26.01.1998

Die Zeichen der „Zeit“

Deutschlands ehrwürdigste Wochenzeitung sucht den Anschluß an die Gegenwart. Es gibt ein neues Layout, größere Fotos und im Feuilleton einen Exodus der Altmeister. Bei soviel Neuerung wird es manchem in der Redaktion unheimlich. Von Alexander Smoltczyk
Als Briefbeschwerer hält sich der Feuilletonredakteur Benedikt Erenz eine Helmut-Schmidt-Biographie und konnte so im Lauf der Jahre eine Beobachtung machen: "Die Kraft der Sonne hat den grauen Buchdeckel grün gefärbt. Schmidt ist der Beweis, daß Solarenergie funktioniert!"
Es geschah also doch etwas am Speersort 1, wo die Hamburger "Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Handel und Kultur" seit 1946 ihren Redaktionssitz hat. Und mit diesen Veränderungen konnte man leben, das war das Maß der "Zeit": die langsamen, kaum merklichen Bewegungen, die mit der Liebe eines Käferforschers beobachtet, mit der Sprachlust eines Jean Paul notiert werden wollten. Der Lauf der "Zeit" war die Pirouette, und darum liebte man sie und las sie auch bisweilen ganz durch.
Doch passiert plötzlich so viel, daß es manchem unheimlich ist. In gut vier Monaten hat der neue Chefredakteur Roger de Weck vier der sechs Ressortleiter neu bestellt, hat zwei Stellvertreter neu ernannt, einen ganzen Trupp von Feuilleton-Altmeistern ziehen lassen und wird diese Woche ein neues Layout starten. Was geht hier vor? "Es ist die Vertreibung aus dem Paradies", sagt der ehemalige Feuilletonchef. "Es ist der Abschied von einer Familie, in der keiner erwachsen sein wollte", sagt die Leiterin des Reiseressorts. "Es ist der Abgang der Gründergeneration", sagt der junge Politikredakteur.
Es ist die Angst vor der neuen "Zeit".
"Also, wenn ich etwas zu sagen hätte", sagt die Dame, die im deutschen Journalismus vermutlich mehr zu sagen hat als sonst jemand, "würde ich alles so belassen, wie es ist. Das allgemeine Knallen und Blitzen in den Medien vorüberziehen lassen." Marion Gräfin Dönhoff hat ihre Leitartikel schon geschrieben, als es die Bundesrepublik noch gar nicht gab, und sie sieht keinen Grund, daran zu zweifeln, daß sich Kompetenz auch ohne Art-directors und anderen Schnickschnack durchsetzt: "Durchhalten."
Nach sechswöchigem Ritt aus Ostpreußen kam Gräfin Dönhoff 1946 in die Redaktion am Speersort. Von der NS-Edelpostille "Das Reich" hatte man gerade die Gestaltung übernommen, doch der eigentümliche Ton war älter, stammte von den moralischen Wochenschriften des 18. Jahrhunderts, als die Zeitungen noch "Der Redliche Hamburger" oder "Die vernünftigen Tadlerinnen" hießen.
Natürlich weiß die "Zeit"-Herausgeberin, daß draußen schon gespöttelt wird. Über den "Club der toten Dichter", daß man lächelt, wenn jeden Donnerstag hinter Spiegelstrichen zu Gewissenhaftigkeit und Einsicht aufgerufen, wenn unter "Es gilt"-Fanfaren der Tidenhub der Weltgeschichte oder ähnliches verkündet wird. Sie weiß es: "Wir haben die ,Zeit'' 50 Jahre lang gemacht, jetzt sind andere dran." Aber muß das wirklich sein? Daß auf der Titelseite, wo seit Jahrzehnten Luis Murschetz seine Cartoons zeichnete, plötzlich fünfspaltige Fotos erscheinen, neulich sogar ein Babypuderbaby zum Appell "Zeugen statt züchten" in litfaßgroßer "Tiemann Antiqua"-Schrift?
"Form und Inhalt sind doch eins", sagt die Gräfin. Auch in ihrem 89. Jahr sieht sie noch aus wie auf den alten Bildern - die gleiche mädchenhafte Frisur, der gleiche skeptische Blick, die gleichen preußischen Überzeugungen -, und deswegen hat die Gräfin auch beschlossen, trotz Bauchgrimmen ihrem Verstand zu folgen und das Neue gut zu finden, und deshalb wird sie gleich ein Zimmer weiter gehen, den Kopf zum Chefredakteur hineinstecken und ihm sagen: "Es ist gut, Roger, Kompliment" und schnell wieder gehen.
