23.04.2011

Die rohe Botschaft

Starb auf Golgatha ein politischer Rebell? Bibelforscher sehen die historische Gestalt des Messias in neuem Licht. Als er lehrte, tobte in Palästina ein blutiger Freiheitskampf gegen Rom. War Jesus Christus gewaltbereit?
Die letzten Kilometer ritt der Fremde auf einem Esel. Er war etwa 30 Jahre alt, stammte aus der Unruheprovinz Galiläa und hatte sich einen Namen als "Zauberer" gemacht. Einige meinten, er stehe mit Satan im Bunde.
Zwölf Apostel folgten dem Mann im groben Gewand. Sie kamen von Osten und betraten Jerusalem wahrscheinlich an einem Frühjahrstag des Jahres 30 oder 33 n. Chr.
Fiebrige Spannung lag auf der heiligen Stadt. Es war die Woche vor dem Passafest, das an die Flucht des auserwählten Volkes aus Ägypten erinnerte. Massen jüdischer Pilger selbst aus dem fernen Gallien, Britannien oder Mesopotamien strömten alljährlich herbei - angeblich bis zu 125 000.
Auf dem Höhepunkt der Kultfeier verwandelte sich der Ort in eine Schlachtbank. Tausende Lämmer starben, ihre Hoden und Eingeweide verbrannten die Priester als Sühneopfer am Allerheiligsten. Das Fleisch wurde gegessen.
Jesus schritt möglicherweise nahe der städtischen Müllkippe "gehenna" (deren Namen er zuweilen für die Hölle benutzte) durchs "Dungtor", wo der große Ritualteich lag. Dann stieg er die gestufte Straße zum Tempel empor.
Schneeweiß, mit steilen Böschungsmauern, erhob sich das gewaltige Heiligtum - der größte Sakralkomplex der römischen Epoche. Nach Angaben des Historikers Flavius Josephus (um 37 bis 100 n. Chr.) war der Tempel "mit Goldplatten bekleidet" und "blendete das Auge gleich den Strahlen des Tagesgestirns".
Der Innenhof maß 262 mal 262 Meter. In einer Markthalle wurden Turteltauben als Opfertiere verkauft. Daneben standen die Tische der Wechsler.
Viele Pilger nutzten die Anreise, um ihre Steuer zu bezahlen. Weil das Tempelschatzamt nur die stark silberhaltigen Schekel aus Tyros annahm, mussten die Gäste ihre römischen Münzen umtauschen.
Gegen das Gefeilsche richtete sich die Wut des Fremden. Jäh warf er die Wechslertische um und schmetterte die Taubenkäfige zu Boden. Der Tempel, rief er, sei eine "Räuberhöhle".
Wenige Tage später war der Mann aus Nazareth tot. Nach sechs qualvollen Stunden am Marterholz starb er am Karfreitag vor knapp 2000 Jahren in einem aufgelassenen Steinbruch auf einem Felssporn namens Golgatha.
Die Kreuzigung war das schlimmste Strafmittel, das Roms Justizapparat zu bieten hatte. Um den Zug an den Armen zu verringern (und einen schnellen Erstickungstod zu verhindern), gab es Kreuze mit kleinen Sitzen oder Fußbrettchen. So zog sich das Sterben in unvorstellbarer Grausamkeit über Tage hin.
Verhaftung, Verhör, Tod, Wiederauferstehung: Für rund 2,2 Milliarden Christen ist der Opfertod, dessen sie an Karfreitag und zu Ostern gedenken, Folge eines brutalen Justizirrtums.
Eindringlich beschreiben die Evangelien, wie Jesus in die Fänge der jüdischen Priesterschaft gerät, die ihn der Gotteslästerung bezichtigt und hernach an die Römer ausliefert.
In der "neunten Stunde", also gegen drei Uhr nachmittags, stirbt der Delinquent demnach mit lautem Schrei. Erdbeben erschüttern das Land, der Vorhang im Tempel zerreißt, den Gräbern entsteigen angeblich Tote.
Ein Sanftmütiger, zu Unrecht gequält, bespuckt und mit einer Dornenkrone verhöhnt - das ist das Urerlebnis der christlichen Bußreligion. Selbst der Centurio, der an der Hinrichtungsstätte Wache schiebt, nennt Jesus einen "Unschuldigen".
So weit die Bibel.
Nur, stimmt das? War Christus wirklich so friedfertig, wie die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes weismachen wollen?
Religionswissenschaftler haben sich darangemacht, das Neue Testament anders zu bewerten. Die Lebensgeschichte Jesu, so ihr Verdacht, wurde verklärt und umfrisiert.
Unter "dicken Schichten frommer Ikonografie" gelte es den "historischen" Jesus zu entdecken, schreibt der britische Autor Nick Page in einem bemerkenswerten neuen Buch(*). Und diese Gestalt erinnere ihn an ein "wandelndes Pulverfass".
Der Neutestamentler Gerd Theißen stuft die Jünger als "Partisanen Gottes" ein, die mit "deutlicher moralischer Aggression gegen die Mächtigen" antraten. Aus der Sicht der römischen Besatzungsmacht sei Christus ein Aufwiegler und "Wertrevolutionär" gewesen.
Der Theologe Martin Ebner von der Universität Münster geht davon aus, dass Jesus eine bestimmte Regierungsform anstrebte. Demnach sah er die Juden als "föderalistisch strukturiertes Bundesvolk" mit den Aposteln als Anführern.
Folgende Punkte schälen sich heraus:
‣ Jesus lehnte das Finanzsystem des Jerusalemer Tempels ab;
‣ er rief zum Steuerboykott auf;
‣ er zählte zu seinen Anhängern Leute einer gewaltbereiten Kaste.
