23.04.2011

ROHSTOFFEZartbitter

Weizen, Reis, Soja - Lebensmittel sind zu Objekten von Spekulanten geworden. Der Kakaopreis erreicht den höchsten Stand seit 33 Jahren. Schokoladenhersteller wie die Bremer Traditionsfirma Hachez bringt das in Gefahr. Von Hauke Goos und Ralf Hoppe
Die Welt, in der Hasso Nauck lebt, ist eine Welt schöner Dinge und Düfte. Nauck sammelt Oldtimer und spielt Golf, an seinem Arbeitsplatz duftet es nach Schokolade. Es ist die beste Schokolade der Welt, wie Nauck findet, er stellt sie her, Pralinés, Cocoa Trüffel, Ingwer Spitzen, das sind 3 seiner 110 Produkte, er nennt sie Chocolade, mit C. Seit 20 Jahren leitet Nauck die Bremer Traditionsfirma Hachez.
Es war immer ein überschaubares Geschäft gewesen. Seit einem Jahr allerdings passieren seltsame Sachen.
Neulich beispielsweise musste Nauck mit ansehen, wie 5540 Kilometer südlich von Bremen, in der Elfenbeinküste, ein Bürgerkrieg ausbrach, weil sich zwei Männer nicht einig wurden, wer von ihnen der Präsident sei. Ein Mann namens Alassane Ouattara, der eigentlich neugewählte Präsident des afrikanischen Landes, verfügte einen Exportstopp und nahm den Kakao vom Weltmarkt. Die Elfenbeinküste produziert etwa 35 Prozent der Welternte.
Als Nauck ins Schokoladengeschäft einstieg, vor mehr als 30 Jahren, war der Markt noch ein Kaufmannsmarkt, überschaubar, verständlich, der Preis folgte dem Rhythmus der Ernten. Nun aber konnte Hasso Nauck beobachten, wie als Folge dieser fernen Unruhen der Preis für Rohkakao in die Höhe schnellte. Das war die vorläufige Spitze von Turbulenzen; aber es beginnt lange vorher, am 15. Juli 2010.
Dieser 15. Juli war ein wunderbarer Morgen, wolkenlos, als Hasso Nauck klar wurde, dass er angegriffen wird.
An jenem Sommermorgen sitzt Nauck gegen 8.30 Uhr an seinem Schreibtisch aus poliertem Oregon Pine in seinem Büro im vierten Stock eines verwinkelten Fabrikgebäudes, mit Blick auf die Domspitzen am Bremer Markt. Er hat die Post durchgearbeitet, die Quartalszahlen sehen ordentlich aus, gerade haben sie 62 Zeitarbeiterinnen eingestellt, die Konjunktur zieht an. Nauck klickt sich wie jeden Morgen durch ein paar Internetseiten, Preise und Kurse checken, es ist Routine. Plötzlich erschrickt er.
Der Preis für Kakao ist dramatisch hoch, in den vergangenen zwei Tagen ist er um 132 britische Pfund pro Tonne gestiegen, und er steigt weiter. Im Laufe dieses Handelstags wird der Kakaopreis in London auf 2732 Pfund klettern. Es wird der höchste Stand seit 33 Jahren sein, und Nauck bekommt Angst um seine Arbeit, seine Leute, seine Fabrik, um alles, wofür er steht.
Hasso Nauck ist Mehrheitsgesellschafter und Geschäftsführer der Firma Hachez, eines von 90 Schokoladenherstellern in Deutschland, 1890 von Joseph Emile Hachez in Bremen gegründet. Schon Naucks Großvater war in den zwanziger Jahren Miteigentümer, es gibt eine Familientradition, und so nahm Nauck einen Millionenkredit auf und stieg bei Hachez ein, als die Firma in Schwierigkeiten war. Er machte sich daran, die Produktlinie auf einen modernen Stand zu bringen. Das war Anfang der Neunziger.
