23.04.2011

ENERGIE

Flaute vor der Küste

Von Dohmen, Frank und Jung, Alexander

Die Bundesregierung setzt beim Atomausstieg vor allem auf die Stromgewinnung aus Windrädern. Doch der Ausbau geht nur schleppend voran. Besonders beim Bau von Offshore-Parks im Meer haben deutsche Betreiber enorme Schwierigkeiten zu überwinden.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel einen der vier großen Energieversorger in Deutschland besucht, dann haben solche Visiten symbolische Bedeutung. Das war schon so, als die Kanzlerin im vergangenen Jahr zusammen mit RWE-Chef Jürgen Großmann das Kernkraftwerk Emsland bei Lingen besichtigte. Schaut her, wollte Merkel damit sagen, deutsche Atomkraftwerke sind sicher. Und für eine bezahlbare, stabile Energieversorgung werden sie noch jahrelang gebraucht.

Nach der Katastrophe von Fukushima hat sich die Energiepolitik der Regierung dramatisch geändert - und da kommt der Termin am 2. Mai beim Stromversorger EnBW wie gerufen. An diesem Tag zieht es die Kanzlerin allerdings nicht in ein Kraftwerk, sondern auf See, genauer gesagt 16 Kilometer vor die vorpommersche Halbinsel Zingst in der Ostsee.

Dort hat EnBW den ersten kommerziellen Offshore-Windpark in der Ostsee so gut wie fertiggestellt. Angela Merkel soll ihn einweihen.

21 riesige Windkraftturbinen - jede einzelne fast so groß wie der Hamburger Michel - ragen auf einer Fläche von sieben Quadratkilometern aus dem Wasser. Bei gutem Wind sollen sie jährlich etwa 185 Gigawattstunden Strom ins Netz einspeisen. Das reicht aus, um 50 000 Haushalte mit Ökostrom zu versorgen.

Der EnBW-Park soll nur der Auftakt sein, zumindest wenn die Bundesregierung an ihrem neuen Energiekonzept länger festhält als an dem alten. Zwar stehen sechs Wochen nach dem Reaktorunglück in Japan erst Eckpunkte fest. Noch ist nicht entschieden, wie viele Atommeiler die Energieversorger in den kommenden Jahren ersetzen müssen und wie lange die restlichen noch am Netz bleiben.

Sicher ist jedoch, dass Windstrom in der von Merkel und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) geplanten Energiewende die zentrale Rolle einnehmen wird. Auf einer Sitzung mit den Ministerpräsidenten der Länder vor zwei Wochen steckten sie ehrgeizige Ziele ab. Die Regierung will der Branche mit milliardenschweren Förder- und Kreditprogrammen neuen Schwung verleihen.

Bis 2030 sollen auf dem Meer, wo der Wind stetiger bläst als an Land, große Offshore-Anlagen mit einer Leistung von 25 Gigawatt entstehen, das entspricht der Kapazität von 20 Atomkraftwerken. Dazu müssten die Energieversorger in jedem Jahr gleich mehrere Windparks in der See installieren. Die haben entsprechende Investitionen auch mehrfach zugesagt - dennoch geht die Realisierung nicht richtig voran. Projekte wie "Baltic 1" und das im vergangenen Jahr von E.on, Vattenfall und EWE fertiggestellte Forschungsprojekt "Alpha Ventus" haben eher Alibi-Charakter.

Denn beim Bau von Windparks in Nord- und Ostsee müssen die Betreiber erhebliche Schwierigkeiten überwinden. Um Küsten und Wattenmeer zu schonen, haben deutsche Behörden die Parks teilweise bis zu 40 Kilometer vor die Küsten verbannt. Während Nachbarn wie Dänemark solche Parks in wenigen Monaten in flachen Gewässern und in Sichtweite des Festlands errichten, müssen deutsche Ingenieure mit Wassertiefen von bis zu 50 Metern zurechtkommen.

Zum Verankern der Fundamente und zum Aufbau der Türme sind eigens dafür konstruierte Schiffe nötig. Das sei vergleichbar mit der ersten Expedition zum Mond, sagt Fritz Vahrenholt, bei RWE zuständig für erneuerbare Energien.

Immer wieder stoßen die Windparkbauer auch auf hartnäckigen Widerstand der Naturschützer. Die sorgen sich zurzeit vor allem um die heimischen Schweinswale. Beim lautstarken Einrammen der Fundamente, fürchtet die Chefin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, könnte das Gehör- und Ortungssystem der Tiere Schaden nehmen.

Länder wie Großbritannien lösen dieses Problem pragmatisch, sie verscheuchen die 1,50 Meter langen Meeressäuger während der Bauphase mit Tönen aus Sonarbojen, die für die Tiere unangenehm klingen. Doch dem deutschen Schweinswal ist diese Behandlung offenbar nicht dauerhaft zuzumuten.