Im Hamburger Pressehaus am Speersort belegt die "Zeit"-Redaktion heute vier Etagen, deren Zimmer nach Anzahl der Fenster in "Einachser, Zweiachser, Dreiachser" aufgeteilt sind. Man spricht sich mit Vornamen und Sie an und achtet darauf, daß ein etwaiger Abstieg nicht zu Verlust eines Fensterkreuzes führt. So entstand jener Flügel im 6. Stock, der im Hause "Arlington" genannt wird, ein Heldenfriedhof, wo die Altchefredakteure, -ressortleiter und -kanzler ihre Büros haben. Es ist ruhig hier. Niemand geht. Jede Generation legt sich in Schichten auf die andere.
"Das Eigentümliche an unserem Hause ist, daß die Gesetze der Zeitlichkeit in ihm ausgesetzt sind. Zum Beispiel muß man immer schon eine Woche im voraus wissen, worauf man in der Kantine Appetit haben wird", sagt die Schlußredakteurin Heike Buhrmann. "Aber auch sonst."
Tatsächlich fängt mancher Jungredakteur, der zur Erfrischung eingekauft wurde, an, im Pluralis majestatis zu schreiben, kaum daß er den Speersort bezogen hat. Umgekehrt setzt der Alterungsprozeß aus. Der inzwischen 67jährige Herausgeber Theo "Ted" Sommer sprang zu seinem 60. an einem Bungee-Seil von einer neuseeländischen Brücke, und im Zimmer 450 sitzt René Drommert, Kunst- und Ballettkenner von hohen Graden, lädt zu einem Gläschen Cognac und kann sich daran erinnern, wie die Straßenschilder in Riga zur Zeit Nikolaus'' II. aussahen. Drommert ist Jahrgang 1905.
"Die Zeit" ist vermutlich die einzige Zeitung, wo die Feuilletonredaktion von 1964 bis heute vollständig an ihren Schreibtischen sitzt und schreibt. Die Autoren begleiten ihre Leser durchs Leben. Sack, Herbort, Kipphoff, Zimmer, Leonhardt - das sind Namen, die man als Schüler lernte, während des Studiums bewunderte und viel später, bei einer Urlaubslektüre, zufällig wiedertraf, in schockhaften Momenten: "Was, immer noch ihr? Immer noch hier?"
So war die "Zeit". Das Feuilleton verließ ein Redakteur nur mit den Füßen voran. Man gefiel sich in der Schmuckschatulle des Mäzenaten Gerd Bucerius und schrieb wunderbare Texte vom hohen Cis, so lang und oft man wollte, und manch einer verwechselte die Zeitlosigkeit mit Ewigkeit - bis die Auflage in Schüben von rund 15 000 jährlich absackte, Bucerius tot war und seine Milliarde in einer Stiftung weggeschlossen.
Der Mann, der die "Zeit" aus ihrem Träumen reißen soll, heißt Roger de Weck. Der 44jährige Bankierssohn kleidet sich gern elegant und hat sein Hemd mit Initialen bestickt, auch wenn es ihm manchmal im Eifer aus der Hose rutscht. Deutsch lernte der Schweizer erst mit zehn Jahren, und er spricht es sanft, mit fein gesetzten Pausen, als leite er eine psychotherapeutische Sitzung. Verwirrend ist sein rechtes Auge, das immer etwas vom Blick abschweift und spazierengeht, als gäbe es noch etwas anderes außer Journalismus.
Sein Strabismus habe sogar einen Vorteil: "Ich muß Dinge bewußt anschauen. Ich sehe enger, aber ein bißchen schärfer - das rede ich mir jedenfalls gern ein."
De Weck möchte mit der alten "Zeit"-Redaktion eine frischere Zeitung machen. Dazu müsse sie etwas durcheinandergebracht werden, müsse "als Hauptaufgabe" die Stimmung verbessert werden. Beim letzten Jahrestreffen des Politikressorts nahm er Worte in seine Rede, von denen die Kollegen nur aus den hinteren Seiten ihres Blattes wußten. Er sprach von Liebe, Sucht und Gier auf Gegenwart, ohne die eine Zeitung vertrocknen müsse.
