DER SPIEGEL



LITERATUR

Feuer vom Himmel

Von Hage, Volker

Der in England lebende deutsche Schriftsteller W. G. Sebald hat - mit überraschenden Thesen zum Thema "Luftkrieg und Literatur" - eine Debatte über die deutsche Nachkriegsliteratur ausgelöst. Gab und gibt es für die Dichter ein Darstellungsverbot, ein Erzähltabu, das heute endlich überwunden werden müßte? Von Volker Hage

Bilder eines apokalyptischen Infernos: "Mit solcher Gewalt riß das jetzt zweitausend Meter in den Himmel hinauflodernde Feuer den Sauerstoff an sich, daß die Luftströme Orkanstärke erreichten und dröhnten wie mächtige Orgeln, an denen alle Register gezogen wurden zugleich." Von menschlichen Körpern ist die Rede, die das Flammenmeer "als lebendige Fackeln" vor sich hertreibt, vom kochenden Wasser in den Kanälen und von Häuserdächern, die durch die Luft wirbeln.

Was hier so eindringlich beschworen wird, ist eine Bombennacht im Juli 1943, jener Feuersturm, der durch eine deutsche Großstadt raste, nachdem alliierte Flugzeuge eine genau kalkulierte Mischung aus Brand- und Sprengbomben abgeworfen und einen Flächenbrand von bis dahin nicht gekannter Wucht und Wirkung ausgelöst hatten.

W. G. Sebald, ein deutscher Schriftsteller, der in England lebt, sprach Ende vergangenen Jahres in einer dreiteiligen Poetik-Vorlesung der Universität Zürich über das Thema "Luftkrieg und Literatur". Er bot dem Schweizer Publikum nicht nur poetologische Überlegungen dar, sondern auch eine beklemmende Schilderung des Luftangriffs auf die Stadt Hamburg in der Nacht zum 28. Juli 1943, eines grausigen Höhepunkts des britisch-amerikanischen "area bombing" gut zwei Jahre nach dem monatelangen deutschen Bombardement von britischen Städten, vor allem von London und Coventry.

Die Zürcher pilgerten in wachsender Zahl zu den Veranstaltungen ins "Puppentheater" in der Stadelhoferstraße. Sie ließen sich von einer Thematik einfangen, die sie, als ehemalige Zaungäste des Zweiten Weltkriegs, eigentlich gar nicht zu betreffen scheint.

Sebald, 53, eine unauffällige und zurückhaltende Erscheinung unter den deutschen Schriftstellern der Gegenwart, dessen Bücher ("Die Ringe des Saturn") ihn eher als Chronisten und Essayisten denn als Vollblut-Erzähler ausweisen, wurde in Schweizer Zeitungen für seine anschauliche Schilderung gelobt: "Gewissenhaft" und "ohne jeden falschen Ton" habe er sein Publikum dazu gebracht, sich mit Opfern zu befassen, "die uns die politischen Vorurteile gar nicht sehen ließen".

Zugleich wurde die Provokation der Sebaldschen Thematik erkannt. "Ausblendung des Holocaust und eine Literarisierung, gar Ästhetisierung der deutschen Opfererfahrung - ist das statthaft?" wurde gefragt und der Autor vorsorglich (vom Zürcher "Tages-Anzeiger") gegen mögliche Mißverständnisse in Schutz genommen: "Er ist kein deutscher Revisionist." In Deutschland indes sind Sebalds Überlegungen bisher kaum registriert worden.

Sebald hat zunächst nur eine Beobachtung mitgeteilt: Die Luftangriffe und deren Folgen kommen im deutschen Bewußtsein und speziell in der Literatur eigentlich nicht vor. Die Zerstörung der deutschen Städte, eine "in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion", scheine bei den Deutschen "kaum eine Schmerzensspur" hinterlassen zu haben.

Sebald erwähnt dabei auch gleich den naheliegenden Zusammenhang, daß "ein Volk, das Millionen von Menschen in Lagern ermordet und zu Tode geschunden hatte", von den Siegermächten schlecht Auskunft über die "militärpolitische Logik" des Bombenkriegs verlangen konnte. Dennoch fragt er beharrlich nach den Konsequenzen, die das "über die äußere und innere Zerstörung verhängte Tabu" in Deutschland gehabt hat.

Eine dieser Konsequenzen betrifft die Literatur. Sie sei vom Schweigegebot nachhaltig bestimmt und in gewisser Weise gelähmt worden. Sebald: "Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Vernichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden."

