19.01.1998

TERRORISMUSDeckname „Anarchist“

Akten zeigen, daß Mielkes Männer seit 1970 eifrig Informationen über die RAF und die „Bewegung 2. Juni“ sammelten. Beim Transit geschnappte Terroristen wie „Bommi“ Baumann sagten aus. So wußte die Stasi lange Zeit mehr als die Fahnder im Westen.
Der junge Mann mit den langen braunen Haaren und den geflickten Jeans hatte schon eine anstrengende Reise hinter sich, als der D 370 von Sofia nach Ost-Berlin an der Grenzübergangsstelle Bad Schandau einlief. Es war der 9. November 1973. Michael Baumann, seit Schulzeiten "Bommi" genannt, war vier Tage zuvor von Florenz nach Ancona gefahren, um die Fähre nach Dubrovnik zu besteigen. Von dort war er nach Belgrad weitergereist - um schließlich über Budapest und Prag mit dem Zug seine Heimatstadt Berlin zu erreichen.
Solche Vorsicht war vonnöten. Baumann, damals 26, wurde steckbrieflich gesucht, weil er für die anarchistische Untergrundtruppe "Bewegung 2. Juni" Banken überfallen und Bomben gelegt hatte. Deshalb reiste er auch mit dem BRD-Reisepaß eines Freundes, in den der Fälscher der Roten Armee Fraktion (RAF) ein Foto des "Haschrebellen" einmontiert hatte.
"Der Paß ist falsch", erklärte der gründliche DDR-Zollbeamte. "Sie sind wegen des Verdachts des illegalen Grenzübertritts vorläufig festgenommen." Zwei Stunden später fand sich der Anarchist in einer Kaserne der Staatssicherheit am Rande Dresdens wieder und gab sich schließlich als Michael Baumann zu erkennen. Das Kreisgericht Dresden-Ost erließ Haftbefehl wegen "ungesetzlichen Grenzübertritts".
Sechs Tage nach der Festnahme wurde er in einem als Lieferwagen von "VEB Backwaren" getarnten Gefangenentransporter in die Ost-Berliner Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen verfrachtet. Baumanns Lage war ungemütlich: Im Osten saß er ein, im Westen zierte er die Terroristen-Steckbriefe und hatte bis zu lebenslänglichen Knast zu erwarten.
"Da bist du ja endlich, du Lusche", begrüßte ihn ein Stasi-Offizier in Berlin. "Wir schieben dich nicht unbedingt ab", erläuterte er ihm die Geschäftsgrundlage, "aber dafür mußt du schon aussagen."
Was für ein Geschäft Baumann und die Staatssicherheit gemäß der machiavellistischen Devise "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" machten, war bislang unklar. Jetzt aufgetauchte Stasi-Akten zeigen, daß der militante Anarchist, der 1974 in dem SPIEGEL-Interview "Genossen, schmeißt die Knarre weg" als einer der ersten öffentlich seinen Ausstieg aus dem Terrorismus erklärte, bei der Stasi rückhaltlos ausgepackt und sich auch selbst belastet hat - die Verhörprotokolle umfassen 97 Seiten.
Baumann - seit vier Jahren von langjähriger Opiatabhängigkeit kuriert - arbeitet heute in Berlin an einem Buch über Drogen. Bei einzelnen Genossen von damals hat er sich für seine Aussagen entschuldigt, dennoch sind manche sauer.
"Bommi hat offensichtlich versucht, seinen Arsch freizukaufen", sagt Norbert Kröcher, ehemaliger Kampfgefährte der "Bewegung 2. Juni". Dafür habe er "das Blaue vom Himmel herunter erzählt" und sei ohnehin ein "großmäuliger Feigling".
Andere sind großmütiger. "Das ist ein Vierteljahrhundert her", sagt Astrid Proll, Anfang der siebziger Jahre bei der RAF. "Und es hat niemandem geschadet." "Die hätten mich sonst in den Westen abgeschoben oder einfach versauern lassen", rechtfertigt Baumann seine detaillierten Aussagen. Zuvor habe sein Kampfgenosse Heinz Brockmann in West-Berlin ausgepackt. "Und gegen den Stasi-Knast", sagt er, "waren die Gefängnisse, die ich aus West-Berlin kannte, reine Erholungsheime."
Baumann, der heute gern schottischen Tweed trägt und statt Little Richard lieber Pergolesi hört, wurde von der Stasi zum "Operativen Vorgang" mit dem Decknamen "Anarchist" gemacht. Mielkes Offiziere wollten klären, was Baumann und seine Genossen trieben und ob die DDR dadurch Probleme bekommen könnte.
In gut einem Monat vernahm ihn Oberleutnant Heinz Eberl insgesamt 13mal, gewöhnlich dauerten die Verhöre von 8 bis 18 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause. Nach Abschluß der Vernehmungen kannte die Stasi beträchtliche Teile des Waffenarsenals der "Bewegung 2. Juni" und wußte zum Teil, wer an welcher Aktion beteiligt war. Im Gegensatz zu den Terrorfahndern im Westen war die Stasi auch darüber informiert, daß die RAF Baumanns Truppe 10 000 Mark und 14 Schußwaffen spendiert hatte, um zwei RAF-Frauen in West-Berlin aus dem Gefängnis zu holen.
Die Stasi kannte die Adressen von etlichen illegalen Wohnungen und wußte auch, daß die Kreuzberger Anarcho-Rockband Ton, Steine, Scherben nach einem Banküberfall mehrere tausend Mark für die Produktion einer Platte ("Keine Macht für Niemand") bekommen hatte.
Doch damit waren Mielkes Männer noch nicht zufrieden. Baumann mußte auch noch Kurzporträts über die ihm persönlich bekannten Protagonisten der linksradikalen Szene in West-Berlin niederschreiben, was er dann auch in eigenwilligem Stakkato-Stil tat.
Um Baumann zum Reden zu bringen, überraschten ihn Eberl und seine Genossen immer wieder mit Detail-Informationen. Die Stasi verfügte bereits über eine beachtliche, aus Berichten von Inoffiziellen Mitarbeitern und westlichen Ermittlungsakten zusammengestellte Personenaufstellung des bewaffneten Untergrunds.
Tatsächlich, so belegen es MfS-Akten, war Baumann weder der erste noch der letzte Terrorist, der bei der Stasi geplaudert hat. Gut drei Jahre vor Baumann war etwa der RAF-Mann Hans-Jürgen Bäcker im August 1970 mit falschem Paß und Waffe aufgeflogen und 24 Stunden lang ausgequetscht worden. Anschließend schoben ihn Mielkes Männer durch eine Geheimtür in den Westteil des Bahnhofs Friedrichstraße.
Auch Baumann wurde, nachdem alles gesagt war, auf diesem Wege diskret entsorgt. Oberleutnant Eberl schlug vor, ihn abzuschieben, und der Genosse Minister, seit der Festnahme über den OV "Anarchist" informiert, vermerkte auf dem Bericht "Einverstanden, Mielke".
Baumann bekam noch 20 "West-Mark" Taschengeld, und 43 Tage nach seiner Verhaftung - am 21. Dezember 1973 um 17 Uhr - stand er auf der West-Berliner Seite des Bahnhofs Friedrichstraße.
Zum Abschied hatte Baumann seinem Vernehmer Eberl erzählt, daß er nach Frankreich gehen werde. Zwei Monate später passierte er - ohne Bart, mit blondierten Haaren und falschem englischen Paß - die Grenzkontrollen und flog vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nach Wien.
Von Sontheimer und

DER SPIEGEL 4/1998
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