26.01.1998

FILMEMACHERFluch der Familien-Bande

Mit irritierendem Eigensinn und gewagten Besetzungen erwarb sich Hermine Huntgeburth Anerkennung als herausragendes Regietalent. In ihrem jüngsten Kinofilm „Das Trio“ präsentiert sie den Macho-Star Götz George als Schwulen.
Zuletzt schickte sie Corinna Harfouch, die herbe Sensible des deutschen Films, in die Gosse - im ARD-Fernsehspiel "Gefährliche Freundin" von 1996 spielte die Harfouch einen verschlampten Vamp.
Für ihr jüngstes Werk "Das Trio" hat die Regisseurin Hermine Huntgeburth, 40, Götz George gewonnen - und bewegte den legendären Großmacho und "Totmacher" zu einem noch viel gewagteren Bruch mit dem eigenen Image.
In "Das Trio", der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft, scharwenzelt George mit zartblauem Lidstrich und wiegenden Hüften über einen Rummelplatz: so eitel wie immer, so schwul wie noch nie. Schimanski spielt diesmal einen homophilen Taschendieb.
George ist hinreißend - und beweist so nicht nur seine vermaledeite Begabung, sondern auch verdammtes Glück: das Glück, in Huntgeburth eine Regisseurin gefunden zu haben, die mit irritierendem Eigensinn beweist, daß sie zu den herausragenden Talenten im deutschen Filmgeschäft gehört.
Nach "Gefährliche Freundin" etwa war nicht bloß die Kritik überrascht und begeistert, sondern auch die Schauspielerin Harfouch selbst: Die war, so berichtet die Regisseurin, nach der Lektüre des Drehbuchs fest davon überzeugt, sie solle jenen Part einer ewig Zukurzgekommenen übernehmen, den schließlich Katharina Thalbach spielte. Huntgeburth aber liebt nun mal Besetzungen gegen den Strich. "Wenn die Schauspieler Rollen bekommen, die ihnen fremd sind, profitiert der Film davon", sagt sie mit ihrer kräftigen Gutsherrinnenstimme, "es zwingt sie, genauer nachzudenken."
So gewagt ihre Besetzungen sein mögen, so verläßlich ist das Milieu ihrer Filme: Immer erzählt Huntgeburth von einfachen Leuten, die von einem anrührendtristen Ambiente umgeben sind. Sie haben meist Dreck am Stecken - und stecken im Dreck. In "Gefährliche Freundin" lungern zwei unfreiwillige Mörderinnen in Eckkneipen herum und lassen sich von Peter-Maffay-Songs berieseln. In "Das Trio" streunt ein Taschendieb-Team auf der Suche nach Beute durch eine Großstadtwüste, nachts schläft es in einem muffigen Wohnwagen.
Huntgeburth ist aufgewachsen weit jenseits dieser etwas verruchten und ziemlich verkommenen Welt, die sie offenbar so fasziniert. Sie stammt aus der ostwestfälischen Provinz, dem erzkatholischen Paderborn. Der Vater war Arzt, die Eltern fromm, sie selbst die fünftälteste unter zehn Geschwistern. Für den Namen Hermine, den sie von Großmutter und Mutter erbte, schämte sie sich ausführlich - bis sie irgendwann merkte, daß es gut ist, wenn Namen im Gedächtnis haften. Vor allem in der Filmbranche. Und nie wollte Hermine aus Paderborn woanders hin als zum Film.
Mit 15 verbrachte sie jede freie Minute im Kino, mit 18 bewarb sie sich an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, wurde abgelehnt, zog daraufhin nach Hamburg, studierte an der Hochschule für Bildende Künste, fabrizierte hier einen Kurzfilm nach dem anderen und wechselte dann als Regieassistentin für zwei Jahre ans Theater - nach Esslingen. Schon wieder Provinz, aber gerade hier lernte Huntgeburth, so sagt sie, "daß die Schauspieler das wichtigste sind".