Der Mann, der jetzt, 20 Jahre später, hinter dem Angriff auf Nauck steckt, sitzt in einem Büro in London: Anthony Ward, Fondsmanager, Trader, "Chocfinger", so nennt man ihn in der Branche, und das ist auch bewundernd gemeint.
Wenn man Wards Spiel versteht, die Grundregeln einer Spekulation, dann begreift man, warum die Weltwirtschaft von einer Krise in die nächste taumelt.
Anthony Ward mag keine Journalisten, er gewährt so gut wie nie Interviews. Er beschäftigt zwei Publicity-Agenturen mit Pressesprechern, die sprechen, aber nichts sagen.
Ward ist Anfang fünfzig, breitschultrig, aufgewachsen als Kind der Oberschicht, aus traditionsreicher Kaufmannsfamilie, sein Großvater hat angeblich die britische Marine mit Rum beliefert. Seine Zentrale, ein schwarzgetünchtes Stadthaus, liegt in Mayfair, Londons teuerstem Stadtteil.
"Wenn es um Geld geht", sagt ein Mann, der jahrelang mit Ward gearbeitet hat, "konzentriert er sich nur auf dieses Ziel." Schon früh habe Ward davon geredet, eines Tages den Kakaomarkt zu cornern, wie es an der Börse heißt, in die Enge zu treiben. Zweimal hatte er das versucht, 1996 und 2002. Am 15. Juli 2010 unternimmt er seinen dritten Versuch.
Der Preis für Rohkakao reagiert auf Nachrichten aus den Anbauländern, Erntemengen, Erntequalitäten, und er reagiert auf Gerüchte. Deshalb gibt es neben den Händlern und Schokoladenherstellern wie Hasso Nauck immer auch Spekulanten an der Börse, Leute wie Anthony Ward. Sie schließen Wetten ab, Wetten darauf, ob der Kakaopreis steigt oder fällt, sie wetten auf Überfluss oder Knappheit.
Die Börse hat ihren eigenen Jargon. Wer daran glaubt, dass der Kakaopreis steigt, geht long. Er bestellt Kakao, den er sich irgendwann, später, liefern lässt, aber er bestellt zum Preis von heute. Sein erhoffter Vorteil: Damit sichert er sich den niedrigen, aktuellen Preis, bevor der Kakao - mutmaßlich - teuer wird. Wer long geht, erwartet Knappheit.
Wer dagegen darauf setzt, dass der Preis demnächst fällt, geht short. Er verkauft Kakao, den er irgendwann später zu liefern verspricht, zum heutigen Preis, weil er hofft, diesen Kakao billiger kaufen zu können, wenn der Preis gesunken ist. Sein Vorteil, wenn er denn recht behält: Er sichert sich den aktuellen, hohen Preis, bevor der Kakao billiger wird. Wer short geht, erwartet Überfluss.
Wie aber wäre es, mag sich Ward gedacht haben, wenn man wüsste, wie die Wette auf den Preis ausgeht?
Weil man, beispielsweise, nicht vermutete, sondern wüsste, dass der Kakao knapp wird?
Weil man, praktischerweise, selbst derjenige ist, der den Kakao knapp macht?
Das genau ist Wards Plan, so sieht es jedenfalls aus: Er will die Zukunft, auf die er wettet, selbst bestimmen. Er benimmt sich wie jemand, der am Sonntagmorgen beim Bäcker vor einem in der Schlange steht und 400 Brötchen kauft, um sie dann, vor der Bäckerei, den Wartenden zum doppelten Preis anzubieten. Wards Plan könnte funktionieren, weil die Weltwirtschaft immer unüberschaubarer geworden ist.
Der Preis für Kakao klettert seit fünf Jahren, unaufhaltsam, so scheint es. Dies ist Teil des weltweiten Rohstoffbooms. Der Preis für Weizen stieg in den vergangenen zwölf Monaten von 483 US-Cent pro Bushel auf 903 Cent. Der Preis für Mais stieg von 3,46 Dollar pro Tonne auf über sieben Dollar.
