05.01.1998

SCHWIMMEN„Das muß jetzt vom Tisch“

Bei den Weltmeisterschaften in Perth herrschen unter Athleten, Trainern und Funktionären Verunsicherung und Mißtrauen. Der westdeutsche Aktivensprecher fordert eine offene Diskussion über die Dopingpraktiken aus DDR-Zeiten - die ostdeutschen Schwimmer schweigen.
Es sollte ein unbeschwerter Nachmittag werden im Schwimmbad des Olympiastützpunktes Hamburg. Es wurde eine unliebsame Begegnung mit der Vergangenheit.
800 Zuschauer drängten am vorvergangenen Samstag in die feucht-warme Halle, um die deutschen Vorzeige-Schwimmerinnen Franziska van Almsick und Sandra Völker beim letzten Test vor der Weltmeisterschaft zu begutachten. Bei einer Tombola gab es 10 000 Mark zu gewinnen, aus den Boxen wummerte Disko-Sound, und wer wollte, konnte seine Idole interviewen.
Doch dann sah sich Rüdiger Tretow, Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), zu einer hastig einberufenen Pressekonferenz genötigt. Wegen des Verdachts der "gemeinschaftlichen Körperverletzung", gab der Funktionär zu Protokoll, werde gegen Cheftrainer Winfried Leopold ermittelt.
Da war sie wieder: die nicht enden wollende Debatte um Altlasten des DDR-Staatsdopings. Gerade jetzt, unmittelbar vor den in dieser Woche beginnenden Schwimm-Weltmeisterschaften, werden die sportlichen Belange einmal mehr überlagert von einer Historie, die konsequent aufzuarbeiten versäumt worden ist.
Denn zu der Delegation, die den Weg ins australische Perth angetreten hat, zählen belastete Trainer, Sportler von entlassenen Trainern, argwöhnische Sportler und konzeptlose Betreuer. Das Resultat dieser Interessens- und Meinungsmelange ist Verunsicherung und Mißtrauen. Die Equipe - ob Athleten, Trainer oder Funktionäre - ist nicht nur gespalten in Ost und West, sie ist auch uneins in der Frage, wie mit der alten Schuld umzugehen sei. In beiden Lagern gibt es jene, die aufklären wollen, und jene, die abwiegeln.
Von einer "beklemmenden Situation" spricht Manfred Thiesmann, Bundestrainer der Männer. Schon während der Europameisterschaften im August in Sevilla hatte er ein Gespräch aller Trainer und Präsidiumsmitglieder gefordert, "um festzulegen, wie wir auf die Vorwürfe reagieren" - vergebens. Nach den WM-Qualifikationswettkämpfen im November in Regensburg hatte Thiesmann erneut die "fehlende Linie" in der Dopingdiskussion angeprangert - was ihm einen wütenden Anruf des DSV-Chefs einbrachte, der Thiesmann eine Abmahnung wegen "verbandsschädigender Äußerungen" androhte.
Jahrelang hatte sich der Verband um eine ernsthafte Aufarbeitung der eigenen Doping- und Stasi-Geschichte gedrückt. Die Medaillen heiligten die Mittel. DSV-Präsident Tretow gibt heute zu, daß "Anfragen an die Gauck-Behörde bezüglich der Trainer im Sande verlaufen sind". Der Grund: Es habe sich niemand im Präsidium um fehlende Unterlagen gekümmert.
Im Jahre acht nach der Wende gibt es jedoch kein Entkommen mehr: Die Berliner Staatsanwaltschaft nimmt keine Rücksicht auf die prominenten Namen derer, die verantwortlich gewesen sein sollen für Doping an Minderjährigen im untergegangenen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Gegen Volker Frischke und Dieter Lindemann, standhafte Leugner jedweder Dopingpraktiken, ist bereits Anklage eingereicht. Ermittelt wird auch gegen Uwe Neumann. Der DSV hat die Zusammenarbeit mit allen dreien beendet.
In einem Verband, der sich seit 1990 das Zusammenwachsen von Ost und West zum Ziel gesetzt hat, ist so ein bedrückendes Betriebsklima entstanden: Wann immer er einen der belasteten Kollegen trifft, sieht sich Horst Melzer, Trainer des Essener Brustschwimmers Mark Warnecke, zum "Mitglied eines Tribunals" abgestempelt. Melzer findet in dieser Atmosphäre keine Gesprächsbasis: "Guten Tag, guten Weg, das ist alles."
Die Zaghaftigkeit ergibt sich aus der momentanen Rechtslage: Noch ist keiner der beschuldigten Trainer verurteilt. Beate Ludewig, die schon vor der Wiedervereinigung in Ost-Berlin als Schwimmlehrerin tätig war, leitet ihre Einschätzung etwa über die Spitzeldienste des Leipzigers Uwe Neumann mit einem Konditionalsatz ein: "Wenn das alles stimmt, was aus seiner Akte veröffentlicht ist, dann ist Neumann für mich ein Schwein."