De Weck hat eine "Zeit"-ungemäße Liebe zu Johnny Hallyday und alten BMW-Motorrädern. Er sagt: "Ich komme aus Fribourg, einer so katholischen wie durch und durch sinnlichen Gegend." De Weck sagt nicht: "Im Gegensatz zu meinem Vorgänger."
Die Jahre unter Chefredakteur Robert Leicht werden im Hause als "Mehltau-Periode" geführt. Glaubt man den Fluren, so muß seine Sucht darin bestanden haben, alles besser zu wissen, alles richtig zu machen, weswegen trotz vielen Redens keine Entscheidungen getroffen wurden. "Ein hochintelligenter Mann, wirklich", sagt ein Ressortchef, "aber diese Starre, dieser Pietismus. Es war wie bei einem wilhelminischen Oberlehrer." Wobei keiner der Ressortleiter daran erinnert werden möchte, wie sie selbst ohne Murren die Schulbuben spielten, jeden Donnerstag, wenn Leicht sie zur Strafe für mangelnde Kreativität bei den Konferenzen stehen ließ.
Allerdings hatte Robert Leicht ein Handicap: einen Verleger Gerd Bucerius, dessen langes Siechtum keine wichtigen Entscheidungen zuließ. Noch zu dessen Lebzeiten hatte es einen unterschriftsreifen Verkaufsvertrag mit dem Stuttgarter Verleger Dieter von Holtzbrinck ("Handelsblatt", "Tagesspiegel") gegeben. "Buc selbst wollte mit dem Verkauf warten", sagt Theo Sommer, "um den Eindruck zu vermeiden, jemand hätte einem alten Herrn die Hand geführt." Nach dem Tod ihres Gründers im Herbst 1995 übernahm Holtzbrinck die "Zeit" für 140 Millionen und bekam von den Herausgebern unter- derhand auch den Namen des künftigen Chefredakteurs zugesteckt: Roger de Weck, ehemaliger Wirtschafts-Ressortleiter und damals noch Chef beim Zürcher "Tages-Anzeiger".
Als nach dem Verkauf junge Männer mit Hornbrillen die Geschäftsführung im 7. Stock übernahmen, wußten die meisten "Zeit"-Redakteure gar nicht, daß es so etwas gab. Nicht nur, weil der Fahrstuhl in der sechsten Etage endet. "Die Zeit" ist immer wie ein Familienunternehmen geführt worden. Das Geld kam aus Bucerius'' Privatschublade: "Ich konnte dem Verleger auf der Toilette von einem Projekt erzählen und hatte beim Händeabtrocknen die Zusage für 300 000 Mark", erinnert sich Sommer. Es gab keine Ressortbudgets, kein elektronisches Redaktionssystem, keine Werbung, die ihren Namen verdient hätte, keine Möglichkeit, digitale Fotos zu empfangen. Kollegen anderer Hamburger Blätter wurden mit Cognac-Flaschen für ihre Hilfsdienste belohnt.
De Weck hat aus Zürich einen Umbauplan mitgebracht und hakt ihn mit Rückendeckung des neuen Eigentümers Punkt für Punkt ab, als folge er dem Leitartikel-Schema seines eigenen Blattes:
Erstens: Nachdem eine Preiserhöhung und sinkende Papierpreise das zuletzt sehr magere Betriebsergebnis verbessern konnten (die Auflage ist zur Zeit wieder leicht steigend), wurde in die Grundausstattung investiert.
Zweitens: Die drei Herausgeber dürfen weiter auf der ersten Seite schreiben, können dem Chefredakteur aber nicht reinreden: "De Weck ist der mächtigste Chefredakteur, den die ,Zeit'' je hatte", sagt Sommer, selbst überrascht, als er von de Wecks erster Personalentscheidung lediglich in Kenntnis gesetzt wurde.
Die Redaktion wurde, drittens, so lange umbesetzt, bis die meisten den Eindruck hatten, alles sei jetzt ganz anders. Auf den Einkauf neuer Namen verzichtete de Weck bisher weitgehend, doch er ließ, viertens, Holtzbrincks Lieblingsgrafiker Mario Garcia ein (maßvoll) neues Layout vollenden, über das schon seit fünf Jahren geredet wurde: ein schriftbetontes, nüchternes Seitenbild, in dem die Spaltenbreiten spielen und die klassische Zeitungstype "Times" durch die literarischere Renaissance-Antiqua "Garamond" ersetzt ist. Auch wurden allerlei Logos und Kästchen entrümpelt, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hatten.