Mutiert der Heiland zum Verkünder einer rohen Botschaft?
Gegründet ist diese andere Bewertung auf eine Vielzahl an Befunden. Entlegene Wüstenbibliotheken wurden durchforstet. Ausgräber haben in Israel Ruinen, Bäder und Stallgehöfte freigelegt: In diesem Umfeld lief das Drama von Tod und Erlösung ab. Immer schärfer zeichnet sich auch die biblische Passionsgeschichte selbst im historischen Nebel ab. Der verzierte Knochensarg des Hohepriesters Joseph Kaiphas (der Jesus zuerst verhörte) kam zutage. Pontius Pilatus wurde durch eine steinerne Inschrift bezeugt.
Selbst eine Nebenfigur wie Simon von Kyrene (er schulterte für den geschwächten Jesus den Querbalken des Kreuzes und trug es nach Golgatha) lässt sich jetzt durch ein Familiengrab nachweisen.
Vor kurzem meldete der Archäologe Shimon Gibson sogar, er habe den "genauen Schauplatz des Prozesses" entdeckt. Demnach fiel das Todesurteil in einem zugigen Tordurchgang des 140 Meter langen Herodespalastes in der Oberstadt von Jerusalem.
Exakt dort, auf einem Richterstuhl sitzend, rief Pilatus, seit 26 n. Chr. Roms Statthalter in Judäa, in der Frühlingskühle eines Freitagmorgens einen Gefolterten auf, der bereits 24 Stunden lang nicht geschlafen hatte.
Auf seine entscheidende Frage an den Angeklagten: "Bist du der König der Juden?", antwortete dieser: "Du sagst es." (Markus Kapitel 15, Vers 2).
Soldaten führten den Mann hernach in den Innenhof des Regierungsgebäudes und geißelten ihn an einer Säule. Eine Peitsche, an deren Riemen Eisen- oder Knochenstücke hingen, sauste auf ihn nieder. Aus antiken Berichten weiß man, dass die Folterknechte zuweilen zuschlugen, bis die Knochen bloßlagen.
Nur, was geschah im Fall Jesus?
Zu gern würden die Forscher in seiner Prozessakte stöbern. Einiges spricht dafür, dass es solche Unterlagen einst wirklich gab. Das Römische Recht sah vor, "Anklagen schriftlich einzureichen", erklärt der Jurist Detlef Liebs. "Das Urteil musste kurz begründet und öffentlich verkündet werden."
Doch nichts davon blieb erhalten.
Dass der Kriminalfall wirklich stattfand, steht außer Zweifel. Schon damals galt er als brisant und schlug Wellen. Flavius Josephus erwähnt einen gemarterten "weisen Mann" namens Jesus. Dem römischen Historiker Tacitus zufolge ließ Pilatus ihn hinrichten, weil er einen "unheilvollen Aberglauben" verbreite.
Eine seltsame Notiz findet sich auch im Talmud. Dort taucht ein "Jeschu der Nazarener" auf, der wegen "Zauberei" und weil er "Israel verführt und abtrünnig gemacht hat", zusammen mit weiteren Banditen gehängt wird.
Der Heiland als Rebell - haben biblische Zensoren da etwas umgeschminkt und geschönt?
Unzweifelhaft ist, dass Jesu Agitationsfeldzug für das "nahe Himmelreich" eingebettet war in einen breiten Freiheitskampf, der damals im Gelobten Land tobte. Freischärler und Attentäter begehrten gegen die römischen Zwingherren auf. Sie überfielen Handelsstraßen und meuchelten Legionäre.
Immer wieder finden sich im Neuen Testament seltsame Brüche und verräterische Spuren, die den Wanderprediger aus Galiläa in die Nähe eines gefährlichen Empörers rücken.
"Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andre auch dar", verkündet der Erlöser zwar in seliger Demut. Doch er erklärt auch: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert" (Matthäus 10,34).
Eine volle römische Kohorte, rund 600 Soldaten, lässt der Evangelist Johannes aufmarschieren, um den Mann zu verhaften - so, als gehe es um einen schlimmen Staatsfeind. Und in der Tat kommt es zum Tumult: Ein Jünger haut einem Häscher das Ohr ab.
Ähnlich ruppig geht es beim letzten Abendmahl zu. Voll dunkler Vorahnungen sitzt der Zwölferbund bei Brot und Wein. Plötzlich - Lukas 22,36 - ruft Jesus seine Leute zur Selbstbewaffnung auf: "Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen."
Petrus legt sofort zwei geschliffene Eisen auf den Tisch. Erst im letzten Augenblick verwirft der Meister den Gedanken.
Kirchenleute überlesen solche Stellen gern. Sie halten fest am Credo des übermenschlichen Dulders. Abertausende Gemälde und Schnitzereien in Gotteshäusern zeigen den Heiland als Schmerzensfigur, hilflos und ausgemergelt.
Papst Benedikt XVI. spricht in seinem neuen Jesus-Bestseller (Teil II: "Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung") von einem "König, der die Kriegsbogen zerbricht". Mit Gewalt, dem "Lieblingsinstrument des Antichristen", habe Jesu "Reich der Menschlichkeit" nichts zu schaffen.
Doch selbst der Apostolische Vater kann es nicht gänzlich leugnen: Die Botschaft des Nazareners rückt er in die Nähe von "politischem Dynamit".
Eine Fraktion von Gelehrten geht sogar noch viel weiter. Sie vermutet, dass der Prediger aus Nazareth auch vor Krawall nicht zurückscheute. Der Wiener Kulturhistoriker Robert Eisler deutete bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Jesus als "Revolutionär apokalyptischen Gepräges", der nach seinem Einzug in Jerusalem gezielt einen Umsturz anzetteln wollte.