Die zuständigen Behörden fordern stattdessen einen Baustopp zwischen Mai und August, was die Energieversorger als Farce empfinden. Denn in den stürmischen Wintermonaten sind Arbeiten an Windrädern so gut wie ausgeschlossen.

Zudem fehlen entlang der Küsten oft die notwendigen Netzanschlüsse und Trassen, um den Strom von Norddeutschland zu den Verbrauchern in Süddeutschland zu transportieren. Für Investoren sind das wenig verlockende Aussichten.

Trotz milliardenschwerer Förderung, so das Fazit einer Studie der Unternehmensberatung KPMG, sind die Renditen in europäischen Nachbarländern höher. Die groteske Folge: Weltweit gehören Unternehmen wie E.on und RWE zu den größten Erbauern von Offshore-Windparks. Nur in Deutschland, das sich so viel auf seine Pionierrolle einbildet, halten sie sich vornehm zurück.

In der Branche schwindet langsam die Hoffnung, dass sich an dieser Situation auf absehbare Zeit etwas ändern werde. Manche setzen deshalb auf eine neue Strategie, die eigentlich die alte ist: Zurück ans Land, heißt es. "Onshore ist wesentlich einfacher, wesentlich billiger und wesentlich schneller", zählt Andreas Nauen, Geschäftsführer des Hamburger Herstellers Repower, Vorteile auf.

Welche Möglichkeiten sich an Land eröffnen, haben Forscher des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel untersucht. Sie halten es für realistisch, dass Deutschland zwei Prozent seiner Fläche für Windkraft frei macht, dort könnten dann rund 63 000 Anlagen in Betrieb sein, fast dreimal so viele wie heute. Vor allem den Süden der Republik müssten die Betreiber erschließen, dort liege enormes Potential brach.

Tatsächlich hat die Politik dort die Windenergie bislang vernachlässigt, diese trägt in Bayern höchstens mit einem Prozent zur Stromerzeugung bei. Den letzten Platz unter den großen Flächenländern belegt Baden-Württemberg mit 470 Megawatt installierter Leistung. Zum Vergleich: In Niedersachsen sind es 6660 Megawatt.

Dieses Missverhältnis rührt nicht nur daher, dass der Wind im Norden in der Regel kräftiger bläst. Es kann auch mit anderen Phänomenen zu tun haben - zum Beispiel mit der Auerhahn-Population im Mittleren Schwarzwald.

Dort bemüht sich Andreas Heizmann seit fünf Jahren vergebens um die Genehmigung für ein neues, leistungsstärkeres Windrad, das ein altes ersetzen soll - "Repowering" nennen Fachleute den Austausch. Heizmann ist einer von 76 Gesellschaftern, die die Anlage betreiben, sie steht auf dem Brandenkopf, einer 945 Meter hohen Erhebung, auf einem Plateau gelegen. Ein phantastischer Standort, schwärmt Heizmann - wenn da nicht das Problem mit dem Federvieh wäre.

Die Forstliche Versuchsanstalt in Freiburg fürchtet, das Auerwild könnte durch die Anlage in seinem Aktionsradius eingeschränkt sein. Mehr noch: Der Regionalverband habe den windarmen Hang hinter dem Brandenkopf als Vorranggebiet für Windkraft ausgewiesen, nicht aber den Brandenkopf selbst. "Das ist so unsinnig wie eine Solaranlage unterm Ehebett", schimpft Heizmann.

An solchen Hindernissen ist schon so manches Vorhaben gescheitert. Vor allem aber sind Projektideen im windschwächeren Süden bislang nicht realisiert worden, weil mit ihnen kein Geld zu verdienen war. Hier soll nun der technische Fortschritt helfen: Die Flügel werden künftig länger und zugleich leichter, ein normaler Turm wird nicht mehr nur 50 bis 70 Meter in den Himmel ragen, sondern weit über 100 Meter - was die Akzeptanz in der Bevölkerung freilich weiter verringert. Mit jedem Meter aber, so eine Faustregel, wächst der Ertrag um ein Prozent.

Die Windradhersteller knüpfen hohe Erwartungen an das Repowering. Im kommenden Jahr wird rund ein Drittel der installierten Anlagen mindestens zwölf Jahre alt sein, die Branche setzt darauf, dass die Betreiber einen Teil durch die neue Anlagengeneration ersetzen - sofern sich der Aufwand für sie rechnet. Das allerdings ist nicht sicher.