Damit gilt: Formal ist alles - Verlagsmacht, Posten und Gestaltung - neu geregelt. Fehlt eigentlich nur noch eins.
"Der Inhalt, ach", seufzt der Feuilletonredakteur Benedikt Erenz, "zuviel brave Texte", und traurig schaut ihm Karl Philipp Moritz über die Schulter. Das Bild des Aufklärers ("Ideal einer vollkommenen Zeitung") ist umrahmt von den gebißfletschenden Herren Ebby Thust und Egon Krenz, darunter ein blauer, lächelnder Delphin: "Das Leben, die Politik und die Natur", erläutert der Redakteur das Weltenbild. Er wurde 1984 aufgrund eines Leserbriefs nach Hamburg geholt und sofort eingestellt, um unter der "Grabplatte Politikressort" für Oster-Erlebnisse zu sorgen.
Denn wesentlich geordneter ist das Weltbild, das jeden Montag und Freitag im 6. Stock erdacht wird, wenn der Geist der "Zeit" pünktlich um zwölf Uhr zur "Politikkonferenz" erscheint. Um Keksschale und Sprudelwasser der Marke "Fürst Bismarck" sitzen die Granden, alle, die im Königsressort je etwas zu sagen hatten. Hier spricht man in Semikola, hier werden die Zeitläufte vernommen, all das, was außerhalb des Speersort 1 passiert und dem Zentrum über diverse Nervenbahnen zugetragen wird, von Korrespondenten, englischen Zeitungen, Giscard d''Estaing oder dem Eppendorfer Friseur.
Manch einer am Tisch hat schon die Ermordung Kennedys kommentiert und die Anfänge der Brandtschen Ostpolitik kritisch begrüßt. Sie haben alles gesehen, alles analysiert und in geschliffenen Sätzen, kühnen Metaphern, maßvollen Appellen der "Zeit" anvertraut. Wie selbstverständlich greift der Diplomatische Korrespondent zum Personalpronomen der Mächtigen: "Wir sagen Algier: Wir nehmen kein Erdgas mehr von euch ...", und als "Ted" gerade in beeindruckender Weise den Bogen vom Augsburger Religionsfrieden zu den Flüchtlingsschiffen vor Kalabrien schlägt - kommt plötzlich ein Helmut-Schmidt-Double herein und setzt sich, mit dem Gesicht zum Fenster. Die gleiche Oberlippe, der gleiche perfekte Scheitel wie damals auf den Wahlplakaten. Doch es ist kein Revenant. Der Mann ist echt.
Und greift sogleich in die Debatte ein: "Ihr werft da was in einen Topf. Geklont haben schon die Römer. Apfelbäume und Rosen. Entscheidend ist der Eingriff in die Keimbahn ..." Und so weiter. Ein Oberseminar auf höchstem Niveau, begleitet von launigen Einwürfen und Entgleisungen. Für Jungredakteure muß es die Hölle sein.
"Gut, diese vorgestrigen Metaphern à la: Der indische Tiger hat lange geschlafen - da fällt mir nichts mehr ein", sagt einer der Jüngeren im Ressort. "Aber wer von uns hat die eigenständige Urteilsfähigkeit der Alten? Die kennen die meisten politischen Akteure persönlich. In unserer Generation sind keine kompetenten Analytiker nachgewachsen." Womöglich, weil für die jüngeren Schreiber nicht mehr der Leitartikel die Hohe Schule des Journalismus ist, nicht die Meinung, sondern die Reportage. Analyse tut not - aber wer will schon so genau wissen, ob "Liberale ohne Heimat" sind?
Die "Zeit" war eine Institution der alten Bundesrepublik. Als die Mauer 1989 fiel, obwohl es weder in der Politikkonferenz noch in den Leitartikeln der Seite eins vorgesehen war, hätte eine Wende angestanden: "Nach der Wiedervereinigung wurde Ostdeutschland vom damaligen Chefredakteur zur Sache für den ,Länderspiegel'' erklärt. Es war eine Umbuchung, kein Bruch mit alten Gewißheiten", sagt der Berliner Kolumnist Klaus Hartung. Die Zeiten änderten sich, die "Zeit" blieb, wie sie war.