Der Hauptverdacht richtet sich dabei auf den Jünger Simon, der in der Bibel den Beinamen "der Zelot" trägt. So wurde im ersten Jahrhundert ein jüdischer Geheimbund genannt, der aus dem Hinterhalt Anschläge verübte.
Petrus, den sich schlichte Gemüter gern als freundlichen Wettermacher vorstellen, hat im Neuen Testament den Spitznamen Barjona - was "Terrorist" heißen kann.
Keine Frage: Je mehr die Wissenschaft den Gesalbten vom Fels der Kirchenlehre losschmiedet, desto fremdartiger erscheint er.
Vor allem die Sozialgeschichtler, die nach den konkreten Lebensbedingungen im Heiligen Land fragen, haben viele neue Details zutage gefördert. Als die Apostel auf staubigen Wegen durchs bäuerliche Palästina schritten, brodelte es im Kernland der Juden.
Ursache war der Einmarsch römischer Truppen. 63 v. Chr. erstürmte der Feldherr Pompejus den befestigten Tempel von Jerusalem und betrat das Allerheiligste - ein Sakrileg.
Zwar blickten die Einheimischen damals bereits auf eine 700 Jahre lange Unterjochung durch Assyrer, Babylonier, Perser und Griechen zurück. Doch die neuen Besatzer waren gründlicher in ihrer kulturellen Hegemonie und verschärften die wirtschaftliche Ausbeutung noch.
Dagegen sperrte sich das stolze Volk des Monotheismus. Nirgendwo im riesigen Imperium Romanum weigerten sich die Unterworfenen erbitterter, den Nacken zu beugen.
Die Folge: Eine nicht abbrechende Folge von Kleinkriegen erschütterte das Gelobte Land. In der grausam geführten Auseinandersetzung rächte sich das Reich zunächst mit Massenkreuzigungen. 70 n. Chr. zerhämmerte es den Tempel. Im Jahr 135 n. Chr. warf es schließlich alle Juden aus Jerusalem hinaus.
Das Evangelium der Liebe - es spielt auf der blutigen Bühne einer gescheiterten Zwangsintegration des palästinensischen Judentums.
Anfangs, unter Herodes dem Großen (37 bis 4 v. Chr.), ging es noch vergleichsweise ruhig zu. Geschickt diente sich der Vasallenkönig den Machthabern aus Europa an und übernahm ihren Lebensstil. Er schlemmte aus Goldgeschirr und pflasterte das Land mit Thermen und Pferderennbahnen.
Zugleich umwarb er daheim die religiöse Elite. Wenige edle Familien, die Sadduzäer, kungelten untereinander den Posten des Hohepriesters von Jerusalem aus. Diesem Kultadel schenkte Herodes unter Einsatz "unermesslicher Kosten" (Josephus) einen bombastisch vergrößerten Jahwetempel.
Goldene Spieße auf den Dächern verhinderten Vogeldreck. Um 10 n. Chr. wurde das Gotteshaus eingeweiht. Jesus war zu dieser Zeit ein kleiner Junge.
Obwohl sich kaum jemand der Schönheit dieses Sakralbaus entziehen konnte, war Herodes' Ansehen im Volk längst ruiniert. Zu heidnisch und roh war er aufgetreten. In Arenen hatte er sich daran vergnügt, wie sich Stiere und Löwen zerfetzten.
Als der - zuletzt nahezu paranoid gewalttätige - König starb, teilte er das Land per Testament unter seinen in Rom erzogenen Sprösslingen Archelaos, Herodes Antipas und Philippus auf.
Die Tora-Gläubigen im Volk verachteten diese Jüngelchen. Noch während die Brüder in Rom um neue Vasallenverträge baten, steckten religiöse Empörer daheim Palästina in Brand.
Drei Legionen waren nötig, um den Aufruhr zu ersticken, bei dem 2000 Juden zur Strafe am Kreuz starben. Doch schon zehn Jahre später folgte die nächste Krise. Archelaos fiel in Rom in Ungnade und wurde abgesetzt.
Danach legte der Kaiser das aufmüpfige Judäa noch enger an die Kette und verwandelte es in eine Provinz. Die förmliche Verwaltung kam in die Hand der Sadduzäer.
Nun haftete der Ruch der Kollaboration auch an den Tempel-Chefs. Grabungen bezeugen, dass die Hohepriester in prachtvollen, bis zu 600 Quadratmeter großen Villen in Jerusalem lebten. Kaiphas' liturgisches Gewand hatte blaue Troddeln, einen Goldsaum und zwei Smaragde als Schulterschmuck.
Die Römer hielten den Rock allerdings unter Verschluss und gaben ihn nur zu festlichen Anlässen heraus.
Die Priester konnten zwar verhindern, dass das vergoldete Bildnis der Cäsaren in ihrem Heiligtum aufgestellt wurde. Doch dafür verlangten die Herren vom Tiber, dass ihnen täglich ein Bulle und ein Lamm zu opfern waren.
Auf dem Nährboden solcher Zwangskompromisse bildeten sich im Volk religiöse Spaltbewegungen. Schrullige Empörer zogen in die Wüste ab. Andere verübten mit Krummdolchen Attentate auf die Priester.
Angeheizt wurde die Wut durch die Tatsache, dass die Bürger Judäas ihre Steuern nun direkt an den römischen Fiskus abführen mussten. Heiden pressten das Land Gottes aus.
