23.04.2011

VERBRECHENLeben ohne Stefan

Das erste Opfer des mutmaßlichen Serienmörders Martin N. war ein 13-jähriger Internatsschüler. 19 Jahre lang hat sich der Vater an der Suche nach dem Täter beteiligt. Was fühlt er nun?
Der Anruf, den sie 19 Jahre lang ersehnt hatten, erreichte sie kurz nach acht Uhr. Petra und Ulrich Jahr saßen beim Frühstück. Eine Polizistin war am Apparat. Was sie zu sagen hatte, sollten die Jahrs nicht aus den Medien erfahren: "Wir möchten Sie davon unterrichten, dass wir einen Mann verhaftet haben. Er hat gestanden, drei Kinder getötet zu haben. Auch Ihren Sohn."
Die Jahrs ringen nach Worten für das Gefühl jenes Moments. Sie schauen sich an, wirken ratlos. Petra Jahr, 60, hebt die Schultern, lässt sie sinken. "Nach 19 Jahren", sagt sie schließlich matt, "ich hatte nicht mehr daran geglaubt." Sie sucht den Blick ihres Mannes. "Ich wünsche mir sehr, dass du nun Ruhe findest."
Ulrich Jahr, 68, hat den Blick gesenkt. "Ich muss erst Näheres wissen, um sicher sein zu können, dass er der Täter ist", sagt er. Jahr ist unsicher, ob jetzt alles vorüber ist. All die Zeit hat er persönlich nach dem Mörder seines Sohnes gesucht. Rund 40 000 Euro hat er investiert, um DNA-Proben analysieren zu lassen, Flugblätter zu drucken, Detektive anzuheuern. Am Ende musste er sich selbst vor Gericht verantworten.
Ein weißes Einfamilienhaus im Kreis Stormarn, Schleswig-Holstein. Im Wohnzimmer der Jahrs dokumentieren Familienfotos die Lebensphasen ihrer Kinder. Der "Kleine", Oliver, ist inzwischen 24. Seine Mutter zeigt auf das Bild eines erwachsenen Mannes. Daneben hängt das letzte Bild von Stefan, seinem älteren Bruder. Es zeigt ihn als 13-Jährigen. Das schmale Gesicht gleicht dem seines Vaters. Er habe damals Jules Vernes "Die geheimnisvolle Insel" gelesen und gerade mit dem Schachspielen begonnen.
In diesem Sommer würde Stefan 33 Jahre alt. Wenn sie hören, dass ein Nachbarskind, mit dem er früher gespielt hat, heiratet oder Vater wird, malen sich die Jahrs aus, ob Stefan auch schon eine Familie hätte. Was aus ihm geworden wäre. Einige Momente lang drehen sie sein Leben dann weiter, wie einen Film.
Stefan Jahr verschwand in der Nacht zum 31. März 1992 aus Haus G des Internats Eichenschule in Scheeßel. Fünf Wochen später fanden zwei Spaziergängerinnen die verscharrte Leiche des Schülers in den Verdener Dünen. Stefan war missbraucht und erwürgt worden.
Als weitere Jungen auf ähnliche Weise starben, zeichnete die Polizei den Alptraum aller Eltern: einen maskierten Serienkiller, der fast lautlos in Häuser einbricht, der Kinder raubt und tötet. Nachts, wenn alle schlafen.
Nun hat der "Schwarze Mann" ein Gesicht: das von Martin N., 40. Der Pädagoge wird als nett, höflich beschrieben. 40 Missbrauchsfälle und die Morde an Stefan Jahr sowie an dem achtjährigen Dennis R. 1995 und dem neunjährigen Dennis K. 2001 hat er bislang gestanden.
Doch ist damit der Alptraum von Petra und Ulrich Jahr wirklich beendet?
Stefans Mutter ist eine kleine temperamentvolle Frau. Nach der Hochzeit sei sie vier Jahre lang nicht schwanger geworden, sagt sie, "Stefan war mehr als ein Wunschkind". Am liebsten spielte er draußen mit Freunden. Waren sie mal wieder durchs Maisfeld getobt, gab es Ärger mit dem Bauern.
Stefan hatte Epilepsie, musste täglich Tabletten nehmen. Erst kurz vor seinem Tod durfte er die Mittel absetzen. Die Pubertät hatte die Krankheit verdrängt.