"In der Welt ist soviel im Fluß, das sollte auch in der Redaktion so sein. Wir sind nicht mehr in einer Zeit, wo man wie vor 20 Jahren klare, gradlinige Perspektiven hat", sagt der neue Chefredakteur. Nachdem sich unter Robert Leicht die Redaktion verjüngte und doch alles beim alten blieb, vertraut de Weck auf den Klimawechsel in der Redaktion und die bewährten Namen. Vielleicht gelingt es ihm dennoch.
Er weiß, daß es tödlich wäre, nur auf die Gewohnheitsleser zu setzen, jene Leserschaft e. V. , der ziemlich egal ist, ob "Finis", "Zeit"-Rätsel, Sichtermanns Fernsehkritiken und Siebecks Kochkünste, Pooh''s Corner oder die Heiratsanzeigen in Renaissance-Antiqua gesetzt sind oder nicht. Sie werden auch nicht merken, daß im Zeitungskopf der "Handel" dem "Wissen" weichen wird, und sind''s zufrieden damit, daß ihre "Zeit" der Zeit draußen als vernünftige Tadlerin hinterherflaniert.
"Die Underberg-Erfolgsformel der ,Zeit''", sagt der Feuilletonist in seinem zettelgezierten Einachser-Büro, "war eine Zwei-Komponenten-Mischung aus hohem Ton und fröhlicher Anarchie. Der Leser saß mit unseren Politikberatern am Katzentisch der Weltpolitik, und weiter hinten folgten die völlig verrückten Einfälle von Müller-Marein, später Leonhardt, Henrichs, Raddatz."
Doch wo verbirgt er sich, der immer wieder gern erzählte Geist der Widerborstigkeit? Auf dem Flur des 4. Stocks, wo laut Türschildern das Feuilleton sein müßte, ist es leer geworden, als ginge man sich aus dem Weg. Umgeben von Zeitungsstapeln und Bücherborden, sitzt die Ressortleiterin im Eckzimmer und schaut so drein, als regne es über ihrem Schreibtisch. Sigrid Löffler ist maßgeblich von dem neuen Verleger engagiert worden und möchte jetzt nur noch vergessen, was hinter ihr liegt.
Es war ein Kampf mit den schönen Federn des "Zeit"-Kulturteils, ein Streit um Macht und Stil, mit dem verglichen "Das literarische Quartett" ihr wie ein Kuschelseminar vorkommen mochte.
"Ich bin für ein Reformprojekt geholt worden. Doch dazu gehört, daß beide Seiten mitspielen", sagt sie. Ein schärferes, streitbareres Feuilleton habe sie im Sinn, und Konzepte sprechen in geschliffenem Kulturmanager-Deutsch von "Diskurskompetenz, die zurückerobert werden muß durch alternative Dauerreflexion in der ganzen Breite der Erscheinungen ..."
Das erste Ergebnis der neuen Streitkultur war die Kündigung von Benjamin Henrichs (SPIEGEL 47/1997), der seit 25 Jahren Theaterkritiker der "Zeit" war und außerdem Verfasser der meisten mit "Finis" gezeichneten Kolumnen.
Es war nicht nur ein Kampf ums Sagen. Löffler kritisierte die "überlegene, leicht müde Ironie", die sich im Feuilleton breitgemacht habe, die Abgehobenheit gegenüber Pop- und Alltagskultur. Henrichs fürchtete, daß "eine Oase kreativer Heiterkeit und innerer Furchtlosigkeit" zur "Debattenbörse und sauren Pflichterfüllung" verkommen würde.
Denn was Theo Sommer einst unter großem eigenen Gelächter seiner Redaktion vorzuhalten pflegte - "Es geht nicht, daß jeder macht, wozu er Lust hat" -, war hier Prinzip. Wir machen''s uns schön und schreiben Texte, wie wir sie gern lesen würden. "Ein Kulturteil", sagt Henrichs, "muß die Überdrehten als ein Element haben. Ich bin nicht gegen Wechsel. Aber wenn man uns Egozentriker loswerden will, dann bitte durch brutale Jugend."
Löffler hat den Kulturkampf im 4. Stock gewonnen: "Es wird schon wieder gelacht im Ressort", sagt sie. Aber acht Redakteure und Pauschalisten haben das Feuilleton bereits verlassen oder werden es tun. Darunter Manfred Sack, Eleonore Büning, Helmut Schödel, Rolf Michaelis und Heinz Josef Herbort. Benedikt Erenz wird in den Tiefen der Zeiten verschwinden und die Geschichtsseite "Zeitläufte" betreuen, Henrichs soll ab September für die "Süddeutsche Zeitung" nach Berlin gehen. Nur bei "Finis" müßte noch jemand den Vorhang zuziehen.
