26.01.1998

KUBA

Gottes Wort, Fidels Regie

Von Widmann, Carlos

Bei der Begegnung der zwei alten Recken in Havanna hatte Papst Johannes Paul II. es schwer, sich gegen die Vereinnahmung durch Gastgeber Castro zu wehren. Der machte aus dem Besucher einen Verbündeten gegen den Kapitalismus - und die USA. Von Carlos Widmann

Die Schmerzgrimasse, die das Antlitz des Papstes minutenlang entstellte, habe "keine körperlichen Ursachen", versicherten mitgereiste Vatikanisten. Was die Gesichtsmuskeln von Johannes Paul II. manchmal krampfhaft zusammenziehe, sei vielmehr intellektuelle Anstrengung - die schiere Konzentration beim Nachdenken oder beim Zuhören.

Nur, woher sollten die kubanischen Massen das wissen? Die sichtbare Auswirkung der Begrüßungsworte, die sich Fidel Castro für seinen hohen Gast hatte einfallen lassen, kam manchen befremdlich vor: Worunter litt der arme Papst? Während der langen Viertelstunde, die Präsident Castro schwungvoll auf ihn einredete, schien der Besucher von Folterknechten der Inquisition traktiert zu werden.

Der Verdacht drängte sich auf, daß das gequälte Mienenspiel des Papstes dessen wahre Gefühlsreaktion auf Castros Rede widerspiegelte. Zwar hatte Fidel - zum erstenmal bei einem Auftritt im eigenen Lande - am Mittwoch vergangener Woche den grünen Kampfanzug gegen einen anthrazitgrauen Zweireiher getauscht. Aber der Begrüßung des Pontifex maximus durch den Líder máximo fehlte jede staatsmännische Politur.

Nicht der propagandistische Inhalt der Rede Castros war dabei verblüffend, sondern die Taktlosigkeit seiner Formulierungen. Den Papst aus Polen ausgerechnet an "O swiecim" zu erinnern, wenn vom US-Handelsembargo gegen Kuba die Rede war, stellte eine arge Entgleisung dar. O swiecim ist der polnische Name von Auschwitz.

Dabei wußte Fidel Castro zur Genüge, daß er den Papst nicht durch grobschlächtige Rhetorik von der Verwerflichkeit des US-Embargos zu überzeugen brauchte. Einer der Gründe für das lange Werben des Kubaners um diesen Papstbesuch war ja, daß Johannes Paul II. seine - bereits mehrmals ausgesprochene - Verurteilung der 36 Jahre alten Washingtoner Handelssanktion spektakulär von kubanischem Boden aus verkünden sollte: zur (erhofften) Beschämung Präsident Clintons und des amerikanischen Kongresses.

Wie wenig es hierzu einer Ermunterung durch den Comandante Fidel Castro bedurfte, zeigte das Oberhaupt der Katholiken schon im ersten Statement nach dem Anflug aus Rom. Vor allem gegen die amerikanische Politik der Isolierung Kubas gerichtet, sprach der Papst den von Castro erhofften Kernsatz aus: "Möge Kuba sich der Welt öffnen und die Welt sich öffnen für Kuba!"

Mühelos, mit einer Würdigung des hohen Gastes und ein paar weltoffenen Floskeln, hätte Fidel dem Besuch einen positiven Auftakt geben können. Statt dessen klapperte er mit gebrauchten Skeletten aus der Modergrube des Antikolonialismus: Leider könne der Papst auf Kuba nicht mehr die "friedfertigen Ureinwohner" antreffen, die vor einem halben Jahrtausend massakriert und zu Tode geschunden worden seien. Dieser unnötige Hieb gegen Spanien forderte in Madrid sogleich eine bissige Retourkutsche von Außenminister Abel Matutes heraus: Die Nachkommen der Indio-Mörder seien die Kubaner und nicht die Spanier.

Besessen von einer Vergleichswut, die den meisten seiner Landsleute fremd ist, begrüßte Castro den Papst mit weiteren Reizwörtern: Vor hundert Jahren, im Befreiungskrieg kubanischer Patrioten gegen Spanien und die USA, hätten die Imperialisten auf Kuba einen "Holocaust" unter Frauen, Kindern und Greisen veranstaltet, und heute würden die Amerikaner mit ihrem Handelsembargo erneut einen "Genozid" versuchen.