Besonders hartnäckig leisteten die Zeloten Widerstand, die Eiferer unternahmen von Schlupfwinkeln am Rand der Wüste aus Vorstöße gegen Besatzungssoldaten und reisende Beamte. Ein gewisser Judas hatte diese Gruppe 6 n. Chr. gegründet.
Exakt in diesem Krisenjahr kam in Nazareth das Baby "Jeschua" zur Welt. Das jedenfalls behauptet der Evangelist Lukas. Andere Bibelstellen nennen ein früheres Geburtsdatum.
Zwischen Strohdächern und Ziegenpferchen wuchs der Knabe auf. Gemüsegärten umgaben das Dorf. Ausgräber fanden Weinpressen. Schon vor Morgengrauen mussten die Frauen aufstehen und Brot backen, das die Männer mit auf die Felder nahmen.
Der Bibel zufolge hatte Jesus vier Brüder. Einer von ihnen, Jakobus, wurde 62 n. Chr. ebenfalls wegen Aufrührerei hingerichtet. Der Vater Joseph arbeitete als "tekton", also Maurer. Luther machte daraus einen Zimmermann.
200 bis 400 Menschen lebten damals im ärmlichen Nazareth. Die dortige Synagoge besuchte der Junge früh. Seine Freunde nennen ihn später "Rabbi".
Die fromme Welt Galiläas war allerdings bedroht. Am See Genezareth entstand eine Fischzucht samt Pökelzentrum. Münzen mit heidnischen Symbolen kamen in Umlauf. Riesige Landgüter und Luxusvillen wurden gebaut. In Sepphoris, fünf Kilometer von Jesu Heimatdorf entfernt, öffnete ein Theater für 4200 Besucher.
19 n. Chr. erhielt Galiläa eine neue prachtvolle Hauptstadt: Tiberias am Ufer des Sees Genezareth. Dort lebte der jüdische Landesfürst Herodes Antipas in einem Palast, geschmückt mit Tierbildern.
Derlei war den Bauern im Umland ein Gräuel. Der Feind errichte Marktplätze, "um Huren daraufzustellen", grollte ein Rabbi im 2. Jahrhundert.
Jüdisches Leben gehorchte ganz anderen - strengen - Gesetzen. Am Sabbat durfte keiner arbeiten, nicht mal Feuer machen. "Aussätzigen" (Josephus) war das Betreten Jerusalems verboten.
Ständig wusch und reinigte sich der Fromme. Unkoscheres Essen befleckte ihn, mehr noch Menstruationsblut: Frauen in der Periode mussten deshalb die Küche verlassen.
Grabungsfunde zeigen, dass selbst Bauern in ihren Häusern Tauchbäder sowie Steinwannen für die rituelle Waschung und Ölung der Füße besaßen. Wer eine Leiche berührte, konnte sich nur mit Wasser entsühnen, das mit der Asche einer roten Färse vermischt war.
Dem Imperium war derlei Totenscheu fremd. Auf seinen Straßen wurden Bettler zuweilen von streunenden Hunden zerfleischt. Einen schaurigen Einblick in die Sitten der Römer bieten 75 Abfallgruben, die man in ihrer Hauptstadt fand. Sie waren gefüllt mit Tierkadavern, Unrat und den Leichen armer Leute.
Straßenkehrer-Sklaven hatten die Schächte gefüllt.
Die ganze Härte des kulturellen Zusammenpralls verdichtet sich in der Gestalt des Tiberius, der von 14 bis 37 n. Chr. regierte. Während Jesus durch die Levante schritt, ergötzte sich der lüsterne Kaiser in seinem Alterssitz auf Capri und ließ sich antiken Berichten zufolge in seinen Thermalbecken von Knaben verwöhnen.
Von seinen Statthaltern in den Provinzen verlangte der Cäsar ein störungsloses Schröpfen der Untertanen. Seine Devise: "Mein Schaf soll geschoren, nicht gehäutet werden."
Dabei ging der Ausbeuter durchaus geschickt vor. Die Juden im Reich genossen viele Sonderrechte. Vom Militärdienst waren sie in der Regel ausgenommen.
Und dennoch: Die Ritualgesetze des 2. Buches Mose waren einfach zu streng. Schon die schiere Anwesenheit heidnischer Soldaten, meint der Theologe Theißen, habe das Gelobte Land in einen Zustand der "Verunreinigung" versetzt.
Es war diese Angst um das eigene kulturelle Erbe, die das Volk in Unruhe versetzte - und Johannes dem Täufer die Massen zutrieb. Fernab, in der Wüste von Peräa, bot Jesu Lehrmeister ungefähr ab 27 n. Chr. ein Entsühnungsbad im Jordan an. Theißen sieht darin eine "Antwort auf eine Unreinheit", die "das ganze Land und alle Israeliten bedrohte".
Tausende kamen anmarschiert. Johannes, um 5 v. Chr. geboren, trug ein Gewand aus Kamelhaar, aß wilden Honig und Heuschrecken und rührte keinen Alkohol an.
Auch Jesus stieß zu dem Asketen. Knietief im Wasser stehend, verkündete der Täufer das nahe Gottesgericht, gedacht als Generalabrechnung mit dem Bösen.
Jesus übernahm später viele Gedanken seines Lehrers. Beim Speisen allerdings mochte er es gern üppiger. Seine Gegner nennen ihn einen "Fresser und Weinsäufer" (Lukas 7,34).
Der Aufenthalt am Jordan endete für den frischen Täufling mit einem Schock. Der Grund: Johannes hatte es gewagt, Herodes Antipas wegen seiner "Schandtaten" (Lukas 3,19) zu rügen.