Aber was ist mit der "Trümmerliteratur" der unmittelbaren Nachkriegsjahre? War nicht die Verheerung von Land und Leuten geradezu das bestimmende Thema der Romane und Erzählungen nach 1945? Sebald hält dagegen: Die jüngere Generation der "gerade heimgekehrten Autoren" sei so "auf ihre eigenen, immer wieder in Sentimentalität und Larmoyanz abgleitenden Erlebnisberichte aus dem Krieg" fixiert gewesen, daß kaum einer ein Auge "für die allerorten manifesten Schrecken der Zeit" hatte.

Galt bisher als ausgemacht, daß die "Schrecken der Zeit" umfassend in Romanen und Erzählungen zum Ausdruck gekommen sind, von Tagebüchern und Memoiren ganz abgesehen, so soll es nun plötzlich einen Mangel geben. Tatsächlich sind bis 1960 zwar gut und gern 150 deutsche Romane über den Zweiten Weltkrieg publiziert worden (darunter Millionenseller wie Hans Hellmut Kirsts "08/15", Theodor Pliviers "Stalingrad" und Heinz G. Konsaliks "Der Arzt von Stalingrad"), doch es waren durchweg Geschichten von der Front, und nicht wenige dieser Werke dürften vor allem dem mehr oder weniger geheimen Bedürfnis der Verfasser zu verdanken sein, sich einiges von der Seele zu reden. Das meiste davon ist - anders als mancher Roman über den Ersten Weltkrieg aus der Weimarer Zeit - heute vergessen.

Die zentrale Beobachtung Sebalds ist also nicht von der Hand zu weisen: Epische Darstellungen der Luftangriffe und ihrer Folgen finden sich in der deutschen Nachkriegsliteratur äußerst selten. Gewiß, da gibt es Hans Erich Nossacks bestürzenden Augenzeugenbericht "Der Untergang" über die Juli-Angriffe 1943 auf Hamburg, da gibt es ein Romanfragment Peter de Mendelssohns und eine Passage bei Hermann Kasack, zwei Texte von Hubert Fichte und Alexander Kluge - die Sebald auch erwähnt und beschreibt.

Es wären noch wenige andere Beispiele zu nennen: eine Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert ("Billbrook"), Erich Maria Remarques Roman "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" (1954) und vor allem der vorzügliche, zu Unrecht vergessene kleine Roman "Vergeltung" (1956) von Gert Ledig - abgesehen von lokalhistorischen Büchern wie Otto Erich Kiesels "Die unverzagte Stadt" (1949) oder einzelnen kurzen Schilderungen des Bombenkriegs bei Gerd Gaiser ("Die sterbende Jagd"), Ralph Giordano ("Die Bertinis") und Uwe Timm ("Die Entdeckung der Currywurst").

Dennoch bleibt es wahr: Im ganzen gesehen, haben die Luftangriffe auf Deutschland in der deutschen Literatur keine nennenswerte Rolle gespielt - erstaunlich, in der Tat, da sie eine elementare Erfahrung für Millionen von Betroffenen gewesen sein müssen und zwischen 1940 und 1945 allein unter der Zivilbevölkerung über eine halbe Million Tote gefordert haben, von rund drei Millionen zerstörten Wohnungen ganz abgesehen. Bis heute sind die Folgen am Erscheinungsbild fast jeder größeren deutschen Stadt abzulesen.

Eigentlich ein dramatischer Stoff für Erzähler. Über das Bombardement Dresdens im Februar 1945 gibt es übrigens drei sehr eindringliche literarische Schilderungen - von ausländischen Schriftstellern: in Romanen des Amerikaners Kurt Vonnegut ("Schlachthof 5"), des Niederländers Harry Mulisch ("Das steinerne Brautbett") und des Franzosen Henri Coulonges ("Dresden starb mit dir, Johanna").

Offenbar hatten die aus dem verlorenen Krieg heimkehrenden Soldaten, die zu Schriftstellern wurden, genug mit sich selbst zu tun, als daß sie sich noch mit den Leiden der Frauen und Kinder hätten belasten können - Leiden, für die sie sich bestenfalls noch mitverantwortlich fühlten.