Der Comandante en Jefe kam sogar auf die alten Römer zu sprechen: Er erinnerte den Pontifex an jene heroischen frühen Christen, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten und die dafür im römischen Zirkus den Löwen zum Fraße vorgeworfen wurden.

Auf diesen Vergleich ist Castro deshalb verfallen, weil heute ihrerseits die Amerikaner - "mächtiger noch als das damalige Reich der Römer" - das kubanische Volk "durch Hungerfolter dazu zwingen" wollten, seinem sozialistischen Credo zu entsagen. Daß dies keinen Erfolg haben werde, wurde dem Papst beim Verlassen des Flughafens klargemacht mit einem weiteren, noch stärkeren "Credo" - der in Riesenlettern hingepinselten Parole: "Unser Glaube ist die Revolution."

Anders freilich als Fidel Castro es dem Papst darstellte, verlangt Washington als Vorleistung für eine Aufhebung des Handelsembargos keineswegs eine Abkehr vom sozialistischen Ideal. Die Bedingung der Amerikaner ist bescheidener; sie wünschen auf Kuba, was überall in Lateinamerika üblich geworden ist - die Abhaltung freier Wahlen. Auf irreführende Auskünfte des Comandante war der Papst aber offenbar gefaßt; im Flugzeug gefragt, was er sich denn am sehnlichsten von Fidel Castro erhoffe, hatte Johannes Paul II. ohne eine Sekunde des Zögerns erwidert: "Daß er mir die Wahrheit sagt."

Das ist allerdings viel verlangt, und die über 3000 Journalisten, die der Papstbesuch nach Kuba gelockt hatte, konnten es nachvollziehen: Viele von ihnen kamen in den seltenen Genuß eines abendfüllenden Fernsehauftritts von Castro. Es war ein Marathon-Gespräch, das der Líder máximo vorletzte Woche - von einigen Stichwortgebern der Regimepresse assistiert - mit sich selbst führte. Beinahe sechs Stunden lang, zwischen Freitag neun Uhr abends und Samstag gegen drei Uhr morgens, lieferte Castro im Staatsfernsehen einer Minderheit geduldiger Landsleute eine Demonstration seiner Machtfülle und ein Psychogramm seiner Person.

Für manche angereiste Reporter war es ein etwas unheimliches Wiedersehen. Die vertraute Barttracht ist nun völlig durchsichtig geworden, sie umrahmt die untere Gesichtshälfte wie ein weißgraues Gespinst aus feiner Zuckerwatte. Dicht und zugespitzt sind immer noch die Brauen, die dramatisch auf- und abhüpfen wie bei einem Schauspieler der Stummfilmzeit. Dazu passen die geblähten Lippen, wenn es gilt, Skepsis zu bekunden. Die großen, wohlgeformten Hände wedeln etwas greisenhaft, aber die hohe Stimme hat kaum an metallischer Resonanz verloren. Quälend lang allerdings sind Fidels Denkpausen geworden, denen oft kein Gedanke folgt.

Drei Stunden verwendete Castro darauf, die letzten Pseudowahlen für das kubanische Scheinparlament anzupreisen: 601 Kandidaten für 601 Sitze, Wahlbeteiligung 98,3 Prozent, Sieg der Einheitsliste mit 94,4 Prozent. Drei Stunden lang machte sich Castro - der noch vor 20 Jahren als bester politischer Alleinunterhalter der Welt galt - zum öden, selbstzufriedenen, einschläfernden Langweiler. Wer aber bis Mitternacht wach blieb, erlebte hinterher, als es um den Papst ging, einen immer noch faszinierenden Fidel.

Und es wurde nun begreiflich, warum er Johannes Paul II. - und eine Massenmobilisierung der Kubaner zugunsten des Papstes - nicht im mindesten fürchtete: einfach deshalb, weil er sie selbst inszenieren, organisieren und kontrollieren würde.