Als Ulrich Jahr seinen Sohn am 29. März 1992 zum letzten Mal ins Internat fuhr, freuten sich Vater und Sohn auf die Osterferien, den Skiurlaub in Österreich. Drei Tage später wollte Ulrich Jahr seinen Sohn wieder abholen. "Tschüs, Papa, bis Mittwoch", rief Stefan beim Abschied. Zwei Tage später war er verschwunden.
"Dass er weggelaufen war, kam für uns nie in Frage", sagt Ulrich Jahr. Der Informatiker im Ruhestand wählt seine Worte bedächtig, hat eine tiefe, ruhige Stimme. Sie dachten an Entführung, wegen der Namensgleichheit mit einer Hamburger Verlegerfamilie. Eine Fangschaltung wurde eingerichtet, niemand forderte Lösegeld.
"Das Warten hat einen zerfressen", sagt Ulrich Jahr. Er suchte Feldwege und Scheunen im Umkreis von Scheeßel ab. Danach saß er wochenlang auf dem Sofa, starrte das Telefon an.
Nach fünf Wochen kam der Anruf der Polizei: "Herr Jahr, in den Verdener Dünen wurde die Leiche eines Jungen gefunden. Wir glauben, dass es Stefan ist."
Eine "bleierne Zeit" sei gefolgt, sagt Ulrich Jahr. Er habe sich in seinen Gedanken verloren. Petra Jahr nickt. "Und ich habe gleich nach der Beerdigung Stefans Zimmer ausgeräumt. Ich wollte alles verdrängen." Noch vor drei Jahren war sie zu keinem Interview bereit, sie grüßte freundlich, zog sich aber sofort zurück.
Ulrich Jahr suchte die Öffentlichkeit, um sie wachsam zu halten. "Damit ich eines Tages in Frieden sterben kann, muss ich wissen, wer das getan hat", sagte er im Februar 2008. "Für mich ist er eine Kreatur außerhalb meiner Vorstellungskraft."
Stefans Bruder Oliver war fünf, als die Katastrophe über die Jahrs hereinbrach. Er hat nie bei Freunden übernachtet, auf Klassenfahrten musste ihn seine Mutter abholen. "Der Kleine hat sehr an seinem großen Bruder gehangen", erzählt Petra Jahr. In einem Video tanzen die Brüder zu Rap-Musik. Auf demselben Band filmte Stefan kurz vor seinem Tod sein Zimmer, kommentierte jede Ecke. Die Jahrs haben es sich unzählige Male angeschaut.
Stefan aufs Internat zu schicken war die Idee seines Vaters. Der Junge hatte in der Schule nachgelassen, war der Klassenkasper. "Ich habe meinen Mann am Anfang mit Schuld beladen", gesteht Petra Jahr. "Aber am Ende - das konnte niemand vorhersehen." Ulrich Jahr hört ihr schweigend zu. "Sich das verstandesmäßig klarzumachen war eines. Emotional damit klarzukommen etwas anderes", sagt er.
Jeden zweiten Tag rief er die Ermittler an. Nach einem Dreivierteljahr nahm er sich einen Anwalt, um die Akten einsehen zu können.
Ein Teil liegt vor ihm auf dem hellen Couchtisch, auch ein gelber Plastikschnellhefter. "Bildmappe" steht auf dem obersten Blatt. Darunter, tabellarisch:
Straftat: Tötungsdelikt.
Fundort: 2810 Verden, "Verdener Dünen".
Fundzeit: 03.05.92 gg. 17.45 Uhr.
Geschädigt: Stefan JAHR, geb. 21.06.78 in Hamburg.
Beschuldigt:
Die Zeile ist seit 19 Jahren leer.
Die Mappe vermittelt ein Gefühl, was Ulrich Jahr angetrieben hat: Stefans Leiche in den Dünen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Stefans Unterhose. Stefan auf dem stählernen Obduktionstisch. Bilder, seitenweise.