Bald mußte es wieder Film sein, und zwar gleich ganz groß: "Im Kreise der Lieben", (1991), ein Kinowerk, für das Huntgeburth den Deutschen Filmpreis als beste Nachwuchsregisseurin bekam. Daß sie, meistens mit ihrem Lebensgefährten Volker Einrauch, immer auch ihre Drehbücher geschrieben hat, wird oft übersehen.
Was Huntgeburths Arbeit am meisten prägt, liegt weiter zurück als Studium, Theater oder das Leben in der Großstadt. Es liegt in der Kindheit: "Meine riesengroße Familie hat sich ausgewirkt - ganz klar. Nirgends sonst kann man sich so gehenlassen, so streiten, so böse miteinander sein und sich doch wieder vertragen. Die Familie ist ein Ort der großen Emotionen, und genau die interessieren mich."
So ist "Das Trio" natürlich eine Familiengeschichte, und natürlich spielt sie ganz weit unten: Zobel (Götz George) ist Chef des Gaunertrios, das im übrigen aus seiner Tochter Lizzi (Jeanette Hain) und Zobels langjährigem Lebensgefährten Karl (Christian Redl) besteht. Zwischen Zobel und Karl herrscht der Dauerzoff alternder Beziehungswracks. Jeder reagiert auf seine Weise: Zobel markiert den Starken, Karl verliert den Lebensmut.
Lizzi steht zwischen dem Paar, schlichtet vergeblich und sucht sich schließlich selber einen Freund, den jungen Rudolf (Felix Eitner) - als Dieb ein echtes Nachwuchstalent. Rudolf wird angelernt, und Vater Zobel fängt an, den Freund seiner Tochter nicht nur als Gauner, sondern auch als Mann zu schätzen. Bald kracht es gewaltig, und doch rauft sich die Familien-Bande immer wieder zusammen.
Huntgeburth, so sieht es zunächst aus, vermengt geschickt zwei Lieblingsgenres des deutschen Films: die Beziehungskomödie und das Sozialdrama. Denn wie die Freunde der WG-Klamotte pflegt sie das humoristische Potential der Homo-Liebe; und wie die Freunde des Sozialblues erforscht sie die Ränder der Gesellschaft. Aber der Schein trügt: Hermine Huntgeburth ist zu schlau fürs Klischee.
Wenn sie zeigt, daß Leute stehlen, lügen und betrügen, dann fällt ihr gar nicht ein, nach Schuld oder Moral zu fragen. Ihr Thema ist die Würde, und zwar in einer ziemlich koketten Variante: Dieb und Zobel-Freund Karl verliert seine Würde nicht, weil er das Gesetz bricht. Er verliert sie, weil er von einem anderen Dieb beklaut wird. Das ist im Kodex der Gauner peinlich, fast schon unverzeihlich.
Dagegen interessiert sich Huntgeburth nicht im mindesten für solche Fragen wie die, was den Dieb nun eigentlich zum Dieb machte und warum die drei als Verlierer durchs Leben schlittern. Die Sozialpädagogik muß draußen bleiben, genauso wie alles Beziehungsgequatsche darüber, warum Zobel eine Tochter hat, obwohl er schwul ist. Im Hier und Jetzt liebt er ein bis zwei Männer. Basta.
So pflegt Huntgeburth die Kunst des Weglassens - und bringt Erstaunliches zustande: Ihr Film liefert weder Vorgeschichte noch finale Auflösung, die Phantasie der Zuschauer darf sich austoben.
Ihr Bekenntnis zum offenen Ende aller Geschichten überträgt die Regisseurin auch auf ihr Berufsethos: ",Das Trio' hat fünf Millionen Mark gekostet und ist im Verleih eines Riesenkonzerns, der Warner Brothers. So etwas hat natürlich Folgen, die man nicht absehen kann - aber genau das ist aufregend", sagt Hermine Huntgeburth. Doch vorsichtshalber dreht sie als nächstes einen Fernsehfilm. Eine Familiengeschichte. Ganz weit unten.
Susanne Beyer
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 5/1998
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