"Wir bereiten dem Papst einen grandiosen Empfang", rief Fidel triumphierend, "die Insel voller Journalisten - und alle Plätze und Straßen voller Menschen. Der Besuch wird ein Sieg des Volkes und die ganze Welt dafür unser Zeuge sein."

Geschickter läßt sich das kaum machen. Die Begeisterung der Minderheit praktizierender Katholiken löste sich auf in den Massen der Hoffenden und der Neugierigen - mit einer starken und wachsamen Kaderstruktur mittendrin, die keine Plakate, keine politischen Parolen, nicht die geringste Unruhe duldete. Und das alles ganz zivilisiert: "Wenn früher jemand ,Nieder mit Fidel' gerufen hat, wurde er zusammengeschlagen und abgeführt. Jetzt wird er nur abgeführt", witzelte ein Diplomat. Es heißt, die Blockwarte der Komitees zur Verteidigung der Revolution hätten einen Crashkurs in Liturgie bekommen, damit sie nicht zur falschen Zeit das Kreuz schlugen.

Einigen Altgenossen fiel es schwer, den geistigen Sprüngen ihres Staats-, Regierungs- und Parteiführers zu folgen und die Einladung Wojtylas zu verstehen. "Dieser Papst hat die Sowjetunion in den Untergang getrieben", rief empört der KP-Funktionär José Mijares: "Die Macht, die uns durchgefüttert hat!" Doch den Totalschaden des Kommunismus in Europa hat Castros Kuba nun bald neun Jahre überlebt - ein Wrack, das in der Sonne dümpelt und nie ganz versinkt.

In diesem Schwebezustand ohne Hoffnung wirkte der Besuch des Papstes auf viele der elf Millionen Kubaner elektrisierend. Wo Johannes Paul II. auftrat, schlossen Schulen und Betriebe, fromme Lieder ertönten aus Lautsprechern, Frauen kamen die Tränen, und die Insel meinte, im Mittelpunkt der Welt zu stehen. "Der Papst wird Kuba aus der Sackgasse führen", rief ein 15jähriger Mulattenbub in die Mikrofone, "er wird die Blockade beenden." Die Blockade - das amerikanische Embargo - ist in den Augen vieler naiver Kubaner immer noch der Hauptgrund aller Übel, die sie im Alltag plagen.

Castro ist heute der dienstälteste Alleinherrscher der Welt. An der Macht seit 39 Jahren, hat der Revolutionär bereits acht US-Präsidenten politisch und drei Päpste physisch überlebt - und hat offenkundig fest vor, auch die gegenwärtigen Inhaber der beiden Ämter irgendwann hinter sich zu bringen. Macht ist sein Lebenselixier.

Der Sohn eines Großgrundbesitzers aus der armen Ostprovinz Oriente kann bei Bedarf durchaus patriarchalische Umgangsformen vorweisen. Dr. jur. Fidel Castro Ruz geleitete Johannes Paul II., der bald 78 wird und somit sechs Jahre älter ist als er selbst, am Donnerstag abend mit steifer Grazie durch die öden Korridore des Revolutionspalastes im sowjetischen Stil, wo der rastlose Herrscher Kubas seine selten benutzte Amtswohnung unterhält.

Daß die beiden "Giganten des Jahrhunderts" (so das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time") sich in Wirklichkeit nicht furchtbar viel zu sagen hatten, wurde nicht nur durch ihre hölzerne Körpersprache deutlich: Wenn kein Dritter helfend einsprang, herrschte zwischen dem Líder und dem Pontifex ein Maximum an betretenem Schweigen.

Dabei hatte Fidel Castro geglaubt, sich auf diesen Polen gut eingestellt zu haben. Um Karol Wojtyla begreifen zu können, hatte der Kubaner seine Vision von der Welt und der Weltgeschichte sogar einer kritischen Revision unterzogen. Rund drei Jahrzehnte lang, zwischen seinem 34. und seinem 63. Lebensjahr, hat Castro unter dem dominierenden Einfluß der Sowjetunion regiert - ohne sich jemals mit dem Stalinismus auseinandergesetzt zu haben. Jetzt aber redete er während seines Fernseh-Marathons erstmals über den Hitler-Stalin-Pakt und dessen Folge: die Aufteilung Polens zwischen mörderischen Nazis und sowjetischen Unterdrückern.