Nicht zufällig läßt ein jüngerer Autor aus Österreich, Christoph Ransmayr, Jahrgang 1954, am Anfang des Romans "Morbus Kitahara" (1995) auf die Geburt seines Helden Bering in einer Bombennacht den Hinweis folgen, der heimkehrende Erzeuger habe - "taub für die Schrecken der Geburtsnacht seines Sohnes" - seine Familie mit der Beschreibung von Leiden geängstigt, "die er, er in diesem Krieg ertragen hatte".

So war es in vielen deutschen Familien, und so war es in der Literatur: Die Väter erzählten vom Krieg, von jenem Ausschnitt, den sie erzählen wollten, an den sie sich erinnern mochten. Von jenem Krieg, der vom Himmel herab auf die Städte fiel, erzählten sie nicht. Auch nicht von den Verbrechen der deutschen Wehrmacht. Schon gar nicht vom Holocaust. Und so erzählten die Väter eigentlich doch nicht vom Krieg, nicht von diesem Krieg.

Bald danach ließen sie sich das Erzählen fast ganz austreiben. Der Philosoph Theodor W. Adorno verkündete 1951, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, und wenige Jahre danach noch kategorischer: "Es läßt sich nicht mehr erzählen."

Der junge Günter Grass nahm sich damals zwar vor, Adorno "schreibend zu widerlegen", doch legte er sich selbst den "Verzicht auf reine Farbe" auf, schrieb sich selbst "das Grau und dessen unendliche Abstufungen vor", kurz: "Mißtrauen allem Klingklang gegenüber". Später kam dann - bald nach den Frankfurter Auschwitz-Prozessen - die studentische Revolte gegen die "Nazi-Väter", die sich auch und besonders vehement gegen bestimmte Formen der Literatur, ja gegen das Literarische allgemein richtete. Hatten die "Dichter" (nun ein Schimpfwort) nicht bei der Aufarbeitung der Vergangenheit versagt?

Viele Autoren, deren lyrische und erzählerische Kraft geringer war als die eines Grass oder Böll oder Uwe Johnson, kapitulierten: Statt Erzählung und Poesie wollten sie nur noch Dokumente und Zitatmontagen, Reportagen und kritisch gemeinte Sprachexerzitien liefern - das schien zumindest politisch opportun.

Das Publikum war von der "Askese" (Grass) wenig begeistert. Aber wenn deutsche Autoren ihren Lesern nichts mehr erzählen und ausmalen wollten, so gab es immer noch die Ausländer. Schon bald nach dem Krieg hatten die Schweizer Schriftsteller davon profitiert, vor allem Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. "Unser Ruhm", so Dürrenmatt, "entstand ja wirklich nur in dem Maße, weil wir in eine Lücke, in ein Vakuum hineingerieten."

Bis heute hält die Bundesrepublik im Import, das heißt in der Übersetzungsstatistik einen oberen Rang. Autoren, die frei von den deutschen Hemmungen und Tabus waren, etwa Nord- und Südamerikaner, Engländer, Franzosen, Tschechen, sie erzählten den Deutschen von der mehr oder weniger unerträglichen "Leichtigkeit des Seins" - anmutig, ungeniert und direkt.

Und sie erzählten ihnen auch vom Krieg und vom Holocaust. Denn es wäre ein Mißverständnis, wollte man glauben, das deutsche Publikum habe sich mit seiner Vorliebe für ausländische Literatur den belastenden Themen der Vergangenheit entziehen wollen. Ganz im Gegenteil: In großer Zahl und mit eindrucksvoller Erzählkraft kam das literarische Echo der von Deutschen in die Welt getragenen Greuel nach Deutschland zurück. Die Bücher wurden hier als Angebot verstanden und wahrgenommen - und relativierten die von deutschen Autoren behaupteten Darstellungsprobleme angesichts von Krieg und Mord.

Nicht zu Unrecht hat der im serbischen Novi Sad lebende Aleksandar TiXma ("Kapo") kürzlich geäußert: "Die Deutschen haben vermutlich in meinen Büchern etwas gefunden, was sie ohnehin beschäftigt hat. Das ist die Rolle Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, das Problem des Völkermords, den sie an anderen Völkern verübt haben. Ich nehme an, daß ich ihnen mit meinen Büchern etwas gebe, was sie in ihrer Literatur nicht finden konnten."

