12.01.1998

ALGERIENMörderische Sippenhaft

Ein desertierter algerischer Geheimdienstoffizier über die Verwicklung der Armee in Mordtaten der Islamisten
Den ersten Anstoß für mich, meine privilegierte Stellung als Hauptmann aufzugeben und zu desertieren, gaben die Geschehnisse von Bachadjarah. In diesem Vorort von Algier fanden die entsetzten Einwohner eines Morgens im Mai 1994 auf den Gehwegen ein Dutzend Leichen - allesamt harmlose, kleine Leute aus dem Viertel.
Ich war dabei, als ein verstörter Leutnant aus Bachadjarah seinem Vorgesetzten im Verteidigungsministerium den Massenmord meldete. Der fragte zuerst: "Was sagen denn die Leute auf der Straße dazu?" - "Sie verdächtigen den Sicherheitsdienst", antwortete der Leutnant. Der Chef beruhigte ihn: "Ach was, da ist nichts dran. Sag ihnen, es war eine Abrechnung unter Terroristen."
Kaum hatte der Soldat den Raum verlassen, brach der Offizier in lautes Gelächter aus und sagte anerkennend: "Baschir und seine Leute haben gute Arbeit geleistet. Ich muß ihn gleich anrufen und ihm gratulieren."
"Baschir" - das ist der Deckname für den Geheimdienstoffizier Othmane Tartag,
* Der 1993 ermordete Ex-Chef der Sicherheitspolizei, Oberst Kasdi Merbah.
einen Oberst. Seine Kommandozentrale befand sich in einer Kaserne hoch über Algier. Seine Spezialität bestand in der Vollstreckung einer Art mörderischer Sippenhaft - er ließ die Angehörigen untergetauchter Islamisten umbringen.
Seine Männer schwärmten nachts aus, nicht in Uniform, sondern gekleidet in die "Kaschabia", das lange Gewand der Frommen. Sie klopften an die Tür der Familie, die sie sich vorgenommen hatten, und flüsterten: "Öffnet, wir sind Brüder der Mudschahidin." Dann drangen sie in die Wohnung ein und vollbrachten ihr blutiges Werk.
Kurz nach dem Gemetzel von Bachadjarah mordete Baschirs Kommando im Vorort Eucalyptus weiter. Es gab noch viele solcher Überfälle; ich selbst habe die Killertrupps ausrücken sehen und bin bereit, vor jedem internationalen Untersuchungskomitee auszusagen.
Die jüngsten grauenhaften Massaker, etwa in der Region Relizane, das Foltern, die Verstümmelungen, das Verschleppen junger Frauen, all das hat erneut die Frage aufgeworfen, ob außer islamistischen Fanatikern auch Soldaten im Regierungsauftrag für Algeriens Abgleiten in die Barbarei verantwortlich sind. Meine Antwort darauf lautet: indirekt sehr wohl.
Staatspräsident Liamine Zéroual, der im November 1995 mit 61 Prozent der Stimmen gewählt wurde, weil das verzweifelte Volk ihm vertraute, ist in Wirklichkeit ein Strohmann von Generälen, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Zéroual, selbst ein ehemaliger General, hat Angst vor diesen wahren Machthabern. Er ist zwar ihr Kamerad, aber auch ihre Geisel; schließlich wurde sein Vorgänger Mohammed Boudiaf, der sich aus der Abhängigkeit von der Armee lösen wollte, 1992 von einem Leutnant unter bis heute nicht geklärten Umständen erschossen.
Die Armee braucht den Haß gegen die Islamisten und die Angst vor ihnen, um ihre eigene Macht zu sichern. Gleichzeitig helfen ihr die Massaker, Zwietracht zwischen den rivalisierenden Fundamentalisten zu säen. So unglaublich das klingen mag: Die mörderische Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) ist teilweise ein Geschöpf der Militärs, über das die Zauberlehrlinge inzwischen allerdings jede Kontrolle verloren haben.
Zu Beginn des Konflikts 1992 gab es im wesentlichen drei Kampfeinheiten der Islamisten: die Bewaffnete Islamische Bewegung (MIA), die Bewegung für einen islamischen Staat (MEI) und die Islamische Heilsarmee (AIS), den bewaffneten Arm der Islamischen Heilsfront (FIS), die kurz zuvor bei den Parlamentswahlen um den sicheren Sieg gebracht worden war.
Um diese Gruppen zu unterwandern und gegeneinander auszuspielen, half das Militär bei dem Aufbau einer neuen Organisation - eben des GIA, der zum Sammelbecken der Härtesten und Übelsten des Landes werden sollte: Ehemalige Afghanistan-Freiwillige, vornehmlich aber Schwerverbrecher, darunter bereits zum Tode verurteilte Mörder, schlossen sich den GIA-Einheiten unter einem jeweils selbsternannten "Emir" an.
Ob absichtlich oder fahrlässig - 1994 und 1995 ließen die Sicherheitsdienste aus den bestbewachten Gefängnissen Algeriens ganze Schwärme von Kriminellen ausbrechen. Mehr als tausend entschwanden allein aus dem Sicherheitstrakt von Tazoult im Osten des Landes, mindestens ebenso viele aus den Strafanstalten von Berrouaghia und Sarkadji. Die meisten waren zum Tode oder zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, und fast alle fanden sich im GIA wieder.