Die Rohstoffspekulation befeuert die Inflation in Indien, verteuert die Tortillas in Mexiko, schürt Hungersnöte und politische Revolten. Die Spekulanten wirken wie Brandbeschleuniger, und je kleiner ein Markt, desto leichter ihr Spiel.
Der Kakaopreis wird auf einem der kleinsten Rohstoffmärkte gemacht: Dreieinhalb Millionen Tonnen werden jährlich geerntet, mehr als die Hälfte in Ghana und der Elfenbeinküste. Die Tonne kostet im Schnitt 2000 britische Pfund.
Das bedeutet, dass man mit sieben Milliarden Pfund eine Jahresernte kaufen kann. Die Überschaubarkeit macht den Kakaomarkt besonders geeignet für spekulative Attacken, attraktiv für die Billionen vagabundierender Dollar und Euro. Je nach Schätzung sind 400 bis 800 Milliarden US-Dollar allein in den Rohstoffmärkten unterwegs. Noch vor zehn Jahren waren es etwa 5 Milliarden.
Das Geld stammt vor allem aus drei Quellen, sagen Experten: von Private-Wealth-Anlegern, also den Superreichen dieser Welt; dann aus dem Eigenhandel der Banken, den sie auf eigenes Risiko führen; und schließlich aus den Pensionsfonds der westlichen Welt, der Altersvorsorge von Millionen von Arbeitnehmern.
Diese Entwicklung macht zwei Menschen, die sich nie begegnet sind, zu Gegenspielern. Die Welt des einen, Anthony Wards Welt, ist virtuell. Hasso Naucks Welt, seine Firma, seine Schokolade, seine Leute, sind real. Zwar kauft er seinen Rohkakao in Ecuador, weil es nur da die Edelsorte gibt, die er braucht. Aber wenn der Börsenpreis anzieht, wird auch die Edelsorte teurer.
Jeden Tag mischen sie in Bremen Produkte wie ihren Klassiker, Artikelnummer 000407/Braune Blätter, 75 Stück Chocoladentäfelchen in sechs Blattformen, im eigenen Haus geröstet, gemahlen, conchiert. Sie kommen in Blechschachteln, zu 6,50 Euro das Stück, mit Polsterkissen, 150 Gramm, mit einem Zartbitteraroma, das der Oberchocolatier Karsten Schnäckel für jede Tranche aufs Neue abstimmt. Die Braunen Blätter enthalten 77 Prozent Kakao, das macht ihren Geschmack aus - und ihre Anfälligkeit für Attacken von Leuten wie Anthony Ward. Für Schokolade dieser Qualität ist ein hoher Kakaoanteil unumgänglich; Nauck kann, wenn der Kakaopreis steigt, nicht einfach das Verhältnis der Zutaten ein bisschen verändern, mehr Milch, mehr Zucker oder mehr Butter dazurühren lassen.
Verglichen mit einem Schoko-Konzern wie Mars, Jahresumsatz 30 Milliarden US-Dollar, oder Milka, die zum Kraft-Konzern mit etwa 49 Milliarden Dollar Umsatz gehört, ist Hachez ein winziger Laden. Ein mittelständischer Betrieb, ein Umsatz deutlich unter 100 Millionen Euro, rund 450 Mitarbeiter. Für viele ist Hachez eine Lebensstellung, 40-jährige Dienstjubiläen sind keine Seltenheit. Für diese Leute, sagt Nauck, trägt man Verantwortung.
Ward kämpft beweglicher. Es ist ein Duell mit ungleichen Waffen. Er will den Kakao knapp machen und möglichst viel davon besitzen, um ihn dann so teuer wie möglich zu verkaufen.
Sein Unternehmen hat die Leute für solche Operationen. Armajaro beschäftigt in den wichtigsten Anbauländern Kundschafter, sogenannte Pod-Counter, die regelmäßig die Plantagen inspizieren, Anzahl und Größe der Früchte, Zustand der Bäume. Ward hat sogar eigene Wetterstationen errichten lassen, in Westafrika und anderswo auf der Welt.
