23.04.2011

VERBRAUCHERSCHUTZSüchtig nach Sicherheit

Dampfkessel waren das Erste, was der TÜV 1866 kontrollierte. Inzwischen testen die Plaketten-Profis Brustimplantate, Investmentfonds und Atomkraftwerke. Weltweit vertrauen Kunden der deutschen Gründlichkeit. Doch die Checks sagen mitunter wenig aus.
Wer groß rauskommen will, sollte sich nicht mit kleinlichen Bedenken aufhalten. In diese Richtung mag auch Sara Schätzl, ein bislang mäßig bekanntes Münchner Society-Sternchen, gedacht haben, als sie sich ihre Brüste vergrößern ließ.
Schätzls Ruhm wuchs durch die Operation nicht, ihre Angst vor der Zukunft schon. Dabei schienen die Implantate, die sie sich vor einem Jahr einsetzen ließ, sogar TÜV-geprüft.
Tatsächlich waren sie eher Ramschware. Der französische Hersteller PIP soll über Jahre derart minderwertiges Silikon verwendet haben, dass bei vielen Frauen mittlerweile die Implantate geplatzt sind. Schätzl war außer sich, als sie kurz nach der OP von den Problemen erfuhr. Wie hatte der zuständige TÜV Rheinland so etwas abnicken können?
Im Internet rief sie zu Demonstrationen gegen den Prüfverein auf. Zertifizierte der TÜV, eine Institution, der nicht nur viele Deutsche vertrauen, Produkte, die er nicht mal richtig geprüft hat?
Man sei selbst getäuscht worden, so entschuldigt ein Sprecher der Kölner Prüfer das Silikon-Desaster. Bei der inzwischen aufgelösten PIP sei ja "nur das Qualitätssicherungssystem der Firma geprüft worden". Das Produkt selbst wurde gar nicht untersucht. Beim letzten Check im Jahr 2009 sei lediglich "die Anwesenheit des richtigen Silikons festgestellt worden". Für ein sensibles medizinisches Produkt wie ein Implantat sei eine solche Prüfung "viel zu lax", sagt Philippe Courtois. Der Anwalt aus Bordeaux vertritt Dutzende PIP-Opfer, er hat Strafanzeige gegen den TÜV gestellt. Die Prüfer hätten sich vorher sogar angekündigt, so Courtois. Das sehe die Norm vor, sagen die Kontrolleure. Deutsche Gründlichkeit hatte sich Courtois anders vorgestellt.
Pingelig? Penibel? Das sollten sie damals sein, die einstigen Dampfkesselüberwachungsvereine (DÜV), vor über 140 Jahren. Es war die Zeit, als den Industriearbeitern regelmäßig die Maschinen um die Ohren flogen und die neuen Kontrollvereine Abhilfe schaffen sollten.
Aus den DÜV wurden die Technischen Überwachungsvereine, denen die Deutschen bald blind vertrauten. Es sind heute Kontrollkonzerne, die weltweit operieren und sich bittere Kämpfe um Marktanteile liefern (siehe Grafik).
Tausende verschiedene Produkte durchleuchten die Kontrolleure jedes Jahr: Sie zertifizieren Brustimplantate, Bio-Produkte und Banken, sie untersuchen Spielzeug, die Nachhaltigkeit von Palmöl, aber auch die Sicherheit von Atomkraftwerken. Die Firmen operieren global, gerade im boomenden asiatischen Raum gelten ihre Zertifikate oft als Zweitwährung, die Standards setzt.
Doch was taugen die Prüfer und ihre Plaketten wirklich? Wie viel sind die Zertifikate wert, die irgendwelche Management-Prozesse, oft aber nicht mal mehr die Produkte durchleuchten?
"Der Wettbewerb unter den Konzernen ist größer geworden", sagt Johann Huber. Er ist als Chef der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik quasi der Prüfer der Prüfer. Auf dem Markt tummeln sich auch der Deutsche Kraftfahrzeugüberwachungsverein (Dekra), Europas Automobil-Marktführer, und die noch größere Schweizer SGS.
Selbst innerhalb der TÜV ist der Wettbewerb inzwischen so verbissen, dass immer skurrilere Prüfprodukte entwickelt werden. Der TÜV Rheinland etwa ließ Wellness-Tester ausschwärmen, und als nach der Finanzkrise ein "Finanz-TÜV" für Kontrolle sorgen sollte, war der echte Überwachungsverein gleich zur Stel-le: Längst hatte er Finanzprodukte getestet - und sich damit kräftig blamiert.