Lenin, so Castro, der leider früh verstorbene "geniale Lenin", der hätte natürlich alles ganz anders gemacht, hätte begriffen, daß in Polen - "wo Kirche und Nation gemeinsam entstanden sind" - die "objektiven Voraussetzungen" für den Sozialismus nicht vorhanden gewesen seien. Unter einem Lenin hätte es keinen Massenmord an polnischen Offizieren in Katyn gegeben, keine Unterdrückung der Kirche, keine Unterwerfung der polnischen Nation - und dieser Papst wäre nicht unbedingt ein Antikommunist geworden.

Gleichwohl sei es irrig, verkündete der Lehrmeister Castro, im polnischen Papst einen Feind des Sozialismus, einen "Destabilisator" zu erblicken. Das sei Wunschdenken und Wahnidee der Imperialisten: "Wer so etwas glaubt, der kennt diesen Papst nicht", rief Fidel dem Volk zu. Nicht der Papst habe die Sowjetunion zum Einsturz gebracht, sondern Gorbatschow. Johannes Paul II. hingegen stelle ein "großes Kopfzerbrechen" für die Kapitalisten und Imperialisten dar - dieser Papst, der die Lehre Christi ernst nehme und sich mit seiner moralischen Autorität dem ungezügelten Kapitalismus, dem Monetarismus, dem Neoliberalismus und der Globalisierung widersetze.

"Diese plumpe Vereinnahmung darf der Papst sich nicht gefallen lassen", schimpfte ein Exilkubaner aus New Jersey, der - wie Tausende US-Bürger kubanischer Herkunft - den Besuch von Johannes Paul II. in der alten Heimat nicht verpassen wollte. Er fügte hinzu: "Es ist pervers, so zu tun, als hielte der Papst etwas vom Staatssozialismus." Nur wollte der Pontifex auf Kuba ja nicht Wirtschaftspolitik machen, sondern den moralischen Verfall aufhalten, der von der Armut ständig verschärft wird.

Und ein bißchen wollte der Stellvertreter Gottes auf Erden auch Gutes tun für diejenigen, die am erkennbarsten unter Castro leiden. Bei einem knapp einstündigen Treffen am Freitag überreichte Johannes Paul II. eine Liste von politischen Gefangenen, um deren Freilassung er dringend bat. Er wiederholte seine Kritik an Menschenrechtsverletzungen auf der Insel. Bei seiner Messe in Camaguey sprach er besonders die Jugendlichen an: "Beugt euch nicht der geistigen Leere, die zur Persönlichkeitszerstörung führt durch Alkohol, Drogen, Prostitution."

"Für mich ist der Papst ganz einfach der wichtigste Mann auf der Welt", bemerkte der schwarze Taxifahrer Gumersindo auf dem Weg zum Revolutionsplatz. Er zeigte auf den bunten, riesigen, leicht kitschigen Jesus hinter dem Altar, der mit dem Zeigefinger auf das Herz in seiner Brustmitte weist. "Erstmals kehren die Leute auf der Plaza unserem Ché den Rücken zu", meinte Gumersindo und wies auf die beherrschende, mehrere Stockwerke hohe Reliefskulptur des Guerrilla-Romantikers.

Im Radio war die brüchige Stimme von Johannes Paul II. zu vernehmen, aus Santa Clara, wo die Gebeine des Ché begraben liegen. Vor hunderttausend Menschen predigte Juan Pablo Segundo gegen die Auflösung der Familie und gegen die staatlich sanktionierte Abtreibung. Auf sechs Eheschließungen kommen in Kuba vier Scheidungen, und auf 100 Geburten 60 staatliche Abtreibungen.

Auch Gumersindo lauschte nickend der Predigt, aber nach einer Weile schaltete er das Radio aus und lachte fröhlich: "Ich bin zum fünftenmal verheiratet, meine Frau ist jünger als meine älteste Tochter. Das macht mir so leicht keiner nach."


DER SPIEGEL 5/1998
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