Immerhin sind die alten Windräder lange abgeschrieben, die laufenden Kosten überschaubar: Leichter lässt sich Geld kaum verdienen. Entsprechend gering ist bislang der Anreiz, Millionen in neue Technik zu investieren. Die Windanlagenbauer müssen also noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten, gerade die deutschen Hersteller: Dank Milliardensubventionen sind sie die Pioniere in diesem Geschäft. Unternehmen wie Enercon in Aurich oder Fuhrländer im Westerwald haben vor einem Vierteljahrhundert die neue Industrie überhaupt erst erfunden, deutsche Hersteller dominierten lange den Weltmarkt - bis neue Wettbewerber auftauchten und sie von der Spitze verdrängten.

Die kommen, wie sollte es anders sein, aus China: Rund 60 bis 70 Unternehmen sind dort entstanden, die in kürzester Zeit gewaltige Fortschritte gemacht haben. Noch konzentrieren sich die neuen Firmen auf das Heimatgeschäft, dort gibt es großen Nachholbedarf. In China wurden 2010 Kapazitäten von rund 19 Gigawatt neu ans Netz genommen, das ist mehr als die Hälfte dessen, was weltweit installiert wurde. Nirgendwo sonst wird so viel Strom aus Wind erzeugt wie in China.

Irgendwann, das ist absehbar, werden die Asiaten mit ihren Produkten auf den EU-Markt drängen. Schon jetzt versuchen sie, strategisch in Europa Fuß zu fassen - durch Firmenübernahmen.

So hat die chinesische Firma Goldwind vor drei Jahren den Saarländer Hersteller Vensys Energy geschluckt. Auch südkoreanische Großkonzerne signalisieren Interesse an Beteiligungen in Deutschland, die Lübecker Dewind zum Beispiel gehört zu Daewoo. Und Repower in Hamburg wird demnächst wohl komplett in indischer Hand sein.

Umgekehrt bleibt deutschen Herstellern der asiatische Markt weitgehend verschlossen, vor allem der chinesische. Und so wird es eng für die Pioniere aus Deutschland. Die Windenergiebranche werde sich neu sortieren, sagt Manfred Hader, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger. Nicht jeder Anbieter aus der alten Garde werde den Konsolidierungsprozess überleben. Nur wer international wachse, habe eine Chance, sich auf dem Markt gut zu behaupten.

Dazu gehört vermutlich Siemens. Der Münchner Konzern hat sich in der Offshore-Technologie an die Weltspitze gesetzt. Auch wegen seiner Finanzkraft ist er in allen großen Regionen vertreten. Ein solch breites Kreuz könnte Nordex gut gebrauchen. Die Windradbauer aus Hamburg zieht es neuerdings auf hohe See; kürzlich haben sie eine Sechs-Megawatt-Anlage vorgestellt, die speziell für den Einsatz im Meer konstruiert ist. Allerdings machen der Preiswettbewerb und die wachsende Konkurrenz Nordex zu schaffen. Das Unternehmen sei zu groß, um keine Rolle zu spielen, aber zu klein, um wirklich Bedeutung zu erlangen, sagt ein Beobachter. Mit anderen Worten: ein Übernahmekandidat.

Enercon wiederum, der deutsche Branchenprimus, ist ein ganz spezieller Fall, ein bisschen wie Miele in der Welt der Haushaltsgeräte. Der Firmengründer Aloys Wobben schert sich nicht um den Preiskampf. Seine Produkte, zu erkennen am grünen Sockel und der tropfenförmigen Gondel, haben einen exzellenten Ruf, er lässt sie sich gut bezahlen.

Und es kümmert Wobben ebenfalls nicht, dass viele andere auf Offshore setzen und nach Fernost ziehen: Enercon konzentriert sich auf Onshore-Anlagen und das heimische Geschäft. In Deutschland besitzt der Familienbetrieb einen Marktanteil von 60 Prozent. Ein Global Player wird daraus freilich kaum werden.

Somit werden die Pioniere der Windkraft von der Energiewende nicht in jedem Fall profitieren können: Auf hoher See wird Deutschland überflügelt von anderen Staaten, vor allem von Großbritannien und Dänemark. Und am Festland stehen Behörden und Bürger dem zügigen Ausbau oftmals im Weg. Am Ende hängt ohnehin alles davon ab, dass der Wind überhaupt anständig bläst. Doch nicht einmal dafür gibt es eine Garantie.

Klimaforscher haben nun herausgefunden, dass der Wind selbst auf dem Meer weniger stetig weht als angenommen. Offenbar sorgen Schwankungen des Luftdrucks über dem Nordatlantik dafür, dass sich in den vergangenen 130 Jahren Stark- mit Schwachwindperioden abwechselten. Das allein wäre noch nicht dramatisch. Allerdings, so die Wissenschaftler, könne eine solche Periode einige Jahre anhalten - und damit alle Kalkulationen über den Haufen werfen.


DER SPIEGEL 17/2011
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