Von "unterschwelligen Vorbehalten" im Kreise der Athleten berichtet Chris-Carol Bremer, 27. Der Medizinstudent aus Hannover, einer der beiden Aktivensprecher, plädiert dafür, "daß sich einer von denen, die die Pillen geschluckt haben, vor uns hinstellt und wenigstens die Größe hat, das zuzugeben". Bremer hatte sich vorgenommen, während eines Trainingslagers im Dezember auf Lanzarote "darüber eine Diskussion zu entfachen: Das muß jetzt vom Tisch".
Es kam allerdings wie immer: Geredet haben die Sportler über alles mögliche, nur nicht über anabole Steroide. "Diejenigen, die es am meisten anging, waren fast alle nicht dabei", sagt Bremer. Mit seiner Geduld ist er am Ende. In Perth will er einen letzten Anlauf unternehmen.
Ob es Bremer gelingen wird, sämtliche Teamkollegen zu einem gruppentherapeutischen Gespräch an einem Tisch zu versammeln, ist fraglich. Zumindest in der Öffentlichkeit verweigern sie die Auskunft. Dagmar Hase, 28, will genausowenig über ihre Jugendzeit in DDR-Schwimmbecken reden wie Steffen Zesner, 30, oder Kerstin Kielgaß, 28, die am Telefon gebetsmühlenhaft wiederholt: "Ick hab keene Zeit."
Einige der Athleten stecken in einer Art Loyalitätsfalle. Trotz der staatsanwaltschaftlichen Vorwürfe und der DSV-Kündigungen halten die Sportler - gestützt von zum Teil kruden Verschwörungstheorien - an ihren Trainern fest.
So berichtet Katrin Jäke, 24, fassungslos, wie die Universität Leipzig ihrem Coach Neumann am Tag vor Weihnachten Hallenverbot erteilt hat. Sie nennt ihn "Neumi" und bezeichnet ihn als einen Menschen, dem sie mehr von sich anvertraue als ihrem Vater: "Was vor 20 Jahren war, das interessiert mich herzlich wenig." Und wenn es doch sein müsse, diese Dinge auszudiskutieren, "bitte nicht vor dem 18. Januar". Dann ist die Weltmeisterschaft beendet.
Wie Jäke fühlt sich auch der Neumann-Schwimmer Jens Kruppa, 21, umstellt von Neidern und Verständnislosen. Was seinem Coach angetan worden sei, könne er nicht nachvollziehen. Bei dem Sachsen hat sich mächtig Frust angestaut. "Und nach der WM knallt bei dem die Bombe", prophezeit Katrin Jäke.
Kruppa hat sich seinem Trainer gänzlich verschrieben. Erst folgte er Neumann von Dresden nach Bonn, dann von Bonn nach Leipzig. Der Trainer ist sein Kapital, und er ist das Kapital seines Trainers. Dieser Deal hat zwei Gewinner, oder er hat zwei Verlierer.
Auf einen scheinbar unverbrüchlichen Pakt mit ihrem Betreuer Volker Frischke hat sich auch Kerstin Kielgaß eingelassen. Die Mahnung des DSV-Präsidenten Tretow, ihre Haltung zu Frischkes Vergangenheit könne "als Ignoranz ausgelegt werden", beeindruckt die Schwimmerin wenig: "Ich stehe fest zu meinem Trainer."
Außerdem schmollt sie. Im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada, wo sich Kielgaß mit Franziska van Almsick und deren Coach Gerd Eßer auf die WM vorbereitete, ließ sie sich nach der verfrühten Abreise ihrer Trainingspartnerin die Zeiten von einer Physiotherapeutin stoppen. Das Angebot des DSV-Teamchefs Leopold, eigens zu ihrer Betreuung nach Andalusien zu jetten, schlug Kielgaß trotzig aus.
Weil ihre Athleten sie decken, können sich Neumann und Frischke weiterhin in der Märtyrerrolle gefallen. Obwohl sie als Stützpunkt-Trainer bereits geschaßt waren, schlichen sie im November bei der WM-Qualifikation noch um den Beckenrand und spöttelten: "Hier kommen die Entlassenen."
Beide klagen auf Wiedereinstellung - der Gütetermin Neumanns vor dem Arbeitsgericht platzte genauso wie der von Frischke. Nur Dieter Lindemann hat seine Athleten in Berlin an unbelastete Kollegen übergeben. Beate Ludewig findet das "völlig richtig - lieber ein Ende mit Schrecken".
Wohin Offenheit zuweilen führen kann, ist am Beispiel Jörg Hoffmanns, 27, zu besichtigen. Als einziger noch aktiver Schwimmer hat er sich dazu bekannt, vor den Olympischen Spielen 1988 zeitweilig das "unterstützende Mittel" Oral-Turinabol bekommen zu haben. Froh geworden ist er mit diesem Geständnis nicht. Es hat ihm zwar den Respekt des westdeutschen Mannschaftskameraden Warnecke eingebracht: "Der ist einer mit Rückgrat." Andererseits weiß Warnecke auch: "Hoffmann hat sich damit für viele zum Buhmann gemacht." Seither läßt der Schwimmer aus Potsdam über seinen Anwalt ausrichten, daß er zu diesem Thema nichts mehr zu sagen habe.