Auch verurteilte er das Sexualleben des Regierungschefs. Der Fürst hatte seinem Halbbruder die Frau ausgespannt und dafür die eigene Gattin davongejagt. Das gehe gar nicht, schimpfte Johannes. Den Machthabern galt das als Aufwiegelei: Um 29 n. Chr. stürmten staatliche Büttel heran, überfielen die Kommune des Täufers und verschleppten ihn auf eine nahe Festung.
Diese Verhaftung dürfte Jesus geprägt haben. Fortan redete er oft in Gleichnissen - eine Art Chiffriertechnik, um für die Häscher der Obrigkeit nicht greifbar zu sein?
Das Feuer des Widerstands jedenfalls schwelte nun auch in ihm. Beseelt von der "Kraft des Geistes" (Lukas 4,14), kehrte er nach Galiläa zurück und begann zügig mit dem Aufbau eines Anhängerkreises. Am See Genezareth warb er vier Fischer an, danach einen Zöllner.
Barfuß und ohne Wanderstab mussten die Apostel ihrem Führer folgen. Nicht einmal Vorratstaschen erlaubte er, auch nicht das Erbetteln von Geld. "Geht nicht zu den Heiden!", bläute er ihnen zudem ein. Selbst die Städte der Samariter, die gleich um die Ecke lagen, waren tabu.
Nur in der Region, von Dorf zu Dorf, bewegte sich die Gruppe anfangs. Scharen umringten den Guru. Zumeist waren es Leute aus der Unterschicht sowie Dirnen, Räuber, Ehebrecher und andere Sünder.
Sanft und milde trat dieser Anwalt der Armen auf. Oft aber wurde er auch laut und unwirsch - ein Missionar mit heißem Atem.
Die Bibel erwähnt, dass Jesus immer wieder in "Zorn" gerät. Er wütet gegen den Mammon. Reichen verweigert er den Zutritt zu seinem Himmelreich. Das vierte Gebot wischt er mit scharfen Worten vom Tisch: "Wenn jemand seinen Vater, Mutter nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein" (Lukas 14,26).
Wer seinen Verheißungen nicht glaubt, dem droht er: "In die Unterwelt wirst du hinabgeworfen." In Nazareth hält er eine so barsche Strafpredigt, dass ihn die Einwohner aus dem Dorf vertreiben.
Dennoch nimmt seine Beliebtheit zu. Denn ihm werden heilende Hände und übernatürliche Kräfte nachgesagt.
Scharenweise, erzählt die Heilige Schrift, schleppen sich Kranke heran. Christus befreit Taube und Gelähmte von ihren Leiden. Der eine erhält sein Augenlicht zurück, der andere die reine Haut. Und immer hilft er Verwirrten, die von "unreinen Geistern" und "Dämonen" besessen sind.
Manche Forscher erklären diese Wunderkuren mit der angespannten Seelenlage des jüdischen Volkes. Die "Bedrohungsängste vor der fremden, kulturellen Macht Roms" hätten bei den Einheimischen offenbar "vermehrt zu echten dämonischen Symptombildungen geführt", vermutet Theißen.
Mit Kuscheltherapie hatte die Ertüchtigungsmagie des Zauberers allerdings nichts zu tun. Viele Theologen deuten Jesus als "Exorzisten", der eine durch Katastrophen hereinbrechende neue Welt predigte. Theißen nennt dessen Heiltaten "erste Zeichen und Befreiungsgefechte der Königsherrschaft Gottes gegen die Regentschaft des Satans".
Und es gibt Indizien dafür, dass der Heiler durchaus eine Vorstellung davon hatte, wer die Teufel waren, die das Volk krank und unglücklich machten: die Römer.
Zwar hielt sich der barfüßige Volksprediger mit Schimpfreden zurück. Er behandelte die Fremden aus dem Abendland lieber wie Luft und ignorierte ihre Städte und Heerlager.
Einmal, während eines Abstechers nach Gadara in der Provinz Syrien, wird er deutlicher. In dem Ort (wo römische Meistertechniker später den längsten Wassertunnel der Antike bauten) kommt ihm ein Tobsüchtiger entgegen, in dem ein Dämon wohnt. "Mein Name ist Legion; denn wir sind viele" (Markus 5,9), knurrt der böse Geist.
Jesus gelingt es, den Dämon auszutreiben und in eine Herde aus 2000 Schweinen zu jagen, die sodann in einen Abgrund stürzen.
Die Fabel lässt sich so deuten: Rom hat unreine Borstenviecher ins Land gebracht. Die Weltmacht und ihre vielköpfigen Legionen machen die Nation wahnsinnig. Pikant: Die in Syrien stationierte 10. Legion hatte einen Eber im Feldzeichen.
Solche Anspielungen waren nicht ungefährlich. Weil Tiberius um 20 n. Chr. die Gesetze verschärfte, häuften sich die Prozesse wegen Majestätsbeleidigung. Schon das Mitführen einer Kaisermütze ins Bordell oder auf die Latrine reichte, um den Kopf zu verlieren.
Prostitution, Drogen, Götzendienerei - all das erlaubte das Reich. Nur nicht den Wutbürger.
Jesus aber bohrte weiter. Seine Verzichtsideologie lässt sich lesen als Auflehnung gegen die Latifundienwirtschaft, die weitgespannten Warenströme und das Kreditwesen der Römer. "Brich dem Hungrigen dein Brot", sagt er, "und wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn."
Eine schlichte Urmoral stellt sich hier dem ökonomisch sprießenden Reich der Cäsaren entgegen.
Besonders gefährlich: Der Messias wollte keine Abgaben zahlen. Als sich zwei "Spitzel" listig nach seiner Haltung zum römischen Fiskus erkundigten, um ihn so gezielt ins Gefängnis zu bringen, wich er der "Hinterlist" (Lukas 20,20) geschickt aus.