Manches von dem, was in unserer Literatur nicht oder selten zu finden ist, war tatsächlich von deutschen Schriftstellern kaum erzählbar: vor allem anderen natürlich Auschwitz. Mit Christa Wolf läßt sich die Ansicht vertreten, daß die literarische Behandlung dieses Stoffes "nur dem von Auschwitz Betroffenen zukommt" - zumindest dürfte das für die unmittelbare Thematisierung gelten.

Bei all den Debatten über den Holocaust in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wird leicht übersehen, daß der von Deutschen begangene Völker- und Massenmord im deutschen Roman allenfalls am Rande auftaucht - selbst in den international verbreiteten Paradebeispielen von Böll, Grass oder Siegfried Lenz. Ausnahmen sind einige wenige Romane, geschrieben von Autoren, die Ghetto oder KZ überlebten, wie Bruno Apitz, Jurek Becker oder Edgar Hilsenrath.

Wenn aber die Judenverfolgung für die Mehrzahl der deutschen Schriftsteller kein Thema sein konnte - wie viel weniger war dann über andere, eigene Leiden zu schreiben, über Schrecken, die als Folge der deutschen Aggression moralisch akzeptiert, wenn auch qualvoll erduldet werden mußten. So bedingte das eine Erzähltabu das andere.

Und es gab noch eine weitere Konsequenz: Auch die Gegenwartsthemen verloren aus dieser Perspektive an Bedeutung, die Motive des deutschen Alltags mußten unwichtig und unwirklich erscheinen. Eine Liebesgeschichte, ein Ehebruch, ein Sommer an der See - das alles war und ist lächerlich angesichts des Verschwiegenen und Ausgesparten.

Aber darf denn heute nach dem Roman der Bombennächte gerufen werden, nach dem großen Luftkriegsepos? Sollen die deutschen Schriftsteller jetzt in die Archive klettern und sich in die klaustrophobische Welt der Luftschutzkeller einfühlen? Solche Forderungen müßten völlig ins Leere gehen - wenn nicht die Autoren selbst einen Mangel spüren würden. Dafür freilich ist nicht nur der Schweizer Auftritt Sebalds ein Indiz.

Der jüngere Autor Maxim Biller ("Land der Väter und Verräter"), 1960 in Prag als Sohn russisch-tschechischer Juden geboren und seit 1970 in Deutschland ansässig, sieht den Grund für die "unsägliche Blässe und Reizlosigkeit" der deutschen Gegenwartsliteratur darin, daß in ihr die Vergangenheit "als Fundus von Fabeln" kaum vorkomme. Er meint, daß man sich auch in seiner Generation "der fortdauernden Gegenwart der Großverbrechen, die von Nazis, aber auch von Stalinisten begangen wurden", nicht entziehen könne - "egal, ob man sie aus der Täter- oder Opferperspektive erlebt". Über dieses "in die Lebensgeschichte eines jeden von uns einschneidende Thema" lese er bei seinen deutschen Altersgenossen so gut wie nichts.

Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929, ist ebenfalls der Überzeugung, daß die Erzähler mit wenigen Ausnahmen vor dem Thema Krieg und Folgen kapituliert haben. So sei es schwer, sich heute überhaupt noch ein Bild "vom Zustand unseres Kontinents am Ende des Zweiten Weltkriegs zu machen". Schade nur, daß der Lyriker Enzensberger, der auch ein glänzender Prosaist ist, seinem Publikum anstelle einer Erzählung aus der Zeit lediglich eine Collage von Augenzeugenberichten der Jahre 1944 bis 1948 bietet: "Europa in Ruinen" (1990).

Christa Wolf, wie Enzensberger 1929 geboren, hat schon vor Jahren in ihrem Buch "Kindheitsmuster" (1976) geschrieben: "Der Krieg ist trotz allem bis heute etwas nicht Aufgeklärtes oder nicht genügend Besprochenes." Man sei übereingekommen, so die Autorin, in einem gewissen Stil vom Kriege zu schreiben oder ihn zu verdammen, doch fühle man darin "irgendein Verschweigen, ein Vermeiden jener Dinge, die immer wieder eine seelische Erschütterung verursachen".

Auch Walter Kempowski, ebenfalls Jahrgang 1929, geht davon aus, daß alle bisherigen Versuche, den Zweiten Weltkrieg zu schildern, "mehr oder weniger danebengegangen" seien. Freilich ist seine Konsequenz, daß man einem solchen Ereignis "mit einer fiktiven Prosa nicht beikommen kann, sondern eben nur mit einer Collage".