Für rund 30 000 Euro Gebühr wurde etwa mit dem Siegel des TÜV Nord ("Wir machen die Welt sicherer") ein geschlossener Fonds mit "gut" bewertet, den die Zeitschrift "Finanztest" riskant fand. Als derlei Testate dann sogar ins Visier des Bundesverbandes Finanzdienstleistungen gerieten, stellten TÜV Nord und Rheinland die Zertifizierung Ende 2009 ein. Heute ist den Verantwortlichen die Geschichte peinlich - und wieder wird abgewiegelt: Die Zertifikate seien nur für ein Jahr gültig gewesen, heißt es. Überprüft worden sei sowieso nur die Plausibilität der Fonds - nicht deren Sicherheit.
Genau diesen Eindruck sollte die Plakette aber vermitteln, in einer Werbebroschüre heißt es: "Das Zertifikat steht für Sicherheit und Vertrauen."
Noch nicht alle Prüfer haben sich aber aus dem Finanzbereich verabschiedet: Nach wie vor zertifiziert etwa der TÜV Süd Bankberatungen. Als erstes Institut erhielt die Baden-Württembergische Bank von den Prüfern ("Mehr Sicherheit, mehr Wert") das Siegel "geprüfte Beratungsqualität". Das Fachmagazin "Finanztest" hatte die Beratung des Instituts 2009 und 2010 mit "mangelhaft" bewertet.
"Die Urteile von 'Finanztest' sind wesentlich besser nachzuvollziehen, weil alle Testkriterien und das Bewertungsverfahren offengelegt werden", sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Das Problem sei, dass der TÜV als kommerzieller Anbieter Prüfsiegel verkauft. Der Kunde zahlt das Siegel. "Und niemand zahlt für eine schlechte Bewertung", so Nauhauser.
Trotz solcher Widersprüche seien die Deutschen "süchtig nach Siegeln", glaubt Manfred Mayer, Deutschland-Chef der Prüfer von Bureau Veritas. Diese Sehnsucht nach Sicherheit hat die Überwachungskonzerne mächtig gemacht: 1,4 Milliarden Euro im Jahr setzt allein der TÜV Süd um, der - wie die anderen - heute als Aktiengesellschaft firmiert, die mehrheitlich dem Gründerverein gehört. Darin sitzen auch Vertreter der Energiekonzerne E.on, Vattenfall und EnBW. Zwar hat jedes Mitglied nur eine Stimme, doch der Einfluss der Energieriesen gilt als gewaltig.
Sicher, die Größe der Prüfer-Belegschaften und die Dimensionen der Testlabors können ehrfürchtig machen. Da gibt es Tauchbecken mit schwimmenden Dummys, an denen die Haltbarkeit von Wasserspielzeug getestet wird, Hagelschlagmaschinen und Betropfungsautomaten, die deutschen Norm-Regen simulieren.
Immer häufiger allerdings rutschen den Prüfern Dinge durch, berichtet eine Kontrolleurin des TÜV Rheinland in Hongkong. Richtig peinlich wurde es für die Rheinländer vor kurzem etwa mit einem Kinderlaufrad beim Discounter Penny. Es trug das TÜV-Siegel "Geprüfte Sicherheit" (GS), obwohl in den Griffen eine Überdosis an fortpflanzungsschädigenden Weichmachern steckte, wie die Stiftung Warentest herausfand.
Der TÜV Rheinland bestätigte den Befund, schob die Verantwortung aber ab. Man sei Opfer einer "Manipulation" durch den Lieferanten, hieß es. Doch gerade solche Manipulationen auszuschließen - etwa durch schärfere Stichproben - gehöre eigentlich zum Handwerkszeug, so die Hongkonger Kontrolleurin. "Erst recht, wenn es ums GS-Label geht." Gerade das gilt als führendes Prüfzeichen in Europa. Das GS-Etikett bescheinigt Produkten wie Kinderspielzeug oder Werkzeug die gesetzlich vorgeschriebene Produktsicherheit. Doch offenbar sehen die TÜV-Manager Schmu mit dem GS-Zeichen nicht immer so eng - etwa wenn es gute Kunden betrifft.
