23.04.2011

PRESSERotes Wunder

Bislang unbekannte Dokumente zeugen vom Übergang des „Neuen Deutschland“ in die Marktwirtschaft. Wurde das Parteiblatt mit geparkten SED-Geldern gerettet?
Ein paar Symbole der alten Zeit sind geblieben am Sitz des einstigen Zentralorgans der SED. Der Schriftzug "Neues Deutschland" findet sich bis heute am Verlagsgebäude, auch die überdachte Vorfahrt ist erhalten: Früher entstiegen hier die Mächtigen des DDR-Apparats, die Mitglieder des Politbüros, ihren Limousinen.
Ansonsten hat am Berliner Redaktionssitz der real existierende Kapitalismus zugeschlagen: Die Auflage des "Neuen Deutschland" ("ND") fiel von einer Million auf rund 40 000 Exemplare, die Anzahl der Mitarbeiter sank von 500 auf 90.
Das Sozialisten-Blatt gilt von außen betrachtet schon lange als Pleitekandidat. Lukrative Anzeigen sind selten, die Leserschaft ist überaltert, der bundesweite Vertrieb teuer. Trotzdem kann das "ND" nun sein 65-jähriges Bestehen feiern.
Sein Weg in die Marktwirtschaft trägt Züge eines Wirtschaftswunders. Aber wie ist es dazu gekommen? Selbst leitende Redakteure rätseln, wie ihre Zeitung den Überlebenskampf finanziell bestehen konnte. Haben dabei Gelder aus dem verschwundenen SED-Vermögen geholfen?
Bislang unbekannte Dokumente aus dem Archiv des Demokratischen Sozialismus stützen jetzt diesen Verdacht. Die Papiere stammen aus dem Jahr 1991, nachdem das "Neue Deutschland" unter Treuhand-Verwaltung gestellt worden war. Seinerzeit schien offen, ob die Partei ihr Propagandablatt behalten dürfe. Deshalb schuf der Führungszirkel der PDS eine Art Tarngesellschaft, um seinen Einfluss auf das Blatt und Geldströme zu ihm verschleiern zu können.
Alarmiert berichtete der damalige Verlagsgeschäftsführer in einer Runde mit Parteichef Gregor Gysi und anderen SED- und PDS-Größen von einem drohenden Minus von über sechs Millionen Mark. Die Teilnehmer waren sich rasch einig: Das "ND" sei ein "letztes Stück DDR-Identität", um das gekämpft werden müsse. Von "Widerstandsfähigkeit" war die Rede. So notierte es jedenfalls der damalige Parteivize André Brie.
Um ihre Zeitung zu retten, entwickelten die Genossen ein feines unternehmerisches Gespür. Im Februar 1992 beschlossen sie die Gründung einer Auffanggesellschaft, die notfalls das Blatt herausgeben würde - falls die Treuhandanstalt auf einer Trennung von Partei und Zeitung bestehen sollte. Man brauche eine "Mantel-GmbH", heißt es in den Notizen von den "Beratungen bei Gregor". Gesucht war eine unauffällige Firma ohne offizielle Verbindungen zur PDS.
Wenig später war sie gefunden - in Kellinghusen bei Hamburg. Dort lebte Hans-Joachim Windecker, ein Geschäftsmann, der mit Kommunisten sympathisierte und sein Geld angeblich im Weinhandel verdiente. Er stellte eine seiner Firmen gern als "Mantel" zur Verfügung, die "Föderative Verlags-, Consulting- und Handelsgesellschaft mbH - Fevac". Gysi und die Parteivize Brie und Kerstin Kaiser wiederum wurden Gesellschafter einer Firma, die unter dem Mantel der Fevac verschwand.
Auch potente Geldgeber standen zur Rettung der Zeitung bereit, Genossen aus einem "Verein der Freunde des Neuen Deutschland". "Wir haben das Geld - 1 Million", so steht es in einem Vermerk vom 17. Februar 1992 über ein Treffen der Parteispitze mit Vereinsmitgliedern. Ein anderer aus der Runde spricht von der Bereitschaft, für "4 Millionen" die Haftung zu übernehmen.
Doch woher stammten die offerierten Millionen? Von gewöhnlichen DDR-Bürgern? Nach der Herkunft, erinnert sich eine Teilnehmerin der Runden, habe niemand gefragt. Manchmal sei es eben nicht gut, zu viel zu wissen.
Um das "ND" zu retten, habe man "alle legalen Mittel und die Spendenbereitschaft vieler Leser genutzt", beteuert Dietmar Bartsch, damals Schatzmeister der PDS und später "ND"-Geschäftsführer. Nur: Wieso ist der "Verein" der "ND"-Freunde nicht im Vereinsregister zu finden, warum sind Herkunft und Umfang seines Vermögens nicht transparent?
Die jetzt aufgetauchten Archivdokumente liefern keine endgültigen Beweise, aber Indizien. Denen zufolge führt die Spur der Scheine vom großzügig verteilten SED-Vermögen über den Verein und die Kellinghusener Firma ins "Neue Deutschland".
1995 schlossen Treuhand und PDS einen Vergleich. Offiziell war das Blatt in den Händen eines komplizierten Firmengeflechts; real hatte die Partei das Sagen. Und Geld der "Freunde" kam offenbar verlässlich bei der Zeitung an. Der Verein übernahm Kosten des Blattes, bestätigt ein Kenner der PDS-Finanzen, das "ND" sei so deutlich entlastet worden.
Geschäftsmann Windecker fällt als Zeuge aus, er ist gestorben. Angehörige können sich aber gut an eine Frau erinnern, die früher regelmäßig angerufen habe - Ruth Kampa.
Der Name der Juristin taucht in vielen Firmenunterlagen rund um das "ND" auf. Ehrenamtlich ist sie Vorsitzende des Vereins der "ND"-Freunde. Im Januar gratulierte sie vorab dem "Neuen Deutschland" zum 65. Geburtstag: Es sei "nicht immer einfach" gewesen. Dass sich die Zeitung behauptet habe, verdiene "Respekt".
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 17/2011
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