Im Grunde genommen stellt Kempowskis Mammutzitatwerk namens "Echolot", dieser gewaltige Stimmenchor aus dem Krieg, dessen erste Lieferung 1993 erschien und überraschenden Erfolg hatte, nichts anderes dar als einen Ersatz für jenen großen deutschen Kriegsroman, der bis heute offenbar nicht in befriedigender Weise geschrieben worden ist.

Die Schwierigkeit eben ist: die Deutschen überhaupt als Opfer, etwa in den Luftschutzkellern, darzustellen, ihnen eine Stimme zu geben, sich in ihre Leiden einzufühlen, ohne im Sinne einer politischen Korrektheit gleich im Nebensatz eine Einschränkung und Relativierung mitzuliefern - wo die Kunst des Erzählens doch vor allem erfordert, eine Geschichte, so Walter Benjamin, "von Erklärungen freizuhalten".

Wolf Biermann könnte zu einem solchen Erzählen in der Lage sein. Der 1936 in Hamburg geborene Lyriker hat erst unlängst im Nachwort seiner Sammlung "Alle Gedichte" eine Probe seines epischen Talents gegeben. Thema: Der Hamburger Feuersturm im Juli 1943, den Biermann als Kind miterlebte und bei dem Zehntausende ums Leben kamen.

Auf wenigen Seiten schildert er die Flucht aus dem Inferno im Stadtteil Hammerbrook, das Kind wurde von der Mutter zum Teil quer durch explodierende, berstende Trümmer getragen - und bietet ein überraschendes persönliches Bekenntnis. Seine "Lebensuhr" sei stehengeblieben im "Feuergebläse dieser einen Nacht". Und: "Sechseinhalb Jahre war ich damals, und so alt blieb ich mein Leben lang. Ich bin ein graugewordenes Kind, das immer noch staunt."

Das soll kein Stoff für ein Epos oder wenigstens eine Novelle sein? Biermann selbst sagt ja: "Alles vorher, alles nachher" habe er vergessen, aber über diesen Brand könnte er "einen Roman" schreiben. Freilich schränkt er im selben Satz schon wieder ein: "... wenn ich Romane schreiben könnte."

Die Flucht mit der Mutter endete damals, im Sommer 1943, auf der Moorweide am Bahnhof Dammtor - dort, "wo sich zwei Jahre vorher die Hamburger Juden hatten sammeln müssen für den Abtransport nach Minsk". Enge Verwandte von Biermann waren dabeigewesen: "Keiner glaubte, daß es wirklich in den Tod geht, keiner hat es überlebt."

Die Geschichten lassen sich nicht voneinander trennen, natürlich nicht. Aber das dürfte kein Grund sein, sie nicht zu erzählen. Für das Thema Holocaust hat schon die Auschwitz-Überlebende und heutige Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger das "alttestamentarische Bilderverbot" zurückgewiesen und das Erzähltabu in seiner Ambivalenz benannt: "Mitten im 20. Jahrhundert und als verblüffende Folge des Zweiten Weltkriegs heißt es wieder, es gäbe Heiliges, das man nicht nachbilden oder auch nur aussprechen darf."

Der große deutsche Roman über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges ist erst 1668, 20 Jahre nach dessen Ende, publiziert worden: der "Simplicissimus" des Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen, der als Jugendlicher selbst noch Soldat geworden war. Und wenn Christoph Hein damit recht haben sollte, daß frühestens 50 Jahre nach 1989 der angeblich so dringliche Roman zur Wende zu erwarten sei, dann zeichnen sich vielleicht jetzt gerade die Umrisse einer Neuorientierung der Schriftsteller ab: in Hinblick auf das lange ignorierte Kriegsthema.

Martin Walser war sich seit Jahren "darüber im klaren", daß er sich einen Roman über seine Erfahrungen im Krieg "abfordern" müsse. Nun ist er gerade dabei, seinen Roman "Ein Springender Brunnen" abzuschließen, der im kommenden Herbst erscheinen soll und in die Zeit des Dritten Reiches zurückführt. Im dritten Teil werden die Jahre 1944/45 geschildert. Und Kempowski will demnächst die - noch umfangreichere - Fortsetzung seines "Echolots" publizieren: über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs.

So könnte es sein, daß die deutsche Nachkriegsliteratur überhaupt erst beginnt - zum Jahrhundertende, zur Jahrtausendwende.


DER SPIEGEL 3/1998
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