Nicht erst seit Hoffmanns Coming-out muß sich Präsident Tretow - wie seine Vorgänger an der DSV-Spitze auch - vorwerfen lassen, die Dopingproblematik unterschätzt zu haben. Bevor er im Spätsommer 1997 erstmals Einsicht nahm in die 150seitige Anklageschrift, glaubte er, "das Ding ist Schnee von gestern". Die Lektüre des Beweismaterials zwang ihn zu einer Volte. Flächendeckender Mißbrauch in der ehemaligen DDR sei "aktenkundig", entsetzte sich Tretow plötzlich.
Nach dem Studium der Unterlagen verlor der DSV-Obere vorübergehend die Übersicht. Tretow preschte mit einer kollektiven Schuldanerkenntnis vor, die jeder Ost-Trainer unterzeichnen sollte: bis 1990 gedopt zu haben, seither aber sauber zu sein. Unter einhelligem Protest aller Betreuer verwarf Tretow sein voreiliges Absolutionsmodell - es hätte die bis heute geltende DSV-Einstellungsbedingung für Trainer konterkariert: zu DDR-Zeiten eben nicht gedopt zu haben.
Bei dieser Peinlichkeit blieb es nicht. Harald Gampe, den Coach der WM-Athleten Alexander Lüderitz und Sylvia Gerasch, verwechselte der DSV-Präsident mit einem gewissen Harald Gimpel, der auf einer Liste belasteter Trainer aufgetaucht war. Wegen der öffentlich ausgesprochenen Verdächtigung, behauptet Gampe, stehe ein Sponsor seines Schützlings Lüderitz kurz vor dem Absprung. Die Baufirma hatte dem Schwimmer einen Arbeitsplatz in Aussicht gestellt, der eine optimale Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im Jahr 2000 garantieren würde. Sollte die Abmachung tatsächlich platzen, will Gampe Schadensersatzansprüche gegenüber dem DSV prüfen lassen.
Trotz aller Irrungen der Verbandspolitik glaubt Tretow, in Perth eine "saubere Mannschaft" zu präsentieren. "Keine neuen Erkenntnisse" sieht er bei dem Trainer Bernd Henneberg, der verdächtigt wird, als "IM Willi Kops" für die Stasi gespitzelt zu haben. Der Coach aus Magdeburg, der in Australien die Medaillenaspirantin Dagmar Hase betreut, behauptet, "nie irgendwo irgendwas unterschrieben zu haben". Auch für Cheftrainer Leopold setzt sich der DSV-Präsident ein: "Es besteht kein Handlungsbedarf."
Leopold spielt die Untersuchungen gegen sich als "folgerichtig" herunter. "Kaum nachzuvollziehen" wäre es, wenn er als ehemaliger Verbandstrainer der DDR nicht in den Blickpunkt der Ermittler rückte.
Der Sachse ist einer der wenigen Schwimmtrainer, die sich bereits 1991 zur flächendeckenden Applikation von Anabolika im Spritzensport der DDR bekannt haben. Zwei Jahre darauf belastete er sich vor der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes erneut. Das hat ihn zum Kompromißkandidaten für den Teamchef-Posten gemacht. Als Mitwisser Stellung zu beziehen fällt Leopold dennoch schwer. Oft stockt er oder antwortet ausweichend, und irgendwie ist er sogar erleichtert, daß die Justiz sich rührt: "Der Rechtsstaat muß uns bei der Aufarbeitung helfen."
Die australischen Journalisten werden sich mit dem Verweis auf die deutschen Gerichte nicht zufriedengeben, fürchtet DSV-Trainer Thiesmann. Empfänglich geworden für das Thema Doping als Staatsplan sind die Medien, nachdem der australische Leichtathletikverband vor drei Monaten Ekkart Arbeit als Coach verpflichten wollte. Als dessen Verstrickung in das Manipulationssystem des DDR-Sports ruchbar wurde, entsandten zahlreiche Zeitungen ihre Reporter zur Recherche nach Berlin. Arbeits Einstellung wurde zum Politikum - und rückgängig gemacht.
Insgeheim ahnt Tretow, daß er in Perth vor allem als Krisenmanager in Sachen DDR-Geschichte gebraucht wird. Eigentlich war der Oberstudienrat aus Münster seinem Dienstherrn als Lehrkörper unentbehrlich. Doch Tretow bemühte seine Beziehungen ins Bonner Innenministerium - jetzt erhielt er zwei Wochen Sonderurlaub, unbezahlt.
Von Wulzinger und

DER SPIEGEL 2/1998
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