Daheim, im Vier-Augen-Gespräch mit Petrus, outete er sich offen als Steuerpirat. Den "Königen dieser Welt Zölle und Steuern zu zahlen", so sein Argument, lehne er ab, weil er selbst ein Königssohn sei und mit den Regierenden auf einer Ebene stehe.
Aus Sicht der Römer sei der Heiland ein "Subversiver aus der Unterschicht" mit "verbrecherischen Einstellungen" gewesen, so der US-Forscher John Crossan.
Doch nicht nur das gottlose Rom lehnte der Empörer ab. Seine "Wertrevolution" (Theißen) keilte in alle Richtungen aus. Auch an jüdischen Gesetzen nahm er Anstoß.
Mit seinen Lieblingsgegnern, den Pharisäern, lieferte er sich immer wieder Wortduelle. Diese Leute achteten neben der Tora auch die vielen ungeschriebenen Regeln der Vorväter und beschwerten so das tägliche Leben mit unzähligen Klauseln und Verboten. Jesus warf ihnen Heuchelei vor.
Ein Streit drehte sich um den Sabbat: Die herumziehenden Apostel rissen auch am Samstag Ähren von den Getreidefeldern, um ihren Hunger zu stillen. Das sei Arbeit, meinten die Pharisäer. Als Jesus an einem Feiertag in einer Synagoge eine "wassersüchtige" Frau heilte, zürnten sie erneut.
Sogar einem in die Grube gestürzten Haustier wollten besonders Fromme am Ruhetag Gottes nicht helfen.
Jesus hielt dagegen: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" (Markus 2,27). Gegen moralisches Spießertum setzte er die Sittlichkeit des Herzens.
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter brachte der Nazarener das Thema auf den Punkt: Ein Überfallener liegt verletzt im Graben. Ein Levit und ein Priester gehen achtlos vorbei. Sie halten den Mann offenbar für tot und fürchten, sich durch die Berührung des Leichnams rituell zu beschmutzen.
Die Frommen Israels standen plötzlich als Vertreter eines religiösen Kadaver-Gehorsams da.
Kein Wunder, dass der Aposteltrupp bald viele Feinde hatte. Page zufolge besaß ihr Anführer die "ausgeprägte Gabe", andere Leute als "Idioten" hinzustellen.
Und er schob weitere Tabubrüche nach. Mehrfach wird in der Bibel erwähnt, dass sich der Wunderheiler vor dem Essen die Hände nicht wusch. Er fastete nicht richtig und missachtete die Speisegesetze. Kamel, Pferd und Schwein galten als unkoscher. Jüdische Köche durften Milch und Käse nicht mit Fleisch
mischen. Selbst Wein aus heidnischer Produktion war verboten.
Matthäus (15,11) berichtet, dass Jesus auch diese Regeln allesamt für nicht stichhaltig erklärte. Seine Grundüberzeugung: "Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt."
Das Ergebnis dieser Dispute war blanke Feindschaft. Die Pharisäer trachteten danach, ihren unbequemen Gegner "umzubringen".
Doch der holte munter weiter aus und tat sich bald auch als Regierungskritiker hervor. "Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun", erklärte er seinen Getreuen.
Dann beschimpfte er auch öffentlich den Landesherrn: "Hütet euch vor dem Sauerteig des Herodes." Der Fürst sei ein "Fuchs" (Lukas 13,32). Im Altertum stand das Tier für Untreue und Heimtücke.
Resultat: Der Geschmähte, der in einem Edelpalast in Tiberias lebte, wollte das staatsgefährdende Gerede nicht länger dulden.
Die Bibel erzählt, dass Christus oft über die Landesgrenze ins Hoheitsgebiet des Philippus pendelte. Dann wieder wich er nach Judäa oder Syrien aus - wie ein Untergrundkämpfer, der sich den Behörden entzieht.
Was trieb diesen Menschen? Wie viel Politik steckte in seiner Ankündigung, den "Thron der Herrlichkeit" zu besteigen? Und wie stand er zu anderen geistigen Strömungen seiner Zeit?
Den erstaunlichsten Denkansatz hat der Alttestamentler Bernhard Lang vorgelegt. Er glaubt, in Jesu Botschaft Einflüsse des Diogenes zu erkennen. Dieser Freidenker lebte angeblich in Athen in einem Fass. Als Alexander der Große auf ihn zutrat, meinte er nur: "Geh mir aus der Sonne."
Wie Jesus lehrten die Anhänger des Diogenes die Feindesliebe. Sie lebten vom Betteln, verspotteten die alten Opferbräuche und empörten sich gegen die Obrigkeit.
Kaiser Tiberius ließ die Provinzialbehörden streng gegen diese Leute vorgehen, die zu Hunderten durch den Orient streiften und geschliffene Brandreden hielten.
Gehörte auch Jesus dazu?
Immerhin: Eine konkrete Spur liegt vor. Der Schriftsteller Lukian erwähnt, dass sich einer dieser Aufmüpfigen im Jahr 165 n. Chr. bei den Olympischen Spielen selbst verbrannte. Er war Vorsteher einer Sekte, die einem "in Palästina gekreuzigten Philosophen" anhing.
Doch auch in der jüdischen Tradition findet sich ein Vordenker des Erlösers. Jesu Vorbild hieß Elija.
Im Alten Testament tritt dieser Prophet wie ein antiker Che Guevara und Urvater der Staatskritik an. Immer wieder griff Elija den verderbten israelischen König Ahab (871 bis 852 v. Chr.) an. Dabei scheute er selbst vor Mord nicht zurück. Von der Polizei verfolgt, lebte er in einem Versteck.
