05.01.1998

PREISENackt im Löwengehege

Im Internet ringen Juroren um die Verleihung des Darwin Awards. Gewürdigt werden besonders groteske Todesarten.
Der Tod ist ein arges Schicksal, voll der Trübnis und Tragik. Doch zuhauf belustigen sich herzensrohe Naturen derzeit am Hinschied unglückseliger Mitmenschen, lachen über Todesfälle wie den
* des Ballaststoff-Fundamentalisten im Sinai, der aufgrund einer Dauer-Diät aus Bohnen, Zwiebeln und Kraut derart viel Darmgas emittierte, daß der Sauerstoffgehalt in seiner röhrenartigen Wohnhöhle unter die Lebensgrenze sank - "mors per flatum", Tod durch Abwind, konstatiert der Obduktionsbericht;
* des Hot-dog-Diebes in St. Louis, der sein Beutegut zu sichern suchte, indem er es in einem Stück hinunterschlang - er starb den Bolustod, wie Mediziner es nennen, wenn einer an seinem letzten Bissen erstickt;
* des Opernsängers im Halbschlaf, der sich statt des frühmorgens klingelnden Telefons seinen daneben liegenden Revolver vom Nachttisch griff - zu dem Knall hörten die Nachbarn einen Wehlaut, der an Cavaradossis Schmerzensschreie (Tosca 2. Akt) erinnerte, doch bis die Sanitäter kamen, war er schon verblutet;
* des Freiers, dem im Bordell die Manneskraft versagte, woraufhin er sich an den wirklich scharfen Miezen von Philadelphia versuchte - dies zumindest vermutet die Polizei, da sich der Mann vor seinem Tod im Löwengehege des örtlichen Zoos vollständig entkleidet hatte.
Sie und viele Hundert andere, die das Mißgeschick entseelte, sind Titelanwärter in einem Wettbewerb, an dem allenfalls pietätlose Gemüter mit einem Hang zum Makaberwitz Gefallen finden - wer sonst könnte sich über Schicksale wie das jenes diarrhöisch geplagten Botanikers amüsieren, der sich über ein kalifornisches Naturschutz-Kliff ökosauber ins Meer zu lösen versuchte und dabei seiner Notdurft hinterherfiel?
Der Pflanzenfreund gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Darwin Award 1997 - jenen alljährlich im Internet ausgeschriebenen Preis für Dämel, die ihr Lebenslicht vor der Zeit, dafür aber auf ungewöhnliche Art zum Verlöschen bringen. Gemütsärmer formuliert es das Reglement: "Der Darwin Award wird jenen Vertretern der Spezies zuerkannt, die sich auf die spektakulärste und denkbar blödeste Weise aus dem Gen-Pool der Menschheit entfernt haben."
Mit von keinerlei Zurückhaltung getrübter Freude am grotesken Todesfall haben Beiträger aus allen Erdenwinkeln derart viele Award-Aspiranten präsentiert, daß die Jury mit der Faktenprüfung in Verzug geraten ist - der Grund, weshalb sich die Kür der Preisträger für 1997 noch hinzieht.
Doch zumindest hat das Award-Gremium jetzt, offenbar überwältigt von der Fülle des Materials, einen Zwischenbericht ins Internet gerückt - eine wahre Fundgrube für die Morialogie, die Wissenschaft von der Dummheit.
Aus dem Interims-Rapport geht hervor, daß Selbstentleibung durch Schwachsinn auch im vergangenen Jahr fast ausschließlich von Männern verübt wurde. Drastisch gestiegen ist die Zahl der Opfer, die durch Urinieren auf stromführende Leitungen zu Tode kamen - meist bei einer im Zuge des Bekletterns von Hochspannungsmasten getätigten Herrenspende; häufig aber auch beim Harnen von Brücken oder Bahnsteigen auf die Oberleitungen respektive Stromschienen der Eisen- oder U-Bahnen.
Gesonderte Erwähnung im Bereich der urinalen Elektrokution verdient der polnische Wilddieb, der einen Fischteich unter Strom gesetzt hatte und sodann Wasserdrang verspürte; man fand ihn neben seinem Bruder dümpelnd, der offenbar in den Teich gelaufen war, um ihn zu retten - auch er ein, wenngleich nicht unbedingt zwingender Kandidat für den Award, der naturgemäß postum vergeben wird.
Einzige Ausnahme sind die - nicht mehr zur Weitergabe ihrer Gene befähigten und damit reglementgemäß zur Award-Teilnahme berechtigten - Opfer einer Auto- Emaskulation, wie der Mediziner die Selbstkastration beim Manne nennt.
Hierzu kommt es gelegentlich sexueller Gratifikationsversuche wie etwa bei dem Selbstentmanner, der - ungewöhnlich für diese Award-Kategorie - an zweiter Stelle des vorläufigen Gesamt-Klassements steht.
Nominiert hatte ihn der operierende Arzt, dem der Patient mit einem ballonartig angeschwollenen Hodensack ohne Testikel überstellt worden war. Dafür steckten in dem Skrotum, wie das Röntgenbild deutlich zeigte, 80 Metallklammern. Erklärung: Bei der Autoerotik am Treibriemen einer Bandsäge hatte sich der Mann den Hodensack aufgerissen und das nach Verlust seiner Hoden entleerte Skrotum mit einem Bürohefter zugetackert.
Absolute Favoriten auf den ersten Platz des Darwin Awards 1997 aber sind die beiden Heavy-Metal-Fans, die via Ladefläche ihres Pickup-Trucks über den 2,70 Meter hohen Zaun um das Open-air-Konzert der Band "Metallica" steigen wollten.
Ohne zu bemerken, daß es auf der anderen Seite zwölf Meter hinunterging, stieg der erste des derbe angesoffenen Duos über den Zaun; daß er auf halbem Wege mit seiner Jacke in einem Baum hängenblieb, empfand er aber keineswegs als Glücksfügung, weshalb er sich mit seinem Messer freischnitt - so fiel er auch die restlichen acht Meter, mitten hinein in spitzes Astwerk, das ihn schwer verletzte.
Den Tod fanden schließlich beide - der eine im, der andere unter dem Truck, der durch den Zaun geflogen kam: Der Freund, der den Verletzten mit einem am Pickup befestigten Seil emporziehen wollte, hatte den Rückwärtsgang eingelegt.
[Grafiktext]
Auswahl preiswürdiger Todesfälle beim Darwin Award
[GrafiktextEnde]
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Auswahl preiswürdiger Todesfälle beim Darwin Award
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Von Glass und

DER SPIEGEL 2/1998
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