Cromme nicht akzeptieren würden. Aber auch das Gespann Vogel und Cromme war nicht denkbar. Zwischen den ehemaligen Freunden herrscht inzwischen ein eisiges Klima.
Der Kompromißkandidat Schulz findet hingegen bei Krupp breite Unterstützung. Mit dem Stahlmanager, so ein Beitz-Vertrauter, stehe Cromme ein erfahrener und von allen Seiten akzeptierter Thyssen-Mann zur Seite.
Die Wende von Vogel zu Schulz wurde am 15. Dezember besiegelt. Die Staatsanwaltschaft in Berlin hatte an diesem Tag offiziell Anklage gegen Vogel erhoben. Sie wirft ihm vor, zusammen mit anderen Thyssen-Managern bei der Abwicklung des ehemaligen DDR-Betriebs Metallurgiehandel zugunsten des Ruhrkonzerns rund 37 Millionen Mark veruntreut zu haben.
Kriwet hatte danach zwar versichert, er werde, wenn sich aus der Anklageschrift keine neuen Tatbestände ergäben, auch weiterhin an Vogel festhalten. Tatsächlich aber hatte sich der 66jährige Thyssen-Senior schon einige Wochen vorher auf Schulz festgelegt.
Anlaß für Kriwet, von Vogel abzurücken, war die Thyssen-Aufsichtsratssitzung am 27. November. In der hätte der Thyssen-Chef die Aufsichtsräte fast dazu gebracht, die von allen Seiten als Akt der Vernunft gefeierte Fusion doch noch abzulehnen.
Kriwets letztes Meisterstück bei Thyssen schien in Gefahr. Der Senior reagierte verärgert, schickte den kompletten Vorstand aus der Sitzung und stimmte seine Aufsichtsräte weiter auf Fusionskurs ein.
Gestützt von den Aufsichtsratsvertretern der Großbanken, forcierte Kriwet fortan die Tandem-Lösung Cromme/Schulz. Am vorigen Dienstag informierte er seinen Vorstand und tags darauf die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat.
Auf der Villa Hügel herrschte am Freitag demonstrative Gelassenheit. Kein Schampus, keine geselligen Reden. Hausherr Beitz blieb, wo er war - im Urlaub.
Von Dohmen, , Rickelmann und

DER SPIEGEL 3/1998
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