29-mal wird Elija im Neuen Testament erwähnt. Selbst in der Todesnot, am Folterholz in Golgatha, ruft Christus den streitbaren Gottesmann aus der Frühzeit an.
Zwar legt Matthäus dem sterbenden Messias den Psalm 22 in den Mund ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen"). Bei Johannes stöhnt er am Kreuz nur: "Es ist vollbracht."
Die wahren Ereignisse auf dem staubigen Richtplatz sind aber womöglich am besten bei Markus überliefert, dem ältesten Evangelium. Ihm zufolge rief der Gemarterte nur unklare Worte. Die Umstehenden verstanden sie so: "Hört, er ruft Elija."
All das besagt: Jesus verehrte einen Alt-Revoluzzer, der auf konkrete Veränderung erpicht war. Offenbar wollte auch Jesus im Hier und Jetzt die geschundene Nation befreien - wie im Himmel, so auf Erden.
Damit war er übrigens ganz dem Zeitgeist verpflichtet. Angesichts der langen Fremdherrschaft im Heiligen Land warteten die Juden schon seit Jahrhunderten
sehnsüchtig auf einen politischen Führer, der das Joch abwerfen sollte.
Während der römischen Besatzung steigerte sich dieser Wunsch noch. Die Psalmen Salomos beschreiben einen Terminator, der antritt, "zu zermalmen ungerechte Fürsten, zu reinigen Jerusalem von Heidenvölkern".
Derlei Erlösungshoffnung spülte allerlei Scharlatane hoch. Josephus tadelte den "Wahnsinn" und die "Tollheit", dass sich im Land der Juden jeder Strauchdieb zum endzeitlichen Retter aufschwinge.
Der griechische Philosoph Kelsus hatte dafür nur Spott übrig: "Ich bin Gott - oder Gottes Sohn", so äffte er den typischen Polit-Messias nach: "Gekommen bin ich, denn der Weltuntergang steht vor der Tür. Mit euch Menschen geht es wegen eurer Untaten zu Ende. Ich will euch aber retten."
Es ist dieses Gewölk aus Banditentum, Kleinkriegen und religiösen Attacken, in dem Jesu Botschaft wie eine Brandfackel loderte.
"Sohn Davids", "König", "Christus": All diese Titel, die das Volk an ihn herantrug, bezeichnen im Alten Testament Befreiungshelden.
Ob der Wanderprediger aus Nazareth diese gewaltige Rolle annahm, ist in der Forschung bis heute umstritten. Sicher ist nur, dass er am Ende nach Jerusalem zog - Auftakt zum tödlichen Finale.
Die Tora-Gelehrten dort rempelte er als stolze Gecken an: "Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang". Zudem würden sie "die Witwen um ihre Häuser" bringen.
Derlei lockere Reden gefielen den Verwaltern der Staatskults gar nicht. Page nennt die Sadduzäer "biblische Fundamentalisten".
Wohl im Frühjahr 30 oder 33 n. Chr. zogen die Jünger los. Vom See Genezareth kommend wanderten sie wahrscheinlich durchs Jordantal. Auf den Wiesen des judäischen Berglands sprossen Blumen.
Schließlich tauchten, etwa 800 Meter über dem Meeresspiegel, die herrlichen Zinnen der Hauptstadt auf. Jesus aber hob sogleich mit düsteren Weherufen an: "Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind."
In der aufgeheizten Stimmung der Passawoche hätte ihn schon dieser Fluch hinter Gitter bringen können.
Immer wieder brachen während der Festtage Revolten aus.
Um für Ruhe zu sorgen, kam Pilatus mit seinen Truppen aus dem Militärlager Cäsarea angerückt. Über 500 schwerbewaffnete Fußsoldaten schritten mit blitzenden Rüstungen durch die Gassen.
Zugleich strömten die Pilger herbei. Alles drängte und quetschte sich, die Stadt quoll über. Viele Wallfahrer wuschen sich dicht an dicht in den Ritualteichen.
In diese Situation platzten die Jünger. Die Bibel erzählt, dass ihr Chef sofort zum Tempelareal hochschritt. Aus dem Heiligtum erklang Singsang. Trompetenstöße mischten sich mit dem angsterfüllten Gebrüll von Opfertieren.
Ein Pergament, das Ende des 19. Jahrhunderts auf einer ägyptischen Müllhalde entdeckt wurde, berichtet, dass der berühmte Besucher auch den letzten Innenhof betrat und ins Allerheiligste blickte, wo er die "heiligen Gefäße" sah.
Davor, an einer Schranke stehend, schlachteten die Priester Rinder und Lämmer - die kollektive Sühne für die Kinder Israels. Wer wollte, konnte zusätzlich eigene Opfer kaufen. Arme Leute begnügten sich mit Tauben. Deren Köpfe knickten die Priester ab und spritzten das Blut an den Altar.
Jesus lehnte diese heiligen Handlungen ab: "Ich will Barmherzigkeit, nicht Opfer."
Schließlich folgte seine ungestüme Aktion an den Wechslertischen. Damit hatte er das "politische, geistige und finanzielle Zentrum Israels" (der Bibelkundler Wolfgang Reinbold) nun auch tätlich angegriffen.
Zwar deutet der Papst die Raserei in seinem neuen Buch als "Eifer der Liebe", Sachbeschädigung und Randale sehen allerdings nicht anders aus.
Selbst die Jünger verglichen ihren Meister danach mit jenem frommen Hitzkopf, der in Psalm 69 klagt: "Hilf mir, o Gott, schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle ... Der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt."