Der Zeitpunkt für den Angriff schien im Sommer des vergangenen Jahres gekommen: Zu den vagabundierenden Milliarden, die nach dem Platzen der Immobilienblase in den USA um die Erde wanderten, kam ein kurzfristiger Trend. Die Nachfrage nach Schokolade und Kakao zog an, weil sich die europäischen Volkswirtschaften nach der Finanzkrise erholten. Zudem waren mehrere Ernten hintereinander schlecht ausgefallen, in den Haupterzeugerländern Ghana und Elfenbeinküste sind die Kakaobäume überaltert. Eine weitere Missernte würde das Angebot noch mehr verknappen.
In London wird Kakao das ganze Jahr hindurch gehandelt, aber nur an fünf Terminen, im März, Mai, Juli, September, Dezember, werden die Verträge fällig. Als Zeitpunkt für Wards Angriff kam vor allem der Juli in Frage, denn Schokoladenfirmen wie Naucks Hachez beginnen bereits im Sommer, für das Weihnachtsgeschäft zu produzieren. Zu dem Zeitpunkt war der hohe Kakaopreis für Nauck bereits ein ernstes Problem. Hachez kann die gestiegenen Kosten für seine Rohstoffe nur sehr eingeschränkt an den Verbraucher weitergeben. Bei Schokolade gibt es, ausgeprägter als bei anderen Produkten, einen sogenannten Schwellenpreis, den die Leute genau kennen, von Kindheit an, und der Einzelhandel hütet sich, diesen Preis zu überschreiten.
Eigentlich, darin sind sich alle einig, müsste Schokolade mehr kosten. Aber das darf sie nicht, weil sonst der Verbraucher keine Schokolade mehr kauft. Das wiederum bedeutet für Hasso Nauck, dass ein steigender Rohkakaopreis irgendwann existenzbedrohend wird.
Das Kakaogeschäft ist eigentlich simpel. Die Händler kaufen die Kakaobohnen während der Ernte direkt von den Bauern, in Ghana, in der Elfenbeinküste, um sie später an die Schokoladenhersteller in Europa weiterzuverkaufen. Leider weiß der Händler nicht, wann ihm die Hersteller den Kakao abnehmen; und deshalb gibt es die Börse. An der Börse wird der Händler seine Ware immer los, sie kauft immer, sie verkauft immer.
Der Preis, den die Börse bietet, liegt allerdings in der Regel unter dem Preis, den die Schokoladenfirmen zahlen, das ist der Nachteil für den Händler.
Als Ward den Kakao knapp machen wollte, musste er den Mechanismus des Kakaogeschäfts manipulieren. Er musste die Händler von den Schokoladenfabrikanten weglocken, er musste sie dazu bringen, ihren Kakao der Börse anzubieten. Nur dort, an der Börse, konnte er überfallartig, in großen Mengen, kaufen.
Ward schaffte das, indem er Tausende Kakaokontrakte zum aktuellen Tagespreis kaufte, Kakao, den er sich erst später, wenn der Preis mutmaßlich höher sein würde, liefern lassen wollte. Er ging, in der Börsensprache, long. Er baute darauf, dass Kakao knapp werden würde.
Und er tat sein Möglichstes dazu.
An der Londoner Börse begannen andere Spekulanten, an jene Knappheit zu glauben, die Ward durch seine Käufe suggerierte. Vermögensverwalter, Hedgefonds und die Fondsmanager der großen Banken gingen ebenfalls long, sie setzten darauf, dass der Preis weiter stieg, und sie trieben ihn dadurch weiter in die Höhe. Sie erhöhten den Kakaoanteil in den Rohstofffonds. Es ging nicht mehr um den wahren Wert des Kakaos, sondern um den vermuteten.
Ward hatte eine Falle aufgestellt, der Köder war der attraktiv hohe Preis an der Börse, der die Händler vergessen ließ, dass sie eigentlich von den Schokoladenfabriken leben. Der Preis war so attraktiv, in den Worten eines Händlers, "wie zwei schwedische Nymphomaninnen, die abends an der Tankstelle warten". Die Händler vergaßen ihre traditionellen Abnehmer und verkauften an der Börse.
