19.01.1998

KRIMISGelbe Gefahr

Kommunisten, Spekulanten und ein kauziger Missionarssproß: Gert Anhalt, ZDF-Korrespondent in China, hat einen wüsten Thriller geschrieben.
Was machen eigentlich unsere mutigen Fernsehreporter, wenn sie gerade nicht für 90-Sekunden-Spots vor der Kamera stehen? Das ist, so scheint es, genau die Frage, die den Fernsehzuschauer daheim auf dem Sofa jeden Abend von neuem plagt.
Durchleiden die Reporterhelden elende Qualen in Kriegsgebieten, Malariasümpfen und auf dem glatten diplomatischen Parkett? Geben sie sich allabendlich dem Suff hin wegen der Schrecklichkeiten in aller Welt? Oder verplempern sie die Spesenkasse im Spielkasino mit einer mandeläugigen Schönheit?
ZDF-Korrespondent Gert Anhalt, Peking-Resident der Mainzer öffentlichrechtlichen Anstalt, hat die Frage jetzt nachhaltig beantwortet. Und offenbar ist die Wahrheit kaum weniger bizarr als die schlimmsten Phantasien des Fernsehzuschauers im ZDF-Mutterland. Der Mann aus Mainz saß nächtelang (mit Rücksicht auf die schlafende Familie) auf dem Balkon eines häßlichen sozialistischen Plattenbaus vor dem Notebook und dichtete an knapp zwei Pfund Roman - an einem Werk, das tief hinabsteigt in die Abgründe der grausamen chinesischen Geschichte*.
Anschließend stülpte sich Anhalt einen Schlapphut über, setzte eine Sonnenbrille Marke CIA auf und schlich sich in Camouflage auf den Platz des Himmlischen Friedens. Unter dem Alias-Namen Ray-
* Raymond A. Scofield: "Gelber Kaiser". Lichtenberg Verlag, München; 560 Seiten; 45,90 Mark.
mond A. Scofield ließ er dort ein Foto anfertigen, das jetzt den Schutzumschlag des Romans "Gelber Kaiser" ziert.
Wem diese Entstehungsumstände des Romans noch nicht genug China-Soap bieten, der wird bei der Lektüre nicht enttäuscht. Was viele ZDF-Kollegen noch nicht mal in den Abendnachrichten zustande bringen, schafft Anhalt, 35, sozusagen mit linker, weil nebenberuflicher Hand: Spannung von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Natürlich geht es um Krieg: den großen, den letzten, den Jeder-gegen-jeden-Krieg, und dann noch ausgelöst von finsteren Altkommunisten - der Stoff, der Intendanten auf traumhafte Einschaltquoten hoffen läßt. Kern der wüsten Geschichte: Ein verkauzter alternder Missionarssohn und Kartoffelbauer namens George Franklin Farlane, aufgewachsen im China der dreißiger Jahre, verhindert in den neunziger Jahren den Atomkrieg zwischen China und Taiwan, in dem unweigerlich die USA und Rußland vernichtet worden wären.
Auf 560 Seiten öffnet der studierte Japanologe Anhalt alias Scofield einen bunten Fächer der chinesischen Geschichte. Wie es sich gehört, sind bei Anhalt die teuflischen Chinesen noch hinterlistige Schlitzaugen, die ihren Gegnern die Haut abziehen und das Opfer dann sterbend in der Sonne brutzeln lassen. Handelt es sich bei selbigen um Kommunisten, potenziert sich die genetisch bedingte Schlechtigkeit noch durch teuflische Hinterlist und gemeine Lüge. Und tritt der gemeine Chines'' als Hongkong-Chines'' auf, so läßt er aus purer Gewinnsucht (ach nein, nicht nur, er spioniert und sabotiert nebenbei noch für die CIA) Gladiatoren in Pekinger Baustellen sich gegenseitig das Genick brechen.
Verwegen vermengt der poetisch ambitionierte Schlapphut wahre Begebenheiten und Realpersonen der Geschichte mit Ergüssen seiner wahrhaft nicht politisch korrekten Phantasie. Daß die vermeintlich historischen oder geographischen Hintergründe bisweilen auch noch falsch dargestellt sind, stört wenig - schließlich handelt es sich hier nicht um einen "Heute"-Beitrag, sondern um Fiktion.
Mag Anhalt seinen Lesern fortan schon dann Alpträume garantieren, wenn sie es auch nur wagen sollten, je wieder ein China-Restaurant zu betreten - seinen Pekinger Korrespondentenkollegen spricht der literarische Huntington aus der Seele. Sie hatten es immer schon geahnt, daß die Chinesen als "gelbe Gefahr" sich bald anschicken werden, Mainz und den Rest der Welt zu zerstören. Endlich ist es raus: Danke für die Erleuchtung, Gert A. Scofield.
Jürgen Kremb
* Raymond A. Scofield: "Gelber Kaiser". Lichtenberg Verlag, München; 560 Seiten; 45,90 Mark.
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 4/1998
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