Die Baumarktkette Obi beispielsweise soll mit dem Siegel jahrelang ohne Befugnis sicherheitstechnisch heikles Gerät wie Häcksler und Kettensägen bestückt haben. Erst nach SPIEGEL-Recherchen (47/2010) warfen die Kontrolleure dem Baumarkt öffentlich "Prüfzeichenmissbrauch" in zwei Dutzend Fällen vor.
650 000 Euro Strafe hatten die Prüfer dafür errechnet, bezahlt hat Obi keinen Cent. Im Gegenteil: Man rechtfertigte sich mit vermeintlichen "Hauptzertifikaten" der asiatischen Hersteller, die ein weiteres Zertifikat des hiesigen Vertreibers (etwa der Obi-Tochter Euromate) überflüssig machten. Erst nach langem Ausweichen räumt auch ein Sprecher des TÜV Süd ein, Euromate habe etwa für einen Vertikulierer und einen Holzspalter gar keine GS-Zertifikate. Ein Missbrauch, so der Sprecher ganz im Sinne des Kunden, liege aber nicht vor. TÜV-Aufseher Johann Huber kann über diese Auslegung nur schmunzeln. "Wer auf dem Typenschild oder der Verpackung steht, muss Inhaber des Zertifikats sein", so Huber. Obi ließ wissen, "im Zweifelsfall" immer im Sinne der Kundensicherheit zu entscheiden. In internen Vorlagen hieß es allerdings: "Ware wird mit neuem Etikett (ohne GS) weiterverkauft." Schon weichen die Prüfer selbst ihre Kontrollkriterien auf und bieten günstigere Label wie "Tested by" an - für Huber ein unseriöses "GS light".
Wie fragwürdig manche Kontrollen inzwischen sind, wird in einem besonders sensiblen Sektor deutlich: der Atomkraft. In den siebziger Jahren, als sie noch als Zukunftstechnologie galt, genehmigte der TÜV den neuen deutschen Meilern gleich mal den Betrieb für 40 Jahre. Nach der Katastrophe in Fukushima soll den Prüfern nun eine Schlüsselrolle bei der strengeren Kontrolle der Anlagen zukommen.
Doch wie genau inspizieren sie zum Beispiel die kaum zugänglichen Schweißnähte der Reaktordruckbehälter, die manche Experten für bruchanfällig halten?
Reporter des ARD-Magazins "Kontraste" recherchierten zu dieser Frage vergangenes Jahr. Es ging um das AKW Philippsburg. Dort würden diese Nähte "ausreichend geprüft", hieß es beim TÜV Süd. Im Interview sprach Oskar Grözinger, Chef der Landesatomaufsicht, von regelmäßigen Prüfungen, worauf ein Reporter einwand: "Wo ich nicht hinkomme, kann ich nicht prüfen." Statt einer Antwort blaffte der Kommunikationschef des TÜV: "Cut, wir haben gesagt: keine Nachfragen." Grözinger, immerhin der Auftraggeber des TÜV, verstummte.
Tatsächlich werden die sogenannten Kalottennähte im nuklearen Innenbereich des Reaktors nur alle vier Jahre mit Ultraschalltechnik geprüft.
Der TÜV Rheinland half gar, einen Hochtemperaturreaktor nach Südafrika zu exportieren. Zwar galt dieser Typ hierzulande spätestens ab 1990 mit der Abschaltung des Pannenmeilers in Hamm als gescheitert. Doch in Südafrika hielt der TÜV bis voriges Jahr die Fahne hoch. "Da sind Millionen an Beratungskosten geflossen", so Rainer Moormann vom Kernforschungszentrum Jülich.
Noch unerklärlicher ist das Verhalten der Prüfer im Fall der Nürnberger Firma GFE, gegen die wegen Betrugs ermittelt wird. Unglaubliche 90 Prozent Wirkungsgrad sollten deren rapsölbetriebene Kraftwerke erreichen. Das nickte nicht nur der TÜV Süd ab, sondern auch die Dekra. Erst nachdem die Firma ins Gerede kam, besannen sich auch die Kontrolleure: Von missbräuchlicher Verwendung des Tests ist nun die Rede.
Ein solcher Wirkungsgrad, so Michael Wensing, sei "völliger Unsinn". Wensing ist Professor für Technische Thermodynamik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Was die Prüfer hier abgenickt hätten, gehe "in Richtung Perpetuum mobile".
Von Nils Klawitter und Sebastian Wessling

DER SPIEGEL 17/2011
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