Wo Ward auf sie wartete.
Den einfachen Plan musste Ward offenbar mit Finten verschleiern. Er ließ seine Kaufaufträge von mehreren Brokern abwickeln, um Spuren zu verwischen; er schob Positionen hin und her; er jonglierte mit den Verfallsterminen, er ging mal long und mal short - das zumindest sagen alle, die davon überrascht wurden. Ward kennt den Markt seit Jahrzehnten, er nutzte das Instrumentarium der Börse virtuos, um den Markt zu täuschen. Und das alles war völlig legal.
Insider schätzen, dass Ward sich allein im Frühjahr 2010 insgesamt etwa 50 000 Kaufkontrakte sicherte, zu einem Durchschnittspreis, der bei 2300 britischen Pfund pro Tonne gelegen haben dürfte. Jeder Kontrakt berechtigte ihn, sich zehn Tonnen Kakao liefern zu lassen, das wären gewaltige 500 000 Tonnen Kakao.
Mitte Juni besaß Ward wahrscheinlich mehr Kaufkontrakte, als Kakao an der Börse verfügbar war. Ward hielt jetzt jene Spekulanten, die zu ihrem Pech gegen ihn gewettet, die auf fallende Preise gesetzt hatten, im squeeze, so der Börsenausdruck, im Würgegriff.
Dieses Spiel, das Wettgeschäft, ist virtuell, seine Währung sind Ansprüche, und mitunter sind es Ansprüche auf Ansprüche, die ein Dritter innehat. Gleichzeitig sind die Auswirkungen auf die reale Welt dramatisch. Auf den Schokoladenfabrikanten Hasso Nauck aus Bremen etwa und seine Konkurrenten, die, falls sie sich nicht eingedeckt hatten, panisch wurden.
Nauck kann versuchen, billig einzukaufen. Er muss dazu auf Tagespreise achten, auf das Minutengezitter; dabei will er eigentlich etwas anderes: hervorragende Schokolade herstellen.
Längst hat er in den vergangenen zwei Jahren die Produktion rationalisiert, zuletzt das Weihnachtsgeld gestrichen, auf einen erheblichen Teil seines Gewinns verzichtet, nach langen Verhandlungen mit dem Betriebsrat bei der Belegschaft eingespart: Wo zuvor ein Techniker und ein Maschinenführer die Stanzmaschinen bedienten, ist jetzt nur noch ein Mann zuständig. Nauck weiß, dass der Tag kommen kann, an dem sich die Schokoladenproduktion für Hachez nicht mehr lohnt.
Anfang Juli, darauf deuten die Umsatzzahlen der Londoner Börse hin, besitzt Anthony Ward noch immer etwa 24 000 Kontrakte, über je zehn Tonnen. Jetzt könnte er glattstellen, wie es an der Börse heißt, verkaufen und den Gewinn einstreichen.
Oder er könnte warten. Er könnte aufs Ganze gehen, also den Kontrakt bis zum Fälligkeitstag halten und sich dann den ganzen Kakao liefern lassen. Die entscheidende Frage dabei ist: Wie entwickelt sich die Nachfrage? Würde er den ganzen Kakao loswerden?
Niemand weiß das. Aber es gibt in der Branche eine alles entscheidende Zahl. Einen Indikator für die Nachfrage.
Alle drei Monate veröffentlicht die European Cocoa Association in Brüssel die sogenannte Vermahlungszahl. Diese Zahl sagt, wie viel Tonnen Rohkakao in Kakaomasse verarbeitet wird, um daraus tatsächlich Schokolade herzustellen.
Drei große Firmen beherrschen den Weltmarkt für die Verwandlung von Rohkakao in Kakaomasse. Barry Callebaut, Cargill und ADM, die großen drei, haben riesige Lager, nur sie wissen, wie viel Kakaomasse jeweils in ihren Lagern liegt. Sie steuern einen Großteil der Nachfrage nach Kakao, indem sie mal mehr, mal weniger Kakaomasse lagern.