Auch die furchtbare Brutalität der GIA-Killer, die Männern die Kehle durchschneiden, Frauen zerhacken, Säuglinge in Öfen verbrennen, weist darauf hin, daß ihre sogenannten Kämpfer keine Religionskrieger, sondern sadistische Schwerverbrecher sind. Besonders schlimm wüten sie jedes Jahr im Fastenmonat Ramadan - der für fromme Muslime eigentlich eine Zeit der Besinnung auf Gott sein müßte.
Oftmals ereignen sich die nächtlichen Massenmorde, in deren Verlauf ganze Dörfer ausgelöscht werden, in der Nähe von Militärstützpunkten, ohne daß Soldaten den Opfern zu Hilfe eilten. Das ist ein Indiz dafür, daß die Armee den GIA gewähren läßt. Das Militär verschafft sich so die Rechtfertigung für blutige Racheakte und profitiert von der generellen Panikstimmung.
Anfangs richteten sich die Anschläge der Fundamentalisten fast ausschließlich gegen Angehörige der Sicherheitskräfte und Repräsentanten des Staats - das entsprach noch der Logik eines klassischen Untergrundkriegs gegen die Herrschenden. Das Militär wünschte aber, daß sich der Terror gegen das ganze Volk richtete - das verschaffte ihm Legitimation und erhöhte die Überlebenschancen des Regimes.
Deshalb beschlossen die Sicherheitskräfte, sich für jeden Getöteten in ihren Reihen an den Familien von Islamisten schadlos zu halten. Der militärische Aufklärungsdienst äußerte dagegen zunächst Bedenken: Eine solche Taktik öffne die Tür zum Bürgerkrieg. Man hörte nicht darauf; die Machthaber wollten um jeden Preis sicherstellen, daß nicht sie allein die Zielscheibe des Terrors blieben.
So zogen sie das ganze Volk in ihren schmutzigen Krieg mit hinein, es durfte keine Unbeteiligten mehr geben, die Algerier sollten zu Geiseln des Regimes werden - und sie wählten ja dann auch brav die Parteigänger des Präsidenten ins Parlament, in den Senat und in die Rathäuser.
Möglich ist das alles nur, weil unter der mafiosen Kaste aus Politikern und Generälen, denen jeder Warenimporteur Schmiergelder zahlen muß, die Armee demoralisiert und weitgehend selbst in die Kriminalität abgeglitten ist.
Die Forderung des früheren Premiers Redha Malek - "die Angst muß ins andere Lager wechseln" - hat sich auf schreckliche Weise erfüllt. Militär und Polizei morden in den als "heiß" geltenden Vierteln Verwandte von Verdächtigen, damit die Nachbarschaft dem flüchtigen Bruder oder Sohn keinen Unterschlupf mehr gewährt. So soll die Basis der Terroristen zerstört, das Volk von den Partisanen der Islamisten getrennt werden.
Anschließend lobt die Obrigkeit die Mörder in Uniform für diesen Akt der "Friedenssicherung". Ein Polizeikommissar erzählte mir, seine Leute seien längst von der Barbarei angesteckt; auch sie empfänden Befriedigung dabei, ihren Opfern die Kehle durchzuschneiden, als würden sie Schafe oder Ziegen schächten.
Weil ihnen Gerichtsverfahren zu umständlich und zu halbherzig erscheinen, üben Polizei und Militär gern Selbstjustiz. Sie verhaften, verhören, foltern verdächtige Zivilisten und bringen sie im Zweifel um. Exekutionen sind an der Tagesordnung. Horden von Soldaten und Polizisten organisieren wahre Raubzüge, ohne Bestrafung zu riskieren: Sie erpressen Schutzgelder, sie errichten Straßensperren, um Bürger auszuplündern. Oder sie massakrieren angebliche Terroristen, nur um sich Schmuck und Bargeld der Getöteten anzueignen.
Die Versuchung ist groß: Ein Polizeiinspektor verdient zwischen 8000 und 12 000 Dinar (250 und 370 Mark) im Monat; das Kilogramm Fleisch kostet 560 Dinar, ein Kilogramm Bananen 360.
Gewissenskonflikte, Scham über Korruption und Verbrechen im Namen des Staats haben einen heftigen Aderlaß in der Armee bewirkt: Zu Tausenden haben Soldaten, allein schätzungsweise 400 Offiziere mit Hochschulausbildung, den Dienst quittiert. Doch solchen Entlassungsgesuchen wird heute nicht mehr stattgegeben. Wer mißliebig auffällt, wird zu den AntiTerror-Einheiten versetzt, die in vorderster Front kämpfen und in ständiger Alarmbereitschaft stehen.
Andere sind, weil sie sonst keinen Weg mehr sahen, die verbrecherische Obrigkeit zu bekämpfen, zu den Islamisten übergelaufen. Gelegentlich meuterten ganze Einheiten, etwa in Boughazal 200 Kilometer südlich von Algier, wo sich ein großes Munitions- und Waffendepot befindet. Mehrere Lastwagen voll Waffen verschwanden zu den Islamisten.
Auch Sabotage gibt es immer wieder: So griff der Hauptmann Zemani am 5. Juli 1994 mit einem Hubschrauber die Militärbasis Aïn-Arnat 300 Kilometer östlich von Algier an; er zerstörte vier Helikopter und ein Waffendepot. Seine Maschine wurde bei Skikda auf einem Bauernhof wiedergefunden; der Offizier tauchte seitdem nie wieder auf.
* Der 1993 ermordete Ex-Chef der Sicherheitspolizei, Oberst Kasdi Merbah.
Von Lutz Krusche und

DER SPIEGEL 3/1998
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