Damals suchte Ulrich Jahr beruflich in Computerprogrammen nach Fehlern. Ebenso analytisch quälte er sich nun mit den Details des Mordes an seinem Sohn. Immer wieder verschraubte er Gedanken und Informationen ineinander, um sie zu lösen und wieder anders zu verbinden. Er ging nach dem Ausschlussprinzip vor, hinterfragte Dinge, Personen, die die Polizei nicht im Blickfeld zu haben schien: Er fuhr in die Rechtsmedizin, ließ sich eine Speichelprobe des Obduzenten geben, um sie mit der DNA eines 10,8 Zentimeter langen Haares abgleichen zu lassen, das an Stefans rechter Hand gefunden wurde. Er ließ sich den Pass eines Lehrers zeigen, der angab, zur Tatzeit in Neuseeland gewesen zu sein. Die Ermittler wiesen Jahr wiederholt zurecht. Er verteilte Flugblätter, verdächtigte darauf auch Stefans Hausleiter und den Schulleiter. Daraufhin stand er selbst vor Gericht, wegen Beleidigung und Verleumdung. Die Verhandlung endete in einem Vergleich. Jahr musste 3000 Euro an die SOS-Kinderdörfer zahlen.
Ulrich Jahr denkt für einen Moment nach. "Ich glaube nicht, dass ich heute anders handeln würde. Mir war klar, dass ich falschliegen könnte. Ich hatte die naive Idee, dass ich einen Prozess gegen mich provozieren könnte und im Zuge dessen meine Vorwürfe geklärt würden."
Als 1995 Dennis R. ermordet wurde, dachte Ulrich Jahr gleich an einen Serienmörder. Viele hielten ihn für einen Verschwörungstheoretiker.
Ende der neunziger Jahre stellte seine Frau ihn vor die Wahl: "Entweder du hörst auf, oder ich gehe." Ulrich Jahr trug ein paar Ordner auf den Dachboden. Doch noch heute kann er wörtlich aus Gutachten und Ermittlungsakten zitieren. Die Widersprüche über die Auffindesituation von Stefans Leiche ließen ihn nie los, genauso wenig wie die ungenauen Angaben zum Todeszeitpunkt.
Ende 2007 konnten die Ermittler dank neuer Kriminaltechnik erstmals ein Fragment DNA von Stefans Unterhose sichern. Die Polizei rief 1000 Männer zum Speicheltest auf. Ergebnis: kein Ergebnis.
Weil zwei Männer, die Jahr benannt hatte, nicht zu diesem Test einbestellt wurden, stellte Jahr Strafanzeige gegen die Ermittler wegen Verdachts der Strafvereitelung im Amt. Antwort: Bei den Genannten gebe es keinerlei Verdacht. Vor vier Monaten erst beschwerte sich Jahr deshalb schriftlich beim niedersächsischen Justizministerium.
19 Jahre seien eine sehr lange Zeit, sagen Stefans Eltern. Sieben Jahre habe es gedauert, bis nach seinem Tod wieder so etwas wie Normalität in ihrer Familie eingekehrt sei. Was bedeute, "nicht permanent an das Geschehene denken" zu müssen.
Am Anfang habe er den Mörder gehasst, sagt Stefans Vater. "Wenn sich nun alles endgültig bewahrheitet, will ich gar kein Gefühl für diesen Typen entwickeln." Noch ist Ulrich Jahr erfüllt von Zweifeln, ob Martin N. wirklich der Täter ist. Schon einmal wurde ein Mann verhaftet, bald darauf wieder freigelassen. "Dieser Martin N. soll Täterwissen haben, gut. Aber was heißt das im Detail? Welche Indizien haben sie gegen ihn in der Hand, sollte er sein Geständnis widerrufen?"
Schon um die Akten prüfen zu können, will Jahr im Prozess als Nebenkläger auftreten. Zum ersten Mal bäumt sich Jahrs Stimme auf. "Sollte der Mann mit dem ganzen Psychokram kommen, von wegen dominante Mutter, vom Vater geschlagen, bin ich nicht bereit, das anzunehmen."
Für Ulrich Jahr gibt es nur eine Strafe für den Mörder seines Kindes: Lebenslang bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld mit anschließender Sicherungsverwahrung. Es ist die höchste Strafe, die das deutsche Recht vorsieht. Dann werde er zur Ruhe kommen. Glaubt Ulrich Jahr.
Von Antje Windmann

DER SPIEGEL 17/2011
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