Während der Wirtschaftskrise war die Vermahlungszahl zurückgegangen. Die Konsumenten kauften weniger Schokolade, deshalb verarbeitete die Industrie weniger Kakao. Im ersten Quartal 2010 war die Vermahlungszahl angestiegen und im zweiten Quartal noch einmal. Die Zahl für das zweite Quartal, die am 14. Juli veröffentlicht wurde, muss Wards Vermutung bestätigt haben: Die Nachfrage zog an. Sofern der Plan darin bestand, den Markt in die Enge zu treiben, zu cornern - jetzt war der richtige Moment.
Am 15. Juli, als die Kontrakte auslaufen, lässt sich Ward 240 100 Tonnen Kakao liefern, der Kakao bleibt zwar im Börsenlager, aber er gehört jetzt ihm. Es sind etwa sieben Prozent der Weltjahresernte. Das ist kühn. Er besitzt nun riesige Mengen Kakao. Sollte der Preis weiter anziehen, was Ward hofft, was viele Experten erwarten, anziehen auf 3000 Pfund oder mehr, dann würde Wards Plan grandios aufgehen.
Doch der Preis zieht nicht weiter an.
Er steigt nicht auf 3000 Pfund, er steigt überhaupt nicht weiter. Er fällt. Allein am Tag nachdem Ward sich die 240 100 Tonnen hat liefern lassen, sackt der Kakaopreis in London um drei Prozent, und er fällt weiter, in den ersten vier Wochen geht es um 13 Prozent nach unten.
Ward muss warten, und jeder Tag kostet Geld. Zum Warenwert von schätzungsweise 775 Millionen Euro kommen, bei einem Zinssatz von beispielsweise drei Prozent, rund 1,9 Millionen Euro Zinsen pro Monat, weitere 1,7 Millionen Euro Lagerkosten.
Anfang Oktober endlich kommt jene Zahl, auf die Ward seine Hoffnung gesetzt haben muss: die Vermahlungszahl für das dritte Quartal. Das, womit niemand in der Branche gerechnet hat, ist eingetreten, die Zahl ist sechsstellig, sie lautet 331 182 Tonnen, sie liegt unter der Zahl des Krisenjahres 2009. Es ist die schlechteste Zahl seit vier Jahren - und sie bricht den Trend. Offenbar bauen die großen drei ihre unerwartet hohen Lagerbestände an vermahlenem Kakao jetzt ab. Die Zahl besiegelt das Scheitern von Wards Plan.
Was er jetzt braucht, ist ein Wunder. Er bekommt einen Bürgerkrieg.
Es gibt eine Wahl, Ende November, in der Elfenbeinküste, und einen Wahlsieger namens Ouattara, der monatelang vom Hotel aus regiert, weil sein Konkurrent, Präsident Gbagbo, nicht aus seinem Palast ausziehen will. Es kommt zu Kämpfen, zu einem Exportstopp. Der Rohkakao, der im Hafen von Abidjan liegt, wird nicht verschifft. Der Preis wird erneut steigen, bis auf 2400 britische Pfund.
Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, ist der Preis wieder gefallen. Ob die Wirren Anthony Ward vor einem Verlust bewahrt haben oder ob er mit seiner Großspekulation am Ende Millionen gemacht hat, weiß niemand außer ihm selbst. Möglicherweise hat er seinen Kakao zu früh verkauft; möglicherweise hat er die Nerven bewahrt, den richtigen Zeitpunkt abgewartet. Anders als an der New Yorker Börse müssen die Händler in London ihre Deals nicht offenlegen.
Der Bremer Schokoladenhersteller Hasso Nauck hat Glück gehabt. Er hat seinen Rohkakao in dem Moment gekauft, als der Preis im Keller war, für 1900 Pfund pro Tonne. Er hat den richtigen Moment erwischt. Aber er weiß, dass er eine Geisel des Markts ist, wie der Farmer in Ecuador, in Westafrika.