Sofort eilte die Tempelpolizei herbei. Es kam zum Wortgefecht und kurz danach zur Verhaftung im Garten Gethsemane. Kaum ein Forscher zweifelt am geschichtlichen Kern dieser Schilderung.
Das nachfolgende Gerichtsverfahren wird in der Bibel allerdings verzerrt dargestellt. Demnach durchlief Jesus zwei Instanzen: Zuerst verhört man ihn im Haus des Hohepriesters. Noch in der Nacht tritt das Synhedrion zusammen, das oberste Selbstverwaltungsorgan der Juden.
Ob er der Messias, der "Sohn des Hochgelobten", sei, fragt Kaiphas. Jesus bejaht. Daraufhin zerreißt der Kultoberste sein eigenes Gewand - das Zeichen, dass gelästert wurde.
Bereits im Morgengrauen überstellen die Juden den Gefesselten an Pilatus, der als Oberbefehlshaber der Besatzungsmacht die Blutgerichtsbarkeit innehatte.
In allen vier Evangelien wird der Präfekt als milde und besonnen dargestellt. Er hält Jesus für unschuldig. Nur weil der Mob wütet und Druck macht, gibt er nach
und fällt schließlich das Todesurteil. Im Klartext: Die Juden tragen die volle Verantwortung für die Kreuzigung.
Es ist diese Deutung der Vorgänge, die als Saat des Antisemitismus bald schlimme Blüten trieb. Bereits in der ältesten erhaltenen christlichen Gemeindepredigt aus dem 2. Jahrhundert heißt es: "Ein unerhörter Mord geschah, in Jerusalem ist Gott getötet worden."
Zwar haben moderne Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs immer wieder versucht, den hässlichen Vorwurf zu entkräften. Doch auch der antike Chronist Josephus - selbst ein Jude - schreibt, dass Jesus "auf Betreiben unserer vornehmsten Männer" angeklagt wurde.
Pontius Pilatus dagegen kommt in der Bibel viel zu gut weg. Er war in Wahrheit ein brutaler Büttel des Imperiums. In Samaria ließ er 36 n. Chr. auf einen Schlag Hunderte Demonstranten abschlachten.
Dass dieser Tyrann zartfühlend an die Unschuld Jesu glaubte, ja ihn im Austausch gegen den Mörder Barabbas vorm Kreuz bewahren wollte, halten die Rechtshistoriker für ausgeschlossen. Solch eine Amnestie durfte er gar nicht aussprechen.
Zudem: Warum hätte der Römer an der Schuld des Angeklagten zweifeln sollen? Der Sträfling, der im April vor ihm stand, galt als Steuernörgler und Volksverhetzer. Der Statthalter machte mit solchen Leuten stets kurzen Prozess.
Viele Gelehrte gehen davon aus, dass hinter der Süßholzraspelei der Evangelisten ein taktisches Motiv stand. Weil die christlichen Urgemeinden einen Sträfling verehrten, lebten sie ohnehin schon gefährlich. Hätten sie die Schuld für dessen Tod auch noch dem Imperium in die Schuhe geschoben, hätte dies ihre Bekehrungsarbeit enorm erschwert.
"Die Schuld der Römer abzuschwächen", so der Jurist Weddig Fricke, sei eine "wichtige Voraussetzung für eine möglichst erfolgreiche Verkündigung des Evangeliums im römischen Kaiserreich" gewesen.
Aber auch am hohen Tempo des Verfahrens hegen die Juristen Zweifel. Am Abend wird Jesus - laut Bibel - gefangen. Am nächsten Morgen hat er bereits Verhör und Verfahren durchlaufen, er wird gegeißelt und mit einem umgehängten Purpurmantel verspottet.
Es bleibt sogar Zeit, ein Holzschild zu fertigen, auf dem das Verbrechen des Nazareners steht ("König der Juden"), und ihn halbtot durch die Stadt zu treiben. Gleichwohl hängt er schon zwischen acht und neun Uhr am Kreuz. Am frühen Nachmittag stirbt er.
Der im Talmud erwähnte Prozess gegen "Jeschu" dagegen dauerte viel länger. Dort sitzt er 40 Tage in Haft.
Der Grund für die Rasanz im biblischen Drehbuch liegt auf der Hand: Jesus sollte möglichst punktgenau gegen 15 Uhr nachmittags sterben - unmittelbar vor dem Passafest.
Das große Tierschlachten, das in Vorbereitung dieses Festes stattfand, wollten die Urchristen durch ihre höhere Opfervorstellung ersetzen. Jesus war ihr "Lamm Gottes".
Auf geniale Weise deuteten die Verkünder der Kreuzesreligion das schreckliche Geschehen damit zum Triumph um und ließen einen Rebellen aus seinem Grab zum ewigen Leben auferstehen. Das eben war ihre "frohe Botschaft" (griechisch: "evangelion").
Zu diesem Zweck zeichneten sie Jesus besonders sanftmütig und legten ihm gnadenreiche Worte in den Mund. Der wahre Kämpfer für ein besseres Diesseits wurde vertuscht und in den Hintergrund gedrängt.
So gesehen würde die christliche Religion auf Geschichtsklitterung fußen.
Andererseits: Als Politiker erlitt der tapfere Mann aus Galiläa eine Pleite. Als Tröster und barmherziger Sohn Gottes lebt er bis heute fort.
(*) Nick Page: "Die letzten Tage Jesu". Pattloch Verlag, München; 400 Seiten; 19,99 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 17/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 17/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die rohe Botschaft

Video 01:24

Weiße Haie vor Südafrika Raubfische auf dem Rückzug

  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los