Keine Spur mehr von fröhlicher Anarchie? Oder versteckt sie sich irgendwo in diesem sonderbar zeitlosen Haus am Speersort? Vielleicht sitzt sie am anderen Ende des Feuilleton-Flures, wo, schon im Mantel, Fritz J. Raddatz Schokoblätter in sich hineinstopft und fröhlichen Spott über die Nachkömmlinge versprüht: "Konzept? Das Wort kenne ich nicht. Ich habe Kopf, Temperament, Leidenschaft!" und sogleich berichtet, wie sie den später hochgeehrten deutschen Schriftsteller W. in den Puff gezwungen hätten, damals ...
Vielleicht überwintert die Anarchie im "Dossier" oder im "Wissen", wo kürzlich Überraschendes über revolutionäre Fräsmaschinen ("Neue deutsche Welle") zu lesen war. Oder sind die Zeiten gar nicht mehr danach? Vielleicht muß man sich nur etwas Zeit nehmen, sie zu finden.
* Mit Redakteuren Haug von Kuenheim und Matthias Naß.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 5/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 5/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Zeichen der „Zeit“

Video 01:01

Museum der Illusionen Was ist das denn?

  • Video "Videoanalyse zum Korea-Gipfel: Das ist ein großes Zeichen von Moon Jae" Video 01:31
    Videoanalyse zum Korea-Gipfel: "Das ist ein großes Zeichen von Moon Jae"
  • Video "Parodien über US-Wettermoderator: Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten" Video 01:38
    Parodien über US-Wettermoderator: "Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten"
  • Video "Muschelkrieg im Ärmelkanal: So heftig attackierten sich die Fischer" Video 01:00
    "Muschelkrieg" im Ärmelkanal: So heftig attackierten sich die Fischer
  • Video "Marathon-Weltrekordtempo im Selbstversuch: Es reißt mir hinten die Beine weg" Video 04:03
    Marathon-Weltrekordtempo im Selbstversuch: "Es reißt mir hinten die Beine weg"
  • Video "Fast 150 km/h: Der Einkaufswagen mit dem Jet-Antrieb" Video 00:44
    Fast 150 km/h: Der Einkaufswagen mit dem Jet-Antrieb
  • Video "Weltraumtourismus mit SpaceX: Japanischer Milliardär will zum Mond" Video 01:59
    Weltraumtourismus mit SpaceX: Japanischer Milliardär will zum Mond
  • Video "Seltenes Naturschauspiel: Buckelwale beim Synchronspringen" Video 00:53
    Seltenes Naturschauspiel: Buckelwale beim Synchronspringen
  • Video "Unfall in Madrid: Laptopbatterie explodiert morgens in der Metro" Video 01:20
    Unfall in Madrid: Laptopbatterie explodiert morgens in der Metro
  • Video "Arabische Großfamilien in Berlin: Er war mein bester Freund, ich habe ihn nicht umgebracht" Video 01:27
    Arabische Großfamilien in Berlin: "Er war mein bester Freund, ich habe ihn nicht umgebracht"
  • Video "Skyline Race in Schottland: Bloß nicht abrutschen" Video 01:18
    Skyline Race in Schottland: Bloß nicht abrutschen
  • Video "Wingsuit-Wettbewerb: Mit dem Kopf und 200 km/h durchs Ziel" Video 01:16
    Wingsuit-Wettbewerb: Mit dem Kopf und 200 km/h durchs Ziel
  • Video "Ibrahimovics 500. Karrieretor: Das macht dich sehr, sehr alt" Video 02:12
    Ibrahimovics 500. Karrieretor: "Das macht dich sehr, sehr alt"
  • Video "Steuerung wie von Geisterhand: Erstes Motorrad ohne Fahrer vorgestellt" Video 01:37
    Steuerung wie von Geisterhand: Erstes Motorrad ohne Fahrer vorgestellt
  • Video "Verheerende Folgen: Sturm Florence wütet über US-Ostküste" Video 01:11
    Verheerende Folgen: Sturm "Florence" wütet über US-Ostküste
  • Video "Museum der Illusionen: Was ist das denn?" Video 01:01
    Museum der Illusionen: Was ist das denn?