Vielleicht kann ein Mann etwas daran ändern, der in diesem Spiel bisher nicht mitgemacht hat. Der Mann sitzt in einem staubbedeckten Mahindra-Geländewagen, fährt eine rötliche Lehmstraße entlang, von Accra nach Suhum, in Ghana. Der Mann trägt sein Hemd über der Hose und heißt Yayra Glover.
Er sieht aus wie ein Ghanaer, er denkt wie ein Schweizer. In Zürich hat Glover studiert und gelernt, an seine Sätze ein singendes "Oddrr?" zu hängen, er studierte Rechtswissenschaft, Philosophie, bevor er ein paar Bücherkisten packte, Kant, Max Weber, Che Guevara, und in ein Flugzeug stieg, um in seiner Heimat den Kakaohandel umzukrempeln.
Glover hatte die Idee, den Bauern einen größeren Anteil vom Gewinn abzugeben - damit wollte er sie dazu bewegen, ihre Ernte nicht mehr an die großen, internationalen Händler zu liefern oder an die Börse; sie sollen den Kakao über ihn, Glover, verkaufen, zu gerechten Preisen. So will Yayra Glover internationale Konzerne und Leute wie Anthony Ward aus Ghana vertreiben.
Er will den Bauern Selbstbewusstsein und Ordnung beibiegen, sie so stark und selbständig machen, dass sie auf die Händler nicht länger angewiesen sind, dafür sollen sie direkt an Fabrikanten in der Ersten Welt liefern. Glover hat einen Partner in der Schweiz aufgetrieben, der ihm seinen Kakao zu höheren Preisen abnimmt; sie haben damit gleichsam einen Fair-Trade-Tunnel angelegt, zwischen Suhum in Ghana und Schwyz, wo Glovers Partner sitzt. Sie entziehen sich dem Zugriff von Spekulanten wie Anthony Ward. Eigentlich sind Hasso Nauck in Bremen und Yayra Glover in Ghana natürliche Verbündete, sie wären ein perfektes Paar. Mit dem Konsumenten an ihrer Seite wären sie unschlagbar.
Es ist früher Nachmittag, als Glover Suhum erreicht. Der Weg, der zu dem Flachbau führt, in dem er wohnt und arbeitet, windet sich einen Hügel hinauf, vorbei an Bananenstauden, Baustellen.
Im vorderen Teil ist das Büro, da sitzen drei Mitarbeiter, sie hocken an kleinen Schreibtischen mit Computern. Hinten im Haus ist das Schlafzimmer, da schläft Glover, wenn er in Suhum ist: ein Holzbett, Steinfußboden, zwei Ventilatoren unter der Decke. In der Ecke ein paar Kartons mit organischem Insektengift. Neben dem Bett ein gerahmtes Foto: seine vier Kinder, der Jüngste ist acht.
Im Nebenraum, in seinem Büro, bedeckt ein Regal die Wand: dunkles Holz, vier Meter breit, 87 Aktenordner, die Aktenordner sind rot und blau und säuberlich beschriftet.
"Ein bisschen schweizerisch, oddrr?", sagt Glover.
Rund 2500 Bauern aus der Region Suhum hat er in seiner Kartei erfasst, alles, was er über sie weiß, ist in den Ordnern gesammelt: wie viel Land sie besitzen; wie viele Kakaobäume; wie viel sie ernten. Dazu Düngerverbrauch, Verträge, den Schriftwechsel mit der Kakaobehörde. Glovers Büro ist Notariat und Katasteramt, Schreibstelle und Archiv. Damit sie wissen, sagt Glover, wo sie stehen, wer sie sind. Die Zukunft der Bauern von Suhum, versammelt in einer Regalwand.
500 Tonnen Kakao hat Glover den Bauern von Suhum im vergangenen Jahr abgekauft, zu Fair-Trade-Preisen, die ein wenig über dem Marktpreis liegen. Etwa 2000 Tonnen sollen es im nächsten Jahr sein. Gemessen an der Jahresernte, die allein in Ghana 800 000 Tonnen beträgt, sind 2000 Tonnen wenig. Aber sie sind ein Anfang. ◆
Von Hauke Goos und Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 17/2011
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